Dein Pferd ist glücklich, motiviert und dein bester Freund? Stell dir vor, du könntest noch eine Schippe obendrauf legen. Du hast es in der Hand, noch mehr Farbe in seinen Alltag zu bringen. Und das ist einfacher als du denkst. Das Schlüsselwort: Enrichment für Pferde.
Enrichment bedeutet, das Lebensumfeld deines Pferds so zu gestalten, dass es seine arttypischen Fähigkeiten und Verhaltensweisen nutzen kann. Das regt seinen Kopf und seinen Körper an und macht es nicht nur glücklicher, sondern auch zu einem motivierteren, gesünderen und mutigeren Partner an deiner Seite. Die Pferdetrainerinnen Britta Gockel und Carina Warnstädt haben gerade ihr Buch "Enrichment für Pferde" herausgebracht. "Pferde können in unserem Miteinander viel aktiver werden und mehr erleben. Es hat einen enormen Wert – für das Pferd selbst, aber auch für die Beziehung zwischen Mensch und Tier."
Neue Reize halten Pferde fit und aktiv. "Ein Pferd, das schon Vieles kennt, kann Neues schneller lernen und geht aufgeschlossener an unbekannte Situationen heran", erklärt Britta Gockel. "Durch seinen Erfahrungsschatz hat es Kompetenzen erworben, die ihm helfen, besser einzuordnen, was passiert. Dadurch ist es in der Lage, Lösungen für Probleme zu finden." Die junge Stute von Trainerin Britta Gockel etwa fürchtet sich zwar nach wie vor fremden Dingen. Doch weil sie gelernt hat, dass es sich lohnt, sich heranzutrauen – etwa, weil ihr nichts passiert oder sie sogar dafür eine Belohnung bekommt, ergreift sie nicht die Flucht, sondern fasst sich ein Herz. "Ich merke, wie sie Mut sammelt und mit sich ringt, ob sie drei oder fünf Schritte auf das gruselige Objekt zulaufen kann. Wenn sie es dann geschafft hat, ist sie sehr stolz auf sich."
Neue Ideen wecken Pferde auf
Wer seinem Pferd mehr Freiheit lässt, den gemeinsamen Alltag aktiv mitzugestalten, lernt sein Pferd besser kennen – und entdeckt bislang verborgene Vorlieben und Talente. Die routinierte Schlafmütze wacht auf, der Zaghafte geht aus sich heraus oder der Geichgültige wird kommunikativ. "Wichtig ist, dem Pferd ein Angebot nicht aufzudrängen. Wer sich immer wieder etwas Neues für sein Pferd einfallen lässt, entdeckt, auf was es keine Lust hat und was es für sein Leben gern macht."
Enrichment heißt nicht, alle Entscheidungen dem Pferd zu überlassen, betonen die Trainerinnen. Aber es zu fragen, wenn es sich anbietet, holt das Tier aus seiner Passivität heraus. "Wir nehmen das Pferd mit, stellen es ab. Es soll folgen und nicht zappeln, sonst finden wir es ungehorsam. So lernen Pferde, dass sie nicht handeln dürfen, sondern nur reagieren", erklärt Britta Gockel. Selbstverständlich lässt du dich nicht von deinem Pferd über den Feldweg ziehen. Aber du könntest es mal an einer Weggabelung fragen, welche Richtung es einschlagen möchte.
Und wie kannst du den Alltag deines Pferds bereichern? Viele Ideen haben Britta Gockel und Carina Warnstädt in ihrem Buch zusammengetragen. Wir haben ein paar davon ausprobiert – und für gut befunden! Mehr dazu weiter unten.

Sie fördert Mensch und Pferd mit abwechslungsreichen Trainingspaketen. brittagockel.de und kleinetante.com

Das Ziel der Bodenarbeitstrainiern ist eine achtsame, pferdegerechte Beziehung. carinawarnstaedt.de und www.mindequus.de
Praxis-Tipps zum Nachmachen
Was Enrichment Pferd und Reiter bringt
- Körperliche Stärken: Bewegungskompetenz, Koordination, Balance, Trittsicherheit
- Mentale Stärken: Lernfähigkeit, Motivation, Selbstwirksamkeit, Selbstbewusstsein, Mut, Problemlösungskompetenz
- Beziehung zum Menschen: Vertrauen, Verständnis, Bindung
Apfel-Taucher
Die rote Futterschüssel kennt Callando– schnurstracks steuert er sie an. Dass in der Schüssel statt Mash diesmal zwei Äpfel schwimmen, scheint ihn nicht zu stören.

Schnell angelt er das Obst aus der Schale. Schwieriger wird es für ihn, wenn mehr Wasser in der Schüssel ist. Dann muss er die Äpfel mit den Zähnen richtig zu fassen bekommen.

Den Schwierigkeitsgrad kannst du steigern, indem du etwa kleinere Leckereien im Wasser versenkst. Spaß und Abwechslung mit Lerneffekt: garantiert.
Leckeres in der Wühl-Kiste
Den Pappkarton zum Wühlen findet Callando am Anfang gar nicht spannend. Wir zeigen ihm eine der zwischen dem Packpapier versteckten Möhren und er beginnt vorsichtig, die Kiste von innen zu beschnuppern. Es dauert ein wenig, bis er sich traut, die Nase ganz hineinzustecken und zu wühlen. "Viele Pferde sind zunächst zögerlich, weil sie gelernt haben, dass sie in der Regel nicht an Sachen dürfen, die dem Menschen gehören. Wir wollen ja nicht, dass das Pferd alles auseinandernimmt, was in der Stallgasse herumsteht", kommentiert Trainerin Britta Gockel. Dabei könnte man Gegenstände einfach mit einem Signal freigeben, damit das Pferd sie unter die Lupe nehmen kann. "Das würde ihren Spielraum und ihren Entdeckungsgeist im Alltag schon sehr bereichern", so die Trainerin.

Callando jedenfalls hat gelernt:Zurück am Putzplatz steuert er einen Schuhkarton an, in dem seine Besitzerin ihre Wechselschuhe verstaut hat. Ob sich darin wohl was verbirgt? "So ein herumliegender Karton hatte ihn vorher nicht interessiert", weiß die Redakteurin.
Bürsten-Wahl
Enrichment kann schon beim Putzen anfangen.Du kannst dein Pferd entscheiden lassen, mit welcher Bürste es geschrubbt werden möchte. Stelle dich mit etwa einem halber Meter Abstand vor dein Pferd und zeige ihm zwei verschiedene Bürsten, die es kennt. Am besten eine härtere und eine weichere. "In der Regel sind Pferde so neugierig, dass sie nach kurzem Überlegen eine der beiden Bürsten oder deine Hand mit der Nase anstupsen", weiß Britta Gockel. Dann nimmst du sofort die "ausgewählte" Bürste und putzt dein Pferd damit. Diese Übung brauchst du gar nicht so oft zu wiederholen. Dein Pferd wird schnell verstehen, dass es mit der Bürste, die es antippt, geputzt wird. Wichtig ist, dass du immer gleich vorgehst, wenn du die Frage stellst, damit dein Pferd erkennt, worum es geht.

Für Fortgeschrittene: Du könntest die Antwortmöglichkeiten für dein Pferd weiter ausbauen, etwa, dass es den Kopf wegdreht, wenn es gerade gar nicht geputzt werden möchte. Möglicherweise wendet es dir auch ein Körperteil zu, um dir zu zeigen, dass es an dieser Stelle mit der Hand gekratzt werden möchte.
Auch bei der Art des Trainings kannst du dein Pferd mitentscheiden lassen: Du verbindest dafür einen Ausrüstungsgegenstand mit einer Tätigkeit, etwa den Kappzaum fürs Longieren oder die Trense fürs Reiten. Die Stute von Britta Gockel hat nicht mit ihrem Veto für eine Aktivität überrascht, sondern Nein zum Equipment gesagt: "Ich hatte ihr einen neuen Kappzaum anprobiert. Am nächsten Tag kam ich mit dem Zaum in der Hand an den Zaun. Sie drehte sich um und ging – sehr zielstrebig. Ich lief ihr mit Abstand hinterher. Sie stand an einem Tor, wo ihr Halfter hing und wartete dort. Kaum hatte ich ihr das Halfter über den Kopf gezogen, ging sie zurück – bereit, etwas zu unternehmen. Sie mochte diesen Kappzaum einfach nicht. Ich habe ihn zurückgeschickt."
Beine sortieren
Für diese Übungen reicht bereits eine Stange. Für Konzentration, Trittsicherheit und Körpergefühl lernt dein Pferd, jedes seiner Beine von dir einzeln dirigieren zu lassen. Klingt einfach, ist aber fürs Pferd eine große Herausforderung. Deshalb am Anfang nur in ganz kurzen Einheiten und mit vielen Pausen trainieren.

Am einfachsten ist es, dem Pferd zu zeigen, dass die Stange sich quer unter seinem Bauch befinden soll. Dafür gehst du über die Stange und hältst es in dem Moment an, in dem die Stange sich unter seinem Bauch befindet. Hat dein Pferd das verstanden und bleibt es auf dein Signal hin stehen, kannst du beginnen, seine Beine einzeln anzufragen: Zeige oder tippe dafür mit der Gerte auf das Bein, mit dem es einen Schritt nach vorne machen soll. Frage verschiedene Positionen ab: Mal soll das Pferd den Huf so setzen, dass die Stange zwischen den Hinterbeinen ist, mal zwischen den Vorderbeinen. Steigerung: Dein Pferd setzt die Hufe so, dass die Stange zwischen seinen Vorderbeinen und Hinterbeinen verläuft. Dafür sollte es gelernt haben, auf Gertenzeig oder Touchieren einen Huf zu heben.
Spaziergang-Challenge
Einfach nur Spazierengehen– von wegen langweilig! Mach einfach eine Challenge daraus! Hier sind fünf Aufgaben, die du in fünf Spaziergängen ab- solvieren kannst. Erfülle jede Woche eine Aufgabe oder verteile sie über einen längeren Zeitraum. So können dein Pferd und du immer wieder etwas Neues erleben. Tipp: Auch geritten lassen sich die Aufgaben bewältigen.

Finde fünf oder mehr verschiedene Untergründe, über die ihr gemeinsam laufen könnt.
- Erkundet gemeinsam den nächsten Ort oder die nächste Wohnsiedlung. Welche besonderen Orte, Objekte und Wege findet ihr?
- Überwindet mindestens drei Hindernisse auf eurem Spaziergang. Was begegnet euch?
- Welche Lektionen könnt ihr im Gelände umsetzen? Einparken, Rückwärts, Trab-Halt-Übergänge? Was fällt dir noch ein?
- Das Pferd spielt heute den Wanderführer. Es darf an mindestens fünf Abzweigungen entscheiden, in welche Richtung ihr weitergeht. Wenn das deinem Pferd schwerfällt, nimm die Richtung, in die es schaut.
Die verschiedenen Aufgaben sprechen sowohl das Köpfchen als auch den Körper deines Pferds an. Es lernt, neue Herausforderungen zu meistern, eigene Ideen zu entwickeln und sich auf unterschiedlichem Gelände sicher zu bewegen.
Die Haltung als Game-Changer
Enrichment fängt bei der artgerechten Haltung an. 90 Prozent seiner Zeit verbringt das Pferd ohne seinen Menschen, aber in der Welt, die dieser für es bestimmt hat. Eine Umgebung, die Bewegungsanreize, Sozialkontakte und unterschiedliche Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, hält Pferde wortwörtlich auf Trab. Studien zeigen: Pferde, die in Gruppenhaltung leben, haben bei verschiedenen Lern-Tests besser abgeschnitten als Artgenossen, die einzeln in der Box gehalten werden. Die Forscher gehen davon aus, dass soziale Interaktionen und verschiedene Reize sich positiv auf die Entwicklung ihrer Fähigkeiten auswirken – und damit auch auf die Fähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren.





