cav-pauschen-liviana-1-7-lir7887-v-amendo (jpg) Lisa Rädlein

Warum der Knieschluss ein Mythos ist

Interview: Mythos Knieschluss „Der Knieschluss ist ein Ammenmärchen“

Sitz-Expertin Dr. Lysan Massmann erklärt, warum der Knieschluss ein Ammenmärchen ist und Reiter ohne ihn sicherer und harmonischer Reiten – auch beim Springen und in Notsituationen.

CAVALLO: Früher klemmten manche Reitlehrer ihren Schülern Fünf-Mark-Scheine unter die Knie. Warum war das keine gute Idee? 

Dr. Lysan Massmann: Wenn man die Knie schließt, blockiert die Hüfte, das Gesäß spannt sich an und der Reiter kann nicht mehr tief im Sattel sitzen und locker mit der Bewegung mitgehen. Das Reiterknie muss für einen lockeren Sitz nach vorne und leicht nach außen zeigen. Auf gebogenen Linien und zum Abwenden hilft es, besonders das innere Knie vermehrt zu öffnen. Knie und Fußspitze sollten in die Richtung zeigen, in die man reiten möchte. Dadurch öffnet sich auch das Hüftgelenk innen mehr und macht dem Pferd den Weg in diese Richtung frei.

Wie ist die Lehre vom Knieschluss überhaupt entstanden?

Der Knieschluss ist ein Ammenmärchen, das sich immer weiterverbreitet hat. Ich kann mir nur vorstellen, dass ein sehr gut proportionierter, guter Reiter wahrgenommen hat, dass seine Knie beim Reiten am Sattelblatt anliegen und das dann weitergegeben hat. Oder ein bildlicher Eindruck – dass die Knie am Sattelblatt anliegen – wurde in die Anweisungen übertragen.

Immer wieder hört man, dass der Knieschluss zumindest in Notsituationen, etwa wenn das Pferd scheut, doch hilfreich sei.

In solchen Situationen die Knie zu schließen, ist meiner Meinung nach ein erworbener Reflex durch schlechten Reitunterricht. Ein typischer, natürlicher Reflex wäre, nach vorne zu fallen und sich zusammenzuziehen wie eine Auster – so schützen wir instinktiv wichtige Organe. Selbst wenn das Pferd buckelt oder durchgeht, wird besser oben bleiben, wer die Knie nicht schließt, sondern den Bewegungen folgen kann. Ausbalanciert sitzen und losgelassen sein ermöglicht es, souverän mitzugehen bzw. auch einmal gegenzusitzen und sich nicht vom Pferd wegziehen zu lassen. Und das Pferd wird sich auf diese Weise auch schneller wieder entspannen. Zudrücken bedeutet nämlich Stress.

Bleibt noch das Springen – auch hier heißt es manchmal, Knieschluss sei nötig. Was sagen Sie dazu?

In der Tat gibt es bekannte Springreiter, die sich mit den Knien festklemmen; mit weit zurückfliegenden Unterschenkeln und einem Oberkörper, der wie ein abgebrochener Schornstein nach vorne hängt. Richtig ist das deshalb noch lange nicht. Im Springen brauche ich, wenn es korrekt gemacht wird, keinen Knieschluss, da ich auch über großen Sprünge stets ausbalanciert bin. Dann kann ich auch losgelassen mit der Hand dem Pferdehals folgen. Das Knie bleibt offen und blockiert das Pferd nicht. Nur so kann es eine schöne Bascule zeigen, also den Rücken über dem Sprung aufwölben.  

Dr. Lysan Massmann ist Centerd-Riding-Instructorin Level III, Trainerin B FN und reitet Dressur und Working Equitation.

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