Grenzen setzen Lisa Rädlein

Grenzen setzen (Teil 2)

Das richtige „Nein“ finden

Damit Pferde gut mit uns zusammenarbeiten, müssen wir auch mal "Nein" sagen. So setzen Sie faire Grenzen.

Viele Reiter korrigieren ihr Pferd nicht, wenn es sich rüpelhaft aufführt. Das beobachtet Pferdetrainerin Yvonne Gutsche. "Die meisten verzichten auf eine Korrektur, weil sie unsicher sind, wie man richtig ‚Nein‘ sagt", berichtet die 39-Jährige. Wie setzt man Pferden faire, aber klare Grenzen? Das erklärt Yvonne Gutsche anhand von mehreren Beispielen in diesem Artikel.

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Um richtig "Nein" zu sagen, braucht der Reiter Überzeugungskraft. "Die Korrektur muss authentisch sein, sprich von innen heraus kommen", sagt Yvonne Gutsche. "Wenn mein Pferd mich anrempelt, muss ich hundertprozentig dahinter stehen, dass ich dieses Verhalten jetzt nicht möchte. Nur dann drücke ich das auch mit meiner Körpersprache aus und das Pferd reagiert möglicherweise bereits auf eine Mini-Korrektur. Bin ich unsicher, etwa weil Stallkollegen zuschauen oder ich eigentlich keine Zeit mehr habe und nach Hause muss, spürt das Pferd das genau und ich brauche ein sehr viel deutlicheres ‚Nein‘ für das gleiche Ergebnis."

Beim "Nein"-Sagen geht es nicht um Dominanz

Das Pferd muss sich auf Ihr "Nein" verlassen können. "Beim Führen das Drängeln und Überholen montags zuzulassen und dienstags zu korrigieren, geht nicht", sagt die Trainerin. "Das macht den Reiter in den Augen des Pferds unglaubwürdig." Das passiert auch, wenn der Reiter das Pferd unterdrückt und unverhältnismäßig straft. "Das führt eher zu unerwünschtem Verhalten und Angst anstatt zu Trainingserfolgen", sagt Gutsche. Das Pferd auch mal zu korrigieren bedeutet vielmehr, dem Tier einen Rahmen zu setzen, ohne dabei grob zu werden. Dafür gibt es mehrere Wege:

Direktes "NEIN" – faire Grenzen aufzeigen mit Gerte, Strick, Schattenspielen und Flügelschlag

Viele Pferde benehmen sich nicht beim Führen. "Sie rempeln, überholen den Menschen und stoppen nicht auf feine Signale", sagt Yvonne Gutsche. Bei diesen Kandidaten setzt die Trainerin auf eine Korrektur in mehreren Schritten:

Stufe 1: "Ich erinnere das Pferd höflich an seine Aufgabe, ordentlich neben mir zu gehen", erklärt Yvonne Gutsche. "Dazu ermahne ich es mit meiner Stimme. Zusätzlich mache ich mich groß und halte die Gerte vors Pferd oder zupfe am Strick."

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Yvonne Gutsche stoppt das Pferd mit einer Gerte.

Stufe 2: Lässt das Pferd sich dadurch nicht beeindrucken, gibt es auch mal einen Klaps mit der Gerte oder dem Seilende vor die Brust. "Ich finde, daran ist nichts Verwerfliches", sagt die Ausbilderin. "Manche Pferde brauchen manchmal einfach so eine Ansage." Wichtig ist, besonnen zu agieren. "Emotionale Ausbrüche und rohe Gewalt sind ein Hilfeschrei des Reiters, weil dieser sich nicht besser zu helfen weiß." Wie stark der Klaps sein darf, hängt vom jeweiligen Pferd ab.

Überholt das Pferd trotz Klaps vor die Brust, sollte der Reiter die Korrektur nicht steigern, sondern seine Strategie ändern.

Stufe 3: "Stören Sie das Pferd durch einen Reiz, den es nicht erwartet", sagt Gutsche. Das geht beispielsweise so: Der Reiter ändert plötzlich die Laufrichtung oder geht so vor dem Pferd, so dass er dessen Schatten auf dem Boden neben sich sieht.

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Bei eiligen Pferden hilft ein „Nein“ mit Überraschungseffekt: Yvonne Gutsche sieht am Schatten, wann das Pferd zu nah kommt und schickt es dann mit den Armen zurück.

"So kann ich gut beobachten, was das Pferd hinter mir macht, ohne ihm dabei Aufmerksamkeit zu schenken", erklärt die Expertin. "Kommt das Pferd mir zu nahe, gehe ich rückwärts und fahre die Ellenbogen zu den Seiten aus. Dann mache einen Flügelschlag, um das Pferd zurückzuschicken. Dazu brauche ich mich nicht umzudrehen. Den meisten Pferden imponiert das sehr. Sie gehen nicht davon aus, dass Menschen Augen im Hinterkopf haben."

Stilles "NEIN" – zu starke Korrekturen bringen oft nichts

Geht das Pferd gegen den Schenkel oder flitzt durch die Reithalle, nutzt es oft nichts, stärker mit dem Bein zu klopfen oder am Zügel zu ziehen. "Das verschlimmert meist nur die Situation", sagt Yvonne Gutsche. "Stattdessen sage ich lieber indirekt ‚Nein‘." Das geht so:

Wer bewegt wen? Bei Yvonne Gutsches Filmprojekt "Die Drei" ging Araberstute Emmy beim Anreiten hartnäckig gegen den Schenkel. Die Lösung: "Ich habe meine Hilfen nicht verändert, sondern habe Emmy bewegt, indem ich viele verschiedene Hufschlagfiguren aneinandergereiht habe", berichtet die Trainerin. "Sobald Emmy nicht mehr gegen das Bein gedrückt hat, habe ich sie gelobt und ihr eine Pause gegeben. So lernte Emmy ziemlich schnell, dass es nichts bringt, meine Hilfen zu ignorieren, sondern dass es dadurch nur anstrengender für sie wird."

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Stilles "Nein": Zu starke Korrekturen bringen oft nichts. Gute Alternativen sind gefragt.

Hufschlagfiguren statt Zügelzug: Andere Pferde hechten regelrecht durch die Halle und ignorieren bremsende Hilfen. "Mit solchen Kandidaten reite ich gerne gerade Linien und Wendungen im Wechsel, sprich ich gehe ganze Bahn, wende irgendwann Richtung X ab und reite auf die gegenüberliegende Bande zu. Dort angekommen, wende ich wieder auf eine gerade Linie und so weiter", erklärt die Trainerin. Das Tempo beeinflusst sie dabei nicht. "Durch die Übung wird das Pferd irgendwann automatisch langsamer", sagt Yvonne Gutsche. Zieht das Pferd das Tempo danach wieder an, starten Sie erneut dasselbe Programm.

Keine Diskussion – welches Verhalten des Pferds gar nicht geht und worüber man streiten kann

Geht das Pferd durch und galoppiert auf eine Straße, gibt es bei Yvonne Gutsche keine lange Diskussion. "Wird das Verhalten des Pferds für mich, das Tier oder andere Personen gefährlich, gibt’s sofort ein ‚Nein‘, das so deutlich ist, wie es die jeweilige Situation erfordert", sagt die Trainerin. Das kommt jedoch nur selten vor. "Am besten lässt man es gar nicht so weit kommen, indem man solche Situationen erst in sicherer Umgebung gezielt nachstellt, übt und die Anforderungen allmählich steigert", rät Gutsche. Absolute No-Gos sind für die Trainerin auch Treten, Beißen, Steigen und Bocken.

Ist Betteln erlaubt? "Meine Pferde dürfen höflich nach einem Keks fragen. Werden sie zu aufdringlich, finde ich das nicht mehr gut", sagt Yvonne Gutsche. "Bei der Frage ‚Was ist erlaubt und was nicht‘ gibt es für mich kein Schwarz-Weiß-Denken. Solche No-Gos muss jeder Reiter für sich selbst festlegen."

Eine Typfrage – so unterschiedlich reagieren Pferde auf ein "Nein" des Reiters

Was passiert, wenn ich dem Pferd Grenzen setze? Um das einzuschätzen, orientiert sich Gutsche an der Charakterlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin. "So weiß ich ungefähr, was als Echo des Pferds auf mein ‚Nein‘ zurückkommen wird und wie ich damit am besten umgehen kann", erklärt sie. Hier ein Beispiel:

Nierentyp: Diese Pferde sind sehr eifrig und lernbereit. So wie Araberstute Emmy auf dem Foto. Sie sind jedoch auch sehr sensibel. Wenn man sie korrigiert, muss man die Hilfen sehr fein dosieren, sonst versuchen sie zu flüchten und man riskiert einen Vertrauensbruch.

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Eine Typfrage: Nierentyp

Milztyp: Diese Pferde sind sehr ausgeglichen, neigen aber zur Sturheit und lernen langsamer als der Nierentyp. "Bei diesen Pferden braucht man mehr Energie und Durchhaltevermögen beim ‚Nein‘-Sagen", berichtet Yvonne Gutsche.

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Eine Typfrage: Milztyp

Falsche Grenzen

Respektloses Verhalten kann auch ein Hilfeschrei des Pferds sein. Dann dürfen Sie nicht "Nein" sagen. Pferde haben natürliche Bedürfnisse wie Sozialkontakte, viel Bewegung an frischer Luft und lange Fressphasen mit ausreichend Raufutter. "Begrenzt der Reiter diese elementaren Bedürfnisse, provoziert er nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern auch unerwünschtes Verhalten", sagt Yvonne Gutsche. "Manche Pferde giften oder beißen, weil sie zu wenig Heu bekommen, andere bocken nach dem Aufsteigen, weil sie den ganzen Tag in der Box stehen und erstmal Energie ablassen müssen. Ein ‚Nein‘ ist in diesem Fall zwar nötig, aber nicht nachhaltig, weil es die eigentliche Ursache nicht beseitigt."

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Falsche Grenzen: Respektloses Verhalten kann auch ein Hilfeschrei des Pferds sein. Dann dürfen Sie nicht „Nein“ sagen.

Auch Angst kann rüpelhaftes Verhalten auslösen. "Pferde sind von Natur aus Fluchttiere", sagt Yvonne Gutsche. "Deswegen stürmen sie bei Gefahr los, ohne Rücksicht auf den Menschen zu nehmen." Ob das Pferd Angst hat, erkennen Sie an Mimik (angespanntes Maul, aufgerissene Augen), Körperhaltung (angespannt, eingeklemmter Schweif) und Kennzeichen wie häufiger Kotabsatz sowie Schwitzen. "Rüpelhaftes Verhalten bekommt man oft mit Gelassenheitstraining gut in den Griff."

Ebenso können Schmerzen der Grund für Respektlosigkeit sein. "Wird das Pferd beim Reiten zu eilig, checke ich als erstes die Passform des Sattels", berichtet die Trainerin. "Reißt das Pferd beim Trensen den Kopf hoch, hat es vielleicht Zahnschmerzen."

Ist die eigentliche Ursache beseitigt, tritt das unerwünschte Verhalten manchmal trotzdem weiter auf. "Erlernte Muster sind oft nicht leicht zu überwinden", sagt die Expertin. "Solche Pferde sollten zur Korrektur zu einem erfahrenen Trainer."

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