Zur Ruhe zu kommen. Das ist das, wonach sie sich gesehnt hat. Für die Pferde, für sich, für ihre Arbeit. Ruhe vor dem Trubel. Ruhe vorm Leistungssport, der ihrer Ansicht nach oftmals vor allem ein Opfer fordert: die Gesundheit des Pferdes, psychisch und physisch. Für unseren Termin mit Julia Mestern kann es also keinen besseren Treffpunkt geben, als einen Ort, der immer Ruhe ausstrahlt: der Strand.
Sei es bei Sturm, Regen oder Sonne: Hierher, an den breiten, endlos lang scheinenden Strand auf der kleinen dänischen Nordseeinsel Rømø, zieht es die ehemalige Deutsche Meisterin der Vielseitigkeit regelmäßig mit ihren Pferden. Der Strand ist nur eine halbe Stunde von ihrem Hof entfernt. Waten durchs Meerwasser, Umweltreize wie Drachen und Buggyfahrer und die Möglichkeit, kilometerweit geradeaus zu reiten: das ist eine ideale Abwechslung für das Training von Sportpferden.

Der Fokus von Julia Mestern liegt heute auf einer Ausbildung, in der das Wohl der Pferde an erster Stelle steht.
"Die sind einfach so cool dabei”, schwärmt Julia nach unserem Auftakt-Fotoshooting am Meer über die beiden vierbeinigen Protagonisten: Dieter, mit vollem Namen Donnerwetter Mutti, und Olimond’s Cucuck. Letzterer ist als Handpferd mit von der Partie. "Dann ist keiner alleine und es gibt für ein weiteres Pferd Abwechslung", erklärt Julia. "Ich kann die einfach aus der Herde holen, verladen, hierher kommen und losreiten. Und die sind einfach locker und entspannt!"
Den Strand herauf, den Strand herunter. Durch die Dünen hin und zurück. Ins Wasser, rechtsrum, linksrum. Auf dem Zirkel um uns herum. Der große Schimmelwallach und sein dunkelbrauner Kumpel nehmen es gelassen. Laut Julia hat diese Ruhe, diese Gelassenheit ihrer Pferde vor allem einen Grund: die Umstellung der Haltung auf den Offenstall.
Prio für 2026: den Trail um den Offenstall fertigstellen
Im Mai 2023 hat Julia Mestern mit ihrer Partnerin, 16 Pferden, drei Hunden und einer Katze den Hof bezogen. Ein altes Schmuckstück, erbaut im Jahr 1842. Urige Holzfenster mit dunkelroten Rahmen treffen auf eine dunkelgelbe Fassade, innen bilden der Wohn- und Essbereich das Herzstück mit einer in rustikalen Backsteinen eingefassten Kochinsel in der Küche, mit Übergang zum Esszimmer mit einem großen Tisch und dem Wohnbereich mit altem Kamin und einer gemütlichen Lese-Ecke mit Bücherwand und Rattan-Möbeln.
Das Grundstück, auf dem das Haus steht, umfasst fünf Hektar. Auf der Offenstallfläche mümmeln die Pferde, an vier Raufen verteilt, ihr Heu. Auch Liegehallen gibt es. Julia hat bereits angefangen, einen Trail um die Offenstallflächen herum zu errichten. Weiden können die Pferde zusätzlich bei den Nachbarn, erklärt die 49-Jährige. "Den Trail fertigzustellen, steht ganz oben auf meiner Liste für 2026", so Mestern. "Aber als wir hier das erste Mal Hochwasser hatten, stand der von mir so schön geplante Trail zur Hälfte unter Wasser. Manchmal ist es auch gut, hier erstmal ein paar Jahreszeiten zu erleben, damit die Vorhaben einmal mit der Realität abgeglichen werden."
Im Offenstall treffen wir auf neugierige Warmblüter. Darunter Berittpferde, aber auch eigene Pferde der Pferdewirtschaftsmeisterin. Sie lassen vom Heu ab, wenn Julia die Fläche betritt. Sie haben Lust auf Interaktion. Und auch auf das vielseitige Training, das Julia ihnen bietet.

„Die Pferde sind so gelassen und motiviert wie nie, seit sie 24/7 im Offenstall leben", sagt Julia Mestern.
Vielseitig, so kann man auch ihre bisherige Karriere beschreiben. Ihren Weg zu den Pferden fand sie übers Voltigieren, danach ritt Julia Dressur bis Grand Prix. Anfangs war die Vielseitigkeit eher ein Hobby, das sie neben ihrer Anstellung bei ihrem Ausbilder Frank Agné betrieb. Aber die Erfolge sprachen für sich. Zweimal gewann sie die Vier-Sterne-Vielseitigkeit in Boekelo (NED) und nahm im Jahr 2010, dem Jahr ihres Deutschen Meistertitels in der Vielseitigkeit, an den Europameisterschaften in dieser Disziplin teil, alles mit ihrem Herzenspferd: Schorsch.
Heute liegt ihr Fokus nicht mehr auf dem Leistungssport. Sondern auf Abwechslung und einer Ausbildung, dank der die Pferde bei der Arbeit motiviert bis in die Haarspitzen sind. "Dressur ist das falsche Wort, aber gymnastizierende Arbeit ist ein essenzieller Teil meiner Ausbildung", erklärt sie. Dazu kommen Springgymnastik, Training mit Buschhindernissen auf dem großzügigen Außenplatz und "wir fahren regelmäßig mit den Pferden an den Strand, wenn sie voll im Training sind."
Voll im Training ist das Stichwort, denn das sind ihre Vierbeiner bei unserem Besuch im Januar nicht. "Es ist der erste Winter, in dem ich sie nicht geschoren habe und in dem ich zusätzlich das Training heruntergefahren habe", berichtet Julia. "Vor allem zwei Sachen haben sich bei der Umstellung auf die Offenstall-Haltung als Herausforderungen erwiesen. Zum einen das Herdenverhalten – ein Pferd wie Dieter konnte früher überhaupt nicht mit anderen Pferden, ist heute aber ein gut verträgliches Herdenmitglied – und zum anderen der gestiegene Grundumsatz der Pferde", erläutert die Ausbilderin. "Das Leben im Offenstall verlangt dem Organismus so viel ab, dass mir die Pferde im ersten Winter, geschoren und im Training stehend, einfach zu dünn geworden sind. So viel kann man gar nicht füttern, wie das Leben draußen Pferden abverlangt, die eher sportlich gezogen sind."
Wieso sie es trotzdem immer wieder so machen würde? "Die Pferde sind so ausgeglichen und dabei motiviert für die Zusammenarbeit wie nie zuvor", sagt Julia. Die Entwicklung geht Hand in Hand mit ihrem Weg weg vom Leistungssport, hin zu einem noch individuelleren Training von Pferden, auf das sie selbst richtig Lust haben. Der Anstoß dafür? In erster Linie die Corona-Pandemie.
Von Turnier zu Turnier – das war früher Alltag
"Corona hat irgendwie gesagt: Wo ist eigentlich unsere Ausbildung hingekommen?", meint die 49-Jährige. Turniere? Ausgesetzt. Berufsreiter hatten auf einmal keine Wahl mehr, als sich auf die Ausbildung der Pferde daheim zu konzentrieren. "Vorher bestand auch mein Alltag darin, von Turnier zu Turnier zu fahren." Die Ausbilderin kommt ins Grübeln. "Die Pferde bleiben, selbst wenn man es noch so freundlich macht, wenn sie auf die Weide gehen, trotzdem auf eine Art auf der Strecke. Einfach, weil du keine Zeit mehr hast, dein Pferd wirklich so auszubilden, dass es vertrauensvoll mit dir arbeiten kann."
Dazu passend entbrennt im Jahr 2022 eine Diskussion rund um die umstrittene Trainingsmethode Touchieren im Springsport (die ein Jahr später verboten wurde). Julia gibt dem WDR damals ein Interview, in dem sie sich klar dagegen positioniert. Auf Turnieren erlebt sie daraufhin unschöne Begegnungen mit Richtern. Es sind turbulente Zeiten für Julia, vor allem persönlich. Eine Zeit, durch die ihr Weg weg von Turnieren führt, hin zu einer Ausbildung, in der das Pferd an erster Stelle steht. Sie ist dankbar, heute Besitzer und Sponsoren zu haben, die ihre Idee mittragen. "Ich probiere mehr aus, früher war dafür keine Zeit. Und wenn ich das Gefühl habe, ein Pferd läuft mal nicht ideal, weil es etwa gerade in einer Wachstumsphase steckt, dann kriegt es eben mal drei Wochen Pause", so Julia.

Regelmäßig fährt die Ausbilderin an den Strand: ausladen, satteln, losreiten.
Wenn sie anfängt, über ihre Pferde zu sprechen, beginnen ihre Augen zu strahlen. Seit dem Umzug in ihr eigenes Domizil in Dänemark hat sich Julias Blick auf die Pferde und deren Ausbildung nochmal verändert: "Ich muss gestehen, vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, dass wenn ein Pferd beispielsweise nach einem Sprung buckelt, es dadurch Anspannung abbaut. Heute spüre ich, dass es wirklich echte Freude sein kann." Die Ausbilderin hat das Gefühl, dass die Pferde nun noch mehr aus eigener Motivation heraus ihre Aufgaben lösen. Auch das eine Folge der Umstellung auf die 24/7-Draußen-Haltung, glaubt Julia.
Ziel im Unterricht: Es den Pferden leichter machen
Auf die Frage, ob sie nochmal Turniere reiten will, sagt sie: "Ich schließe es nicht aus." Als Zuhörer bekommt man aber das Gefühl, dass es sie nicht wirklich reizt. Julia betont: "Die Pferde müssen sich wohlfühlen bei dem, was wir mit ihnen machen. Es ist unser Sport, nicht der der Pferde." Aus diesem Grund geht es im Unterricht, den die Ausbilderin live und im Online-Format gibt, vor allem um den Reiter. "Die Pferde wollen alles richtig machen. Wir Reiter müssen uns nur so hinsetzen, dass sie das auch umsetzen können. Aus einem korrekten Sitz heraus kannst du alles reiten. Auch ein Pferd, das noch nie eine Traversale gegangen ist, wird die richtige Idee davon bekommen, wenn es bis dahin korrekt ausgebildet ist", betont sie.
"Mein Ansatz ist, das Reiten für die Pferde leichter zu machen. Dann wird es auch für die Reiter leichter." Immer wieder gibt Julia auch auf ihren Social-Kanälen Einblicke in ihre Philosophie. Belehrend auftreten möchte sie nicht. "Ich möchte die Menschen dazu anregen, sich selbst zu hinterfragen." Aber ohne Druck dahinter. Sondern mit Sanftmut und Ruhe.





