Reiten als Gesundheitssport: Vielseitiger Reitunterricht für Groß und Klein

Reiten als Gesundheitssport
Reitstunden mit gesundem Extra

ArtikeldatumVeröffentlicht am 06.03.2026
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Eine Frau auf ihrem Pferd bereitet sich auf ihre Reitstunde vor
Foto: AnnaElizabethPhotography/ gettyimages

Abends kommen wir, umhüllt von Pferdeduft, zufrieden vom Stall nach Hause und wissen: Wir waren an der frischen Luft, haben uns bewegt und alle Alltagssorgen für wenigstens zwei Stunden total vergessen. Pferdezeit tut einfach rundum gut. "Wenn ich montags von meiner Reitstunde komme, sagt mein Mann schon immer: Jetzt bist du richtig happy”, erzählt Anita Schuppanck, die seit rund fünf Jahren als Wiedereinsteigerin regelmäßig in den Sattel steigt. Das Besondere an ihren Montags-Reitstunden: Den Glücks- und Fitness-Bonus gibt’s nochmal als Extra dazu. Denn sie und ihre beiden Töchter besuchen eine Reitschule, in der ihr Lieblingshobby als Gesundheitssport angeboten wird.

In Deutschland gibt es insgesamt sechs Sportarten, die den Titel Gesundheitssport tragen. Das Reiten gehört seit 1995 dazu. Seit 2008 darf die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) Pferdesportvereine mit dem Qualitätssiegel "Sport pro Gesundheit” des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und der Bundesärztekammer auszeichnen.

Reiten ist eine der gesündesten Sportarten

Wie wertvoll unser Hobby ist, wissen wir Reiter schon längst. Zahlreiche Studien belegen die positiven Auswirkungen auf den Körper und die Psyche. "Reiten ist in vieler Hinsicht eine einzigartige Sportart”, meint Dr. med. Julia Schmidt, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin.

Die besondere physische Herausforderung: die Bewegungen von Pferd und Mensch harmonisch zu verschmelzen. Das Pferd unter uns bewegt sich nach vorne, oben, rechts und links; eine dreidimensionale Bewegung, der unser Körper folgen muss, während wir uns gleichzeitig stabilisieren müssen, um nicht durchgeschüttelt zu werden oder die Balance zu verlieren. "Reiten erfordert also hohe Ansprüche an die koordinative und kognitive Informationsverarbeitung und Bewegungsmotorik”, so Dr. Schmidt.

Wer reitet, trainiert seinen Körper auf besondere Weise: Ein Studie aus Belgrad belegt: Profireiter haben einen höheren Gesamtmuskeltonus und nutzen ihre Kernmuskeln stärker als Reitanfänger. Darüber hinaus können sie, im Gegensatz zu Einsteigern, Muskeln unabhängig voneinander aktivieren.

Viele weitere Studien zeigen auf, wie gut das Pferd auch für unsere psychische Gesundheit ist: Reiter sind glücklicher. Sie entwickeln bessere soziale Fähigkeiten, finden beim Tier emotionalen Halt und tanken im Stall neue Energie. Kurzum: Reiten hält uns ganzheitlich gesund.

Das Pferd hält Seele und Körper gesund

"Das Reiten hat unglaublich viel Potenzial für unsere Gesundheit”, betont Martina Hermann. Die Pferdewirtschaftsmeisterin mit dem Schwerpunkt Service und Haltung ist erste Vorsitzende der Fachgruppe "Gesundheitssport mit Pferd" im Deutschen Reiter- und Fahrerverband (DRFV). Das Reiten als Gesundheitssport vereint die positiven Wirkungen von Bewegung, Natur und Tierkontakt. Anders als beim klassischen Reitunterricht geht es nicht um sportliche Erfolge oder höhere Lektionen, sondern darum, sich körperlich und mental besser zu fühlen. "In unsere für den Gesundheitssport zertifizierte Reitschule kommen gesunde Menschen, die sich körperlich fit halten wollen, Blockaden und Verspannungen lösen oder sich mental von den Herausforderungen ihres belastenden Alltags erholen möchten”, erklärt Hermann.

Manche beginnen tatsächlich mit dem Reiten, um etwas für sich zu tun. Andere sind bereits Reiter oder Wiedereinsteiger wie Anita Schuppanck. "Ich sitze im Job hauptsächlich am Schreibtisch. Durch das Reiten und die Übungen, die unsere Trainerin individuell für uns zusammenstellt, fühle ich mich fitter und beweglicher”, berichtet die 43-Jährige. In ihrer Montags-Reitstunde haben sich Erwachsene mit ähnlichen Problemen zusammengefunden.

Reitschülerin
Rädlein

Auch für die Kleinen gibt es ein entsprechendes Angebot. "Als Reiterin bereits seit Kindertagen weiß ich, wie wertvoll der Umgang mit Pferden für die Entwicklung sein kann. Deshalb habe ich gezielt nach einer Reitschule gesucht, die diesen Aspekt berücksichtigt und mehr bietet als normalen Reitunterricht”, erklärt Schuppanck. Sie schätzt, dass die Kinder nicht nur auf dem Pferd sitzen, sondern nebenbei ganz individuell gefördert werden. Zum Gesundheitssport mit Pferd gehört nämlich auch die Fitness auf den eigenen Füßen – vom Aufwärmen bis zur Ausdauer. "Wenn die Kinder vorm Reiten eine Runde joggen sollen, machen sie zwar manchmal ein langes Gesicht. Aber sie merken, dass es ihnen gut tut”, erzählt die Mutter.

Weiterbildung für Trainer

Wer in seinem Reitunterricht den Gesundheitsaspekt einfließen lassen möchte, kann die Ergänzungsqualifikation "Fitness und Gesundheit” erwerben. Voraussetzung dafür ist mindestens eine Trainer-C-Lizenz der FN. Danach folgt ein weiterer Lehrgang für die DOSB-Lizenz "Übungsleiter Prävention”. Die Weiterbildung befähigt Trainer vor allem, Reiter mit Fitnessdefiziten gezielt zu betreuen. "Dazu gehören Kenntnisse über die Physiologie und Anatomie, die Trainer befähigen, Reitern individuelle Übungen an die Hand zu geben”, erklärt Martina Hermann.

Trainer mit Übungsleiter-B-Lizenz "Sport in der Prävention” können für ihren Verein das Gütesiegel "Sport pro Gesundheit” beantragen (service-sportgesundheit.de/verein- registrieren). Das Siegel wird vom DOSB in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer vergeben. Es zeichnet Pferdebetriebe mit besonderer Sach- und Fachkompetenz im gesundheitsorientierten Sport aus.

Die "gesunde” Reitstunde ist attraktiver

Reiten als Gesundheitssport bringt nicht nur Menschen weiter, die sich etwas Gutes tun wollen. Jeder Reiter kann nur profitieren, wenn sein Trainer sich in diesem Bereich weiterbildet. Für Reitschulen und Trainer bietet die zusätzliche Qualifikation Chancen: der Gesundheitsaspekt ist ein Bonus, mit dem sie punkten können. "Der Reitunterricht ist etwas ganz anderes als das, was ich früher erlebt habe”, sagt Anita Schuppanck. "Anstatt jeden Reitschüler in allen Gangarten im Kreis reiten zu lassen und pauschal Sitzfehler zu mahnen, wird auf jeden einzelnen Reitschüler individuell eingegangen. Mit seinen Stärken und Schwächen wird er dabei gut abgeholt.” Auf diese Weise fühlen sich Reitschüler besser betreut und aufgefangen als beim Standard-Unterricht.

Reitlehrer, die physiologische Zusammenhänge verstehen und entsprechend geschult sind, kommen gar nicht in die Verlegenheit, ihre Schüler mit Floskeln wie "Rücken gerade” oder "Absatz tief” abzuspeisen. "Mit dem Hintergrundwissen als Ausbilder für Gesundheitssport kann ich besser einschätzen, warum ein Reiter auf dem Pferd nicht gerade sitzen kann und woran es liegen könnte, dass er die Absätze hochzieht”, sagt Martina Hermann. "Weil wir den Reiter ganzheitlich wahrnehmen, finden wir Lösungsansätze, anstatt Probleme aus Unwissen möglicherweise sogar noch zu verstärken.”

Den typischen Reiterfrust, den viele im Unterricht erleben, könne man so im Keim ersticken. "Die Reitlehre ist eigentlich für den Idealmenschen geschrieben. Doch den kann es gar nicht geben. Jeder hat seine persönlichen Baustellen, die ihm im Sattel im Weg stehen können”, betont Hermann.

Zwischen Prävention und Therapie

Das Reiten als Gesundheitssport hat natürlich auch Grenzen. Und damit ist das gemeint, was über kleine Zipperlein und körperliche oder mentale Spannungen hinausgeht. Martina Hermann betont: "Es ist die Aufgabe des Ausbilders im Gesundheitssport, auch klar zu sagen, ab welchem Punkt keine Unterstützung mehr möglich ist.” Wo die Kompetenzen der Ausbilder im Gesundheitssport aufhören, muss die therapeutische Betreuung einsetzen. "Kann ich etwa bei einem körperlichen Problem keine Verbesserung erreichen, schicke ich den Menschen zu einem Physiotherapeuten”, ergänzt Hermann.

Zuschuss von der Krankenkasse?

Gesundheitsvorsorge ist besser als -nachsorge. Deshalb gibt’s die gesunde Reitstunde mit ein bisschen Glück auf Rezept. Der Hausarzt kann etwa Bewegung dringend empfehlen und dafür den Schein ausstellen. Krankenkassen bezuschussen Angebote zur Gesundheitsprävention. Allerdings nur solche, die von einer zentralen Prüfstelle anerkannt wurden. Das Siegel "Deutscher Standard Prävention” wird von der Kooperationsgemeinschaft gesetzlicher Krankenkassen vergeben. Sie zertifiziert Kurse zur Gesundheitsprävention. Über 90 Prozent der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland gehören der Kooperation an. Damit ist die Chance groß, dass die Krankenkasse sich an den Kosten beteiligt.

Warm up & cool down
Lisa Rädlein

Und wo findet man Reitlehrer mit Gesundheitsqualifikation? Informationen über zertifizierte Betriebe sowie über aktuelle Kursangebote gibt es bei der entsprechenden Fachgruppe im Deutschen Reiter- und Fahrerverband. Wir hoffen, es werden immer mehr!

Das Pferd als Fitness-Coach

Gesundheitssport mit Pferd ist vom DOSB anerkannt und bezieht das Pferd als Trainingspartner mit ein. Dazu gehören vielfältige Angebote für Menschen jeden Alters.

Ziele:

  • Förderung von Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden durch sportliche Aktivität und Zusammenarbeit mit dem Partner Pferd
  • Vermittlung von Wissen über den eigenen Körper
  • langfristige Bindung an ganzheitliche Bewegungsprogramme
  • Bewältigung von Beschwerden und Missbefinden

Zielgruppe:

  • Personen aller Altersgruppen, bei denen keine medizinischen Gründe gegen die Ausübung des Reitens bestehen.
  • nach ärztlicher Bestätigung Teilnahme auch mit gesundheitlichen Beschwerden oder Vorbelastungen möglich

Inhalte:

  • Gesundheits-/Fitnesscheck
  • Informationsvermittlung zu verschiedenen Themen (Gesundheit, Basiswissen rund ums Pferd)
  • Aufwärmprogramm mit koordinativen Übungen mit und ohne Pferd
  • Übungselemente auf dem Pferd zur Förderung von Balance, Koordination, Kraft und Ausdauer
  • Funktionsgymnastik: Koordinations- und Bewegungsschulung sowie Entspannungsübungen auf der Matte und dem Gymnastikball
  • persönliches Feedback und die Gelegenheit zum Austausch

Wo ist Reiten als Gesundheitssport möglich?

Wende dich an deine Krankenkasse

Dein Hausarzt kann dir ein "Rezept für Bewegung" ausstellen. Die Krankenkassen-Programme werden bevorzugt, sind aber an die jeweilige Kasse gebunden. Angebote, die das Siegel "Deutscher Standard Prävention” haben, werden von den meisten Krankenkassen auf Antrag bezuschusst (1x pro Jahr 10 bis 12 Termine, ca. 75 €).

Informationen über regionale Angebote

Reitvereine, die Gesundheitssport mit Pferd anbieten, erkennst du am Gütesiegel "Sport pro Gesundheit”. Welche das sind, erfährst du beim deinem Landespferdesportverband. Weitere Infos gibt es bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (pferd-aktuell.de) und bei der Fachgruppe Gesundheitssport mit Pferd des Deutschen Reiter- und Fahrerverbands (gesundheitssport-mit-pferden.de und drfv.de)