Dehnungshaltung Lisa Raedlein
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3 Pferde im Vorher-Nachher-Test

So funktioniert korrekte Dehnung

Ausbilder Knut Krüger will Pferden im Nullkommanichts den Weg
 in eine korrekte Dehnung zeigen. Dass das funktioniert, beweist er an drei Redaktionspferden.

Drei Pferde, drei Reiterinnen, ein Weg in die Tiefe. „Ich bin bekannt dafür, Pferden sehr schnell, meist innerhalb we­niger Minuten, den Weg in eine korrekte Dehnungshaltung zu zeigen“, sagt Aus­bilder Knut Krüger. Ob das wirklich klappt? CAVALLO lud den Trainer ein. Mit drei ganz unter­schiedlichen Pferden und ihren Reite­rinnen sollte er an der Dehnungshaltung arbeiten: dem schlaksigen Chicco mit Redakteurin Barbara Böke, der sensib­len Juli mit Fotografin Lisa Rädlein und dem gemütlichen Milo, dem Reit­beteiligungs-Pferd von Praktikantin Paulina Ulherr.

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Dehnungshaltung
Lisa Raedlein
Krüger demonstriert, wie man nur über Kreuzhilfen die Arbeitshaltung erreichen kann. Er wechselt zwischen leichtem Entlastungssitz und Dressursitz, damit Chicco besser im Rücken loslassen kann.

Die Dehnung kommt vor der Anlehnung

Für Knut Krüger, der bei Paul Stecken lern­te, ist die Dehnungshaltung Voraussetzung für alles Weitere. „Erst wenn der Reiter sich fragt, wie er den Pferdekopf je wie­ der nach oben bekommen soll, kann man wieder an die Arbeitshaltung denken“, so Krüger. Das Pferd darf die Nase in der Dehnung ruhig fast bis zum Boden strecken. „Ich halte nichts von fixen Punkten wie Nase auf Höhe des Buggelenks. Denn wir wissen nicht, wie schwer sich der Reiter für das Pferd anfühlt.

Entspricht er einem kaum gefüllten oder einem schwer bepackten Rucksack? Nur das Pferd weiß, in welcher Haltung es diese Last am besten tragen kann.“
Aber eines legt Krüger fest: Der Wider­rist sollte in der Dehnungshaltung der höchste Punkt des Pferds sein. So ist das Nackenrückenband gespannt und das Pferd kann den Reiter unbeschadet tragen. „Hals, Schulter und Rücken können so Muskeln aufbauen“, erklärt Knut Krüger.

Rückenschmerzen sorgen für Schonhaltungen

Viele Pferde, die schwer in die Dehnungs­haltung finden, haben nach Krügers Be­obachtung kein Vertrauen in die Reiter­ hand. „Einige Pferde haben gelernt mit dem Zügel nach oben geholt zu werden oder die Hand folgt zu wenig der Bewe­gung.“ Ein weiterer Grund, warum Pfer­de sich schlecht dehnen: Rückenschmer­zen. „Viele gehen in einer Schonhaltung, in der sie es ganz gut aushalten und wollen da nicht raus.“ Gelingt es, dem Pferd den Weg in die Tiefe zu zeigen, merkt es, dass diese Haltung angenehmer ist.

Für die Dehnungshaltung soll das Pferd lernen, auf längere annehmende Paraden am Zügel hin nachzugeben und den Kopf zu senken. „Es ist ganz wichtig, prompt nachzugeben, wenn das Pferd richtig reagiert“, betont Krüger. „Geben Sie an­fangs lieber die Zügel komplett hin, als zu wenig nachzugeben.“ So spürt das Pferd einen doppelten positiven Effekt der Deh­nung: Kein Druck mehr im Maul – und der Rücken wird entlastet. Wie sich diese Me­thode bei unterschiedlichen Pferden um­setzen lässt und was nach der Dehnung kommt, erfahren Sie in unseren drei Beispielen.

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Vorher: Chicco dehnt sich nicht tief genug, die Nase kommt leicht hinter die Senkrechte. So hängt der Rücken durch, der Schritt ist zum Pass verschoben.

1. Pferd Chicco: Von Schonhaltung zur Dehnung mit mehr Go nach vorne

Der erste Kandidat ist der 19-jährige Holsteiner-Wallach Chicco. Nach einer länger zurückliegenden Trainingspause hat er noch nicht wie erhofft aufgemuskelt. „Wenn er regelmäßig in Dehnungshaltung gearbeitet wird, wird er seine Muskeln schnell wieder aufbauen, etwa am Oberhals“, so Knut Krüger. Dafür muss es bei Chicco erstmal Klick machen, denn an Dehnungsbereitschaft fehlt es im Moment: Lässt seine Besitzerin, CAVALLO-Redakteurin Barbara Böke (36), die Zügel lang, steigt Chiccos Hals weiterhin leicht aus dem Widerrist an und er kommt mit der Nase leicht hinter die Senkrechte.

Dabei hält er sich auch im Rücken fest, der Takt ist im Schritt etwas zum Pass verschoben – Probleme, die bei ihm vor allem in der Aufwärmphase auftauchen, wie Barbara Böke berichtet. „Das liegt daran, dass die Kopf-Hals-Haltung nicht tief genug ist und er in einer Schonhaltung geht“, erklärt Knut Krüger. Chicco muss erst mal fleißiger vorwärtsgehen. „Das ist wichtig, sonst lässt er im Rücken nicht los“, erklärt Krüger. Im Moment muss seine Besitzerin noch zu oft treiben. „Er sollte von sich aus im Tempo bleiben.“

Dazu muss Barbara Böke zunächst an der prompten Reaktion auf ihre Schenkelhilfen arbeiten. Beim Anreiten aus dem Halten etwa soll Chicco auf einen leichten Impuls vorwärtsgehen. „Reagiert er nicht, korrigieren Sie, indem Sie kurz die Gerte einsetzen. Durch diese Korrektur kommen Sie schließlich zu einer wirklich feinen Hilfengebung, die für das Pferd viel angenehmer ist als ständiges Treiben.“

Mit annehmenden Zügelimpulsen experimentieren

Nachdem das Tempo stimmt, soll Barbara Böke Chicco nun beibringen, auf längere Paraden am Zügel nach unten nachzugeben. „Probieren Sie das ein bisschen aus, nehmen Sie mal links an, mal rechts. Was nach zwei, drei Pferdelängen nicht funktioniert, können Sie verwerfen und probieren etwas anderes.“ Sobald Chicco einen Ansatz zum Nachgeben zeigt, soll seine Reiterin den Druck wegnehmen – lieber erst mal zu viel als zu wenig. Streckt sich Chicco ganz nach unten in die Dehnung, darf er hier erst mal ohne Zügelverbindung am hingegebenen Zügel gehen – hier kommt der doppelte positive Effekt in Maul und Rücken zum Tragen.

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Nachher: Chiccos Widerrist ist der höchste Punkt, die Nase kommt nach vorne. Er tritt im Trab besser unter. So kann sich der Rücken nach oben wölben.

Zieht Chicco dagegen aktiv gegen die Paraden, soll Barbara Böke dranbleiben, bis er nachgibt. „Sonst lernt das Pferd, dass Sie nachgeben, wenn es gegen den Zügel geht.“ Sich durchzusetzen, fällt der CAVALLO-Redakteurin erst mal nicht leicht. Knut Krüger kann das nachvollziehen: „Natürlich wollen wir feine Hilfen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn der Zügeldruck kurzzeitig höher als gewünscht ist – das ist auch gut so.“ Die meisten Pferde verstehen das Nachgeben seiner Erfahrung nach aber schnell und reagieren danach auf feine Impulse. „Kurzzeitig mehr Druck auf den Zügel zu bringen ist besser, als das Pferd immer weiter in einer schädlichen Haltung gehen zu lassen.“

Chicco soll zunächst dauerhaft den Kopf unten lassen

Sobald er mit dem Kopf nach oben kommt, soll Barbara Böke mit den Paraden von vorne beginnen und wieder ganz nachgeben, wenn der Kopf tief kommt. „Erstmal reiten Sie quasi freihändig. Wir brauchen noch keine Anlehnung, wenn die Losgelassenheit noch nicht da ist.“ Und wie geht es weiter? Erst, wenn Chicco konstant unten bleibt, kann seine Reiterin ihn über Kreuzhilfen (Knut Krüger: „Im Leichttraben minimal später hochwerfen lassen, im Aussitzen das Abkippen des Beckens zum Mitfedern minimal später einleiten“) wieder mehr nach oben holen und langsam Zügelkontakt aufbauen. Aber: „In den Gangarten, in denen er noch von alleine hochkommt, also im Schritt und im Trab, ist die Arbeitshaltung erst mal tabu.“

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Vorher: Juli trägt zwar den Hals tief, kommt aber mit der Nase nicht vor. Dadurch fällt sie auf die Vorhand.

2. Pferd Juli: Von fest im Rücken zu locker dehnen und Selbsthaltung

CAVALLO-Fotografin Lisa Rädlein (41)
hat mit ihrer Oldenburger-Stute Juli (8) ein Sensibelchen mit viel Vorwärtsdrang unter sich. In letzter Zeit schwingt Juli weniger weich im Rücken und ist schlechter zu sitzen. In der Dehnung nimmt sie zwar den Hals tief, aber die Nase bleibt hinter der Senkrechten. Wie kann das Paar daran arbeiten?

Freihändig Reiten für einen lockeren Rücken

Damit Juli wieder locker im Rücken wird, ist es ganz wichtig, nicht zu viel Zügel einzusetzen. „Hält man den Kopf mit dem Zügel oben, ist das eine falsche, sogenannte absolute Aufrichtung“, erklärt Krüger. „Man erkennt sie daran, dass das Pferd sofort den Kopf runternimmt, sobald man die Zügel nachgibt oder überstreift.“ Eine korrekte Arbeitshaltung kann dagegen nur aus der Dehnungshaltung entstehen, so Krüger. Damit Juli sich auch hier nicht hinter der Senkrechten verkriecht, soll Lisa Rädlein anfangs am ganz hingegebenen Zügel wie „freihändig“ reiten – das rät Knut Krüger überhaupt zu Beginn jeder Trainingseinheit. Zunächst muss Juli aber den Weg in die Tiefe finden. Das funktioniert wie bei Chicco über lange Paraden.

Sobald sich Juli auf das Annehmen des Zügels hin streckt, gibt Lisa Rädlein die Zügel hin. Das funktioniert: Juli bringt die Nase nach vorne und wird fühlbar lockerer. „Ich kann wieder besser sitzen“, stellt ihre Reiterin fest. Bleibt Juli konstant tief und lang, kann ihre Reiterin langsam eine Zügelverbindung aufbauen. Kommt Juli hinter die Senkrechte, muss sie sofort lockerer lassen.

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Nachher: Juli öffnet sich im Genick, das Nackenrückenband ist korrekt gespannt, der Rücken kann sich anheben und schwingt.

Übergänge ohne Zügel reiten, damit die Nase vorne bleibt

Wie viele moderne Pferde ist Juli leicht im Genick. „Solche Pferde kann man eigentlich nur mit ganz wenig Hand reiten, sonst rollen sie sich ein“, erklärt Krüger. Daher soll Lisa Rädlein nun auf dem Zirkel Übergänge zwischen Schritt und Trab ausschließlich über die Kreuzhilfen reiten und zwar immer dann, wenn Juli gerade in einer korrekten Dehnungshaltung ist. Die Übergänge sollen langsam mehr Gewicht auf die Hinterhand bringen. Dadurch kommen Hals und Kopf automatisch höher, ohne dass der Reiter diese Aufrichtung mit dem Zügel erzwingt – eine reelle Arbeitshaltung entsteht. Richtig ist es, wenn der Kopf ganz langsam nach oben kommt, nicht ruckartig. Die Übung soll Juli helfen, sich losgelassener zu bewegen.

Erste und zweite Gewichtshilfe sind der Schlüssel

Um einmal zu spüren, wie die richtige Gewichtshilfe funktioniert, empfiehlt Krüger, einen Arm maximal nach oben zu strecken (eine Übung aus Sally Swifts „Reiten aus der Körpermitte“). Lisa Rädlein soll die Kreuzhilfe nun zweimal geben: Einmal zum Einfangen des Tempos, dann zum Durchparieren. „Das muss das Pferd lernen. Reagiert es nicht, kommt der Zügel hinzu.“ Später kann sie die Gewichtshilfe nutzen, um das Pferd kurz einzufangen, dabei leicht zu treiben und so ohne Zügel in die Arbeitshaltung zu kommen.

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Vorher: Milo hält sich in einer Schonhaltung fest, zeigt nur manchmal Tendenz zum Dehnen und ist sehr triebig. Der Rücken hängt durch.

3. Pferd Milo: Von Energiesparen zum flotten vorwärts in der Dehnung

Tinker Milo ist ein echter Energiesparer. Das wird schon beim ersten Anreiten klar, da CAVALLO-Praktikantin Paulina Ulherr (20) ordentlich mit der Wade nachhelfen muss. „Das waren jetzt schon drei Hilfen zum Anreiten“, stellt Knut Krüger fest. Danach geht es gemütlich weiter: Der 19-jährige Wallach lässt sich bei jedem Schritt bitten und tritt zu wenig unter. „Seine Hinterhufe landen im Moment zwei bis drei Huf breit entfernt vom Abdruck der Vorderhufe“, analysiert Krüger.

Gut wäre maximal eine Hufbreite. Bietet seine Reiterin ihm an sich zu strecken, macht er das teils, die meiste Zeit aber steigt der Hals weiter aus dem Widerrist nach oben an. Der Kopf ist also zu hoch, Milo
 dehnt sich nicht. Der Rücken hängt dadurch, was durch Milos ansteigende Rückenlinie noch begünstigt wird. „Durch sein Gebäude fällt es ihm nicht leicht, gut unter den Schwerpunkt zu fußen“, so Krüger.

Erst mal vorwärts gehen, bevor es ans Dehnen geht

„Vorwärts ist für ihn das A und O, damit er aus dem festgehaltenen Modus rauskommt“, so Krüger. Dazu zeigt er Paulina, dass ein ganz feiner Schenkelimpuls für eine Reaktion ausreichen muss. „Wenn keine Reaktion kommt, verstärkst du mit der Gerte.“ Milo soll sein Tempo konstant halten. Wird er langsamer, rät Krüger über das vorherige Tempo hinaus zu beschleunigen. Dadurch wird das langsamer werden fürs Pferd anstrengender, als wenn es immer im gleichen Tempo bleibt.„ Um in ein gutes Vorwärts zu finden, soll Paulina Ulherr immer an den langen Seiten an Tempo zulegen und dabei die Zügel einfach auf den Hals legen oder an der Schnalle fassen.

Um Zirkel zu reiten, rät Knut Krüger, die Gerte nach außen zu nehmen und so die Schulter zu begrenzen. “Der innere Zügel bringt ihn aus dem Gleichgewicht und dadurch hebt er sich jedes Mal beim Abwenden mit dem Kopf nach oben raus.„ Zudem bremse die Zügeleinwirkung Milo aus.

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Nachher: Milo tritt besser unter und streckt Kopf und Hals. Trotz seiner nach hinten aufsteigenden Rückenlinie kommt der Rücken hoch.

Lange Paraden und Zügel-aus-der-Hand-kauen

Erst wenn Milo fleißig vorwärts geht, kann Paulina Ulherr beginnen, ihm mit langen Paraden den Weg in die Tiefe zu zeigen. “Wenn das Pferd nicht an den treibenden Hilfen steht, kann ich nicht annehmen, sonst reite ich rückwärts„, erklärt Knut Krüger. Genauso wie Chicco und Juli soll Milo nun die richtige Reaktion auf die langen Paraden lernen. Da Milo sich mit der Dehnung noch schwertut, soll Paulina kleine Schritte belohnen. “Bei ihm reicht erst mal ein kurzes Nicken nach unten, um nachzugeben„, so Krüger.

Drückt Milo nach oben, soll Paulina Ulherr wieder Druck aufbauen; wenn er sich streckt, den Zügel ganz hingeben. “Wenn er oben und unten einen Druck auf dem Zügel spürt, weiß er nicht, was richtig ist.„ Milo versteht schnell und dehnt sich nach unten. Nach diesem Lernprozess kann Paulina Ulherr die Zügel stückchenweise aus der Hand kauen lassen. “Euer Programm die nächsten Wochen: Frisch vorwärts und Zügel aus der Hand kauen im Schritt„, rät Krüger.

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