Klare Grenzen setzen Lisa Rädlein

Nein sagen: So setzen Sie Ihrem Pferd klare Grenzen

Serie: Nein sagen So setzen Sie Ihrem Pferd klare Grenzen

Sagen Sie aus Liebe "Nein" zum Pferd, dafür plädiert Ausbilderin Yvonne Gutsche eindringlich. Aus Erziehung wird dann Beziehung! Teil 1 der neuen Serie.

Fürs Auge sind Instagram und Facebook ein wahrer Genuss. Man wird überwältigt von wunderschönen Bildern, auf denen Reiter mit ihren Pferden posieren. Alles scheint perfekt, innig und vertraut; Pferd und Mensch sind ein Traum-Team. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus: Erst wird mit dem herausgeputzten Pferd fürs Foto posiert, doch hinter den Kulissen lässt sich eben dieses nur mit Mühe von A nach B führen: Es drängelt nach vorne und rempelt dabei Fotomodel sowie Helferin an.

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Mit vereinten Kräften halten sie das Pferd an der Trense fest und bringen es schließlich zurück in die Box.
 Für diese wahre Geschichte gibt es kein "Like" von mir. Sie steht exemplarisch für eine Entwicklung, die ich immer öfter in Reitställen beobachte und kritisch sehe: Viele Reiter machen sich, ihrem Umfeld und allen voran ihrem Pferd etwas vor. Sie korrigieren ihr Pferd nicht, wenn es sich rüpelhaft aufführt.

Klare Grenzen setzen
Lisa Rädlein
Yvonne Gutsche: "Überholen, anrempeln, scharren - wer seinem Pferd alles durchgehen lässt, zieht sich sein Problempferd selbst heran.“

Vielmehr lassen sie ihrem Tier alles durchgehen und ziehen sich so ihr Problempferd selbst heran. Solche Pferde landen früher oder später häufig bei mir. Als professionelle Pferdeausbilderin bin ich spezialisiert auf das Anreiten von Jungpferden und Training von Pferden, die mit irgendetwas Mühe haben. Ich erlebe täglich, wie wichtig es ist, Pferden faire, aber klare Grenzen zu setzen. Vier Gründe für ein "Nein aus Liebe" zähle ich hier auf:

Grund 1: Eine gute Beziehung nur mit Grenzen

Es gab Zeiten, da war Pferdetraining sehr stark von Druck und Gewalt geprägt. Reiter bestraften unerwünschtes Verhalten. Das Pferd sollte so lernen, was richtig und falsch ist. Heute wissen wir, dass Gewalt keinen Trainingserfolg bringt, sondern Angst erzeugt. Die Abgrenzung von alten Trainingsmethoden hat jedoch bei vielen Reitern ein Vakuum hinterlassen. Ich erlebe oft, dass Reiter sich unsicher sind, wie man heutzutage richtig "Nein" sagt, ohne dass man sein Pferd dabei vergrault.

Aber: Klare Regeln verbessern die Beziehung zwischen Pferd und Mensch sogar. Überlässt man dem Pferd die Verantwortung fürs Tun oder Lassen, nimmt es den Menschen irgendwann nicht mehr ernst. Das schaukelt sich dann oft hoch und am Ende stecken beide in bitteren Machtkämpfen fest, die nur ein Profi lösen kann. Soweit muss es nicht kommen. Um dem Pferd ein guter Freund zu sein, gehört es auch dazu, mal "Nein" zu sagen und gewisse Grenzen aufzuzeigen. So lernt das Pferd, den Menschen als eine kompetente und verlässliche Führungsperson anzuerkennen, mit der es gerne durch dick und dünn geht. Kurz gesagt: Aus Erziehung wird mit der Zeit Beziehung.

Grund 2: Die Sicherheit geht vor

Laut einer Studie verletzt sich einer von fünf Reitern in seiner Reiterkarriere schwer (Untersuchung der Oregon Health and Science University/USA, 2007). Hinzu kommen die vielen kleinen Verletzungen, etwa wenn das Pferd dem Menschen auf den Fuß tritt. Meiner Erfahrung nach können wir leichte und schwere Unfälle vor allem verhindern, indem wir unseren Pferden einen eindeutigen Rahmen setzen. Das macht den Umgang mit ihnen kalkulierbarer.

Ein Beispiel: Viele Reiter kommen auf mich zu, weil ihr Pferd beim Ausreiten scheut. Neben einem soliden Gelassenheitstraining scheitert es bei diesen Pferden auffällig oft bereits an den Basics: Sie können weder ruhig am Putzplatz stehenbleiben noch lassen sie sich artig führen. Wenn jedoch die einfachsten Dinge im Stall schon nicht klappen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Pferd sich in einer gefährlichen Situation im Gelände am Reiter orientiert und auf seine Hilfen achtet.

Ich vergleiche das Risiko immer mit einem Schlauchboot im Tsunami: Kein Mensch würde sich das trauen. Wir aber gehen mit unseren Pferden, die noch nicht mal im Stall auf uns achten, ins Gelände und wundern uns, wenn sie dann nicht zuhören und etwas passiert. Darüber hinaus tragen wir nicht nur Verantwortung für uns und unser Pferd, sondern auch gegenüber unseren Mitmenschen, denen wir begegnen.

Stellen Sie sich vor, Sie reiten aus und kommen an eine Straße. Das Pferd möchte nicht ruhig stehen bleiben und tänzelt auf die Fahrbahn. Ein Autofahrer weicht Ihnen aus, fährt gegen einen Baum und verunglückt schwer. Ebenso bin ich für die Sicherheit von Stallbetreiber, Reitlehrer, Hufschmied und Tierarzt verantwortlich. Meine Pferde sollen sich von einer fremden Person anständig von A nach B führen lassen und den Hufschmied nicht treten. Das geht jedoch nur, wenn ich selbst meinem Pferd klar kommuniziere, was es darf – und was es zu lassen hat.

Grund 3: Ein Leben ohne Grenzen stresst das Pferd

Als Herdentier ist das Pferd gewohnt, dass es innerhalb der Gruppe Regeln gibt. Das bietet ihm Sicherheit und Orientierung. Genauso ist es in der Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Darf das Pferd bei uns dagegen alles machen, verunsichern wir es. Das wiederum verursacht Stress, der das Pferd krank machen kann. Magengeschwüre sind beispielsweise eine typische Folge von psychischem Dauerstress.

Diese Unsicherheit kann sich nicht nur auf die Gesundheit niederschlagen, sondern auch die Ursache dafür sein, dass sich das Pferd im Training nicht richtig auf mich und meine Hilfen konzentrieren kann. Dann wird Lernen beinahe unmöglich und die Harmonie im Training ist oft dahin. Außerdem bleibt bei verunsicherten Pferden auch die physische Losgelassenheit auf der Strecke, die in jedem Moment der Reitausbildung vorhanden sein sollte. Das Pferd kann also sein volles Potenzial nicht entfalten, wenn der sichere Rahmen fehlt.

Grund 4: Reiter müssen für sich selbst "Ja" sagen

Für die Qualität der Partnerschaft mit dem Pferd ist es enorm wichtig, dass wir Grenzen setzen, indem wir auch mal "Nein" zu unserem Pferd sagen, weil wir zu uns selbst "Ja" sagen müssen. Dazu ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem Pferd zum Kurs bei Ihrem Lieblingstrainer. Sie stehen neben Ihrem Pferd und hören dem Trainer zu. Das Thema ist superwichtig für Sie, aber Sie können den Erklärungen nicht folgen, weil Ihr Pferd rumzappelt. Sie sind mehr oder weniger nur damit beschäftigt, die Wünsche und Bedürfnisse Ihres Pferds zu bedienen, während Sie Ihre eigenen ganz aus dem Blick verlieren. Das stresst und frustriert. Manche Besitzer richten Ihre Entscheidungen völlig nach Lust oder Unlust Ihres Pferds aus oder geben unerwünschtem Verhalten nach, um Konflikte mit dem Pferd zu vermeiden.

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Lisa Rädlein
Yvonne Gutsche bildet Pferde auf ihrem Hof in Bad Wimpfen bei Heilbronn reitweisenübergreifend aus.

Fazit: Ich kann Reiter nur ermutigen, aus den genannten vier Gründen auch mal aus Liebe "Nein" zu ihrem Pferd zu sagen. Wie so oft kommt es dabei jedoch auf das "wie” an. Wie ich meinen Pferden faire Grenzen setze und Krisen sicher meistere, erkläre ich Ihnen in den nächsten CAVALLO-Ausgaben.

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