Test: Sind unsere Ställe hell genug?

Helligkeit in Ställen

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall
Wir machen keinen IQ-Test, sondern greifen in Pferdeställen zum Licht-Messgerät. Von dunklen Außenboxen, kluger Beleuchtung und fitten Pferden.

Sonnenstrahlen haben eine magische Anziehungskraft. Das gilt besonders, wenn man in letzter Zeit viel zu wenige von ihnen abbekommen hat. Am Testtag Mitte Januar spüren wir das deutlich.

Zur Vorbesprechung der Lichtmessung im Pferdestall lockt es das CAVALLO-Team und den Lichtexperten Alois Gebauer auf ein sonniges Fleckchen. Der zückt gleich sein Luxmeter – das Gerät misst die Beleuchtungsstärke und gibt sie in der Einheit Lux an.

Auf 26.000 Lux klettert die digitale Anzeige an diesem sonnigen Wintermittag unter freiem Himmel – und das ist noch gar nichts. „Im Sommer misst man um die Mittagszeit sogar bis zu 100.000 Lux“, erklärt Alois Gebauer.

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Pferde können sich ihren Platz an der Sonne häufig nicht selbst aussuchen

Anders als das Testteam. In Boxen ohne Auslauf müssen sie in manchen Ställen den Großteil des Tages mit dem Licht vorliebnehmen, das durch die Fenster dringt – oder mit künstlicher Beleuchtung. Wie viel Licht sie dabei tatsächlich abbekommen, wollen wir auf unserer Tour mit dem Lichtmessgerät herausfinden. Das Luxmeter funktioniert dabei wie ein Barometer fürs Tierwohl, denn Licht hat starken Einfluss aufs Pferdeverhalten: Es regt den Stoffwechsel an, fördert Widerstandskraft, Leistungsfähigkeit und Fruchtbarkeit (siehe auch Tabelle Sero- & Melatonin).

Bei Rindern hat man die Wichtigkeit des Lichts schon erkannt: Da die Beleuchtung in Milchviehställen einen großen Einfluss auf die Milchleistung und damit den Geldbeutel des Landwirts hat, gibt es hier detaillierte Forschung zur richtigen Beleuchtung. Im Pferdestall liegt dagegen oft noch wenig Augenmerkt auf den Lichtverhältnissen. Ob unsere Tour Licht ins Dunkel bringen kann?

Großzügige Oberlichter

Unsere erste Station übertrifft die Forderungen der FN ums 10-fache. Das Barockreitzentrum Heimsheim ist lichtdurchflutet. Durch großzügige Oberlichter fällt das Tageslicht in den Stall. Das Luxmeter zeigt rund 800 Lux. Damit übertrifft der Stall die Forderung in den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung bei Weitem. Sie fordert nur 60, besser 80 Lux im Stall.

Dieser Wert ist für Dietbert Arnold, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Pferdezucht und -haltung, allerdings ohnehin nicht akzeptabel: „Wie in fast allen Veröffentlichungen geht es beim Lichtbedarf im Pferdestall nur um den Menschen und nicht um das an die lichte Steppe angepasste Pferd. Es macht mich immer wieder sprachlos, dass derart dunkle Ställe tiergerecht sein sollen.“

Mindestens 1000 Lux im Pferdestall sollten es sein, fordert Dietbert Arnold – zumindest dann, wenn die Pferde am lichten Tag im Stall gehalten werden. „Aus der Sicht des Steppentiers Pferd sind 1000 Lux immer noch wenig. Und wenn ich ein Pferd schon in die Box stelle, muss ich zum Ausgleich für ausreichend Licht sorgen.“

Um 1000 Lux zu erreichen, müsste selbst der baulich ziemlich ideale Stall in Heimsheim an diesem sonnigen Wintertag mit künstlicher Beleuchtung nachhelfen. Nötig ist das in der Praxis aber nicht, da alle Boxen frei zugängliche Paddocks zum Lichttanken haben.

Dunkle Außenboxen

Unerwartet dunkel sind dagegen die Außenboxen. Diese Ställe auf der Anlage haben jeweils ein großes Fenster, durch das die Pferde herausschauen können. Ansonsten sind sie geschlossen. Alois Gebauer misst in der Box um die Mittagszeit 140 Lux. „Das ist nicht sehr hell und später am Tag sind die Lichtverhältnisse sicher noch weniger ideal“, erklärt Gebauer.

Da Pferde Licht auch über die Augen konsumieren, ist das Fenster zwar ein Pluspunkt, kann Zeit unter freiem Himmel aber nicht ersetzen. „Tageslicht wird im Gegensatz zu Kunstlicht auch über die Haut aufgenommen und trägt dadurch etwa zur Produktion von für den Stoffwechsel wichtigem Vitamin D und einer gesunden Haut bei“, betont Dietbert Arnold.

Fazit von Alois Gebauer zur Außenbox: „Für ein Pferd, das den Großteil des Tages auf Koppel oder Auslauf verbringt, ist so eine Box in Ordnung; ansonsten ist sie zu dunkel und sollte bei längerem Aufenthalt zusätzlich künstlich beleuchtet werden.“ Die neue Pächterin des Stalls, Ulrike Störzbach, ist dankbar für die Tipps – sie möchte das Lichtkonzept überarbeiten und auf LED-Lampen umstellen.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall

Großzügige Oberlichter lassen viel Tageslicht in den Stall.

Künstliches Licht kann die Stimmung aufhellen

Damit es eine positive Wirkung aufs Pferd hat, muss es Sonnenlicht ähneln. Achten Sie auf Tageslicht-Vollspektrum ohne UV-Licht-Anteil. Die Farbtemperatur sollte kühl sein. „Ab 5300 Kelvin spricht man von Tageslichtweiß“, sagt Benjamin Weiherer, der beim Agrar-Großhändler- und -Produzenten Kerbl für Leuchtmittel zuständig ist.

Was wir auf dem Sofa als ungemütlich grell empfinden, macht Pferde im Stall gesund und munter. Alois Gebauer empfiehlt als Kompromiss für eine angenehme Atmosphäre 4000 bis 5000 Kelvin im Stall. Besonders geeignet sind LED-Lampen: „Mit ihnen können Stallbetreiber viel Strom sparen, sie werden nicht heiß und ziehen deutlich weniger Insekten an als andere Leuchtmittel“, so Dietbert Arnold.

Die Beleuchtungsdauer sollte dem Hell-Dunkel-Rhythmus draußen entsprechen. Im Dezember sollte es im Stall also etwa sieben Stunden hell sein, im Sommer 16 Stunden. „Kommen alle Pferde zwischendurch auf die Weide, kann das Licht zum Stromsparen ausgeschaltet werden“, rät Dietbert Arnold. „Kommen sie wieder in den Stall, während es draußen noch hell ist, muss dieser beleuchtet sein – sonst kommen die Pferde aus dem Rhythmus.“

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall

Diese kleinen Glühlampen haben keinen Effekt aufs Wohlbefinden.

Stromkosten lassen sich sparen

Eine automatische Lichtsteuerung schaltet nicht nur um eine programmierte Uhrzeit morgens und abends automatisch das Licht an, sondern misst auch, wie viel Licht von draußen einfällt. Ist es um die Mittagszeit also ohnehin hell im Stall, regelt sie die angebrachten Lampen automatisch nach unten. So bleibt die Helligkeit immer konstant und die Kosten im Rahmen.

Wer ein heller Kopf ist, positioniert seine Lampen zudem clever. Im Barockreitzentrum gibt es noch Verbesserungspotenzial: Die Leuchtröhren sind über der Stallgasse angebracht. „Ideal fürs Pferd wäre es, die Lampen über oder zwischen den Boxen zu montieren“, erklärt Alois Gebauer. „Befindet sich die Lichtquelle über dem Fressplatz fürs Heu, kann man das Pferd ideal über das Auge mit Licht stimulieren, da es sich dort lange aufhält.“ Wer seine Lampen nicht anders montieren kann, verlagert den Fressplatz dorthin, wo es in der Box am hellsten ist.

Lampen müssen sicher sein. Befinden sie sich in Reichweite des Pferds – etwa wenn es steigt – sollten sie aus schlagfestem Plastik oder zumindest aus Sicherheitsglas sein. Generell müssen Lampen für den Pferdestall möglichst stress- und blendfrei sein. Auf keinen Fall darf es Pferden vor den Augen flimmern. „Der angegebene Flickering-Wert sollte unter fünf Prozent liegen“, erklärt Gebauer.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall

In der Außenbox mit Fenster zum Rausschauen ist es erstaunlich dunkel.

Pferde sind echte Nachteulen

Während Menschen sich Dunkeln unsicher bewegen, können Pferde auch im Finstern recht gut sehen. „Pferde gehen nachts durch den Wald, ohne gegen einen Baum zu laufen“, erklärt Dietbert Arnold. „Um die Orientierung des Pferds braucht man sich also keine Gedanken zu machen.“ Ein separat einschaltbares Nacht- bzw. Durchgangslicht für Kontrollen oder Notfälle ist sinnvoll. Es sollte möglichst dunkel sein, um die Pferde weniger zu stören. Die Nachtruhe ist wichtig fürs Pferd.

Brennt des Nachtlicht permanent, ist das fürs Pferd hinderlich. „Durch ein Nachtlicht entstehen Schatten, die irritierend wirken. Pferde brauchen als Steppentiere eine gleichmäßige Beleuchtung. Bereiche mit wechselhaften Lichtverhältnissen meiden sie lieber, weil sie ihnen unheimlich sind“, erklärt Alois Gebauer.

Umgebauter Rinderstall

Bevor es dunkel wird, haben wir aber noch etwas vor – wer zur Erleuchtung kommen will, muss schließlich pilgern. Und so ziehen wir weiter zum nächsten Stall. Es ist ein zum Laufstall umgebauter Rinderstall. Die Decken des gemauerten Gebäudes sind für einen ehemaligen Kuhstall vergleichsweise hoch, ringsum befinden sich viereckige, eher kleine Fenster. Durch zwei große, geöffnete Tore fällt zusätzlich Licht.

Rund um den zentralen Fressplatz in der Mitte des Stalls misst Alois Gebauer am frühen Nachmittag trotzdem nur etwa 30 bis 60 Lux. „Könnten die Pferde nicht wie hier jederzeit selbstständig nach draußen auf den Paddock, wäre das viel zu dunkel“, betont Alois Gebauer. „Da sie hier ihren Tageslichtbedarf aber jederzeit decken können, ist der dunkle Stall unproblematisch.“ Einen Verbesserungsvorschlag hat Gebauer trotzdem: „Im Laufstall wünscht man sich ja aktive Pferde. Um die Pferde munterer zu machen, würde sich eine LED-Beleuchtung über dem Futtertisch anbieten – denn hier halten sich die Pferde länger auf.“

Der dunkle Kuhstall mit Paddock ist also durchaus pferdegerecht. Problematisch findet Alois Gebauer aber, dass derzeit immer mehr neue Boxenställe wieder dunkel sind. „Betonboxen liegen leider im Trend. Um Grundfläche zu sparen, wird dann häufig über dem Stall ein Lager statt Oberlichtern eingebaut“, beobachtet er.

Die Leitlinien zur Pferdehaltung fordern einen Quadratmeter Fensterfläche pro Pferd. Eine weitere Faustregel nennt Dietbert Arnold: „Die Fensterfläche sollte mindestens ein Zwanzigstel der Stallfläche betragen. Ich bezweifle aber, dass damit ein Stall hell genug wird.“ Das hängt auch stark von der Position der Fenster und ihrer Verschattung ab. Ob 1000 Lux erreicht werden, können Reiter auch selbst mit dem Luxmeter nachmessen. Die Geräte kosten rund 30 bis 100 Euro.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall

Mit rund 250 Lux ist es im letzten Stall nachmittags nicht mehr ganz so hell.

Wer wirklich jeden himmlischen Sonnenstrahl einfangen will, sollte zum Putzteufel werden. Das zeigt sich im letzten Stall. Auch hier gibt es wie im Barockreitzentrum Oberlichter, die allerdings etwas moosbewachsen sind. „Es lohnt sich, Fensterflächen im Stall sauber zu halten. Staub und Dreck schlucken viel Licht“, erklärt Lichtexperte Alois Gebauer.

Um kurz nach drei Uhr nachmittags messen wir auf der Stallgasse direkt unter den Oberlichtern rund 250 Lux, in der Mitte einer der Boxen etwa 120 Lux. Nahe der Türen zu den Paddocks ist es heller, da Licht durch transparente Vorhänge fällt. „Um die Mittagszeit dürfte es hier fast so hell sein wie im ersten Stall“, meint Alois Gebauer.

Ausgetauschte Lampen können tückisch sein. An der Decke hängt eine bunte Mischung aus Halogen- und LED-Lampen – immer wenn eine Glühbirne durchbrennt, rückt eine LED-Lampe nach, bis die Umstellung geschafft ist. „Das kann man auf jeden Falls so machen“, sagt Alois Gebauer. Einziger blinder Fleck: die Versicherung. Da es sich beim Lampentausch um eine bauliche Veränderung handelt, könne es im Schadensfall Streit mit der Brandschutzversicherung geben. Bevor hier die Funken fliegen, sollten Sie sich Veränderungen am Beleuchtungssystem schriftlich von der Versicherung absegnen lassen.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall

Die Paddocks liefern genug Tageslicht. Die Lamellenvorhänge lassen Licht durch.

Im Sommer ist manches ein bisschen anders

Alois Gebauer denkt an diesem Wintertag schon an die heiße Jahreszeit. Ist ein Boxenstall dunkel und kühl gemauert, kann auch im Sommer Kunstlicht nötig sein. „Ein Stall mit Oberlichtern und Blechdach wie dieser kann sich im Sommer dagegen schon mal aufheizen.“

Pferde, die selbstständig rauskönnen, haben es an heißen Tagen drinnen gerne etwas dunkler – das bietet Schutz vor Insekten. Vorhänge oder Abdeckungen helfen. Bis wir uns wieder nach Schatten sehnen, dauert es aber noch eine Weile. Und bis dahin heißt es: Jeden Lichtstrahl einfangen!

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Helligkeit im Pferdestall

Die Stallgasse ist durch die Oberlichter heller als die Boxen selbst.

10.04.2019
Autor: Natalie Steinmann
© CAVALLO
Ausgabe 3/2019