Pferdekommunikation: Die häufigsten Missverständnisse

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Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Kommunikation

„Süß, wie der lacht“

Sieht zwar lustig aus, hat aber mit Humor nichts zu tun: Wenn Pferde ihre Oberlippe beim Flehmen nach oben stülpen, lachen sie ihren Reiter weder an noch aus.

Vielmehr nehmen sie einen guten oder sonderbaren Geschmack oder Geruch wahr. Denn unter der Schnute sitzt das sogenannte Jacobson-Organ.

Dieses Geruchsorgan nutzen vor allem Hengste dazu, paarungsbereite Stuten zu wittern. Aber auch Leckerli und andere Düfte können die Nasenakrobatik hervorrufen.

„Der will dich bloß ärgern“

Selbst die schlausten Pferde wollen weder heimlich die Weltherrschaft an sich reißen noch uns Menschen mutwillig veräppeln.

Warum? Weil es ihnen nichts nützt. Egal ob der Vierbeiner zum x-ten Mal vor dem Sprung stoppt, anstatt zu springen, ob er partout irgendwo nicht hingehen will, meist hat er dafür einen aus seiner Sicht zwingenden Grund.

Oft ist das der Mensch – weil er sich unklar ausdrückt, vielleicht selbst Angst vorm Sprung hat oder nicht so genau weiß, wie das eigentlich gehen soll, was er vom Vierbeiner gerne hätte.

„Mein Pferd folgt mir wie ein Hund“

Pferd und Hund sind hochsoziale Lebewesen. Doch wenn das Pferd brav wie ein Schäferhund ohne Leine bei Fuß läuft, tut es das aus anderen Motiven heraus.

Von der Evolution als Jäger geschaffen, arbeitet der Hund mit dem Menschen quasi im Team. Der Mensch kann für den Hund Rudelersatz sein.

Als Fluchttiere brauchen Pferde dagegen keine Jagdgenossen, sondern Schutz und Orientierung der Herde. Erscheinen wir ihnen als respektable Führungskraft, folgen sie uns vertrauensvoll überall hin. Echten Herdenersatz können wir jedoch nicht bieten.

„Pass auf, jetzt wird sie dominant“

Angelegte Ohren heißen in Reiterkreisen nichts Gutes. Auf der Aggressions- und Dominanzskala wird es oft als Vorstufe zu allerlei anderen Untugenden gewertet: Schnappen, Treten und so weiter.

Aber auch rangniedrige Pferde klappen die Ohren hin und wieder nach hinten, jedoch nicht, weil sie aufbegehren. Schüchterne Vierbeiner möchten Artgenossen oder Menschen dadurch zu verstehen geben: Du bist jetzt nah genug, bitte lass mich in Ruhe, ich fühle mich sonst nicht mehr wohl.

Dann lieber nicht schimpfen, sondern diese Bitte ernst nehmen.

„Dem ist echt langweilig“

Pferde gähnen auf geradezu spektakuläre Weise: In Flusspferd-Manier reißen die Vierbeiner ihre Mäuler auf und wirken dabei tatsächlich so, als hätten sie schon alles gesehen auf der Welt und könnten vor Langeweile angesichts des öden Tagesprogramms kaum mehr die Augen offenhalten.

In Wahrheit kann Gähnen ganz andere Gründe haben, unter anderem Stress oder Überforderung. Vielleicht war die Reitstunde also gar nicht langweilig, sondern sogar extremes Gehirn-Jogging!

„Das ist halt ein ruhiges Pferd“

Ob der Schein nicht trügt? Manche Pferde wirken zwar wie Schlaftabletten, doch unter der scheinbar coolen Haut brodeln die Emotionen.

Die können sich dann hin und wieder so richtig Bahn brechen und für spontanes Rodeo oder Rennbahn-Feeling sorgen – vorzugsweise, wenn der Reiter nicht damit rechnet.

Steht ein Pferd apathisch in der Gegend herum und lässt sich nur schwer zum Mitmachen animieren, können auch Schmerzen dahinterstecken oder ein Infekt.

Sehr sensible Vierbeiner können sogar eine Art Depression bekommen, wenn der Mensch sie auf Dauer zu hart anpackt. Das bedeutet: Ruhig heißt nicht gleich entspannt oder faul. Nüstern, Augen, Ohren und die Körperhaltung des Pferds zeigen, was wirklich in ihm vorgeht.

„Die ist so eine Zicke“

Peitscht eine Stute unwillig mit dem Schweif, lässt sich nicht am Bauch berühren oder macht beim Training wieder einmal nicht richtig mit, urteilen viele Reiter: Die Dame zickt und soll sich mal nicht so haben.

Tatsächlich sind Stuten, ähnlich wie Hengste, stärker ihren Hormonen unterworfen als Wallache. Bei den Damen kommen zyklusbedingt hormonolle Schwankungen dazu, die hin und wieder auch Bauchweh und schlechte Laune auslösen können.

Am besten ist es, diese Unpässlichkeiten einfach zu akzeptieren, an schlechten Tagen das Training sachter zu gestalten und den Sattelgurt vorsichtiger anzuziehen.
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