So erklären Sie Ihrem Pferd, was Sie wollen

Wollen: Mit Führung mehr erreichen

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Die drei Lösungswege: Kapieren, Können und Wollen
Dominante Pferde machen ihren Reitern oft schwer zu schaffen – etwa wenn sie im Umgang rücksichtslos sind oder aktiv gegen die Signale des Reiters gehen. Hier ist Führung gefragt.

Dabei sind die vermeintlichen Rüpel oft intelligente Pferde, die besonders leistungsfähig sind, wenn die Beziehung stimmt. „Gerade Pferde, die auch in der Herde eine hohe Position haben, wollen genau wissen, ob wir in der Lage sind, vernünftige Entscheidungen für sie zu treffen“, erklärt Horseman Berni Zambail.

Ähnlich sieht das auch Wolfgang Marlie: „Manche Pferde wurden auch schon einmal enttäuscht und müssen erst wieder Vertrauen zu den Führungskompetenzen des Menschen fassen“, berichtet der Ausbilder.

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Mehrstufige Kommunikation

Testet ein Pferd den Reiter, ist das deshalb kein Grund, Ihrem Pferd etwas übel zu nehmen, denn im Prinzip hat es keine andere Wahl: Um sicher zu sein, muss es herausfinden, ob Sie ein zuverlässiger Herdenchef sind.

Wer respektvoll fragt, bekommt respektvolle Antworten. Im Umgang mit einem Pferd, das Ihre Führungskompetenzen testet, geht es nicht darum, das Pferd zu dominieren. Wichtig ist vielmehr, respektvolle Fragen zu stellen. „So bekomme ich auch respektvolle Antworten“, meint Berni Zambail. Dazu gehört es, die Signale oder Hilfen schrittweise und konsequent zu steigern.

Auch Pferde nutzen untereinander ein solches mehrstufiges Kommunikationssystem, bei dem die Signale Schritt für Schritt intensiver werden. Im Parelli-System, nach dem Berni Zambail arbeitet, werden diese verschiedenen Stufen als „vier Phasen der Entschlossenheit“ bezeichnet.

Signalverstärkung ist normal

Unter Pferden funktioniert das so: Will ein ranghöheres Pferd, dass ein rangniedriegeres ihm weicht, nimmt es zunächst Blickkontakt auf und legt die Ohren an. Dann folgt eine Art Warnschuss: Das Pferd beißt in die Luft. Folgt immer noch keine Reaktion, schnappt es nach vorne, und erst in der letzten Phase gibt es wirklich Körperkontakt: Das Pferd schnappt beispielsweise zu.

Diese Phasen der Signalverstärkung können auch Sie in der Kommunikation mit Ihrem Pferd nutzen. Ein Beispiel für die konkrete Anwendung finden Sie in der Übung „Anhalten ohne Zügel für feinere Signale“.

Wo liegt Ihre Schmerzgrenze?

„Gerade bei Pferden, die gerne mal ausprobieren, was alles erlaubt ist, ist es ganz wichtig, sich Gedanken zu machen, was man sich vom Pferd wünscht“, findet Yvonne Gutsche. „Ist es okay, dass mein Pferd mich spazieren führt oder ich beim Aufsitzen erst mal hinterherhopsen muss?“ Bei solchen Fragen werden die meisten Reiter mit Nein antworten. In anderen Situationen, etwa wenn das Pferd während einer Besprechung mit dem Reitlehrer anfängt zu zappeln, ist die Antwort dagegen weniger eindeutig. Yvonne Gutsche: „Manche Reiter möchten auf das Bedürfnis des Pferds eingehen und es beschäftigen. Andere fordern ein, dass das Pferd ruhig steht.“

Weder das eine noch das andere findet die Trainerin falsch. Wichtig ist jedoch, Nein zu sagen, wenn das Gezappel Sie wirklich stört. „Ein Nein muss von innen heraus kommen, nur dann ist auch die Körpersprache überzeugend“, sagt Yvonne Gutsche. Haben Sie einmal Ihre persönlichen Grenzen festgelegt, fordern Sie das höfliche Verhalten, das Sie sich wünschen, konsequent ein.

Sieben Basis-Übungen gegen Probleme unterm Sattel

Haben Sie mit Ihrem Pferd konkrete Problemsituationen, weil es etwa im Gelände einfach eigene Entscheidungen trifft oder auf dem Reitplatz gegen Ihre Hilfen geht, hilft es oft, nicht direkt an diesen Problempunkten anzusetzen. „Viele Probleme beim Reiten lassen sich gut am Boden bearbeiten“, sagt Berni Zambail. „Hat jemand etwa beim Ausreiten regelmäßig Diskussionen mit seinem Pferd, schaue ich mir zunächst an, wie die Beziehung am Boden aussieht.“

Zambail checkt dazu sieben wichtige Basics, die immer sitzen sollten, bevor Sie am eigentlichen Problem weiterarbeiten: Das Pferd soll leicht und flüssig rückwärtsgehen, mit der Hinterhand und der Vorhand weichen und beim Führen gelassen hinter bzw. neben Ihnen hergehen. Klappen diese Basisübungen am Boden, können Sie das ruhige Stehen beim Aufsitzen angehen. „Üben Sie danach ein, ohne Zügel anzuhalten und ohne Schenkel anzureiten“, rät Berni Zambail (siehe Übung unten „Anhalten ohne Zügel für feinere Signale“). Dadurch wird eine viel feinere Kommunikation mit dem Pferd möglich, gerade wenn auf Druck mit Zügel oder Schenkel häufig Gegendruck folgt.

Ein Trick für mehr Respekt

Haben Sie beim Führen einen kleinen Rüpel an Ihrer Seite, der Sie anrempelt oder überholen möchte? Dann müssen Sie unter Umständen nicht nur über Ihren Schatten springen und konsequent Nein sagen, sondern können den Schatten sogar nutzen, um Ihr Pferd ein klein wenig hinters Licht zu führen. „Wenn ich ein Pferd habe, das beim Führen rempelt, mache ich ihm gerne weiß, dass ich auch hinten Augen habe“, sagt Yvonne Gutsche und beschreibt den Trick: „Ich nutze die Morgen- oder Abendstunden zum Führtraining, wenn ich den Schatten des Pferds neben oder vor mir sehen kann.“

Kommt das Pferd zu nahe, können Sie, ohne sich umzudrehen, einfach Ihr Bein nach hinten anheben oder den Strick schwingen, um es auf Abstand zu halten. „Drehen Sie sich dabei nicht um, beeindruckt das viele Pferde nachhaltig“, schmunzelt Gutsche.

Kein Schatten in Sicht? Drehen Sie sich als Überraschungseffekt sofort frontal zum Pferd, wenn es zu nahe kommt. Machen Sie sich groß und schicken es ein paar Schritte zurück.

Geduldsspiele

Spielen Sie mit Ihrem Pferd Geduldsspiele. Will Ihr Pferd nicht so wie Sie, sollten Sie oft auf Beharrlichkeit setzen. Dadurch vermeiden Sie auch Diskussionen, die vor allem den Reiter frustrieren, manchen Pferden aber Spaß machen, wie Berni Zambail beobachtet. Wie Sie in solchen Fällen vorgehen, lesen Sie die Übung unten „Diskussionen vermeiden mit Geduld“.

„Oft sind es liebevolle Geduldsspiele, die man mit dem Pferd spielen muss“, sagt auch Wolfgang Marlie. Etwa wenn es auf dem Heimweg zu eilig wird. Eine Idee ist dann, immer wieder umzudrehen und 50 Meter zurück oder auch am Zuhause vorbeizureiten, bis Ihr Pferd im gewünschten Tempo geht. Wenn Sie am liebsten aufgeben würden, rät Berni Zambail, an eine kleine Mücke zu denken: Bis das Sirren uns wirklich aus dem Bett treibt, dauert es. Aber es klappt!

Übung: 4 Phasen der Entschlossenheit für mehr Konsequenz

Wenden Sie, etwa beim Rückwärtsrichten, verschiedene Signalstufen an: Stehen Sie circa zwei Meter vom Pferd entfernt und nehmen Sie Blickkontakt auf. Als Nächstes klopfen Sie mit dem Stick auf den Boden. Keine Reaktion? Halbieren Sie Ihre Distanz und verdoppeln so die Intensität.

Nichts? Halbieren Sie die Distanz abermals. Bewegt sich das Pferd nicht, tippen Sie mit dem Stick abwechselnd auf Boden und Pferdebrust. Verdoppeln Sie die Intensität mit jeder Phase. bis das Pferd reagiert. Danach sofort den Druck wegnehmen.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Die drei Lösungswege: Kapieren, Können und Wollen

Übung: Anhalten ohne Zügel für feinere Signale

Gerade wenn ein Pferd gerne etwas büffelig ist, hilft es, konsequent an der Reaktion auf feine Signale zu arbeiten. Üben Sie das Anhalten ohne Zügel bzw. Anreiten ohne Beine.

Zum Anhalten gehen Sie nicht mehr mit dem Bewegungsrhythmus mit, sondern entspannen einfach. Zur Unterstützung zupfen Sie an einem Zügel nach oben, bis das Pferd reagiert. Irgendwann brauchen Sie keinen Zügel mehr. Zum Anreiten ohne Bein spannen Sie das Kreuz an und tippen eventuell mit der Gerte auf die Kruppe.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Die drei Lösungswege: Kapieren, Können und Wollen

Übung: Diskussionen vermeiden mit Geduld

„Manche Pferde genießen es regelrecht, eine Diskussion mit ihrem Reiter zu führen“, sagt Berni Zambail. Vermeiden Sie in diesem Fall, in ein ständiges gegenseitiges Widersprechen zu kommen. „Tut Ihr Pferd etwas, das Sie gerade nicht gefragt haben – galoppiert etwa an, statt anzutraben –, lassen Sie es eine Runde gehen, parieren in Ruhe durch und versuchen es erneut.

Wichtig ist dabei, so lange dranzubleiben, bis das Gewünschte funktioniert und Sie das Pferd loben können.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Die drei Lösungswege: Kapieren, Können und Wollen
11.02.2019
Autor: Natalie Steinmann
© CAVALLO
Ausgabe 1/2019