Feiner reiten ohne Sporen und Gerte

So geht's: Sensibel reiten ohne Hilfsmittel

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Abrüstungsvorschläge
Ein feines Signal, eine prompte Reaktion: Wünschen Sie sich auch, dass das ganz ohne Gerte und Sporen klappt? Wir zeigen, wie Sie clever abrüsten.

Manchmal ist die Pferdeszene ziemlich verrückt: Reiter wiederholen gebetsmühlenartig den Wunsch nach Partnerschaft, Harmonie und feiner Kommunikation mit dem Pferd. Doch in Reithallen sind stechen, drücken und hauen vielerorts an der Tagesordnung.

„Die Idee vom feinen Reiten teilen viele, aber in der Realität werden Gerte und Sporen viel zu häufig eingesetzt“, sagt Bea Borelle. Die Ausbilderin gehört zur Schule der Légèreté. Das Problem sehen Ausbilder anderer Reitphilosophien genauso. Fast jedem Ausbilder sind schon Pferde mit loser Haut auf Sporenhöhe, Sporenlöchern im Haarkleid und Narben begegnet.

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Unwissenheit und Hilfslosigkeit sind oft schuld

Laut Horsemanship-Trainerin Sarah Brummer sind sie der häufigste Grund für falschen Gebrauch von Gerte und Sporn: „Vielen Reitern ist nicht bewusst, was sie tun; sie sind in alten Mustern verankert. Sie wissen einfach noch nicht, wie man Pferde so fein belässt, wie sie es von Natur aus sind.“ Oft fehle ein gutes System, um dem Pferd die Hilfengebung richtig zu erklären. Außerdem spielt die Umgebung eine Rolle: „Es gibt so viele Reitställe, in denen Gerten selbstverständlich als Bestrafungs- und Druckmittel eingesetzt werden.“ Wer das ständig als normal um sich herum sieht, wird leicht weniger achtsam.

Gerte und Sporn haben als Hilfsmittel ihre Berechtigung – wenn sie richtig eingesetzt werden. Der Sporn kann fein und punktuell einwirken. Genauer, als ein Schenkel das schafft. Er kann die Hinterhand aktivieren und in der weiteren Ausbildung helfen, das Abfußen zu verbessern. „Wenn das Pferd sensibel auf den Schenkel reagiert und weiß, wann es nach vorn oder zur Seite gehen soll, dann kann der Sporn noch punktgenauer eingesetzt werden“, erklärt Dressur-Ausbilderin Britta Schöffmann.

Die Gerte kann antippen und für das Vorwärts sorgen, kann touchieren oder begrenzen. In der Arbeit an der Hand und als Stick im Horsemanship-Bereich ist sie ein wertvolles Kommunikationsmittel.

Sporen sind nicht zum Treiben gedacht.

Dass viele Reiter sie trotzdem zum Vorwärtsreiten nutzen, ist der verbreitetste Fehler. „Wer ein triebiges Pferd hat, darf nicht auf Sporen setzen“, erklärt Britta Schöffmann. Stattdessen muss die Ursache für die vermeintliche Faulheit gefunden werden. „Diese liegt sehr häufig im unausbalancierten Reitersitz, der das Pferd bremst.“ Schöffmann warnt: „Wer dann zu Gerte oder Sporen greift, doktert an einem Symptom herum, aber greift nicht die Ursache!“

Häufig stumpfen Pferde ab. Das passiert meist, weil der Reiter freundlich sein will und dadurch uneindeutig wird, erklärt Britta Schöffmann weiter. „Durch ein bisschen Klopf, Klopf mit dem Schenkel, Patsch, Patsch mit der Gerte oder ständiges Sporengewackel stumpft das Pferd ab.“

Großes Problem: Der Reiter verändert nichts, egal ob das Pferd seiner Aufforderung folgt oder nicht. Wird es fleißiger, treibt er beispielsweise in gleicher Stärke weiter; reagiert es überhaupt nicht, bleibt die Intensität des Treibens ebenso gleich. So ist es für das Pferd nicht klar, was der Mensch meint. „Das Treiben scheint für das Pferd dann einfach dazuzugehören und keine Reaktion zu erfordern“, so Schöffmann. Hier beginnt oft der Teufelskreis: „Dann wird aufgerüstet, weil das Pferd vermeintlich faul ist.“

Video-Analyse verdeutlicht unbewusste Muster

Kerstin Gerhardt, Bereiterin FN und ehemalige Berufsschullehrerin für Pferdewirte, hilft Schülern, die unbewusst zu viel mit Gerte oder Sporn agieren, gern per Videoanalyse: „Die meisten Menschen wollen das Gute für ihr Pferd. Es hilft, wenn sie sich selbst reiten sehen.“

Im Anschluss daran ist fokussierter Unterricht wichtig: Der Ausbilder läuft mit und achtet darauf, dass der Schüler nicht im Schritt schiebt und nicht unbewusst Schenkel und Sporn nutzt. „Sehr wertvoll ist es auch, mal auf einem feinen Lehrpferd zu fühlen, wie wenig Hilfen eigentlich erforderlich sind“, rät Gerhardt.

Ein guter Aufbau der Hilfen macht Hilfsmittel häufig unnötig

Horsemanship-Trainerin Sarah Brummer erklärt am Beispiel des Antretens unter dem Reiter ihren Ansatz: „Ich wirke in Phasen unterteilt ein. Die erste ist die Vorstellungskraft – ich sitze auf dem Pferd und stelle mir vor, wie es antritt. Reicht das nicht, kommt Phase zwei: Ich verändere den Rhythmus in meinem Körper. Nicht wackelnd, nicht störend, sondern durch minimale Bewegungen. Phase drei: Ich nutze die Schenkel umarmend als Hilfe. Phase vier: Stimmhilfe. Phase fünf: Ich baue mit dem Stick rhythmische Energie auf. Ich hebe ihn an, ich schwinge ihn in der Luft. Ich berühre gegebenenfalls meinen eigenen Körper geräuschvoll damit oder tippe an die Schenkellage.“

Einen schrittweisen Aufbau der Hilfen gibt es in jeder Reitweise, wenn auch etwas angepasst. Er könnte für das konventionelle Dressurreiten durch bildhafte Vorstellung, Aufrichten des Reiters, Treiben und Gertentippen als letzten Schritt ersetzt werden. Ganz enorm wichtig, damit das Pferd die Abfolge versteht, ist das Herunterstufen, sobald sich das Pferd bewegt. Der Reiter hört dann auf, Gerte oder Stick zu nutzen, zu treiben oder die Körperspannung intensiv zu nutzen. Das Pferd lernt durch Verknüpfung dieser Schritte, was es tun soll, und reagiert immer feiner.

Je besser das Pferd die Hilfen versteht, desto feiner kann es reagieren. Dann wird es eher schon in Phase eins oder zwei antreten. „Vor der Verfeinerung der Hilfe steht ihre Verstärkung“ ist ein Wahlspruch von Bea Borelle, der genau auf diesen Aufbau abzielt. Der Mensch muss in der Fragestellung, der Hilfengebung, der Antwort und der Belohnung klar sein fürs Pferd. Wichtig ist, dass der genaue Ablauf immer gleich eingehalten wird, und nicht etwa mit Phase vier begonnen wird.

Widersprüchliche Signale machen Pferde faul.

Dafür, wie man solche Kandidaten wieder fleißig macht, gibt es einige Rezepte. Allen ist gemein, dass das Pferd eine prompte Reaktion zeigen soll und dafür aber auch prompt belohnt wird. Show- und Turnierreiterin Lisa Röckener geht im Unterricht so vor: „Sporen kommen ab, die Gerte bleibt in der Hand. Meine Schüler sollen lernen, ihre Körperspannung zu nutzen. Sie ist das erste Mittel, dann kommen Schenkel und Stimme. Reicht das nicht, dann mit der Gerte antippen, ohne im Maul zu stören. Es ist ganz wichtig, dass der Reiter in dem Moment nicht das Pferd vorn festhält!“ Sobald die gewünschte Reaktion eintritt, wird gelobt.

Kerstin Gerhardt macht Pferde an der Longe fein: „Die Pferde lernen dabei, auf eine Stimmhilfe sofort zu antworten: Schnalzen bedeutet bedingungsloses Vorwärtsgehen“, erklärt sie. Im nächsten Schritt steigt ein Bereiter auf das Pferd, „denn nur in seltenen Fällen kann das der Kunde selbst lösen“.

Der Bereiter soll ohne Schenkeldruck anreiten, nur indem er das Brustbein anhebt und so seine Körperspannung erhöht. Hinzu kommt das Schnalzen wie vom Longenführer bekannt. Wenn nötig, geht Kerstin Gerhardt von unten mit der Longierpeitsche hinterher, um treibend nachhelfen zu können, wenn das Pferd nicht vorwärtsgeht.

Zischen mit der Gerte macht sie dauerhaft überflüssig

Britta Schöffmann nutzt bei Pferden, die kaum mehr auf Vorwärtsimpulse reagieren, das Zischgeräusch der Gerte in der Hand des Reiters (siehe Übung „Ist Ihr Pferd abgestumpft?“). „Das Geräusch kennen die meisten Pferde noch vom Züchter, etwa von Fohlenschauen, und laufen prompt los“, erklärt Schöffmann. Verstärkt das Zischen die Schenkelhilfe, wird diese bald genügen und Sie können die Gerte weglassen.

Die Dosis macht den Geschmack. Horsemanship-Trainerin Sarah Brummer benutzt beim Reiten keine Sporen, wohl aber den Stick, der eine Verlängerung ihres Arms darstellt. Freiarbeitsprofi Lisa Röckener nutzt Gerten am Boden als Hinweisinstrumente und zum Touchieren oder den Sporn beim Reiten ohne Zaumzeug, etwa für eine bessere Biegung.

Auch mit Gerte und Sporen ist feines Reiten also durchaus möglich. Wer ihren Einsatz kritisch reflektiert, muss nicht gleich ganz abrüsten und beides in die Ecke pfeffern – es reicht, aus den Waffen feine und fair eingesetzte Hilfsmittel zu machen.

19.03.2019
Autor: Jeanette Aretz
© CAVALLO
Ausgabe 3/2019