GHP: Die 10 besten Übungen zur Geführten Gelassenheitsprüfung

Die Sache mit dem Schirm

Die Geführte GHP besteht jeweils aus einer Folge von 10 Aufgaben, die sich aus sechs Pflicht- und vier variablen Aufgaben zusammensetzt. Jede GHP beginnt mit der Aufgabe „Vorstellen“. Die variablen Aufgaben werden vom Veranstalter frei aus dem unten angegebenen Aufgaben-Pool von 10 Aufgaben gewählt. Drei Tropfen Regen plus ein aufgespannter Schirm gibt ein erschrecktes Pferd. Sie können das ändern.
Foto: Sdun Regenschirme in der GHP

Nasse Tatsachen: Regenschirme sind alltäglich.

Sie schweben im Ritt Ihres Lebens durch die Dressurprüfung. Schlagartig hat der Traum ein Ende, als erste Tropfen fallen und Regenschirme aufschnappen: Mit einem Riesensatz erschrickt Ihr Pferd und wirft Sie dabei ab. Sie begegnen zu Regenbeginn Spaziergängern im Wald, die ebenfalls die Schirme spannen. Ergebnis siehe oben: Mit einem Riesensatz erschrickt Ihr Pferd.

Der Regenschirm ist fester Bestandteil der deutschen Landschaft, weshalb Pferde ihn kennen müssen. Das "Gassen-Hindernis" in der GHP prüft, wie souverän ein Pferd mit dem bunten Schreck umgeht. Es besteht aus einer zwei Meter langen und ebenso breiten Gasse, die durch eine Sägespänemarkierung gebildet wird. Ein oder zwei Schirme liegen auf der linken Seite hinter der Markierung aufgespannt auf dem Boden. Während Sie samt Pferd die Gasse passieren, läßt ein Helfer einen Automatikschirm zweimal schnell hintereinander aufschnappen. Das Pferd soll dabei nicht vor Schreck aus der Gasse springen, sondern unbeeindruckt weitergehen.

Wie bei jedem Anti-Schreck­training kann auch hier das Pferd immer wieder einen Satz machen. Ri­s­kie­ren Sie weder gebrochene Füße noch blutige Hände, sondern tragen Sie feste Schuhe und Hand­schuhe. Der Ausbilder Peter Pfister aus Eschenburg in Hessen schwört zum Training auf Knotenhalfter und zwei Meter langen Führstrick: „Der Strick ist nicht gleich zuende, wenn das Pferd den Kopf hochreißt. Das ist wichtig, denn wenn es loskommt, lernt es, daß sich Widersetzlichkeit lohnt.“

Dabei räumt er gleich mit der Mär auf, daß eine Trense mehr Kontrolle über ein Pferd verleiht als ein Halfter: „Ein unerzogenes, schreckhaftes Pferd haben Sie mit der Trense so wenig im Griff wie mit dem Halfter. Mit einer Trense rucken Sie ihm aber zusätzlich ständig im Maul rum. Gerade das dürfen Sie nicht, weil Sie es ja nicht fürs Reiten und die Zügelhilfen verderben wollen.“ Der Schmerz im Maul macht das Pferd außerdem hektischer statt gelassener.

Ein dünnes Knotenhalfter wirkt nachdrücklich, präzise und flößt dem Pferd notfalls Respekt ein. „Mit einem normalen Stallhalfter kann jedes Pony einen Erwachsenen durch die Gegend schleifen.“ Wie üblich gibt es auch beim Schirmtraining unterschiedliche Wege zum Ziel:

1. Die Alles-nicht-so-wild-Methode: Trauen Sie sich und Ihrem Pferd mehr Mut zu. Nicht zaghaftes Gewöhnen, sondern selbstverständlicher Gehorsam heißt die Devise. „Wenn das Pferd Sie als Boß respektiert und weiß, daß ihm
in Ihrer Gegenwart nichts zustößt – schließlich sind Sie gefälligst für seine Sicherheit verantwortlich –, lassen Sie einen Helfer den Schirm beherzt in einiger Entfernung aufspannen“, rät Ausbilder Michael Geitner aus dem bayerischen Rechtmehring. „Das Pferd hat nur auf einen zu achten, und das sind Sie.“

Er warnt vor zaghaftem Streicheln, Schirm zeigen und Zeitlupenbewegungen. „Nach meiner Erfahrung verunsichert das Pferde viel mehr.“ Wenn die Grundlagen stimmen, ist der Schirm dem Pferd egal. „Es paßt auf Sie auf und läßt sich nicht durch die Umwelt ablenken.“

Regt sich das Pferd auf, lenken Sie es sofort mit anderen Übungen (Rückwärts, Vorwärts, Stillstehen, Rückwärts) ab. Lassen Sie ihm keine Pause, sondern fordern Sie prompten Gehorsam. Sowie es in der Gegend herumschaut oder Sie ignoriert, rucken Sie am Halfter. Zwingen Sie das Pferd, ständig auf Sie zu achten. Dann klappen Sie den Schirm erneut auf. „Sowie das Pferd darauf starrt, rucken Sie am Halfter und erinnern es daran, wo die Musik spielt“, so Geitner, der mit dieser Methode ein Pferd in einer Stunde schirmfest trainiert.

Der Trick dabei ist simpel: Das Pferd lernt, daß es nicht ständig wachsam in der Gegend herumschauen muß. Es genügt, sich auf den Menschen zu konzentrieren; wenn der Mensch in der Nähe ist, geschieht dem Pferd nichts Böses. Dieses Muster ist wirksam, weil es in allen Schrecksituationen greift: Hat das Pferd einmal gelernt, daß stets allein die Konzentration auf den Menschen zählt, ist es egal, ob die Schirme grün oder blau sind; ob ein Vogel im Busch raschelt oder dem Pferd ein Ball vor die Füße rollt.

Für Einsteiger birgt das freilich Risiken: Wer nicht einschätzen kann, ob er sein Pferd mit dieser Methode noch stärker aufregt, sollte den langsamen Weg gehen.

2. Die Behutsam-Methode: Halten Sie Ihrem Pferd den geschlossenen Schirm unter die Nase. Nimmt es ihn gelassen hin, streicheln Sie es mit dem Schirm. Am Hals beginnen, langsam Richtung Kruppe vorarbeiten. Dabei kann ein Helfer das Pferd halten. Wenn das Pferd sich aufregt, dürfen Sie auf keinen Fall tätscheln, loben oder beruhigen. „Das kommt beim Pferd wie ein Lob für sein Gezappel an“, erklärt Peter Pfister. „Ermahnen Sie es lieber kurz und knackig: „Jetzt reiß dich aber zusammen! Wenn es dann ’Jawoll’ sagt und mitmacht, können Sie immer noch loben.“

Stellen Sie sich schräg vor Ihr Pferd und klappen den Schirm auf. Spulen Sie das Kennenlern-Programm ab: betrachten und beschnuppern lassen, Pferd vorsichtig von vorn bis hinten berühren. Schließen Sie vor den Augen
Ihres Pferds den Schirm und öffnen ihn wieder. Einige Male wiederholen, dabei Tempo steigern. Gehen Sie ums Pferd und öffnen den Schirm.

Hinter dem Pferd sollten Sie auf jeden Fall deutlich außer Reichweite der Hufe stehen – schließlich bleibt ein Pferd ein Tier, das unberechenbar ausschlagen kann. Ist das Geraschel und Gefalte Ihrem Pferd egal, können Sie den Schirm getrost zum nächsten Ausritt mitnehmen. Wetten, daß es dann garantiert nicht regnet?

29.12.2008
Autor: Redaktion CAVALLO
© CAVALLO
Ausgabe 11/2003