Medizin-Kompendium Colitis Lisa Rädlein

Darmentzündung beim Pferd: Symptome und Behandlung

Darmentzündung beim Pferd Was tun bei Colitis X?

Gerät die Darmflora aus dem Gleichgewicht, kann das fürs Pferd lebensbedrohlich werden. Wie behandeln Tierärzte die Darmentzündung?

Der elfjährige Warmblutwallach war gerade in seine Box zurückgekehrt, als direkt vor ihm ein Traktor Feuer fing. Die Stallbetreiber jagten das Pferd gemeinsam mit 20 anderen panisch aus dem Stall und auf eine Schnellstraße.

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Medizin-Kompendium Colitis X beim Pferd - Gifte im Darm
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Am nächsten Tag zeigte der Wallach Kolikanzeichen wie Appetitlosigkeit und fehlende Darmgeräusche. Seine Besitzerin rief sofort die Tierärztin. Eine halbe Stunde später bekam das Pferd Durchfall, die Darmwand wies bei der Untersuchung bereits ödematöse Schleimhautverdickungen auf. Die Diagnose der Tierärztin: stressbedingte Colitis X. Der Wallach überlebte das nicht.

Wissenswertes zur Anatomie

Der Darm eines Pferds ist je nach Rasse und Größe circa 25 bis 39 Meter lang. Im Dünndarm zerlegen Enzyme die Nahrungsbestandteile Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette in ihre Einzelteile. Der Dickdarm mit Blinddarm und Grimmdarm arbeitet vor allem als Gärkammer.

Hier leben Billionen verschiedener Einzeller und Bakterien. Diese Darmflora (Mikrobiom) ist auch ein wichtiger Teil der Immunabwehr. Die Mikroorganismen wirken wie eine Barriere gegen schädliche Keime oder verhindern, dass diese Überhand nehmen.

Bakterien wie bestimmte Clostridien, Escherichia coli und Streptokokken gehören in begrenzter Anzahl zur normalen Darmflora. Auch Erreger wie Salmonellen können in geringem Maße vorkommen, ohne gefährlich zu werden. "Gute" Keime fördern zudem die Bildung sogenannter Immunglobuline, Antikörper, die die Abwehr stärken und Allergien vorbeugen können.

Was verursacht die Colitis X beim Pferd?

Unter Colitis X (auch Typhlocolitis genannt) wird eine nicht-ansteckende, akute Entzündung im Dickdarm verstanden. Diese wird in der Regel durch Stress ausgelöst und tritt bei Pferden aller Altersklassen auf. Stress stört die Stabilität der Darmflora immens.

Auslöser können etwa Transporte, ein Stallwechsel, die Trennung von Stute und Fohlen, Schmerzen, ein Klinikaufenthalt oder auch beängstigende Erlebnisse wie ein Stallbrand sein. Futterumstellungen oder längere Hungerphasen sorgen ebenfalls für Stress.

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Ein Transport kann Stress auslösen, der wiederum als Ursache für eine akute Colitis gilt.

Auch Bakterien bzw. deren Gifte spielen eine Rolle. Wenn sich Erreger (vor allem Escherichia coli, Clostridium difficile und Clostridium perfringens) massiv vermehren, entstehen Endotoxine. Diese Giftstoffe können zu Veränderungen und Entzündungen der Darmschleimhaut führen. In schweren Fällen können sogar ganze Schleimhautbereiche im Darm absterben.

Auch Antibiotika können die Darmflora negativ beeinflussen und zu einer Antibiotika-assoziierten Colitis führen. Einer amerikanischen Studie zufolge sorgen Antibiotika dafür, dass sich im Darm der Bakterienstamm der Verrucomicrobia verringert. Diese Mikroben verhindern jedoch, dass die Darmschleimhaut von gefährlichen Keimen wie etwa Salmonellen besiedelt wird. Als riskant gelten etwa Wirkstoffe wie Tetrazykline, Rifamicin, Erythromycin oder Clindamycin.

Wie macht sich Colitis X bemerkbar?

Erkrankte Pferde wollen oft nichts mehr fressen, viele wirken apathisch. Die Schleimhäute am Maul und an den Augen können gerötet sein, bei einer hochgradigen Erkrankung verfärben sie sich bläulich (Schock). Puls- und Atemfrequenz sind erhöht.

Sind nur die vorderen Bereiche des Dickdarms betroffen, kann es zur Verstopfung kommen, wenn die veränderte Darmschleimhaut den Weitertransport des Kots behindert. Ein Großteil der erkrankten Pferde leidet jedoch an faulig-riechendem Durchfall (Diarrhö). Das entzieht dem Körper Flüssigkeit und verdickt das Blut.

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Aufgrund der gestörten Darmflora kommt es oft zu faulig-stinkendem Durchfall.

Betrifft die Erkrankung große Teile des Blind- und Grimmdarms und fehlt die Darmbarriere als Schutz, können sich die Toxine über die Blutbahn im Körper verteilen und im schlimmsten Fall zum Kreislauf- oder Organversagen führen.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose Colitis X?

Eine erhöhte Körpertemperatur, Puls- und Atemfrequenz können auf Colitis X hindeuten, ebenso wie rötlich oder bläulich verfärbte Schleimhäute. Tierärzte untersuchen rektal, ob bereits Darmwandverdickungen zu ertasten sind. Diese sind teilweise auch auf Ultraschallaufnahmen zu erkennen.

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Die Pulsfrequenz bei erkrankten Pferden ist zudem erhöht.

Wichtig für die Diagnose ist die Analyse der Blutwerte. Dr. Bettina Wollanke, Fachtierärztinfür Pferde an der LMU München, erklärt:"Besonderes Augenmerk liegt auf dem Hämatokritwert, also dem Verhältnis von Flüssigkeit zu Zellen, sowie dem Eiweißgehalt im Blut.

"Die Werte geben Auskunft, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist und wie die jeweilige Behandlung erfolgen muss. Je höher die Anzahl der roten Blutkörperchen, umso höher ist der Hämatokritwert. Bei Colitis-Patienten liegt dieser über 46 l/l (normal sind etwa 30 bis 40%). Die Zahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die für die Immunabwehr zuständig sind, sinkt zudem (< 5 Giga/l). Der Eiweißgehalt liegt bei über 75 g/l.

Im Kot prüft man, ob eine starke Vermehrung bestimmter Erreger vorliegt. "Schwieriger zu diagnostizieren sind Krankheitsverläufe, bei denen Pferde perakut innerhalb weniger Stunden sterben", sagt Dr. Bettina Wollanke. "Solche Fälle werden dann mitunter fälschlicherweise auf eine andere Todesursache zurückgeführt."

So behandeln Tierärzte Colitis X

Eine Colitis behandelt man symptomatisch. Die Patienten bekommen entzündungshemmende Medikamente und Infusionen, um ihren Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Je nach Befund gibt man den Pferden zudem Glucose und Elektrolyte, um Nährstoffdefiziten entgegenzuwirken. Ist die Colitis nicht antibiotika-assoziiert, kann der Tierarzt die Bakterien mit Antibiotika bekämpfen.

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Erkrankte Pferde brauchen Infusionen, um den Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen und Toxine auszuspülen.

"Ist der Eiweißverlust im Blut sehr hoch, infundieren wir auch Blutplasma von gesunden Spenderpferden", sagt Dr. Bettina Wollanke. Manche Kliniken haben gute Erfahrungen damit gemacht, dem Patienten über eine Nasensonde verdünnten Kot von gesunden Pferden zu spenden. "Generell reagiert auch nicht jedes Pferd auf jede Behandlungsmethode gleich gut", berichtet die Fachtierärztin.

Die Prognose hängt stark davon ab, wie schwerwiegend eine Colitis ist und wie schnell man sie erkennt und behandelt. Schwere Fälle der Darmentzündung sind lebensbedrohlich.

Wie lässt sich vorbeugen?

Wichtig ist in jedem Fall, Stress möglichst zu vermeiden. Wer sein Pferd langsam an Verladen und Transportieren, Turniere oder neue Artgenossen gewöhnt, kann Stressfaktoren minimieren. Auch Futterumstellung oder Stallwechsel können Stress bedeuten. Beim Aufenthalt in einer Klinik kann es sinnvoll sein, den besten Freund zur Beruhigung mitzunehmen.

"Vor 20 bis 30 Jahren hat etwa jedes zweite Pferd nach einer Operation eine Colitis bekommen", so Dr. Wollanke. "Heute geben wir Pferden vor oder nach einer Operation oder einer stressigen Behandlung oft vorbeugend ein Mittel, das die Immunabwehr des Pferdes steigert und die natürlichen Killerzellen aktiviert." Man spricht von einer sogenannten Paraimmunisierung.

Mögliche Langzeitfolgen der Erkrankung

Hufrehe ist eine häufige und sehr schmerzhafte Folgeerkrankung der Colitis. Sie entsteht, wenn die Toxine bestimmter Bakterien aus dem Dickdarm über die Darmwand in die Blutbahn gelangen und sich im Körper verteilen.

Gerade schwerkranke Pferde, die länger infundiert werden müssen, entwickeln oft auch Blutgerinnsel in den Halsvenen, die man für Infusionen nutzt. Das kann zu Schwellungen am Kopf und zu Schluckstörungen führen. An verschlossenen Venen können Tierärzte zudem die wichtige Infusionsbehandlung nicht mehr durchführen.

Die Expertin

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Dr. Bettina Wollanke

Dr. Bettina Wollanke ist Fachtierärztin für Pferde und Pferdechirurgie sowie für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Klinik für Pferde der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist außerdem Privatdozentin für Pferdekrankheiten und hat zahlreiche Fachartikel zum Thema Colitis verfasst und betreut. (www.pferd.vetmed.uni-muenchen.de)

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