Hospiz Lisa Rädlein

Das Pferde-Hospiz von Kerstin Wichelhaus

Der letzte Weg Ein Hospiz für Pferde

Ins Pferde-Hospiz von Kerstin Wichelhaus kommen Vierbeiner, die erlöst werden müssen. Eigentlich.

Teddy und Dana sind gekommen, um zu gehen. Doch sie sind geblieben – und das bis heute. Die beiden Tinker leben im Pferde-Hospiz von Tierärztin Kerstin Wichelhaus im baden-württembergischen Eppingen. Dort sollen Pferde normalerweise nur kurze Zeit bleiben, bevor sie über die Regenbogenbrücke gehen.

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Pferde-Hospiz Am Ende ist es gut
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Das Pferde-Hospiz ist eine Herzensangelegenheit von Tierärztin Kerstin Wichelhaus.

So war es auch bei Teddy (29 Jahre) und Dana (28 Jahre) geplant. Ihr Besitzer brachte sie im August 2020 in Wichelhaus’ Stall; dort sollten sie noch ein paar schöne Tage haben. Die zwei Tinker lebten in ihrem vorherigen Stall in getrennten Herden, waren dünn, schwach und gestresst. Kerstin Wichelhaus vereinte die beiden Pferde vor ihrem – geplanten – Abschied,Teddy bekam mehrmals täglich Heucobs.

Und dann schlugen die beiden dem Tod ein Schnippchen: Teddy nahm zu, die schüchterne Dana blühte durch die Gesellschaft ihres Bodyguards Teddy wieder auf. Einschläfern? Aus Kerstin Wichelhaus’ Tierarzt-Sicht nicht mehr angebracht.

Irdisches Paradies statt himmlisches

Die zwei Senioren dürfen nun tagsüber auf die Weide, nachts leben sie im Offenstall mit Auslauf. Teddy hat zudem ein kleines Futter-Separée, wo er fünfmal täglich Heucobs bekommt. Das ist so aufgebaut, dass kein anderes Pferd hinein-, Teddy aber jederzeit hinauskommt. Die beiden Tinker haben sich so gut erholt, dass für sie wieder leichtes Rentner-Training wie Spaziergänge oder Bodenarbeit auf dem Plan stehen.

Kein Wunder, dass die Senioren das himmlische Pferde-Paradies warten lassen, ihr Stall ist quasi die irdische Variante. Kerstin Wichelhaus hat den Hof erst vor wenigen Monaten gekauft, vorher hatte sie ihn gepachtet. Vor 400 Jahren wurde er als Mühle genutzt, seit vielen Jahrzehnten ist es ein Pferdehof – und nun auch ein Pferde-Hospiz. "Teddy und Dana haben mich eigentlich auf den Gedanken gebracht, das Hospiz zu gründen", so Kerstin Wichelhaus.

Ihr sei es schon immer ein Bedürfnis gewesen, erzählt die Tierärztin, "Tiere auf ihrem letzten Weg zusammen mit ihren Besitzern mit Empathie, Würde und Beistand zu begleiten. Es macht den Abschied leichter, wenn nicht der Tod das Leiden beendet, sondern wenn es zuvor noch eine kurze Zeit der Entspannung gibt."

Besitzer können auf dem Hospiz-Hof wohnen

Für diese Entspannung sorgt die Tierärztin auf ihrem Hof. Das fängt bei den Besitzern der Pferde an: Sie wohnen während der Hospiz-Zeit in einem Zimmer der Mühle, mit Blick auf die Weiden. In dieser Umgebung mitten im Grünen fällt der Abschied vielen ein wenig leichter. Auch die Vierbeiner dürfen ihre letzten Tage noch so gut wie möglich genießen.

"Viele Besitzer wollen ihre Pferde noch einmal auf die Wiese stellen", so die Erfahrung von Kerstin Wichelhaus. Die Tierärztin kann das oft ermöglichen, indem sie die vierbeinigen Hospizgäste medikamentös unterstützt.

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Kerstin Wichelhaus’ eigene Pferde leben mit ein paar Einstellern in einem Paddocktrail mit mehreren Unterständen und Heuplätzen.

Fünf Pferde hat sie in ihrem Hospiz bisher eingeschläfert. Darunter waren alte Tiere, junge Tiere, Pferde mit langen Leidensgeschichten wie Hufrehe, schweren Arthrosen, Sehnenschäden. Je nach Vorgeschichte und Pferde-Typ bringt Kerstin Wichelhaus sie ganz individuell unter, um Stress nach dem Wechsel vom heimischen Stall ins Hospiz zu vermeiden.

Einige Pferde bleiben in Einzelhaltung mit direkten Boxen- oder Koppelnachbarn. Andere stellt die Tierärztin mit einem ihrer eigenen verträglichen Pferde zusammen auf die Weide oder einen Paddock.

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Warmblut-Wallach Karli war dauerkrank, erholte sich aber wieder.

Vierbeinige Gesellschaft gibt es immer auf dem Hof: In einer Offenstallgruppe leben Wichelhaus’ Quarter-Horse-Stuten Special (6 Jahre) und Blondine (8 Jahre), ihr 17-jähriger Reitpony-Wallach Boy sowie ein paar Einsteller-Pferde. Dazu zählt auch Warmblutwallach Karli: Der heute 16-jährige Fuchs war immer wieder krank, hatte Blut im Urin, leidet an einer Strahlbeinzyste. Die Tierärzte waren ratlos, Karlis Besitzerin verzweifelt. Der Fuchswallach zog bei Kerstin Wichelhaus ein, erholte sich binnen weniger Wochen – und gab den Dauerkrankenschein ab.

Pferde beobachten füllt die Akkus der Tierärztin

So schön die Geschichten der Überlebenskünstler Karli, Teddy und Dana sind: Sie sollen nicht die Regel werden. "Ich strebe bewusst kein Rentnerparadies an, dieses Angebot gibt es bereits", betont Kerstin Wichelhaus. "Aber weggeschickt werden die Pferde natürlich auch nicht mehr."

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„Die beiden Rentner sind wieder so fit, dass sie sogar leichtes Training machen.“

Für die Unterkunft eines Hospizgastes berechnet Kerstin Wichelhaus je nach Aufwand zwischen 50 bis 100 Euro pro Tag. Dazu kommen die tiermedizinischen Leistungen sowie bei Bedarf die Unterkunft für den Pferdebesitzer (20 bis 30 Euro pro Nacht).

Doch Wichelhaus ist ja nicht nur Stallbetreiberin, sondern auch Tierärztin. Alle paar Minuten klingelt ihr Telefon. In einem Moment berät sie noch Pferdebesitzer, die ihre fachliche Einschätzung zu Röntgenbildern einer Ankaufsuntersuchung haben möchten. Im nächsten organisiert sie eine weitere Umbaumaßnahme auf ihrem Hof. Dennoch wirkt sie ruhig und gelassen.

Antrieb bekommt sie aus dem, was sie tut. "Wenn ich Energie brauche, setze ich mich zwanzig Minuten an die Weide und beobachte meine Pferde, danach sind die Akkus wieder voll." Urlaub sei nicht nötig. "Schauen Sie sich um, ich habe hier alles, was ich brauche", sagt sie.

Alles, was die Besitzer der Hospiz-Pferde während und nach dem Abschied von ihren Vierbeinern brauchen, organisiert die Tierärztin. Kerstin Wichelhaus kümmert sich bei Bedarf auch um die Einäscherung in einem Tierkrematorium oder darum, dass aus den Pferdehaaren ein letztes Schmuckstück als Andenken angefertigt wird – neben der Erinnerung im Herzen.

Kontakt & Info

Das Pferde-Hospiz von Kerstin Wichelhaus liegt in Eppingen (Baden-Württemberg). Die genauen Kosten für einen Hospizplatz hängen von der Art der Unterbringung ab. Bei Interesse schreiben Sie ihr eine E-Mail an: tierarzt-wichelhaus@t-online.de Kerstin Wichelhaus ruft Sie dann zurück. (www.tierarztpraxis-wichelhaus.de)

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