Erste Hilfe für Pferde Thomas Hartig
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Was bringt ein Erste-Hilfe-Kurs für Reiter?

Notfall-Kurs Erste Hilfe für Pferde

Erste Hilfe kann lebensrettend sein, aber was lernt man genau in einem solchen Kurs? Wir besuchen einen, pauken Anatomie und wickeln Verbände – mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Sonntagmorgen, neun Uhr, Reiterhof-Idylle im "Stüberl" des Matthofs nördlich von München: Es riecht nach Kaffee, nach Pferd, vom Putzplatz eine Etage tiefer ist Hufgetrappel zu hören – und auf den Tischen liegen ein Pferdebein, ein Stück Wirbelsäule, ein Unterkiefer und ein Schädel. Horror- statt Heimatfilm? Mitnichten, denn gemeinsam mit neun anderen Reiterinnen nehme ich heute an einem Erste-Hilfe-Kurs für Pferde teil.

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Erste-Hilfe-Kurs für Reiter Wo ist bloß der Puls?
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Auf dem Matthof gibt es reichlich Klientel für mögliche Notfälle: Rund 150 Pferde leben hier, seit vier Jahren gibt es regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse. "Ursprünglich hatten wir den Kurs für unsere Lehrlinge organisiert", sagt Hofchefin Birgit Matt. "Doch auch bei den Einstellern kam er gut an." Also gibt’s ihn mittlerweile jährlich, stets mit Verena Göttler als Referentin – "Hoftierärztin" und Besitzerin von Pferdebein & Co. auf dem Tisch.

Erste Hilfe ist mehr als nur Verbände anzulegen

Sollen wir das Pferdebein nun mit Verband umwickeln?, frage ich mich. Nein, die Tierärztin stellt vor das praktische Wie-lege-ich-Verbände-an-Wissen die Theorie. Denn nur, wer ein Grundlagenwissen über Anatomie hat, könne auch gut Erste Hilfe leisten. "Es geht heute nicht um Mund-zu-Nüster-Beatmung", beginnt Verena Göttler. "Ihr sollt lernen, die Zeit, bis der Tierarzt kommt, sinnvoll zu überbrücken. Heute Abend werdet ihr brenzlige Situationen besser einschätzen können."

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Auf Tuchfühlung mit den „Patienten“ ...

Los geht es jedoch nicht mit Krankheit, sondern Gesundheit: Wie verhält sich ein gesundes Pferd, welche Vitalwerte sind normal? "Die Besitzer kennen ihr Tier meist gut und ahnen, wenn etwas nicht in Ordnung ist", sagt Verena Göttler. Sie erklärt, wie man Fieber misst, wo der Puls zu fühlen ist und wie oft ein Pferd atmet. "Zählt die Atemzüge nicht an den Nüstern", rät sie, "schaut lieber an der Flanke nach."

Warum Lymphknoten nicht zu tasten sein sollten

Wir lernen, wo die Lymphknoten sitzen und dass sie schwer zu fühlen sind: "Wenn ein Laie sie direkt findet, sind sie geschwollen", so Göttler, die uns empfiehlt, auch die Schleimhäute zu kontrollieren. "Dafür zieht ihr die Oberlippe hoch und schaut, ob die Haut hellrosa ist." Ist sie ziegelrot, sei das ein Alarmzeichen für einen Schock.

Die Tierärztin spricht über die regelmäßigen Standard-Impfungen und gibt uns dabei gleich eine Hausaufgabe mit: "Sucht mal euren Impfpass! Die Besitzer wissen oft genau, wann ihr Pferd geimpft werden muss, haben aber keine Ahnung, ob bei ihnen eine Impfung fehlt."

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Spitz die Lippen, aber geknutscht wird nicht – nur ein prüfender Blick auf die Schleimhaut geworfen.

Während ich noch gedanklich meine Impfungen durchgehe, kommen wir zum ersten praktischen Teil, für den uns Isländerstute Afrika und Welshponydame Willma zur Verfügung stehen. Vorsichtig ziehe ich Afrikas Oberlippe hoch. Ihre Schleimhaut sieht aus, wie sie soll: hellrosa.

Willmas Lymphknoten kann ich nicht finden – ebenfalls ein gutes Zeichen. Umso schneller ertaste ich Afrikas Schlagader an der Innenseite ihres Unterkiefers. Fünfzehn Sekunden lang soll ich den Puls zählen und das Ergebnis mit vier multiplizieren. Macht 36 Schläge pro Minute, errechne ich – alles in bester Ordnung.

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„Eigentlich sollte jetzt ein Herzschlag zu hören sein – ich höre nur nichts“ Sina Horsthemke bewaffnete sich für CAVALLO mit Stethoskop und Verbandsmaterial.

Um Wilma ist es nicht so gut bestellt, sie hat keinen Herzschlag – zumindest kann ich ihn durch das Stethoskop nicht hören, obwohl die Stute quicklebendig vor mir steht. Verena Göttler korrigiert mich am Ponybauch um zehn Zentimeter nach oben, da vernehme ich den Herzschlag der Stute.

Als nächstes soll ich Fieber messen und schiebe Willma zaghaft das Thermometer in den Po. "Tiefer", sagt Verena Göttler bestimmt, "das muss bis zum Display rein!" Als das Gerät endlich piepst, stellt sich Willma auf meinen Fuß. Zum Glück ist sie nur ein Pony, aber Anlass genug für einen Hinweis der Tierärztin: "Manche Pferde schlagen aus, wenn man Fieber misst. Stellt euch daher immer seitlich daneben."

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– aber bitte bloß nicht beim Fieber messen, das kann sonst ziemlich schmerzhaft werden.

Schlundverstopfung beim Pferd, Weingummi für Reiter

Genug Fieber gemessen, weiter geht’s mit der Theorie im Reiterstüberl: Was gehört in die Stallapotheke? Was kann man gegen die Zivilisationskrankheit Husten ("der klingt immer elend", so Göttler) tun? Wie werden Pferde richtig gefüttert? Und wie funktioniert die Verdauung – Stichwort Kolik? Dazu kommen die bereitliegenden Ober- und Unterkiefer zum Einsatz, denn die Zähne sind die erste Verdauungsstation.

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Von Pferde-Schädel bis zum Huf alles anschaulich dabei ...

Hengstzahn, Wolfszahn, Backenzahn, Schneidezahn – mir dröhnt so langsam der Kopf. Lehrling Julia offenbar auch, denn sie öffnet passend um Zahn-Thema eine Dose Weingummis. Zum Glück verursachen die bei uns keine Schlundverstopfung. "Ein saublöder Notfall, der vermeidbar ist", kommentiert Göttler. "Dabei kann Futter in die Lunge gelangen und dort eine Entzündung auslösen."

Bis der Tierarzt eintreffe, sollten Besitzer das Pferd führen und die linke Halsseite Richtung Rumpf massieren. Führen ist – neben Futterentzug – auch bei Kolik das Mittel der Wahl. Nicht jedoch für uns: Wir verdauen das gesammelte Wissen des Vormittags in der Mittagspause.

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– aber wo war nochmal welcher Zahn und welche Sehne?

Anschließend steht die Anatomie-Theorie an, und ich verzweifle an den Knochen des Pferdebeins: Röhrbein, Fesselbein, Kronbein – wie war nochmal die Reihenfolge? "Bei Verletzungen und Lahmheiten ist es wichtig, dass ihr die Anatomie kennt", mahnt Göttler und schickt uns dann an Shettywallach Jamboo und Fjordstute Lamentha: Mit Fingerfarbe sollen wir bei ihnen die richtige Position der Knochen aufmalen.

Azubi Julia hat die Halswirbelsäule als Aufgabe bekommen, zieht den Strich knapp unterhalb des Mähnenkamms bis zum Widerrist – viel zu hoch, "setzen, sechs!", ruft Tierärztin Verena Göttler und schmunzelt.

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Tierärztin Verena Göttler macht Knochen mit Fingerfarbe sichtbar.

Ich lache noch, da bekomme ich von ihr einen Farbklecks in die Hand: "Wo sind die Gleichbeine?" Uff. Ich schwöre, ich habe aufgepasst, Ellbogen, Griffelbeine und Beugesehne könnte ich aus dem Effeff zeichnen – aber wo waren nochmal die verflixten Gleichbeine? Etwas hilftlos male ich Lamentha auf der Rückseite ihres Vorderbeins einen langen Strich vom Ellbogen bis zum Fesselgelenk – und liege damit völlig daneben. (Gleichbeine sind kleine Knochen auf der Rückseite der Fesselgelenke.)

Warum eine Blutlache gar nicht so schlimm sein muss

Zum Glück wechseln wir kurze Zeit später zur Wundversorgung. "Ob eine Verletzung tief ist oder nicht, ist oft gar nicht entscheidend", sagt die Tierärztin. "Wichtig ist, wo sie ist und wie lahm das Pferd ist. Lahmt es bei einer kleinen Wunde stark, stimmt etwas nicht. In der Natur können sich Pferde Lahmheit nämlich nicht erlauben." Besser sei da tatsächlich eine Kombi aus Blutlache und lahmfreien Pferd; dann sei die Verletzung wahrscheinlich nicht so schlimm.

Wir lernen, wie wir Wunden ausrasieren, desinfizieren und sprechen über typische Krankheiten wie Hufabszesse, Hufrehe, Spat oder Hufrollenentzündung. "Ein Nageltritt ist übrigens ein Notfall", betont Verena Göttler. Treffe der Nagel Beugesehne, Schleimbeutel oder Hufgelenk und verursache dort eine Infektion, könnten die Folgen tödlich sein.

Ihr Tipp: "Den Nagel mit einer Zange herausziehen und die Einstichstelle mit Nagellack oder Edding markieren, damit der Tierarzt den möglichen Schaden besser einschätzen kann."

Apropos Hufabszess: Aus einer Windel, so Göttler, könne man ratzfatz einen tollen Hufverband machen. "Aber nur, wenn es trocken ist", warnt sie augenzwinkernd. "Die Dinger haben genau die Saugkraft, die die Werbung verspricht."

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Gut gewickelt: Autorin Sina Horsthemke legt einen Hufverband an.

Ohne Windel, dafür mit Verbandsmaterial geht es nun zum nächsten Praxis-Teil. Lamentha soll von mir einen Hufverband bekommen. Ich bin in den letzten Umwicklungen, da hat die Stute genug, zieht das Bein weg und mir den Verband aus der Hand. Der blütenweiße Stoff rollt in den Dreck. Mist! Immerhin klappt der Stützverband besser, ich bekomme sogar ein Lob von Verena Göttler: "Der sitzt gut, bei den meisten ist das zu locker."

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Blöd, dass die Stute keine Lust darauf hat – da ist danach Aufwickeln angesagt.

Mit diesem Erfolgserlebnis endet der Kurstag für mich. Wenn in meinem Stall demnächst ein Notfall auftreten sollte, fühle ich mich mit dem geballten Erste-Hilfe-Wissen jetzt gut gerüstet. Und wo die Gleichbeine sind, werde ich so schnell auch nicht mehr vergessen.

Die Kursleiterin Verena Göttler

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Die Kursleiterin Verena Göttler.

studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und ist seit 2001 Tierärztin an der Pferdeklinik in Parsdorf. Zu ihren Spezialgebieten gehören etwa Orthopädie, Gynäkologie, Geriatrie und Gastroskopie. pferdeklinik-in-parsdorf.de

Die Stall-Apotheke

Um Ihrem Pferd im Notfall besser helfen zu können, sollten Sie Folgendes griffbereit und trocken im Stall lagern (und alles einmal jährlich auf Vollständigkeit und Haltbarkeit kontrollieren):

• Taschenlampe/Stirnlampe
• Schere/Rasierer
• Fieberthermometer
• Desinfektionsspray (z. B. Codan)
• Verbandsmull/Bandagierunterlage
• Mullkompresse
• Fleece- oder Wollbandagen (ohne Gummi)
• Panzertape
• Wundsalbe

Was ist normal?

Ein gesundes Pferd hat eine ganz bestimmte Temperatur, Herz- und Atemfrequenz. Sind die Werte grundlos erhöht, deutet das auf eine Krankheit hin.

• Puls in Ruhe: 28–40 Schläge/Minute
• Atemfrequenz in Ruhe: 8–16 Atemzüge/Minute
• Körpertemperatur rektal: 37,5–38,2 °C

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