Medizin-Kompendium: Was hilft bei Hahnentritt?
Hahnentritt: Ursachen, Diagnose & Behandlung

Die Bewegungsstörung ist lästig fürs Pferd. Schuld sind entzündete Nerven, Bakterien oder Weidepflanzen. Was hilft dagegen?

Medizin-Kompendium Hahnentritt
Foto: Schönewald
In diesem Artikel:
  • Was verursacht Hahnentritt beim Pferd?
  • Wie äußert sich die Krankheit?
  • Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?
  • So behandeln Tierärzte Hahnentritt beim Pferd
  • Wie lässt sich vorbeugen?
  • Hahnentritt oder doch Shivering?
  • Der Experte

Die fünfjährige Hannoveraner-Stute graste schon den ganzen Sommer 2018 auf ihrer Weide; nachts war sie im Stall. Im Spätsommer zeigte die Stute plötzlich abnormale Atemgeräusche. Drei Tage später bemerkte der Besitzer, dass die Stute die Hinterbeine auffällig bewegte: Das Tier war am Hahnentritt erkrankt, ausgelöst durch Pflanzen auf der Koppel (Australian Stringhalt).

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Wenn das Bein ins Zucken gerät
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Was verursacht Hahnentritt beim Pferd?

Beim Hahnentritt unterscheiden Tierärzte zwei Formen: Der idiopathische Hahnentritt geht vermutlich von den Nerven aus (neurogen). Entzündete Neurone der Hintergliedmaßen oder Veränderungen der Schaltneuronen im Rückenmark kommen als Auslöser in Frage.

Auch Störungen der Golgi-Sehnenorgane könnten verantwortlich sein. Das sind Rezeptoren, die Spannungsveränderungen der Sehne registrieren. Sie können als Schutzinstanz das Zusammenziehen des zugehörigen Muskels hemmen (Kontraktion), falls sich ansonsten der Muskeltonus zu stark erhöhen würde. "Die Golgi-Organe können durch Pilzgifte, Drusebakterien und Bakterien, die Phlegmone verursachen, geschädigt werden", sagt Dr. Dirk Fister, Chef der Tierärztlichen Klinik für Pferde in Bilsen bei Hamburg. Degenerative Zustände des Ischiasnervs und seines Hauptastes (Nervus peroneus) sowie Muskelentzündungen könnten ebenso eine Rolle bei der Krankheit spielen.

Die zweite Form des Hahnentritts ist der toxisch bedingte, auch Australian Stringhalt genannt, weil er vor allem in Australien und Neuseeland vorkommt. In Japan und USA hat es ebenso Fälle gegeben wie mehrere in Deutschland. Als Auslöser werden Weidepflanzen vermutet: In erster Linie Gewöhnliches Ferkelkraut (Hypochoeris radicata), aber auch Löwenzahn (Taraxum officinale) gehört zu den verdächtigen Pflanzen. Im Pferdekörper könnten sie Gifte freisetzen, die dann die langen Rückennerven des Tiers angreifen.

Waren hierzulande bis 2009 nur wenige Einzelfälle des Australian Stringhalts bekannt, gab es seither mehrere Ausbrüche, vor allem 2018 in Sachsen. Forscher um Kathrin König (Klinik für Pferde, Tierärztliche Hochschule Hannover) untersuchten daraufhin, ob es Zusammenhänge zwischen den ökologischen Bedingungen auf den Weiden und der Inzidenz sowie Schwere der Erkrankungen gab. Ihre Schlussfolgerung: Australian Stringhalt sei zwar klar auf das Fressen von Ferkelkraut zurückzuführen. Aus dem reinen Vorkommen der Pflanze auf der Weide konnten die Forscher jedoch keine Rückschlüsse darauf ziehen, wie häufig und schwer Pferde am Australian Stringhalt erkranken würden.

Auch Spat oder Knieprobleme können das typisch hahnentrittige Gangbild (siehe nächster Abschnitt) auslösen. "Um das abzuklären, machen wir eine Knochen-Szintigrafie", sagt Dr. Fister. Verwechslungsgefahr besteht auch mit dem Shivering-Syndrom.

Wie äußert sich die Krankheit?

Das Pferd beugt beim idiopathischen Hahnentritt abrupt eines oder beide Hinterbeine; das Hinterbein wird ruckartig Richtung Bauch gezogen und ebenso schlagartig gestreckt. Die Bewegungsstörung tritt nur beim Anlaufen aus dem Stand oder im Schritt auf. In engen Wendungen oder beim Rückwärtsrichten verstärkt sich das Zucken meist. Bei manchen Pferden verschwindet die Störung, wenn sie ein paar Minuten gehen. Dr. Fister geht davon aus, dass die Erkrankung schmerzlos ist.

Der Hahnentritt tritt plötzlich auf. Erkranken können Pferde aller Rassen; vollblutgeprägte Tiere scheinen ein höheres Risiko zu haben als warmblutgeprägte. Beobachtet wurde der Hahnentritt bei Pferden über 5 Jahren. Mit der Zeit verschlimmert er sich oft: "Anfangs zuckt das Pferd vielleicht nur alle 14 Tage, dann einmal in der Woche und anschließend jeden Tag", sagt Dr. Fister. Fälle von Spontanheilung erlebte er nie. Manchmal verringern sich die Symptome, wenn das Pferd eine Zeitlang nicht hart gearbeitet wird. "Die Pferde komplett aus der Arbeit zu nehmen, schadet aber eher, weil dann die Muskulatur – vor allem die lange Sitzbeinmuskulatur – schwächer wird."

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Lisa Rädlein
Es können auch Muskeln im Bereich des Knies atrophieren wie der lange Zehenstrecker (M. digitalis longus, siehe Grafik)

Beim Australian Stringhalt sind meist beide Hinterbeine hochgradig betroffen; bei einigen Pferden sind die Muskelkrämpfe so stark, dass sie sich kaum fortbewegen können. Beuger und Strecker an der Außenseite des Kniegelenks schrumpfen (Atrophie); das kann auch beim idiopathischen Hahnentritt geschehen.

Beim Stringhalt kann es zudem zu Kehlkopflähmungen und abnormalen Atemgeräuschen kommen (verursacht durch verringerten Gehalt an Myelin in den Nervenbahnen). Weil die Krankheit durch Weidepflanzen verursacht wird, erkranken meist mehrere Tiere einer Herde.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Die zuckartige Bewegung eines oder beider Hinterbeine weist in den meisten Fällen auf Hahnentritt hin. Doch: "Per Szintigrafie fanden wir zum Beispiel bei einem Pferd Knorpelschäden im Rollkamm der Kniekammgelenke; nach einer Stammzellentherapie verschwand auch der Hahnentritt", berichtet der Pferdefachtierarzt. Daher sollten andere Ursachen wie Spat oder Knieprobleme per Röntgen- oder Szintigrafie-Aufnahmen ausgeschlossen werden. Pferdebesitzer sollten bei einem auffälligen Gangbild zudem prüfen, ob auf der Weide Ferkelkraut wächst.

So behandeln Tierärzte Hahnentritt beim Pferd

Es gibt keine Methode, welche die Symptome eines idiopathischen Hahnentritts mit hundertprozentiger Sicherheit beseitigt. Manche Tierärzte versuchen es mit lumbalen Sympathikusblockaden, einer Therapie, die in der Humanmedizin bei Nervenerkrankungen und Durchblutungsstörungen eingesetzt wird. Dabei werden Medikamente (Sympathikolytika) an die ausgehenden Nerven des Rückenmarks gespritzt, die hemmend auf den Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) wirken.

Empfohlen wird auch die Therapie mit Präparaten, die die Muskulatur entspannen (Muskelrelaxantien) und intravenös gespritzt werden. Tierärzte, die eine Nervenerkrankung vermuten, spritzen auch Vitamin B2 und B12.

Viele Tierärzte raten zur Operation. Dabei wird entweder nur ein Teil der Sehne des seitlichen Zehenstreckers (Musculus extensor digitalis lateralis) herausgeschnitten (partielle Tenotomie, siehe Grafik),

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Schuschkleb
Pferde haben einen seitlichen (1) und langen Zehenstrecker (2). Bei der OP (partielle Tenotomie) wird zwischen den Pfeilen) ein langes Stück herausgeschnitten. So kann das Pferd das Bein nicht mehr so hochziehen.

oder die gesamte Sehne samt Muskel wird entfernt (totale Resektion). "Manche Tierärzte kappen auch den Nervus tibialis", sagt Dr. Fister. Er bevorzugt die totale Resektion: "Die Muskulatur kann nicht mehr mit der Sehnenscheide verwachsen oder verkleben, was bei der partiellen Tenotomie häufiger vorkommt. Mit anderen Behandlungsmethoden hatten wir keine durchschlagenden Erfolge." Die Operation verbessere den Gang meist deutlich. "Dass die Symptome komplett verschwinden, ist allerdings selten."

Die Wundheilung nach der Operation dauert zehn bis 14 Tage; anschließend kann das Pferd wieder gearbeitet werden. Den Heilungserfolg kann der Besitzer nach der OP durch gezieltes Training verbessern. Fister empfiehlt Stangenarbeit im Schritt am langen Zügel: "Das hilft dem Pferd, den Takt zu halten."

Versammlung sollte der Reiter erst fordern, wenn das Pferd am langen Zügel taktklar geht: "Je mehr Spannung aufgebaut wird, desto eher tendiert das Pferd zum Hahnentritt." Dass der Hahnentritt arthrotische Auswirkungen hat (beispielsweise auf Knie oder Sprunggelenk) oder Wirbelsäulenblockaden nach sich ziehen kann, ist dem Tierarzt nicht bekannt.

Der australische Hahnentritt klingt meist von allein ab, wenn das Pferd die betreffenden Pflanzen nicht mehr frisst. Das Gangbild normalisiert sich aber nicht sofort wieder: Bis die Symptome verschwunden sind, kann es sechs bis zwölf Monate dauern, manchmal auch bis zu 18 Monate. Australische Tierärzte verabreichen ihren Patienten häufig Medikamente gegen Krampfanfälle (Antikonvulsiva).

Wie lässt sich vorbeugen?

Nur dem Australian Stringhalt lässt sich vorbeugen: Die Ausbrüche in Sachsen 2018 traten zwischen Ende August und Anfang Oktober auf, also gegen Ende der Weidesaison. Die Forschergruppe um Kathrin König rät, Pferde nicht mehr auf die Weide zu lassen, wenn diese abgegrast und auffallend mit Gewöhnlichem Ferkelkraut bewachsen ist.

Hahnentritt oder doch Shivering?

Shivering ist eine seit mehr als 100 Jahren bekannte neuromuskuläre Erkrankung – die leicht mit einem Hahnentritt verwechselt werden könnte: Die betroffenen Pferde leiden an Muskelkrämpfen der Hinterbeine und haben insbesondere Schwierigkeiten beim Hufegeben oder Rückwärtsgehen. Beim Reiten gehen viele Tiere anfangs steif und zucken manchmal während der ersten Schritte, laufen sich aber in der Regel schnell ein.

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Schönewald
Auch Pferde mit Shivering ziehen das Hinterbein abnormal hoch.

Das ist auch ein Gegensatz zum Hahnentritt, wo das Zucken im Schritt länger erhalten bleibt. Shivering-Pferde stellen zudem ihre Hufe nicht schlagartig ab, wie es Tiere mit Hahnentritt machen, sondern langsam, wenn der Anfall vorbei ist.

Der Experte

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privat
Dr. Dirk Fister ist Pferdefachtierarzt und FEI-Tierarzt.

Dr. Dirk Fister ist Pferdefachtierarzt und FEI-Tierarzt. Seine erste Praxis gründete er 1984 in Bönningstedt. 1991 wurde daraus eine Tierärztliche Klinik, die 2001 an den heutigen Standort nach Bilsen umzog. Seine Spezialgebiete sind Chirurgie, Orthopädie, Traumatologie sowie Innere Medizin und Gynäkologie/Andrologie. www.pferdeklinik-bilsen.de

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