Von außen auf Krankheiten schließen Lisa Rädlein

Pferde: Innere Krankheiten von außen entdecken

Blick fürs Detail Innere Krankheiten von außen entdecken

Innere Krankheiten können sich an äußeren Merkmalen zeigen. Experten verraten, auf welche Stellen sie einen genaueren Blick werfen und Probleme so enttarnen.

Diagnose auf Knopfdruck – das wäre toll, oder? Einfach ein paar Punkte am Pferd drücken, und zack: Schon weiß man, dass Probleme mit Magen, Nieren oder Eierstöcken die Ursache fürs Unwohlsein sind.

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Blick fürs Detail Innere Krankheiten beim Pferd erkennen
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So einfach ist es in der Praxis nicht, aber Experten können von außen manchmal schon sehr viel sehen und erfühlen: Empfindlich in der Gurtlage, verspannter Unterhals? Könnte der Magen sein. Sensibel an der Flanke? Da könnten Eierstöcke oder Blinddarm dahinter stecken.

Wir haben drei Expertinnen gefragt, welche äußeren Merkmale oder Empfindlichkeiten am Pferdekörper Rückschlüsse auf innere Erkrankungen zulassen könnten. Schauen Sie bei Ihrem Pferd doch auch mal genauer hin, fassen Sie es an – wie reagiert es, wenn Sie mit der flachen Hand und leichtem Druck über bestimmte Körperstellen streichen? Legt es die Ohren an, schlägt mit dem Kopf, weicht aus oder schnappt sogar? Und fühlt sich die Muskulatur auch noch hart an? Dann könnte es hier ein Problem haben.

Klar ist natürlich: Solche Auffälligkeiten geben nur erste Anhaltspunkte, keine sichere Diagnose. Dafür müssen Trainings- und Haltungsbedingungen ebenso miteinbezogen werden wie tiefergehende medizinische Untersuchungen – und natürlich ein Expertenblick.

Flanke

Empflindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Blinddarm, Nieren, Eierstöcke, Muskeln

So strahlen die inneren Probleme aus: Im Bereich der rechten Flanke liegen Teile des Dickdarms, genauer: der Blinddarm. Lässt sich das Pferd hier nur ungern anfassen, könnte das auf Probleme mit diesem hindeuten. "Ist der Blinddarm aufgegast, sieht man zudem eine Ausbeulung an der rechten Flanke", sagt Tierärztin Dr. Rosa Barsnick. Die Internistin untersucht in solchen Fällen, ob der Blinddarm wirklich aufgegast ist oder ob nur eine vermehrte Füllung vorliegt, denn: "Wird Raufaser schlecht verdaut, liegt es länger als Futterbrei im Bauch. Die Pferde sehen dann kugeliger aus." Ist so ein Kugelblitz aber träge und zeigt keine Leistung mehr, könnte auch eine Blinddarmentleerungsstörung dahinter stecken, so die Tierärztin.

Bei Stuten zeigen sich Veränderungen an den Eierstöcken mitunter an den Flanken, ergänzt Dr. Rosa Barsnick. Die Eierstöcke liegen etwas vor dem Hüfthöcker, in Richtung Pferdekopf. Schmerzen diese, reagieren manche Stuten an der Flanke empfindlich, andere am Rücken; wieder andere stellen ihre Hinterbeine auffällig heraus.

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Schauen und fühlen Sie an der Flanke mal genauer hin: Eine Ausbeulung oder eine abwehrende Reaktion auf der rechten Seite könnte ein Hinweis auf Blinddarmprobleme sein.

Lässt sich ein Pferd auf beiden Körperseiten an Flanken, Rücken und im Nierenbereich ungern berühren, könnten das Hinweise auf Nierenerkrankungen sein, so Tierärztin Winnie Dreschel. Weitere Diagnostik, Ultraschall und Blutproben geben bei einem solchen Verdacht Aufschluss.

Empfindlichkeiten können zudem hindeuten auf: Die schrägen Bauchmuskeln ziehen an der Flanke entlang. Sind die verspannt, werden Berührungen unangenehm, so Winnie Dreschel. "Auch Rückenbeschwerden können bis hier ausstrahlen."

Gurtlage

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Magen, Leber, verspannte Muskeln

So strahlen die inneren Probleme aus: Dort, wo der Sattelgurt verläuft, liegen Herz, Lunge und Leber im Brustkorb. Wehrt das Pferd auf der rechten Seite der Gurtlage Berührungen ab, könnte das ein Hinweis auf Leberprobleme sein, erklärt Chiropraktikerin Winnie Dreschel. Giftet das Pferd hier bei Berührungen oder beim Satteln, könnte zudem ein anderes Organ der Grund sein: "Eine erhöhte Sensibilität beim Gurten kann auch schon mal bei Magenproblemen vorkommen", ergänzt Tierärztin Dr. Rosa Barsnick. Ein solches Verhalten deute aber eher auf Gurtzwang oder Sattelprobleme hin.

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Im Bereich der Gurtlage reagieren manche Pferde empfindlich auf Berührungen. Hinter Abwehrreaktionen können unter anderem Probleme mit dem Magen stecken.

Empfindlichkeiten können zudem hindeuten auf: Verhärtete Faszien oder verspannte Muskeln (wie die am Brustbein ansetzende Brust- oder Bauchmuskulatur) schmerzen; das Pferd reagiert dann empfindlich auf Berührungen in der Gurtlage. Auch ein unpassender Sattel, ein zu fest angezogener oder nicht passender Gurt können die Ursache sein: "Sitzen die Gurtschnallen nicht richtig und drücken, sorgt das für Verspannungen im Bereich Brustbein und Rumpf", erklärt Winnie Dreschel. Und verbindet das Pferd Satteln mit unangenehmen Training, wird es aufs Satteln oder Berührungen in der Gurtlage ebenfalls abwehrend reagieren.

Bauch

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Magen oder Eierstöcken

So strahlen die inneren Probleme aus: Magenprobleme zeigen sich am Bauch. Fährt man mit der Hand vom Brustbein aus entlang der Bauchlinie nach hinten Richtung Nabel und legt das Pferd dabei die Ohren missbilligend an, "können oft Magenbeschwerden die Ursache dafür sein", sagt Pferdewissenschaftlerin Constanze Röhm.

Bei Stuten könnten auch Probleme mit den Eierstöcken hinter einer solchen Reaktion stehen. "Manche Stuten reagieren aber nicht am Bauch, sondern eher an der Flanke oder im Lendenbereich sensibel", ergänzt Tierärztin Winnie Dreschel. Auch eine auffällige Haltung kann bei Eierstock-Problemen auftreten.

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„Die ist nur kitzlig“? Will sich eine Stute am Bauch nicht anfassen lassen, hat sie vielleicht Probleme mit den Eierstöcken.

Unterkiefer

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Magen oder Zähnen

So strahlen die inneren Probleme aus: Magenschmerzen können sich bis in den Unterkiefer bemerkbar machen. "Pferde mit Magenproblemen haben oft einen hohen Muskeltonus. Der zieht sich von Rücken- und Bauchmuskulatur über den Unterhals bis zur Kiefermuskulatur", erklärt Futterberaterin Constanze Röhm.

Das könne man ganz einfach bei sich selbst ausprobieren: Spannt man die Halsmuskeln an, wird der Unterkiefer fest. Constanze Röhm hat zudem häufig beobachtet, dass Pferde mit Magenbeschwerden den Unterkiefer nach vorne schieben. "Das Pferd wird dann auch fest im Genick und lässt sich nicht mehr so gut biegen", sagt sie.

Ist die Muskulatur am Unterkiefer unterschiedlich ausgeprägt oder sogar eingefallen, deute das auf Zahnprobleme hin, vor allem bei älteren Tieren, sagt Tierärztin Dr. Rosa Barsnick. Bevor es soweit komme, gebe es aber schon deutlichere Anzeichen: Das Pferd kaut etwa Heuwickel oder magert ab.

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Es lohnt sich, auch auf die Muskulatur des Unterkiefers zu achten: Ist diese angespannt?

Aufälligkeiten können zudem hindeuten auf: Angespannte Kiefermuskeln sind Teil des sogenannten "Schmerzgesichts", das Pferde generell bei Schmerzen zeigen. Zu diesem Ausdruck zählen auch eine zusammen gekniffene Maulspalte, Kuhlen oder "Sorgenfalten" über den Augen oder nach hinten gerichtete Ohren. Die Ursache für ein solches Schmerzgesicht können Erkrankungen der inneren Organe sein, aber auch orthopädische Probleme.

Widerrist und Rücken

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Magen, Darm, Muskeln, Genitalien, Stoffwechsel

So strahlen die inneren Probleme aus: Bei Pferden mit Magenerkrankungen hat Futterexpertin Constanze Röhm oft beobachtet, dass diese versuchen "den Schmerzen auszuweichen. Dafür öffnen sie oft den Brustkorb. Das ist in etwa so, als würden wir die Schulterblätter am Rücken zusammenziehen." Diese Ausweichbewegung störe allerdings den normalen Bewegungsablauf des Schulterblatts und könne sich wiederum in deutlichen Kuhlen hinter dem Widerrist zeigen, dort, wo ein Teil des Trapezmuskels liegt.

Kommen zu solchen Kuhlen auch noch schwindende Rückenmuskeln hinzu, bildet sich also die gesamte Oberlinie des Pferds zurück, könnten chronische Darm- oder Stoffwechselerkrankungen wie Cushing die Ursache sein. Die erfordern vom Pferdekörper nämlich Energie, und eine negative Energiebilanz führt wiederum zu Muskelabbau.

"Auch bei chronischen Muskelerkrankungen wie zum Beispiel myofibrillärer Myopathie und Polysaccharid-Speicher-Myopathien oder der neurodegenerativen Erkrankung Equine Motor Neuron Disease bildet sich die Oberlinie zurück", erklärt Dr. Rosa Barsnick.

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Kuhlen am Widerrist entstehen nicht nur durch atrophierte Muskeln, weil der Sattel drückt. Bei Pferden mit Magenbeschwerden ändert sich der Bewegungsablauf der Schulter, was zu diesen Kuhlen führen kann.

Läuft es hingegen in der Leber nicht rund, kann die Folge sein, dass dort nicht mehr genügend Proteine gebildet werden – und die sind für eine gute Muskulatur wichtig. Auch Fütterungsmängel machen sich in einer schlechten Oberlinie bemerkbar, "wenn das Pferd beispielsweise zu wenig Vitamin E erhält", erklärt Internistin Dr. Rosa Barsnick.

Erkrankungen an Rücken oder Wirbelsäule (wie etwa Kissing Spines, eng stehende Dornfortsätze der Wirbelsäule) führen ebenfalls dazu, dass der Rücken festgehalten und die Muskulatur flacher wird. "Pferde lassen sich dann an Widerrist und Rücken nur ungern anfassen", sagt Tierärztin Winnie Dreschel.

Oft seien Pferde aufgrund fehlender Muskulatur und falschem Training auch nicht in der Lage, den Brustkorb richtig anzuheben. Das ist aber nötig, damit das Pferd den Reiter beschwerdefrei tragen kann. "Die Pferde hängen dann in der Muskelschlinge zwischen den Vorderbeinen und sind oft im Bereich von Brustbein und Sattellage empfindlich", so Winnie Dreschel. Bei Stuten können hormonelle Störungen, Zysten oder Probleme mit den Eierstöcken dazu führen, dass sie während oder nach der Rosse immer sehr fest oder empfindlich im Rücken sind.

Empfindlichkeiten können zudem hindeuten auf: Passen Sattel oder Decken nicht richtig, drücken die auf den Widerrist; das Pferd reagiert dann empfindlich auf Berührungen. Das tut es auch, wenn es aufgrund von Ausbildungsmängeln Rückenprobleme bekommt oder sich in seiner Haltungsform zu wenig frei bewegen kann.

Körperhaltung

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Magen, Darm, Niere, Rücken, Eierstöcke

So strahlen die inneren Probleme aus: Stellen Pferde auffällig die Hinterbeine heraus, "ist das definitiv nicht normal", so Dr. Rosa Barsnick. "Als Internistin schaue ich da nach Magen-Darm-Problematiken und vor allem Nierenerkrankungen." Schmerzanzeichen bei Letzterem seien oft sehr subtil, vor allem wenn nur eine Niere betroffen ist. Auch Veränderungen in den Eierstöcken können zu einer auffälligen Körperhaltung führen. Bei Rückenproblemen stellen manche Tiere ebenfalls Vorder- oder Hinterbeine heraus und drücken den Rücken weg.

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Entlastet das Pferd mit auffällig herausgestellten Vorder- oder Hinterbeinen, könnte das an Nierenproblemen liegen – oder falschem Training.

Aufälligkeiten können zudem hindeuten auf: Bewegt sich ein Pferd zu wenig oder wird es falsch trainiert, kann sich das in der Körperhaltung widerspiegeln: Der Rücken wird dann durchgedrückt, der Brustkorb hängt, der Unterhals ist angespannt und ausgeprägt. Gleiches gilt für gestresste Pferde: "Sie stehen häufiger in einer Art Hab-Acht-Stellung mit stark aufgerichteter Kopf-Hals-Haltung und angespanntem Unterhals oder weggedrücktem Rücken", sagt Tierärztin Winnie Dreschel.

Fesselgelenke

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Genkrankheiten, Schlafstörungen

So strahlen die inneren Probleme aus: Haben Kaltblutrassen häufig mit Mauke zu kämpfen, kann das genetische Gründe haben. "Dahinter könnte das chronisch-progressive Lymphödem stecken. Dabei wird die Lymphe nicht mehr abtransportiert. Das führt zu Hautfalten, in die sich wiederum Bakterien und Milben einnisten können", erklärt Dr. Rosa Barsnick. Je früher die Krankheit erkannt wird, umso besser; denn daraus kann eine Elephantiasis entstehen, ein "Elefantenfuß".

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Hat Ihr Pferd immer wiederkehrende Wunden am vorderen Teil der Fesselgelenke? Vielleicht schläft es nicht genug im Liegen und ist so übermüdet, dass es beim Dösen zusammenklappt.

Immer wiederkehrende Wunden am vorderen Teil von Fessel- oder Karpalgelenk können Hinweise auf Schlafstörungen geben: Legen sich Pferde nicht regelmäßig zum Schlafen hin, etwa aufgrund von Stress, können sie beim Dösen regelrecht zusammenklappen – und dabei auf die Gelenke fallen.

Unterhals

Empfindlichkeit kann Hinweise geben auf: Probleme mit Magen oder Wirbelsäule

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Ist der Unterhals verspannt, bildet sich eine sichtbare Kante. Solche Verspannungen können bei Problemen an der Wirbelsäule auftreten.

So strahlen die inneren Probleme aus: Drückt das Pferd bei Magenproblemen den Rücken weg, hebt es automatisch den Unterhals hervor. "Da sieht man oft eine klare Kante entlang der Drosselrinne", so Constanze Röhm. Diese hohe Muskelspannung könne man fühlen. Auch in der Akupunktur kann der Unterhals mögliche Magenprobleme anzeigen: "Hier verläuft der Magenmeridian", erklärt Tierärztin Winnie Dreschel. Probleme an der Wirbelsäule machen sich ebenfalls über einen festen Unterhals bemerkbar, etwa bei degenerativen Veränderungen der Wirbel oder Muskelverspannungen und Blockaden in der Halswirbelsäule.

Die Expertinnen

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Dr. Rosa Barsnick ist Fachtierärztin für Pferde und für Innere Medizin (Diplomate ACVIM und ECEIM). Sie leitete an mehreren Kliniken die Abteilungen Innere Medizin und arbeitet in der Tierklinik Maischeiderland. www.tierklinik-maischeiderland.de

Dr. Rosa Barsnick ist Fachtierärztin für Pferde und für Innere Medizin (Diplomate ACVIM und ECEIM). Sie leitete an mehreren Kliniken die Abteilungen Innere Medizin und arbeitet in der Tierklinik Maischeiderland. www.tierklinik-maischeiderland.de

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Winnie Dreschel ist Fachtierärztin für Pferde und (in Österreich) Chiropraktik. Sie unterrichtet an der International Academy of Veterinary Chiropractic (IAVC) und ist als Tierärztin für Chiropraktik und Akupunktur unterwegs. www.animalchiropractor.eu

Winnie Dreschel ist Fachtierärztin für Pferde und (in Österreich) Chiropraktik. Sie unterrichtet an der International Academy of Veterinary Chiropractic (IAVC) und ist als Tierärztin für Chiropraktik und Akupunktur unterwegs. www.animalchiropractor.eu

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Conny Röhm ist Pferdewissenschaftlerin und spezialisiert auf Pferdeernährung und Trainingsphysiologie. Sie leitet die Unabhängige Futterberatung Röhm und das Tierwissenschaftliche Institut Röhm. www.futterberatung-roehm.de

Conny Röhm ist Pferdewissenschaftlerin und spezialisiert auf Pferdeernährung und Trainingsphysiologie. Sie leitet die Unabhängige Futterberatung Röhm und das Tierwissenschaftliche Institut Röhm. www.futterberatung-roehm.de

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