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Krebstherapie beim Pferd mit dem Linearbeschleuniger

Letzte Chance für Daiquiry

Im Kampf gegen Krebs bei Pferden gibt es eine neue Waffe: den Linearbeschleuniger. Die Therapie ist einzigartig in Deutschland. Wie läuft sie ab?

Es ist elf Uhr vormittags, als das Beruhigungsmittel in Daiquirys Halsvene läuft. Ruhig steht die Haflingerstute in ihrer Box. Ob sie weiß, was jetzt kommt?

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Krebstherapie beim Pferd: Letzte Chance für Daiquiry
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Seit einigen Tagen wohnt die Achtjährige nun im hessischen Ort Linsengericht. In einem ganz normalen Stall, könnte man meinen: Neben ihr malmt ein Rappe sein Heu, es riecht nach Sägespänen, die Stallgasse mit zehn Boxen ist hell und aufgeräumt.

Doch das Gebäude ist Teil einer Klinik. Die Ärzte der Equinox Healthcare GmbH sollen Daiquirys Krebs heilen. Heute findet die vierte von sechs Bestrahlungen statt.

Wenn auf der Stallgasse die Sinne schwinden

Mit der Lebenserwartung steigt auch bei Pferden das Risiko von Tumorerkrankungen. Am häufigsten ist das Equine Sarkoid (44 %), ausgelöst von Papillomaviren. Auch Plattenepithelkarzinome kommen öfter vor – der weiße Hautkrebs macht bei Pferden etwa jede vierte Tumorerkrankung aus. Das Spindelzellsarkom, an dem Daiquiry leidet, ist ein bösartiger Weichteilgewebetumor, der bei der Stute überm Auge wächst. Eine OP und eine Chemoinjektionstherapie haben nicht geholfen, nun hat der Krebs die Knochenhaut erreicht. Die Bestrahlung ist die letzte Hoffnung für die Besitzer. Hilft sie nicht, droht ihr Pferd zu erblinden und am Krebs zu sterben.

Zwei Assistentinnen führen Daiquiry aus dem Stall. Der Rappe aus der Nachbarbox wiehert ihr nach, doch das scheint die Stute kaum zu hören: Das Beruhigungsmittel wirkt bereits und Daiquiry stakst etwas ungelenk über den gepflasterten Weg ins Klinikgebäude. „Ich verstehe, dass man sein Pferd wegen eines Tumors nicht einschläfern lassen will“, sagt Dr. Janine Brunner. Die aus der Schweiz stammende Tierärztin leitet die Veterinärmedizin der Equinox-Healthcare-Klinik seit der Eröffnung im Spätsommer 2017. „Fand man früher bei Pferden einen Tumor, waren das meist schlechte Nachrichten“, so die 33-Jährige, die mit ihren Kollegen mittlerweile rund 80 Pferde behandelt hat. „Heute können wir etwas tun.“

Verbreitet ist die Strahlentherapie bei Pferden allerdings noch nicht: Während es in den USA „bereits in sechs Einrichtungen möglich ist, Pferde mit Krebs zu bestrahlen“, so Brunner, gibt es in Europa nur zwei Kliniken, die Strahlentherapie für Großtiere anbieten: eine in Cambridge, Großbritannien, und die andere hier, mitten im Industriegebiet von Linsengericht. „Ein Drittel unserer Patienten kommt aus dem Ausland“, berichtet Brunner.

Stopfen ins Ohr, Salbe ins Auge, Beine am Haken

Um neun Minuten nach elf knickt in der Ablegebox Daiquirys Hinterhand weg. Ein kritischer Moment: Die gerade injizierte Narkose wirkt schnell und das 450 Kilo schwere Pferd kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Es darf sich jetzt auf keinen Fall verletzen: Acht Hände stützen die Stute und greifen ihr in Mähne und Schweif, sodass sie an die Gummiwand gelehnt kontrolliert zu Boden sinkt.

Jetzt geht alles ganz schnell: Mit routinierten Griffen versorgen die Assistentinnen das liegende Pferd mit Ohrenstopfen, damit es sich beim Aufwachen nicht erschreckt, und Augensalbe, weil es unter Narkose nicht mehr zwinkern kann. Tierpfleger André Nayderski legt Gurte um jedes Pferdebein – und binnen Sekunden hängt Daiquiry in der Luft an einem Haken. Zwei Tonnen hält der Kran – da ist ein Haflinger ein Leichtgewicht. „Pferde mit nur 450 Kilo sind tatsächlich die handlichsten.“ Brunner erzählt von einem 900 Kilo schweren Percheron-Kaltblut, das sie behandelt hat. „Einmal war auch ein Shetty da. Für das hätten wir den Kran eigentlich gar nicht gebraucht.“

Ein Architekturbüro, das Krankenhäuser für Menschen konzipiert, hat die Pferdeklinik in Linsengericht geplant – zehn Jahre vergingen von der Idee bis zur Eröffnung. „Normale tiermedizinische Strahlentherapie-Einrichtungen sind für Pferde oft zu klein“, sagt Brunner. „Sie haben zu schmale Türen und keine Tische, die ein Großpferd tragen.“ Dass sie nun zu einem Tisch transportiert wird und kopfüber durch die Halle schwebt, bekommt Daiquiry nicht mit. Schweif und Oberlippe hängen herab, eine Helferin stützt den Pferdekopf. Beatmet werden muss das Tier nicht – dafür ist die Narkose zu schwach. Der Tisch, auf den der Kran die Stute hievt, lässt sich rollen, trägt bis zu einer Tonne und besteht aus strahlendurchlässigen Kohlefasern.

Mitsamt Pferd schieben die Helfer ihn in den Nebenraum, wo vor kahlen Betonwänden das Herzstück der Klinik steht: der Linearbeschleuniger. Erfunden für die Humanmedizin, rettet das Gerät hier nun Pferdeleben.

Manche Tumore schmelzen dahin, andere sind hartnäckig

Neben Chirurgie und Chemotherapie ist die Strahlentherapie eine von drei Säulen der Krebsbehandlung (siehe Radioonkologie beim Pferd). Das Prinzip ist einfach: Photonen- oder Elektronenstrahlung schädigt das Erbgut der Krebszellen, sodass diese absterben. Je nach Tumorart dauert es unterschiedlich lange, bis die Wirkung sichtbar ist. „Krebs im Lymphgewebe schmilzt regelrecht dahin“, berichtet die Tierärztin. „Spindelzellsarkome wie bei Daiquiry verschwinden erst nach einigen Monaten.“

Die meisten Pferde erhalten sechs Bestrahlungen. Es gibt Tumore, für die nur drei Behandlungen notwendig sind; doch wenn ein Pferd den Tumor am Auge hat, „dürfen wir die Dosis nicht so hochfahren und planen bis zu zehn Sitzungen“, so Brunner.

Dass die Strahlen auch das Erbgut gesunder Zellen angreifen, ist ein Nachteil der Therapie. So gut es geht versuchen die Tierärzte deshalb, nur den Tumor zu treffen: indem sie per Computer-Tomographie detaillierte Bestrahlungspläne erstellen und die Strahlung mithilfe von individuell gefertigten Metallblenden millimetergenau platzieren. „Strahlentherapie ist mit Chirurgie vergleichbar“, sagt Brunner. „Wer Erfolg haben will, muss genau wissen, wo sich der Tumor befindet – und wo nicht.“ Je präziser die Ärzte arbeiten, desto eher halten sich die Nebenwirkungen in Grenzen. Dennoch müssen Pferdebesitzer damit rechnen, dass es lokal zu Fellverlust, Rötungen oder am Auge zu Linseneintrübungen kommt.

Mit Photonen oder Elektronen auf Krebszellen zu schießen, ist auch in der Tiermedizin die letzte Option. „Die Strahlentherapie kommt erst zum Einsatz, wenn andere Möglichkeiten versagt haben“, so Brunner. Bei vielen Tumoren am Auge etwa kämen „chirurgische Maßnahmen nicht infrage“. Auch an den Beinen, den Geschlechtsorganen oder am Anus sind Krebsgeschwüre bei Pferden oft nicht chirurgisch heilbar.

Daiquiry liegt auf der Seite, den Kopf auf ein Kissen gebettet. Mit zwei Helferinnen richtet Brunner den Tubus des Linearbeschleunigers direkt auf den Tumor. Vanessa Köhler drapiert den Schweif der Stute herzförmig. „Das soll ihr Glück bringen“, sagt die tiermedizinische Fachangestellte.

Die Bestrahlung ist in Nullkommanichts vorbei

Erst als der letzte Mensch den Raum verlassen hat, schließt sich das 40 Tonnen schwere Strahlenschutztor: Niemand darf sich während der Behandlung in der Nähe des Linearbeschleunigers aufhalten. Dosis, Dauer, Eindringtiefe: Alle Daten sind im Computer gespeichert. Eine Minute und 42 Sekunden dauert Daiquirys Bestrahlung, die davon nichts spürt. Tierärztin und Assistentinnen verfolgen an mehreren Monitoren die stille Prozedur. Dann öffnet sich die Schleuse automatisch. Vom Tisch zum Kran in die Aufwachbox: Daiquiry hat den Rückweg hinter sich, liegt nun auf rutschfestem Boden.

Umgeben von gepolsterten Wänden bleibt die Stute hier, bis sie es trittsicher zurück in den Stall schafft. „Bei Kleintieren ist es üblich, die Narkose wegzuspritzen, damit sie schneller aufwachen“, so Brunner, „doch Pferde lässt man wegen der Verletzungsgefahr so lange schlafen, bis sie koordinativ wieder voll auf der Höhe sind.“ Wenige Minuten vor zwölf Uhr stellt Daiquiry vorsichtig die Vorderbeine auf und hievt sich mit einem Ruck auf die Hufe. Noch etwas wackelig geht die Stute ein paar Schritte im Kreis.

Dass sie wieder gesund wird, ist wahrscheinlich – mit Daten jedoch kaum zu belegen: Zu neu ist der Einsatz der Strahlentherapie bei Pferden. „Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass sich auch dieser Tumor vermutlich zurückbildet“, sagt Brunner. Wie zur Bekräftigung scharrt Daiquiry ungeduldig mit dem Vorderhuf.

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Für welche Patienten kommt sie infrage? Ionisierende Strahlung hilft bei Hauttumoren (z. B. Equines Sarkoid), Weichteilsarkomen, Haut- und Augenkrebs (Plattenepithelkarzinom). Bei Arthrose (Spat), Lahmheit durch Erkrankungen wie Hufrehe oder Siebbeinhämatom lindert sie Schmerzen. Schimmelmelanome können die Strahlen nicht heilen, aber bremsen.

Wie teuer ist das? Je nach Anzahl der Behandlungen ist mit 2500 bis 5000 Euro zu rechnen. Geht die Bestrahlung mit einem chirurgischen Eingriff einher, zahlt in der Regel die OP-Versicherung die Kosten.

Kontakt zur Klinik: Equinox Healthcare,
63589 Linsengericht,
Tel. (06051) 49098-10,
info@equinox.vet, www.equinox.vet

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Krebs beim Menschen

Am häufigsten sind Prostata-, Darm-, Brust- und Lungenkrebs. Die Therapie der Wahl hängt von der Art des Tumors und dem Erkrankungsstadium ab. Brust- und Hautkrebs etwa können Ärzte oft bei einer OP entfernen. Bei jedem zweiten Patienten (insb. mit Prostata- oder Kehlkopfkrebs) ist eine Strahlentherapie sinnvoll. Chemotherapie ist die dritte Variante. Alle drei Therapiesäulen sind kombinierbar.

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