Narben: Haut zweiter Wahl
Manchmal sind Narben nahezu unscheinbar klein, manchmal größer – immer steckt darunter Haut zweiter Wahl.
Zweite Wahl will keiner sein – Narben sind es. "Anders als in der gesunden Haut mit elastisch zerkreuzten Fasern liegen im Narbengewebe die Kollagenfasern parallel, was eine mangelnde Elastizität zur Folge hat”, erklärt Reha-Expertin Katrin Obst. Das macht das Narbengewebe gleichzeitig fester als normale Haut und nicht so flexibel und dehnbar wie diese.

Katrin Obst ist Physiotherapeutin mit Zusatzqualifikation in Osteopathie. Sie bildet Pferdemenschen auch in einem mehrtägigen Seminar zu Reha-Trainern aus. Infos unter www.katrinobst.de
Dazu kommt, dass Narben auch Haare, Schweiß- und Talgdrüsen fehlen. "Neu gebildetes Narbengewebe kann sich zudem nicht ausreichend mit Feuchtigkeit versorgen und sie auch nicht speichern”, so Katrin Obst. Narbengewebe ist daher Hautersatz zweiter Wahl. Aber: Wir Reiter können Abhilfe schaffen. Wer nach Verletzungen oder Operationen sein Pferd dabei unterstützt, möglichst elastisches Narbengewebe aufzubauen, kann so zum Beispiel auch dafür sorgen, dass Bewegungsabläufe physiologisch bleiben – etwa beim Vorführen des Beins nach einer Arthroskopie-Narbe. Narbenpflege lohnt sich auch noch nach längerer Zeit: Es kann bis zu zwei Jahre dauern, bis Narben "ausgereift” sind und der Gewebeumbau abgeschlossen ist.
Narben-Massage und ihre Wirkung
Massagen beispielsweise verbessern den Gewebeumbau, lösen Spannungen und erhöhen den Lymphabfluss.
Das Narbengewebe profitiert davon, wenn es regelmäßig massiert wird: "Das verbessert den Gewebeumbau und löst Verklebungen und Verspannungen”, erklärt Katrin Obst. Reiter können loslegen, sobald die Narbe vollständig verschlossen ist. Wie ihr massiert, liegt bei euch: Etwa nur mit Daumen oder Zeigefinger kreisend direkt auf der Narbe; oder die Haut neben der Narbe hin und her schieben; oder die Haut leicht anheben. "Das kann man problemlos täglich für mehrere Minuten machen”, so Katrin Obst.

Die Haut neben der Narbe hin und her schieben ist eine geeignete Massagetechnik, um Verklebungen und Verspannungen zu lösen.
Salben, Cremes & Gele fürs Narbengewebe
Spezielle Cremes, Salben und Gele können helfen, das Erscheinungsbild von Narben zu verbessern; das gilt für frische, verschlossene Narben ebenso wie für ältere Narben. Nur wie unterscheiden sich Salben von Cremes und die wieder von Gelen?
"Cremes und Salben sind beide topische Produkte, die also lokal auf der Haut angewendet werden”, erklärt Katrin Obst. Aber sie haben unterschiedliche Eigenschaften: "Cremes enthalten Wasserbestandteile. Deshalb sollte man keine Cremes auf Hautteilen anwenden, die mit Bakterien oder Milben belastet sind. Denn die profitieren von den wässrigen Bestandteilen und vermehren sich dann erst recht.” Sie empfiehlt daher, Cremes bei trockener Haut oder zur Linderung von Hautirritationen einzusetzen. Sie ziehen schnell ein und hinterlassen keinen fettigen Film auf der Haut.

Pflegecremes können das Narbenbild verbessern.
Salben hingegen bestehen hauptsächlich aus Ölen und Wachsen und haben daher eine dickere, fettigere Konsistenz als Cremes. "Sie bilden eine Schutzschicht auf der Haut und eignen sich daher besonders gut bei eher rissigen Narben oder auch während der Wundheilung”, sagt Reha-Expertin Katrin Obst. Gele haben eine wässrige oder alkoholische Basis; sie enthalten meist keine oder nur wenig Fette. Sie wirken leicht kühlend und ziehen schnell in die Haut ein. Katrin Obst nutzt dann Gele, wenn sie beispielsweise Narben nach Verbrennungen behandelt.

Gele eignen sich besonders für die Behandlung von Narben nach Verbrennungen.
Narben-Pflege
Technische Hilfe bei Narben
Vibrationstherapie
Reha-Expertin Katrin Obst setzt zur Behandlung von Narben auf lokale Vibrationstherapie, etwa mithilfe des Schallwellengeräts von Novafon (ab ca. 400 Euro)."Durch die Vibration kommt es zu Muskelkontraktionen; dadurch steigt die Hautdurchblutung an, was die Heilung positiv beeinflussen kann”, erklärt sie.

Schallwellengerät von Novaphon in der Anwendung.
Rund zwei Wochen nach einer Operation kann mit dem Gerät die Wundperipherie (je nach Toleranz des Pferds) behandelt werden; etwa vier Wochen nach der OP oder Wundheilung auch die Narbe selbst. Tipp: Bei hypertrophen Narben mit dem Gerät sternförmig von der Narbe wegarbeiten; bei atrophen Narben das Gerät sternfömig zur Narbe hin bewegen. "Empfehlenswert ist eine Dauer von zehn bis 15 Minuten für etwa ein- bis dreimal pro Woche”, so Katrin Obst. Zwischen den einzelnen Behandlungen sollte mindestens ein Tag Pause liegen.
Laser-Therapie
Die Therapeutin setzt zudem auf Laser-Therapie, um das Erscheinungsbild von Narben positiv zu beeinflussen: "Das regt die Kollagenproduktion an, lindert Schmerzen und beschleunigt die Wundheilung.”
Bei Lasern werden Lichtstrahlen stark gebündelt: Das regt Blut- und Lymphgefäße, Gewebe und Haut an, neue Zellen zu bilden. Neben diesen professionellen Hochleistungslasern, die zum Beispiel bei Tierkliniken zur Wundheilung im Einsatz sind, gibt es noch Low-Level-Laser: Die kann jeder Pferdebesitzer erwerben. Low-Level-Laser arbeiten meist mit gepulstem, sichtbaren Rotlicht und nahem Infrarotlicht(NIR). Auch diese Art von Laser soll durch die Photobiostimulation den Organismus anregen, Gewebe zu reparieren.
Magnetfeld-Therapie
Katrin Obst wendet bei Narbengewebe auch pulsierende Magnetfelder an. Die sollen die Durchblutung fördern, was wiederum die Zellregeneration positiv beeinflusst. Studien zeigten zudem, dass Magnetfeldtherapien schmerzlindernd wirken können (etwa bei Rückenproblemen).
Sowohl Laser- als auch Magnetfeld-Therapie können genutzt werden, sobald die Wundränder geschlossen sind, sagt Katrin Obst – für rund zehn Minuten täglich. Tipp der Reha-Expertin: "Professionelle Geräte sind zwar teuer, aber man kann sie sich für den Zeitraum der Rekonvaleszenz oft bei Therapeuten ausleihen.”
Cross- & Lymph-Tapes
Kleine Kleber, große Wirkung: Cross-Tapes heben ein wenig die Haut an –"das erhöht die Durchblutung und regt den Stoffwechsel an, verbessert also die Gewebebildung”, erklärt Katrin Obst. Sie klebt die kleinen Cross-Tapes lokal auf die Narbe selbst, sobald die Fäden gezogen sind; aber auch bei älteren Narben wirken die Tapes noch. "Die Tapes gibt es in Größe S bis XL. Man braucht so viele, dass die Narbenfläche damit bedeckt wird”, erklärt die Therapeutin.

Cross-Tapes regen die Durchblutung an und sollten die Narbe vollständig bedecken.
Eine etwas andere Wirkung haben Lymph-Tapes: Sie wirken großflächig auf das Lymphsystem. "Unterhalb vom Sprung- und Karpalgelenk haben Pferde keine Muskulatur mehr, deren Kontraktion sonst den Lymphabfluss begünstigt. Daher kann es bei Vernarbungen am Bein oft zu Problemen mit angelaufenen Beinen kommen, weil es zu einem Lymphstau am Bein kommt. In solchen Fällen können die Tapes zum Einsatz kommen”, erklärt die Therapeutin. Sie setzt die krakenartige Tapes direkt auf Lymphzentren.

Die Streifen des Lymph-Tapes ziehen sich krakenartig entlang der Lymphbahnen. Oberhalb ist eine weitere "Krake" mit Startpunkt auf dem Leistenlymphzentrum aufgebracht.
"Je nach Beeinträchtigung kann man zwei bis drei solcher krakenartiger Tapes untereinander setzen”, sagt Katrin Obst. Die Therapeutin hat die Erfahrung gemacht, dass die Streifen besser sitzen und sich nicht so leicht lösen, wenn man nicht lange Streifen von Hüfthöcker bis beispielsweise Sprunggelenk laufen lässt, sondern die Tapes etappenweise unterteilt. "Die Tapes regen dann das Lymphsystem an, das Abfallstoffe abtransportiert”, erklärt Katrin Obst. Sie rät, sich einmal von einem erfahrenen Therapeuten oder Physio zeigen zu lassen, wie man die Tapes klebt und wo man sie ansetzt. "Die können dann 48 Stunden drauf bleiben. Dann macht man einen Tag Pause und klebt erneut.”
Lymph-Tapes wirken auf einer größeren Fläche rund um die Narbe(A). Kleine Cross-Tapes wirken unscheinbar, regen aber den Stoffwechsel auf der und um die Narbe an(B).
Die fünf Narben-Arten
Je nach Aussehen, Ursache und Heilungsprozess wird zwischen fünf Narben-Arten unterschieden:
- Hypertrophe Narben: sind erhaben, rot und dick. Sie entstehen, wenn sich zu viel Kollagen während des Heilungsprozesses bildet.
- Keloid-Narben: sehen ähnlich wie hypertrophe Narben aus, wachsen jedoch über den ursprünglichen Wundbereich hinaus. Können jucken, schmerzen und eine dunklere Farbe haben. Sowohl bei hypertrophen als auch bei keloiden Narben können Injektionen mit Kortikosteroiden helfen, die Entzündungen zu reduzieren und die Narbe so flacher zu machen.
- Atrophe Narben: flach mit eingefallener Form. Entstehen oft durch tiefere Verletzungen.
- Verbrennungsnarben: können je nach Verbrennungsschwere leicht verfärbt oder stark vernarbt sein.
- Postoperative Narben: entstehen nach chirurgischen Eingriffen wie auf dem Foto; sie können je nach Schnittart, postoperativer Behandlung und Heilungsprozess unterschiedlich aussehen.

Postoperative Narben wie diese können je nach Schnitt und Heilung ein unterschiedliches Erscheinungsbild haben.
Leitet sich denn aus der Art der Narbe eine bestimmte Behandlung ab? "Nicht wirklich”, findet Katrin Obst: "Man muss die Narbe immer individuell am vierbeinigen Patienten beurteilen. Ein robuster Haflinger hat beispielsweise eine andere Hautart und -dicke als ein feingliedriger Fuchs, da kann man keine pauschalen Behandlungstipps geben.” Die Therapeutin entscheidet je nach Narbenart, Lage und Patient, ob sie aktivierend, beruhigend oder befeuchtend arbeitet. In punkto Behandlung gebe es nur einen pauschalen Tipp: "Am besten mit Tierarzt oder Therapeut Rücksprache halten, wie die Narbe gepflegt wird.”





