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Schlafkrankheit: Narkolepsie bei Pferden

Narkolepsie bei Pferden

Die mysteriöse Schlafkrankheit trifft Fohlen und ältere Pferde. Sie stürzen plötzlich im Stehen oder Gehen zu Boden. Was löst die Anfälle aus?

Narkolepsie ist eine krankhafte Schlafstörung. Die Symptome variieren, je nachdem um welche Form es sich handelt. „Narkolepsie kann mit Kataplexie einhergehen – also dem Verlust des Muskeltonus“, erläutert Tierärztin Dr. Andrea Bathen-Nöthen, die eine Praxis für Tierneurologie in Köln leitet. Geht die Muskelspannung verloren, die den gesamten Pferdekörper stützt, fällt das Tier in sich zusammen und stürzt haltlos auf den Boden.

Narkoleptische Pferde ohne Kataplexie scheinen vor einem Anfall zu Dösen; sie stehen oft mit geschlossenen oder halbgeöffneten Augen da, wirken abwesend. Dann geraten sie ins Straucheln, Stolpern oder Schwanken. Sie knicken in der Vor- oder Hinterhand ein; manchmal können sie sich im letzten Moment fangen, bevor sie tatsächlich hinfallen. Andere stürzen komplett zu Boden. Dieser Verlauf zwischen vermeintlichem Dösen, Stürzen, Aufrappeln und erneutem Hinfallen kann sich ein paar Mal hintereinander wiederholen. Vor allem im frühen Stadium der Krankheit reagieren manche Pferde noch, wenn sie angesprochen werden; je weiter das Leiden voranschreitet, desto schwieriger wird es, das Tier quasi aufzuwecken und einen Sturz zu verhindern.

„In manchen Fällen treten die Anfälle stets in bestimmten Situationen auf “, sagt Dr. Andrea Bathen-Nöthen. Das stellte die Expertin für Nervenheilkunde bei einem drei Monate alten Isländerfohlen fest, das unter Narkolepsie litt. Es taumelte und schwankte jedes Mal, wenn es aus dem Stall geführt wurde. Dass ein Pferd unter Narkolepsie leidet, fällt dagegen dem Reiter nicht unbedingt auf. „Dass das Tier beim Reiten einen Anfall hat, ist sehr selten.“ Zwischen den Anfällen unterscheidet sich das erkrankte Tier nicht von einem gesunden – es wirkt absolut normal.

Narkolepsie – Symptome

Allein anhand der Symptome ist Narkolepsie kaum von anderen Erkrankungen zu unterscheiden. So müssen beispielsweise kardiale, also Herz-bedingte Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ebenfalls derartige Kollapse verursachen können. Tumore, die auf den Hirnstamm drücken (zum Beispiel bei Pferden mit dem Cushing-Syndrom), können ebenso Anfälle auslösen.

„Der Tierarzt muss sich das Pferd auch ganz genau vor Ort im Stall ansehen“, betont Dr. Andrea Bathen-Nöthen. Dies ist ein wichtiger Faktor, um Narkolepsie von einer anderen Schlafstörung zu unterscheiden – der sogenannten Schlaf-Unterdrückung* (englisch: sleep deprivation). „Diese Schlaf-Unterdrückung kommt wesentlich häufiger vor als Narkolepsie“, sagt die Tier-Neurologin.

Die Anfälle entstehen in diesen Fällen, weil sich das Pferd aufgrund von Stress oder Schmerzen nicht mehr zum Schlafen hinlegt; irgendwann bricht es dann im Wortsinn vor Übermüdung zusammen. Dass sich das Pferd noch zum Wälzen hinlegt, schließt eine Schlaf-Unterdrückung als Ursache der Anfälle nicht aus.

„Der Tierarzt wird also nicht nur den Gesundheitszustand des Pferds untersuchen, sondern sich auch ein Bild von der Haltung machen. Womöglich kommt das Pferd zum Beispiel in einem Laufstall einfach nicht zur Ruhe“, erläutert Bathen-Nöthen.

Narkolepsie – Diagnose

Im Zweifel gibt es pharmakologische Tests, um Narkolepsie zu diagnostizieren. „Das Pferd bekommt Medikamente, die die Anfälle entweder auslösen oder sie unterdrücken“, sagt Bathen-Nöthen. Sie bevorzugt die Variante, den Anfall mittels Atropin zu unterdrücken.

„Atropin ist etwas verträglicher als das Mittel Physostigmin, das Anfälle auslöst.“ Das Problem: Der Test ist nur dann praktikabel, wenn sich zumindest mit einer gewissen Sicherheit vorhersagen lässt, dass das Pferd in einer bestimmten Situation zusammenbrechen wird. Das Atropin bewirkt dann bei einem Pferd, das tatsächlich unter Narkolepsie leidet, dass es in den kommenden 24 Stunden keinen weiteren Anfall haben wird.

„In jedem Fall sollte das Pferd in einer Klinik getestet werden“, betont Andrea Bathen-Nöthen. Denn sowohl Atropin als auch Physostigmin können insbesondere Kolik als gefährliche Nebenwirkung auslösen.

Narkolepsie ist eine funktionelle Störung von Großhirn oder Hirnstamm, bei der Botenstoffe (Neurotransmitter) zur Schlafsteuerung nicht mehr gebildet werden. „Es gibt eine angeborene Form, die sich schon beim Fohlen zeigt, und eine erworbene Form, an der ein Pferd später in seinem Leben erkrankt“, sagt Bathen-Nöthen. Bei der ersten Form werden diese Botenstoffe von Geburt an nicht gebildet; bei der erworbenen Variante scheint die Produktion erst nach und nach abzunehmen, bis der Schlaf nicht mehr richtig gesteuert wird und sich schließlich Anfälle zeigen.

Weshalb die Schlafsteuerung versagt, ist nicht klar. Vergleiche zwischen Narkolepsie bei Hunden und Menschen lassen vermuten, dass es sich um eine komplexe biochemische Störung in weiten Teilen des Gehirns handelt. In jüngster Zeit konzentrieren sich Wissenschaftler, die sich mit der mysteriösen Schla rankheit befassen, auf den Botenstoff Hypocretin – ein Hormon, das unter anderem den Schlafrhythmus beeinflusst. Bei Menschen mit Narkolepsie wird vermutet, dass eine Autoimmunerkrankung die Nervenzellen (Neurone) zerstört, die diesen Neurotransmitter enthalten. Allerdings wurden geringe Hypocretin-Konzentrationen bisher nur bei denjenigen Patienten nachgewiesen, die gleichzeitig auch an Kataplexie litten.

Narkolepsie – Familiäre Form

Bei der familiären Form der Narkolepsie gilt eine erbliche Genmutation am Hypocretin-Rezeptor-Gen 2 als Auslöser. Die Hypocretin-Konzentration ist in diesen Fällen normal. Den betroffenen Tieren oder Menschen fehlt nur quasi der Empfänger (Rezeptor) für den Botenstoff, so dass dieser nicht wirken kann.

Bei dem drei Monate alten Isländer-Fohlen, das Dr. Andrea Bathen-Nöthen untersuchte, fand sie keine verringerten Hypocretin-Werte im Vergleich zu zwei gesunden Kontrollpferden (acht Monate und zehn Jahre alt) sowie zu den Referenzwerten bei Menschen und Hunden. Klar ist jedoch, dass Tierärzte bisher wenig über diese Marker bei Pferden wissen. „Meine Studie dürfte die erste überhaupt gewesen sein, in der die Hypocretin-Konzentration in der Gehirn- und Rückmarksflüssigkeit (Liquor Cerebrospinalis) beim Pferd gemessen wurde“, sagt Bathen-Nöthen.

Die familiäre Form von Narkolepsie (Fälle sind bei Menschen, Hunden und Miniatur-Ponys dokumentiert) ist bei Islandpferden nicht bekannt. „Die Analyse des Pedigrees des Fohlens ergab auch keine Hinweise darauf, dass verwandte Tiere ebenfalls unter Narkolepsie litten“, sagt Bathen-Nöthen. Aus der Anpaarung der Elterntiere des Fohlens im kommenden Jahr ging zudem ein normales Jungtier hervor.

„Möglicherweise ist Narkolepsie ohne Kataplexie nur ein frühes Stadium, und im weiteren Verlauf der Krankheit kommt auch der Verlust des Muskeltonus hinzu“, folgert Dr. Andrea Bathen-Nöthen aus der Fallstudie des Isländer-Fohlens, die sie vor einem Jahr im Journal des American College of Veterinary Internal Medicine veröffentlichte.

Narkolepsie bei Pferden – Risikopatienten

Erkranken können Pferde jeder Rasse, wobei die familiäre Form bisher nur bei Miniatur-Ponys bekannt ist. Im Fall des Isländer-Fohlens traten erste Symptome im Alter von vier Wochen auf. „Narkolepsie gibt es bei Pferden in jedem Alter“, sagt Dr. Andrea Bathen-Nöthen.

„Die Krankheit verschlechtert sich fortschreitend, da nach und nach immer weniger Botenstoffe zur regulären Steuerung des Schlafs zur Verfügung stehen“, sagt die Tier-Neurologin. Wie schnell sich die Situation verschärft, lässt sich allerdings nicht pauschal sagen.

Das dürfte vor allem davon abhängen, wie massiv der Zerfall der Neuronen verläuft. Ebenso wenig ist sicher, ob und wann sich bei Pferden mit Narkolepsie auch der Verlust des Muskeltonus einstellt. „Es gibt zu wenige dokumentierte Fälle, um dies vorhersagen zu können“, sagt Dr. Andrea Bathen-Nöthen. Sie vermutet aber, dass die Kataplexie irgendwann im Verlauf der Erkrankung hinzukommt.

Narkolepsie bei Pferden – Behandlung

Pferde, die an Narkolepsie leiden, verletzten sich sehr oft, weil sie unkoordiniert stürzen. Vor allem im Bereich der Vorder- und Hinterbeine haben sie immer wieder Wunden, hauptsächlich an den Fesselgelenken, der Vorderfußwurzel und am Sprunggelenk. Immer wieder gehen diese Pferde lahm, weil sie auf die Gelenke stürzen. Der Kopf ist ebenfalls häufig betroffen. Bevor der Besitzer des erkrankten Pferds einen Anfall miterlebt, wundert er sich oft nur über diese Wunden und hält sie vielleicht für Trittverletzungen.

Gefährlich wird die Situation vor allem bei Tieren, die aufgrund von Kataplexie plötzlich komplett zusammensacken. Ein Mensch, der daneben steht, kann leicht schwer verletzt werden, wenn das Tier unkontrolliert stürzt.

Verliert das Pferd die Kontrolle über seinen Körper, ist Einschläfern die einzige Alternative, bevor das Tier sich selbst oder Menschen schwer verletzt. Das Isländer-Fohlen wurde ebenfalls getötet.

„Narkolepsie bei Pferden kann mit Imipramin behandelt werden“, sagt die Neurologin. Das Psychopharmakon wird bei Menschen zur Therapie von Depressionen und bei chronischen Schmerzzuständen angewendet. Der Wirkstoff verstärkt die Wirkung bestimmter Neurotransmitter wie Noradrenalin, die für den Schlafrhythmus eine Rolle spielen. „Ob und inwieweit sich die Symptome bessern, lässt sich nicht sicher abschätzen“, sagt Bathen-Nöthen. Zuviel versprechen sollten sich Besitzer betroffener Pferde jedenfalls nicht.

„Das komplexe Zusammenspiel der Botenstoffe, die den Schlaf steuern, lässt sich künstlich über Medikamente nicht vollständig nachbilden“, betont die Tierärztin. Bei manchen Pferden schlägt die Therapie auch gar nicht an; oder die Symptome verbessern sich nicht so stark, dass das Pferd sich sicher auf den Beinen halten kann. Dann ist Einschläfern das Beste zum Wohl des Tiers. Falls die Therapie anschlägt, ist das Pferd lebenslang auf das Medikament angewiesen, das dreimal täglich übers Maul verabreicht wird. Die möglichen Nebenwirkungen sind gravierend: Dazu zählen vor allem Herz-Kreislauf-Probleme und Kolik.

Es gibt weder eine alternative Behandlung noch eine Vorbeugung.

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