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OCD beim Pferd: Diagnose & Behandlung

Medizin-Kompendium: Gelenkmäuse beim Pferd Gelenk-Chips beim Pferd

Knorpelfragmente im Gelenk können Pferde lahm legen. Warum eine Operation bei Gelenkchips die beste Therapie ist.

Eigentlich war der zweijährige Warmblutwallach gesund. Weil das Jungpferd aber verkauft werden sollte, stand eine Ankaufsuntersuchung an. Dabei entdeckte der Tierarzt im Fesselgelenk des rechten Hinterbeines etwas: Hier hatte sich eine Osteochondrosis dissecans (OCD, auch Chip oder Gelenkmaus) gebildet.

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Medizin-Kompendium OCD - Maus im Gelenk
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Wissenswertes zur Anatomie

Die Osteochondrosis dissecans (OCD) ist eine entwicklungsbedingte Skeletterkrankung des wachsenden Pferds. Normalerweise bildet sich das knorpelig angelegte Fohlenskelett beim Heranwachsen in Knochen um. Bei der Osteochondrose aber ist diese Verknöcherung (enchondrale Ossifikation) gestört. Es entstehen Knorpelverdickungen, und zwar häufig dort, wo Knochenenden auf Gelenkflächen treffen.

Die Knorpelzellen (Chondrozyten) reifen nicht korrekt, weil die Blutkapillaren, die dem Austausch von Sauerstoff, Nährstoffen und Stoffwechselprodukten zwischen Gewebe und Blutkreislauf dienen, nicht in den Knorpel einsprießen. Diese Gefäße versorgen den Knorpel in den ersten Lebensmonaten, bis das im Alter von etwa einem halben Jahr die Gelenkflüssigkeit übernimmt.

Was verursacht die Krankheit?

Wird der Knorpel nicht ausreichend versorgt, wird er dicker – was aber erst recht die Versorgung des Gewebes hemmt. Im geschwächten Knorpelkomplex entstehen Risse, die bis zur Knorpeloberfläche ziehen. Schließlich lösen sich Fragmente ab. Das passiert am häufigsten an Fessel-, Sprung-, Knie- oder Hufgelenk. "Theoretisch kann es aber jedes Gelenk treffen", sagt Pferdefachtierarzt Dr. Christian Franz von der Pferdeklinik Tillysburg.

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Tierärztliche Klinik für Pferde Dr. Cronau
Am Hufgelenk ist der Chip klar erkennbar. Dieses Fragment wurde nicht operiert.

Verschiedene Faktoren lösen die Erkrankung aus; die Entstehung ist noch nicht bis ins Detail geklärt. Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Freien Universität Berlin und der Georg-August-Universität Göttingen untersuchten bereits im Jahr 2001 insgesamt 687 Warmblutfohlen, 403 Fohlen wurden nochmals als Zweijährige geröntgt. OCD stellten die Tierärzte bei knapp 20 Prozent der Fohlen fest. Eine Studie der Veterinärmedizinischen Uni Wien aus dem Jahr 2014 fand bei Röntgenbildern von 266 zweijährigen Warmblutpferden eine entsprechende Veränderung bei rund 36 Prozent der Tiere.

Es gibt eine gewisse Rassedisposition. Bei Islandpferden kommt OCD so gut wie gar nicht vor, bei Warmblütern und Trabrennpferden häufiger. Einfluss haben zudem Wachstum und Geschlecht: Große Fohlen haben häufiger Chips im Sprunggelenk als kleinere; bei Stutfohlen treten gehäuft Befunde im Fessel-, bei Hengstfohlen im Sprunggelenk auf. Früh im Jahr geborene Fohlen erkranken vergleichsweise öfter. Das liegt wohl daran, dass sie die ersten Wochen im Stall verbringen und sich nicht ausreichend bewegen.

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Tierärztliche Klinik für Pferde Dr. Cronau
Anders sah es mit dem großen abgesplitterten Fragment im Sprunggelenk aus.

Die Erblichkeitsrate für OCD im Fesselgelenk schwankt zwischen 10 und 20 Prozent; im Sprunggelenk ist sie etwa doppelt so hoch. Das deutet darauf hin, dass das Vorkommen in den Gelenken genetisch unterschiedlich gesteuert wird. "Vermutlich haben Chips im Sprunggelenk und solche im Fesselgelenk andere Entstehungsmechanismen. Im Sprunggelenk stellt das OCD-Fragment einen Teil des Schienbeins (Tibia) dar; nach der operativen Entfernung bleibt ein sogenanntes ‚Chip-Bett‘ übrig", erklärt Dr. Franz. Bei der OCD im Fesselgelenk erscheint das Fragment wie ein überzähliges Knochenstück.

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Pferdeklinik Tillysburg
Das Röntgenbild des Knies zeigt ebenfalls klare Fragmente.

Fütterungsfehler sollen ebenfalls eine Rolle spielen. Riskant sind Extreme: eine unzureichende Versorgung mit Nährstoffen und Mineralien bei Mutterstute und Fohlen einerseits sowie andererseits das Mästen von Jungtieren mit energieund kohlenhydratreicher Ernährung. Eine Unterversorgung mit Kupfer und eine Überversorgung mit Phosphor scheinen Chips zu begünstigen.

Wie macht sich OCD beim Pferd bemerkbar?

Erste Anzeichen können im Sprunggelenk bereits bei Fohlen im Alter von einem Monat röntgenologisch dargestellt werden. Im Kniegelenk werden Abweichungen von der normalen Entwicklung mit drei bis vier Monaten sichtbar. Hier können sich krankhafte Veränderungen aber auswachsen; das Gelenk ist dann wieder gesund. "Die Chip-Bildung ist mit anderthalb bis zwei Jahren abgeschlossen", sagt Dr. Franz.

Der Chip muss anfangs keine Probleme verursachen, kann aber auch zu Schwellungen führen, vor allem an Knie- und Sprunggelenk. Das Gelenk fühlt sich wärmer an. Schmerzen treten meist erst dann auf, wenn das Pferd belastet wird, etwa beim Anreiten. Gerät der Chip direkt in den Gelenkspalt, blockiert er das Gelenk; das führt zu extremen Schmerzen und hochgradiger Lahmheit.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose OCD?

Der Tierarzt klärt Lage und Größe des Fragments mit bildgebenden Verfahren. Mittel der Wahl ist die Röntgenuntersuchung. Diese kann im Bedarfsfall durch weitere Methoden wie Ultraschall, CT und MRT ergänzt werden.

Wie behandeln Tierärzte OCD bei Pferden?

Ist die Chip-Entwicklung bei einem Pferd mit zwei Jahren abgeschlossen, lässt sich die Gelenkmaus nur durch eine Operation beseitigen. Dazu rät Dr. Franz nicht nur bei Patienten, die schon klare Symptome zeigen, sondern auch, wenn das Pferd noch keine Probleme hat: "Im gesunden, leistungsfähigen Gelenk ist ein Chip nicht vorgesehen. Je länger man wartet, desto größer sind die Schäden, desto aufwändiger ist die Operation und desto schlechter die Prognose."

Operiert wird meist minimalinvasiv in Vollnarkose: Der arthroskopische Eingriff erfordert nur zwei kleine Schnitte. Durch diese werden eine Optik sowie die Instrumente ins Gelenk geschoben. Der Tierarzt kann unter visueller Kontrolle so das Knochenfragment entfernen und eventuell vorhandene Knorpeldefekte direkt behandeln. Anschließend spült er das Gelenk und vernäht die Einschnitte.

Nach der OP hat der Patient für etwa zwei Wochen Boxenruhe, das Gelenk wird mit einem Verband geschützt. Anschließend wird das Pferd für drei Wochen kontrolliert im Schritt bewegt, bevor es vorsichtig wieder an die gewohnte Arbeit herangeführt wird. Ob das Pferd wieder voll leistungsfähig wird, hängt vom Zeitpunkt des Eingriffs und dem Ausmaß des entstandenen Schadens ab.

"Biologische Präparate, die Knorpelaufbau und Regeneration unterstützen, haben in den letzten Jahren Einzug in der Gelenkstherapie gehalten. PRP (platelet rich plasma, autologe Wachstumsfaktoren), Stammzellen und ähnliche Therapien wirken hervorragend und sind in der Pferdemedizin gut etabliert. Sie sind bei der Nachbehandlung sehr empfehlenswert", so Dr. Franz.

Wie lässt sich OCD vorbeugen?

Fohlen sollten nicht zu früh im Jahr geboren werden, damit sie gleich mit der Mutter auf die Koppel und sich ausgiebig bewegen können.

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Die richtige Fütterung beugt einem Nährstoffdefizit oder -überschuss vor.

Achten Sie auch auf die Fütterung, vor allem bei tragenden oder säugenden (laktierenden) Stuten. Die Zuchtauslese ist kritisch zu sehen: Die Erblichkeit der OCD muss gegen Aspekte wie Leistung abgewogen werden.

Folgen im Gelenk

Fragmente im Gelenk können den gesunden Knorpel schnell schädigen: Denn Gelenkchips wirken wie Sand im Getriebe. Das Gelenk entzündet sich und der Knorpel verschleißt nach und nach (Arthrose). Je nach konkretem Schaden und der Belastung des einzelnen Pferds kommt es schon beim Training von Jungpferden zu Problemen, andere Tiere lahmen erst später. Nur in Ausnahmefällen liegen die Chips so günstig, dass sie ein Pferd sein Leben lang nicht stören. Aber möglicherweise wäre ein Tier, das trotz Chip leistungsfähig ist, ohne diesen noch besser.

Der Experte

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privat
Dr. Christian Franz

Dr. Christian Franz hat sich auf die Gebiete Orthopädie und Chirurgie spezialisiert. Der Fachtierarzt für Pferde studierte an der Universität Leipzig, ehe er über die Stationen Gestüt Lewitz und Pferdeklinik Pegasus (Wien) zur Pferdeklinik Tillysburg kam. Hier ist er seit 1998 Teilhaber. Der Tierarzt war auch bei den Weltreiterspielen 2006 und der EM 2015 im Einsatz. www.pferdeklinik.at

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