Pferde in Not: SOS fürs Waisenfohlen

Fohlen in der Not
SOS fürs Waisenfohlen

ArtikeldatumVeröffentlicht am 06.04.2026
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Süßes Fuchs-Fohlen mit schmaler Blesse im Porträt.
Foto: Rädlein

Waisenfohlen: Alarmstufe Rot

Das Neugeborene muss innerhalb der ersten Stunden fettgelbes Kolostrum trinken, auch Biestmilch genannt. Fohlen kommen ohne eigene Antikörper auf die Welt. Jeder Tropfen aus dem Euter wirkt auf das Immunsystem wie eine natürliche Schluckimpfung. Bereits nach acht Stunden schließt sich die passierbare Darmschranke und die Antikörper können ihre schützende Wirkung im Blut nicht mehr entfalten. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten Fohlen deshalb im Idealfall etwa 1,5 Liter Biestmilch getrunken haben.

Aber wie, wenn die Mutter gestorben ist? Mit Hilfe des Tierarztes kann man das Kolostrum der toten Stute abmelken und direkt dem Neugeborenen füttern; die Menge wird nicht reichen, ist aber ein guter Start.

Manche Experten raten, von jeder Mutterstute im Stall etwa 150 bis 200 ml Erstmilch abzumelken, die Qualität zu prüfen und die Milch datiert und beschriftet in Portionen auf Vorrat einzufrieren. Diese hält bei -18 Grad etwa 12 Monate und kann im Wasserbad (max. 40 Grad) aufgetaut und körperwarm gefüttert werden.

"Für Privatleute mit nur einer Stute ist das keine Option", weiß Prof. Christine Aurich, Leiterin des Klinischen Zentrums für Reproduktion der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die sich auch um Waisenfohlen kümmert. Privathalter müssen eher auf eingefrorenes Kolostrum von Fremdstuten über Tierarzt, Klinik oder Ammenstuten-Vermittlung zurückgreifen.

Eine Alternative zur Biestmilch ist die Plasma-Transfusion. Vorteil: Diese Produkte enthalten Antikörper in medizinischer Reinheit und ausreichender Menge. Kosten für Erstbedarf: 400 bis 500 Euro. Plasma kann auch zum Einsatz kommen, wenn die Biestmilch der Mutter nicht gut genug ist. Immerhin ist das bei einem Drittel aller Stuten ein Thema, berichtet Prof. Aurich. Ihr Tipp: Mit einem handelsüblichen Refraktometer (circa 25 Euro) grundsätzlich den Brixgehalt der Biestmilch prüfen. Liegt dieser unter 22 %, muss hochwertiges Kolostrum zugefüttert oder Plasma übertragen werden. "Künstlich hergestellter Kolostrum-Ersatz basiert auf Rinder-Antikörpern, es wird nur nicht deklariert", sagt Prof. Aurich. Zwar können Pferde diese in den ersten Lebensstunden aufnehmen, sie schützen jedoch nicht vor den typischen Pferdeerkrankungen, sondern eher vor allgemeinen Keimen.

Blutabnahme am Pferd in der Nahaufnahme
Charly_Morlock/ gettyimages

Etwa 15-20 Stunden nach der letzten Kolostrumgabe prüft der Tierarzt, ob das Fohlen ausreichend Antikörper bilden konnte. Goldstandard ist der sog. SNAP-Test, der das Immunglobulin G (IgG) misst, in Kombination mit einer Bestimmung des Totalproteins im Blut. 55-70 g/L gilt hier als gut, im SNAP-Test sollte der Wert über 8 g/L liegen. "Da der SNAP falsch positiv ausfallen kann, halte ich das Totalprotein für wichtig", sagt Aurich. Weil es nicht jeder Tierarzt standardmäßig bestimmt, sollte man gezielt danach fragen. Sind die Werte mau, muss Plasma zugeführt werden; denn ein geringer Antikörpergehalt erhöht das Risiko, dass das Fohlen lebensbedrohlich erkrankt.

Futter-Spender für Fohlen ohne Mama

Neugeborene Fohlen trinken am besten aus Flaschen mit Lämmer- oder Menschennuckel. Wichtig ist, dass keine Flüssigkeit in die Lunge gelangt. Das Fohlen sollte den Hals in einer Position strecken, die ähnlich ist wie in der Natur. Der Kopf darf nicht zu hoch gehalten werden. Gibt die Amme Milch, trinkt das Fohlen am besten bei ihr und/oder aus tief aufgehängten Saugeimern. Alternativ: flacher Eimer am Boden. Hygiene ist unverzichtbar!

Was füttert man? In den ersten Stunden echtes Kolostrum. Tiefgefroren kann man es über den Tierarzt, Kliniken oder Vermittlungsstellen wie Ingrid Wiegmann beziehen. Kolostrum-Ersatz reicht eher nicht für den spezifischen Antikörperaufbau und muss durch Plasmaprodukte (z.B. "plasmalife" oder über Kliniken) ergänzt werden. Diese benötigt man auch, wenn der IgG-Wert schlecht ist.

Folgemilch bekommt das Fohlen mind. während der ersten vier Monate. Pulver mit Leitungswasser mischen und in den ersten zwei Wochen körperwarm temperieren. Fohlenmilch gibt es in guter Qualität (z.B. Pavo oder Salvana) im Handel oder beim Tierarzt. Prof. Aurich rät, sie etwas stärker zu verdünnen, da manche Fohlen zu Verstopfung neigen. In der ersten Lebenswoche sollte man 12 mal täglich füttern (jeweils ca. 0,5% der aktuellen Körpermasse), in der zweiten Lebenswoche 6 mal täglich (jeweils 2-3% der KM).

Eine Ammenstute kümmert sich um zwei Waisenfohlen
Rädlein

Die Suche nach der Amme

Eine Ersatzmutter für Waisenfohlen zu finden, gelingt Experten wie Ammenstutenvermittlerin Ingrid Wiegmann aus Schleswig-Holstein oft binnen weniger Stunden. Etwa 600 Fälle betreut sie pro Jahr. "Die Stute reagiert in fremder Umgebung und neuer Herde erstmal unsicher und hat Stress", sagt Ingrid Wiegmann. Darum reist das Fohlen meist zur Amme.

Wiegmann achtet bei der Vermittlung bewusst auf die Entfernung, denn jeder Transport bedeutet Stress. Vorhersehen, wie beide aufeinander reagieren, kann man natürlich trotzdem nie.

In der Klinik schlüpfen Fohlen fürs Kennenlernen in ein umgedrehtes Warmbluthalfter, das wie ein Hunde-Geschirr um Bauch und Rücken läuft, beschreibt Prof. Aurich. So lassen sie sich beim ersten Kontakt leicht manövrieren. Im besten Fall zeigt die Stute sofort Muttergefühle und lockt das Fohlen mit wohligem Brummeln an. Dann dürfen beide sich vorsichtig beschnuppern.Ein guter Eisbrecher ist Futter auf dem Fohlenrücken. Ein paar Krümel Müsli bahnen die Bindung über positiven Körperkontakt an. "Klappt das nicht, kann man das Fohlen kurz wegnehmen und mit dem Verlustgefühl arbeiten", sagt Prof. Aurich. "Viele Stuten wollen es dringend wiederhaben und signalisieren das."

Ist die Ablehnung trotz aller Tricks massiv, bleibt Tierärzten noch der Griff zu Prostaglandin F2alpha (PGF2a). Bei einer Studie zum Embryotransfer fanden Forscher per Zufall heraus, dass das Hormon aggressive Mütter milde stimmt. Es hat Nebenwirkungen wie starkes Schwitzen oder leichte Koliksymptome, doch der Erfolg überzeugt: 70 % der Stuten nehmen das Fohlen innerhalb einer halben Stunde an. Bis die Bindung stabil ist, dauert es weitere drei Tage. Gute Aufsicht ist in dieser Zeit wichtig. Extra-Tipp: PGF2a hilft auch, wenn Stuten ihr eigenes Fohlen ablehnen.

Checkliste & Adressen

  • Lämmer-Flasche und Menschen-/ Lämmer-Nuckel besorgen
  • Tierarzt/Tierklinik/Ammenvermittlung nach Kolostrum-Vorräten fragen. Wie bekommt man diese an Wochenenden, nachts oder am Feiertag? Lieferzeit erfragen!
  • Abklären, wie der Tierarzt etwa am Abend oder Wochenende zu erreichen ist; Telefonnummern speichern.
  • Evtl. eine Notration Kolostrum und etwa 3 Kilo Folgemilchpulver lagern, für Notfälle an Feiertagen.
  • Ammenstutenvermittlung: Ingrid Wiegmann ist rund um die Uhr tele- fonisch erreichbar: (+49) 173-5151395