Seniorenpferd: Fütterung, Zähne & Kolikprophylaxe

Seniorenpferd: Fütterung, Gesundheit, Haltung
Wenn Pferde älter werden: Spuren der Jahre

ArtikeldatumVeröffentlicht am 19.10.2026
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Die Aufnahme zeigt ein braunes Pferd im Porträt vor weißem Hintergrund. Kopf und Hals sind seitlich gedreht; sichtbar sind eine schmale weiße Blesse, die dunkle Mähne und feine Fellstruktur. Es handelt sich um einen Studiofreisteller mit neutraler Ausleuchtung.
Foto: Lisa Raedlein

Wenn Pferde älter werden

Das Älterwerden ist ein hochkomplexer Prozess, der bis heute nicht entschlüsselt ist. Sicher ist nur: Bestimmte Mechanismen im Körper führen dazu, dass Zellen – die Bausteine des Körpers – nach einer bestimmten Zeit absterben. Bislang gibt es rund 300 Theorien übers Warum. Eine davon: Zellen und Organe nutzen sich im Lauf des Lebens ab und verschleißen. Andere Forscher meinen, dass in den Zellen eine innere Uhr tickt. Nach 50 bis 150 Zellteilungen drückt dieser Taktgeber quasi die Stopp-Taste. Je älter Mensch und Pferd, umso langsamer der Zellerneuerungsprozess.

Bei uns Menschen gehen Forscher davon aus, dass nur 20 bis 30 Prozent unseres Erbguts bestimmen, wie schnell und wie wir altern. Der Großteil liegt also in unseren Händen. Das gilt auch für unsere Pferde. Sprich: Sind die Rahmenbedingungen in puncto Gesundheitsvorsorge, Haltung und Training ideal, lässt sich der Alterungsprozess etwas ausbremsen. Und das ist ja in jedem Fall wünschenswert.

Die wichtigsten Veränderungen, wenn Pferde alt werden: Diese spielen sich im Inneren ab, etwa im Blut: Die Zahl weißer Blutkörperchen sinkt. Dadurch wird das Pferd anfälliger für Infekte. Muskelfasern baut der Körper nach und nach um: Sauerstoffabhängige (aerobe) Fasern wandeln sich zu weniger sauerstoffabhängigen. Die halten Belastungen nicht mehr so gut stand; daher ermüden ältere Pferde schneller. Generell nimmt die Muskulatur ab. Kräftige Muskeln schützen aber Gelenke, Sehnen und Co.; die werden also anfälliger für Schäden, zumal Sehnen und Bänder mit den Jahren an Elastizität verlieren.

Die Gelenke neigen durch fortschreitenden Verschleiß zu Entzündungen und Arthrosen. Senioren brauchen daher besonders viel Zeit, um sich "einzulaufen", also die Gelenke zu schmieren; wobei eine Arthrose im Sprunggelenk (Spat) bei älteren Pferden oft weniger schmerzhaft wird, da das Gelenk zunehmend versteift. Der Senkrücken alter Pferde als Folge nachlassender Muskelspannung ist nicht zwangsläufig problematisch: Ein korrekt gerittener Senior wölbt auch sein Hängekreuz geschmeidig auf, wenn man ihm in die Brustmuskulatur in der Gurtlage greift. Die Thermoregulation ändert sich ebenfalls. Durch fehlendes Körperfett frieren alte Pferde schneller. Werden sie bei hohen Temperaturen beansprucht, können sie schneller überhitzen – vermutlich unter anderem, weil sich die Durchblutung, der Elektrolythaushalt und das Herz-Kreislauf-System im Alter ändern. Allerdings sind Pferde im Gegensatz zu Menschen viel weniger anfällig für Herz-Kreislauf-Probleme.

Was die Darmgesundheit bei Senioren beeinflusst: Ältere Pferde sind Kolik-anfälliger. Das hat mehrere Gründe. Einer sind die Zähne: Jahr für Jahr schieben sie etwa zwei Millimeter nach und werden beim Kauen abgeschliffen. Ist der Zahn aufgebraucht und die Oberfläche glatt ("smooth mouth"), kann das Pferd nicht mehr gut kauen. Schlundverstopfungen oder Pneumonien durch eingeatmetes Futter sind daher bei älteren Pferden ebenfalls häufiger.

Auch die Darmmotorik funktioniert im Alter meist nicht mehr so gut. Bewegen sich Pferde zudem etwa wegen Arthrose oder der Stoffwechselkrankheit PPID weniger, bringt das den Darm zusätzlich ins Stocken. Die Menge an Verdauungsenzymen nimmt ebenfalls ab; das Pferd kann sein Futter nicht mehr so gut verwerten. Die Leistungsfähigkeit des Darms beeinflusst zudem maßgeblich die Immunabwehr. Bei älteren Pferden steigt daher oft die Belastung mit Parasiten, weshalb ein sorgsames Wurm-Monitoring und -Management nötig sind.

Denkt an die Kolikprophylaxe, gerade wenn der Liegebereich mit Stroh eingestreut ist. Bei älteren Pferden kann es auch bei sehr holziger, piksiger Heuqualität ein Problem mit Verstopfungskolik geben. Ausreichend Wasser ist ganz wichtig; für Pferde mit Zahnproblemen kann es gerne auch lauwarm sein. Bei Selbsttränken solltet ihr zusätzlich stehendes Wasser, etwa aus dem Eimer anbieten; das nehmen manche Pferde lieber an.

Die passende Seniorenkost

Alte Pferde müssen nicht rippig sein! Die Prophylaxe ist wesentlich: Greift frühzeitig ein mit Heuersatz und hochkalorischen Futtermitteln. Konkret bedeutet das vor allem, früh genug die nötige Menge Heucobs zuzufüttern. Bei Pferden mit "smooth mouth" oder zahnlosen Senioren muss man die gesamte Heumenge auf Heuersatz umstellen (mindestens 1,7 Kilo Heuersatz pro 100 Kilo Pferd – und zwar kalkuliert fürs Idealgewicht, nicht bezogen aufs dünne Pferd). Solange der Senior noch halbwegs kauen kann, sollte maximal die Hälfte des Raufutterbedarfs als Heuersatz gefüttert werden.

Wer seinem Senior Heucobs zufüttert, muss zudem die Mahlzeitenfrequenz im Blick haben. Wer maximal die Hälfte des Raufutters ersetzt, muss zwei- oder dreimal täglich zufüttern. Bei komplettem Heuersatz sind es mindestens vier Mahlzeiten pro Tag. Die Heucobs abends einzuweichen und morgens zu füttern, ist übrigens keine Option, gerade wenn es warm ist und das Futter schnell gärt. Besitzer sollten zudem energiedichte Kraftfutter wählen, also fettreiches Futter mit hohem Eiweißgehalt; hier kommt durchaus für Sportpferde gedachtes Futter in Betracht. Bei Stoffwechselerkrankungen sind getreidefreie Produkte zu empfehlen, mit geringem Stärke- und Zuckergehalt. Pferdebesitzer können auch die Energiedichte der Heucobs erhöhen, indem sie etwa Luzerne-, Mais- oder Teff-Cobs einmischen und Öl dazugeben. Insbesondere bei Antioxidantien und den fürs Immunsystem relevanten Nährstoffen ist man bei Senioren etwas großzügiger. Die Empfehlungen für den Pferdesenior bezüglich Zink und Selen sowie den Vitaminen A und E sind doppelt so hoch wie für ein jüngeres, erwachsenes Tier. Alte Pferde brauchen täglich 700 bis 900 mg Zink, 2,4 mg Selen, 1200 mg Vitamin E und 39.000 IE Vitamin A (alles bezogen auf einen 600-Kilo-Senior). Auch der Eiweiß-Bedarf kann steigen. Protein ist für Muskeln wichtig; baut das alte Pferd Muskelmasse ab, braucht es im Vergleich zum adulten Tier zehn bis 20 Prozent mehr Eiweiß (also zwischen 330 und 720 Gramm täglich). Speziellen Senior-Müslis sind oft schon Mineralstoffe und Vitamine zugesetzt. Das macht bei einer entsprechenden Fütterungsmenge ein zusätzliches Mineralfutter überflüssig. Sonst gerät das Nährstoff-Verhältnis aus den Fugen, oder Spurenelemente wie Selen werden sogar überdosiert. Ansonsten ist ein auf die Ration abgestimmtes Mineralfutter, ggf. speziell für Senioren, eine gute Grundlage. In solchem Zusatzfutter ist der Gehalt der essenziellen Nährstoffe Zink, Selen & Co. bereits erhöht; enthält es nicht schon einen Anteil an hochwertigem Eiweiß wie den Aminosäuren Lysin oder Methionin, könnt ihr zusätzlich zu einer Eiweißquelle wie Sojaschrot, Leinsamen oder Luzernegrünmehl greifen.

Tipp zum Zahnzustand: Schaut euch die Pferdeäpfel an. Wie viele lange Fasern sind drin? Ein Pferd mit guten Zähnen kaut alles klein bis auf etwa vier Millimeter. Sind die Fasern länger, frisst das Pferd sein Heu vielleicht noch, verwertet es aber nicht mehr richtig. Dann solltet ihr die Menge an Heucobs erhöhen.

Betreutes Wohnen

Ältere Pferde brauchen den Kontakt zu Artgenossen, aber womöglich nicht mehr das Leben in einer Offenstallherde. Das kann selbst für offenstallgewöhnte Pferde gelten. Wichtig ist der Zugang zu Ressourcen, also Futter, Wasser und Schlafplatz. Damit tun sich rangniedrige Pferde, und das sind ja vielfach die Senioren, in Gruppenhaltung zum Teil schwer. Dass ältere Pferde in Ruhe ihr Rau- oder Kraftfutter fressen können, ist je nach Stallkonzeption gar nicht so leicht umzusetzen, gerade wenn die Oldies Heuersatz brauchen. Ähnliche Ansprüche der Pferde erleichtern das.

Ist die Fütterung automatisiert, sollten nachts zwischen 12 und 5 Uhr keine Fütterungszeiten programmiert sein. So haben alle Pferde Zeit zum Schlafen. Ein wichtiger Aspekt: REM-Schlafmangel ist selbst für gesunde Pferde ein Problem! Wenn sich Pferde etwa aufgrund von Arthrose nicht mehr so gut hinlegen können oder wollen, steigt der Anspruch an den Liegebereich. Besitzer sollten daher prüfen, ob sich ihr Pferd überhaupt noch hinlegt – also am besten mal spätabends im Stall vorbeischauen oder eine Kamera aufstellen. Genügt die Offenstallhaltung nicht mehr den Bedürfnissen des Rentners, ist der Wechsel des Haltungskonzepts nötig, etwa Paddockbox mit stundenweisem Freilauf in der Gruppe oder mit einem Kumpel. Es muss nicht immer ein Stallwechsel sein; gerade für sehr alte Pferde ist die Eingewöhnung in einer komplett neuen Umgebung schwierig. Und leider ist das Angebot an seniorengerechten Ställen noch lange nicht groß genug.

Geht es meinem Senior noch gut?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wichtig ist der BCS, also ob das Pferd normalgewichtig oder schlimmstenfalls extrem abgemagert ist. Zeigt das Pferd Verhaltensänderungen, isoliert sich etwa in der Gruppe, wird apathisch? Legt es sich noch hin? Kalkuliert individuelle sowie Rasseunterschiede ein: Es gibt Pferde, die schneller anzeigen, dass es ihnen nicht gut geht, während andere wie Isländer eher stille Dulder sind.

Allerdings sind sich zum Teil nicht einmal die Tierärzte einig, ob ein Pferd sinnvoll weiterleben kann und eine gute Lebensqualität hat – oder nicht. Für einen besseren Überblick könnt ihr Tagebuch führen, um einen objektiven Eindruck von den guten und schlechten Tagen zu bekommen und schleichende Entwicklungen später besser nachvollziehen zu können. Beobachtet eure Pferde zudem nicht nur in der täglichen Arbeit, beim Füttern oder Ausmisten. Veränderungen fallen im eingespielten Alltag vielleicht nicht immer auf.

FIGUR-FRAGEN

Extra-Pfunde sind nur in geringem Ausmaß und einer Ausnahme angebracht: Im Herbst, damit Senioren ein Polster für den Winter haben. Ältere Pferde werden jedoch oft eher als mager hingenommen, die Besitzer finden sich mit dem schleichenden Prozess ab. Wenn es ums Auffüttern zu dünner Senioren geht, ist Geduld gefragt: Abnehmen geht immer schneller als Zunehmen. Rechnet mit mindestens drei Monaten, wenn das Pferd wirklich abgemagert ist. Man sollte dem Senior natürlich nicht plötzlich ein Überangebot vorsetzen, sondern langsam anfüttern.

Um den Ernährungszustand besser einschätzen zu können, schaut euch das Pferd einmal die Woche mit ein bisschen Abstand an und fasst insbesondere die Rippen an; denn Fell kann täuschen. Wie ihr den Body Condition Score(BCS) genau bestimmt, lest ihr hier.

Drei typische Krankheiten von Pferde-Senioren

Equines Cushing Syndrom (ECS) oder PPID (pituitary pars intermedia dysfunction): Die Ursache liegt im mittleren Bereich der Hirnanhangdrüse (Hypophyse, engl. pituitary gland), die Hormone im Übermaß produziert. Experten gehen davon aus, dass 64 Prozent der 16- bis 20-jährigen Pferde betroffen sind; bei den über 30-Jährigen sind es 95 Prozent. Typische Symptome sind insb. unnatürlich langes, dickes Fell, gestörter Fellwechsel, geringere Bewegungsfreude und Muskelschwund; der gestörte Zuckerstoffwechsel und die daraus resultierende Insulinresistenz führt häufig zu Hufrehe. Die Pferde sind anfälliger für Infektionen, Parasiten und Wundheilungsstörungen.

Die Detailaufnahme zeigt das stark behaarte Vorderbein eines alten Pferdes; die ausgeprägte, gelockte Behaarung ist typisch für das Equine Cushing‑Syndrom (PPID). Am rechten Bildrand ist der Kopf des Tieres erkennbar, die Szene spielt auf einer grasbewachsenen Weide. Aufnahmeort laut IPTC: Niederroedern im Elsass.
Lisa Raedlein

Dass betroffene Pferde mehr trinken und häufiger pinkeln, liegt an einer Nierenfehlfunktion. Weitere Krankheiten, bei denen PPID das Risiko erhöht, sind u.a. die Bindegewebserkrankung ESPA / DSLD (Equine Systemic Accumulation bzw. Degenerative Suspensory Ligament Desmitis) oder Hufabszesse. Die Krankheit ist unheilbar; mit frühzeitiger Therapie und abgestimmter Fütterung bekommt man die Symptome aber oftmals gut in den Griff.

EOTRH (Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis): Diese extrem schmerzhafte Zahnkrankheit, die Schneide- und Hengstzähne sowie Kieferknochen betrifft, tritt vor allem bei älteren Pferden ab 12 Jahren auf. Zunächst geht das Zahnfleisch zwischen den Schneidezähnen zurück. Mit fortschreitendem Verlauf rötet sich das Zahnfleisch, schwillt stark an, wölbt sich teils oberhalb der Zähne (dann bläulich-rötlich verfärbt) und es bilden sich Pickelchen und Fisteln. Angesichts zunehmender Schmerzen bleibt früher oder später nur ein radikaler Schritt: die betroffenen Zähne müssen raus. Um die Krankheit (und andere Zahn- oder Zahnfleischprobleme) möglichst früh zu erkennen, sind regelmäßige, mindestens jährliche Zahnkontrollen durch Experten wichtig.

Melanome: Die Tumoren entstehen aus den Melanozyten (Pigmentzellen). Gesunde Zellen teilen sich, wachsen und sterben. Ist dieser Regelkreis durchbrochen, produziert der Pferdekörper Melanozyten im Übermaß, die teils entarten. Für die Entstehung von Melanomen sind die gleichen Gene verantwortlich, die auch das Ergrauen bei Schimmeln auslösen. Tierärzte gehen davon aus, dass 60 bis 80 Prozent aller Schimmel über 15 Jahren betroffen sind. Behandelt werden die Tumore, soweit nötig, mit Operation, Immuntherapie oder Medikamenten.

TIERMEDIZIN FÜR ÄLTERE SEMESTER

Geriatrie, auch Altersmedizin oder Altersheilkunde genannt, ist ein besonderer Zweig der Medizin. Dieser befasst sich mit den Erkrankungen bei älteren und alten Patienten, ob Mensch oder Tier. Die Geriatrie betrachtet und behandelt die Gesamtheit des alternden Individuums mit altersbedingten Veränderungen, typischen Altersproblemen sowie die verschiedenen, oftmals gleichzeitig bestehenden Erkrankungen nebst deren Wechselwirkungen. In der Tiermedizin nimmt die Geriatrie eine wachsende Bedeutung ein. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen für ältere Tiere können die Lebensqualität im Alter entscheidend verbessern.

Fazit