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CAVALLO-Check: Wahrnehmung - Wie Pferde die Welt sehen

So fühlen Pferde

Die Sinne des Pferds: Pferde haben einen feinen Tastsinn und sensible Haut. Beim Reiten reichen leichte Berührungen für prompte Reaktionen.

Da ist doch gar nichts! Gestern ging das Pferd noch problemlos am parkenden Traktor vorbei, heute stemmt es die Beine in den Boden. Für uns völlig unlogisch. Will es uns ärgern, hat es einen schlechten Tag oder geben wir andere Hilfen als sonst?

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Die Lösung ist vielleicht noch einfacher: Pferde nehmen die Welt anders wahr als wir. Sie sehen weniger Farben, aber deutlichere Kontraste. Sie hören Geräusche, die außerhalb unseres Frequenzbereichs liegen, und sie wissen genau, ob das Leckerli in der Jackentasche gut schmeckt. Wer weiß, wie Pferde ticken, kann ihre Sinne im Training gezielt ansprechen. Wie das geht, verrät Ihnen der CAVALLO-Check.

Wer einmal gesehen hat, wie ein Pferd wütend nach einer Fliege auf seinem Fell tritt, weiß, wie feinfühlig es tatsächlich ist. Für seinen feinen Tastsinn sind verschiedene Sinneszellen zuständig, die mechanische Kräfte in Nervenerregung umwandeln (Mechanorezeptoren). Sie leiten Berührungen der Haut ans Gehirn weiter.

Weitere Rezeptoren informieren die Schaltzentrale im Pferdekopf über Form und Härte von Gegenständen, Vibration, Hautdehnung, Temperaturempfindungen und Schmerz. Diese Rezeptoren sind am Körper unterschiedlich dicht verteilt. Dadurch reagiert das Pferd an manchen Stellen wie der Gurtlage empfindlicher als etwa an der Kruppe. Nach Verletzungen der Haut ist es besonders sensibel: Noch lange, nachdem die Wunde an der Gurtlage geheilt ist, kann das Pferd beim Putzen zicken.

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So reagiert das Pferd auf feinste Hilfen

Sensible Signale: Ein gut ausgebildetes Pferd kann feinste Berührungssignale unterscheiden. Es weiß etwa genau, ob der Schenkel am oder hinterm Gurt ist. Reagiert es nicht auf feinste Signale, ist es nicht körperlich unempfindlich, sondern es versteht das Signal nicht, ist stark abgelenkt, akzeptiert den Menschen nicht als Führungsperson oder hat gerade Angst.

Tipps: Der Mensch muss auf bessere Kommunikation setzen. Wer sein Pferd schlägt oder grobe Hilfen gibt, macht es nicht sensibler, sondern zerstört nur sein Vertrauen.

„Machen Sie einen leichten Berührungsreiz zum Signal und bestätigen Sie diesen immer wieder“, sagt Verhaltensbiologin Marlitt Wendt aus Großhansdorf bei Hamburg. Wichtig: Seien Sie konsequent, und halten Sie immer diese Reihenfolge ein: Berührungssignal, Reaktion des Pferds, Belohnung. Loben können Sie mit Stimme, Futter oder indem Sie die Berührung beenden, wenn das Pferd richtig reagiert. „Erhöhen Sie nicht einfach den Druck, sondern warten Sie, bis das Pferd auf die leichten Berührungen anspricht. Sonst wird es immer unsensibler und Sie brauchen immer stärkere Berührungsreize“, warnt Marlitt Wendt.

Pferdetrainer Florian Oberparleiter aus Sierning in Österreich passt sein Training an die Sinneswahrnehmung der Pferde an und weiß: „Meist sind angeblich faule Pferde durch dauerhaft treibende Schenkel desensibilisiert.“ Das Pferd muss lernen, dass sich Vorwärtsgehen lohnt, weil die Hilfen dann aussetzen. „Das muss ich konsequent durchziehen, auch wenn das Pferd anfangs gleich wieder stehenbleibt“, rät der Ausbilder. Nach einigen Wiederholungen reagieren vormals stumpfe Pferde wieder auf feinste Hilfen. Umgekehrt entspannen nervöse Vierbeiner, wenn man die Hilfen sanft, aber konsequent einsetzt.

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So lernen Pferde Gleichgewicht

Was verbessert die Balance des Pferds? „Generell gleicht der Gleichgewichtssinn der Pferde dem des Menschen“, sagt Verhaltensforscherin Professor Konstanze Krüger aus Wald/Mainsbauern in Bayern. Er dient der Einschätzung von Geschwindigkeiten und der Position des Pferds im Raum.

Das Gleichgewichtsorgan mit seinen feinen Haarzellen liegt im Innenohr und gibt über den Gleichgewichtsnerv Nervenimpulse an den Hirnstamm weiter. Diese werden mit Informationen des Auges, des Kleinhirns und des Rückenmarks abgeglichen und ergeben zusammen den Gleichgewichtssinn.

Mit Turnübungen zum balancierten Reitpferd

Mehr Balance: Je besser ein Pferd seine Bewegungen koordinieren kann, desto besser bleibt es auch beim Reiten im Gleichgewicht.

Tipps: Professor Krüger rät, das Gleichgewicht des Pferds früh zu fördern. Das geht ganz nebenbei, wenn Fohlen auf unebenen, bergigen Weiden aufwachsen. In der Ausbildung helfen Seitengänge und Übergänge am Boden oder unterm Reiter dem Pferd, seine Balance zu finden. Marlitt Wendt empfiehlt Geräteturnen (CAVALLO 8/2013): „Das Pferd kann auf unterschiedlichen Wippen trainieren oder lernen, auf einem klassischen Podest zu stehen, natürlich unterstützt von vielen Belohnungen.“

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Ganz schön wackelig: Die Wippe schult den Gleichgewichtssinn. Das hilft auch beim Reiten.

Auch sinnvoll: Micro-Shaping. Das Pferd wird dafür belohnt, eine bestimmte Muskelpartie anzuspannen, etwa den Rücken kurz anzuheben. Das trainiert die Balance und stärkt Muskelgruppen fürs Reiten. Beim Anreiten gilt: Feilen Sie an Ihrem Sitz, um Ihr Pferd nicht zu stören. „Zwängen Sie das grüne Pferd nicht in eine Haltung; es braucht Bewegungsfreiraum, um seine Balance zu finden“, sagt Oberparleiter.

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So hören Pferde

Pferde hören leiseste Geräusche und reagieren emp ndlich, wenn es plötzlich laut knallt oder kracht. Wenn hinter ihnen Äste knacken, erschrecken die Fluchttiere oft besonders heftig. Pferde hören Geräusche in Frequenzbereichen, die Menschen nicht wahrnehmen – sogar im Infra- und Ultraschallbereich. Es ist also möglich, dass sie sich vor Geräuschen fürchten, die wir gar nicht hören.

Der feine Hörsinn des Pferds ist auch wichtig für die Kommunikation. Pferde können sich untereinander über weite Distanzen mit Wiehern und im direkten Kontakt mit Grunzen, Wiehern und Schnauben verständigen. Studien zeigen, dass sie Gruppenmitglieder am Wiehern auseinander halten können – und sogar „ihre“ Menschen an der Stimme erkennen. Sanfte, ruhige Worte mit tieferem Tonfall empfinden sie als Lob, kurze, scharfe Signale als Drohung oder Strafe.

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Das Pferd erkennt die Besitzerin an der Stimme.

Pferde können Stimmsignale erlernen

Ohren spitzen: Auf Stimmsignale soll das Pferd reagieren, vor lauten Geräuschen nicht erschrecken. So geht´s.

Tipps: Pferde müssen lernen, dass Stimmsignale eine Bedeutung haben. Hat das Pferd zum Beispiel gelernt, auf leichten Druck am Halfter anzuhalten, kombinieren Sie diesen mit einem Kommando wie „Halt“. Bald hält es allein darau in an. Jedes Stimmkommando sollte kurz und unverwechselbar sein. Beim Clickertraining wird ein knackendes Geräusch an Futterlob geknüpft, als Bestätigung für ein gewünschtes Verhalten. An Geräusche wie Traktorknattern gewöhnen sich Pferde, wenn sie merken, dass der Lärm keine negativen Folgen hat. Führen Sie es an die Maschine heran.

Stockt es, bitten Sie noch um einen einzelnen Schritt, loben das Pferd und entfernen sich. So geht‘s schrittweise ran. Hat sich ein Pferd an ein lautes Geräusch gewöhnt, reagiert es nicht auf alle cool, sondern muss mit jedem Klang vertraut gemacht werden.

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So riechen Pferde

Geruchs- und Geschmackssinn hängen eng zusammen. Futter wird vom Pferd nicht nur am Geschmack, sondern auch anhand des Geruchs identifiziert. Gut riechende Futtermittel sind fürs Pferd besonders interessant. „So identifiziert es beim Grasen schnell stärker riechende, schmackhafte und besonders nährstoff - und vitaminhaltige Kräuter“, sagt Professor Krüger.

Was Pferden schmeckt, hat viel mit Gewohnheit zu tun. Kennt ein Pferd keine Äpfel, frisst es sie zunächst nicht und gewöhnt sich nur langsam daran. Das ist sinnvoll: Seine Darmbakterien sind nicht auf plötzlichen Futterwechsel eingestellt. Dieser kann zu Koliken oder Hufrehe führen.

„Über den Geruchssinn nimmt ein Pferd auch eventuell bedrohliche Gerüche wahr und reagiert darauf entsprechend mit Flucht oder Verweigerung“, sagt Professor Krüger. Neben Sinneszellen in der Riechschleimhaut besitzt das Pferd das Jakobsonsche Organ, mit dem es Artgenossen erkennen kann. Beim Flehmen mit gespitzter Oberlippe kommen Geruchsstoffe besonders gut dort an. Auch bekannte Menschen erkennt das Pferd am Geruch.

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Liegt Stress in der Luft, weigern sich Pferde, in den Hänger zu steigen.

Pferde richtig motivieren:

Riecht gut, schmeckt gut: Warum Parfüm Verwirrung stiftet und Futter nicht immer zieht.

Tipps: Ihr Pferd erkennt Sie am Geruch. Verzichten Sie also lieber auf stark duftende Parfüms, um Verwirrung zu vermeiden. Beim Verladen unsicherer Pferde hilft es, kurz vorher einen relaxten Artgenossen in den Hänger zu stellen. Riecht es im Hänger nach Stress, steigen viele Tiere ungern ein.

„Wenn Sie mit Futterlob arbeiten, ist es wichtig, dass dieses dem Pferd schmeckt“, weiß Marlitt Wendt. Ihr Pferd zeigt Lektionen immer schlechter? Vielleicht mag es die Belohnung nicht. Wechseln Sie die Sorte, bis es wieder motiviert mitmacht.

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So sehen Pferde

Die Augen des Pferds liegen seitlich links und rechts am Kopf: Dadurch hat das Pferd ein monokulares Sehfeld, kann die meisten Dinge also zunächst nur mit einem Auge betrachten. „Sie können die optischen Reize aber von einer Gehirnhälfte auf die andere übertragen“, sagt Professor Konstanze Krüger.

Allerdings sehen sie weiter entfernte Gegenstände nicht räumlich und können sie deshalb schlechter einschätzen. Pferde sehen zudem in der Ferne deutlich unschärfer als wir. Das führt schnell dazu, dass sie vor weiter entfernten Dingen erschrecken. Beim Farbsehen ist der Mensch im Vorteil: Die als Zapfen bezeichneten Sinneszellen auf der Pferde-Netzhaut können kein Rot erkennen. Gut nehmen sie dagegen Blau und Gelb wahr.

Objekte sehen Pferde am besten, wenn sie in Bewegung sind oder direkt am Boden liegen. Bereits einen Meter über dem Boden wird der Gegenstand unschärfer, und die Farbe ist nicht mehr so gut erkennbar. In punkto Rundumsicht machen wir Pferden nichts vor. Sie sehen in einem Winkel von fast 360 Grad alles, was vor, neben und hinter ihnen passiert – auch wenn sie am Zügel gehen. Grund: Die seitliche Lage der Augen und der bewegliche Augapfel.

Außerdem besitzt das Pferd mehr als Stäbchen bezeichnete Sinneszellen. Dadurch nimmt es Hell-Dunkel-Kontraste viel besser wahr als wir. Die Folge: Es erschrickt leicht vor grellen Stangen oder Sonnenstrahlen auf dem Weg oder an der Bande.

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Die gelbe Decke springt dem Pferd viel stärker ins Auge als der Reiterin.

Gelassenheit beim Pferd lässt sich trainieren:

Gewöhnung ist alles: Grelle Kontraste oder unbekannte Gegenstände jagen Pferden schnell Angst ein. So vermeiden Sie heftige Reaktionen.

Tipps: „Pferde gewöhnen sich an Vieles, auch an grelle Farben“, sagt Professor Krüger. „Hell-Dunkel-Kontraste können Fohlen früh kennenlernen, etwa wenn sie gemeinsam mit der Mutter verladen werden“, so Marlitt Wendt. Auch ältere Pferde können cooler werden. Setzen Sie sie möglichen Reizen schrittweise aus – immer nur so weit, dass das Pferd noch gelassen bleibt. Legen Sie unbekannte Objekte auf den Boden, dann kann das Pferd sie am deutlichsten sehen. Loben Sie es, wenn es cool bleibt und sich schrittweise dem Gegenstand nähert. „Schaffen Sie im alltäglichen Training immer wieder künstlich Problemsituationen“, empfiehlt Florian Oberparleiter. Ob wehende Planen, Jacken auf der Bande, grelle Stangen oder Verladen: Was Sie zu Hause in Ruhe üben, erschreckt Ihr Pferd weder im Gelände noch auf dem Turnier.

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