Harmonie im Offenstall Lisa Rädlein

So klappt es mit dem Zusammenleben im Offenstall

Richtige Puzzleteile für die Pferde-Herde So klappt es mit dem Zusammenleben im Offenstall

Harmonie im Offenstall ist wie ein Puzzle: Man braucht die richtigen Elemente, Geduld und ein scharfes Auge, um sie passend anzuordnen. Und keine Sorge: Es sind keine 10.000 Teile!

Wieviel Platz benötigen Pferde im Offenstall?

Der Lebensraum für Offenstallpferde kann gar nicht groß genug sein. Sie fühlen sich wohl, wenn sie auf ihren Ausläufen genug Fläche zur Verfügung haben. "Je größer die Fläche, umso besser und umso kleiner die Probleme", betont Dietbert Arnold, Sachverständiger für Pferdezucht und -haltung.

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Puzzlearbeit Was tun für die perfekte Harmonie im Offenstall?
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Er rät: "Damit Pferdehalter ein Gefühl für benötigte Flächen entwickeln, sollten sie einen Blick in die Leitlinien für Pferdehaltung werfen." Konkret heißt es in den Leitlinien des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in punkto Auslauffläche: bei zwei Pferden mindestens 150 Quadratmeter, für jedes weitere Pferd weitere 40 Quadratmeter. Macht bei zehn Pferden 470 Quadratmeter – Minimum.

Die Forschung ist schon weiter: "Jedem Betriebsleiter würde ich viel mehr Platz pro Pferd empfehlen", sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht, die an der TU Weihenstephan seit Jahren Pferdeverhalten und -haltung erforscht: "Gute Betriebe verfügen über 80 bis 150 Quadratmeter und mehr Auslauffläche pro Pferd."

Denn Größe zählt: Einer Studie von Konstanze Krüger und Birgit Flauger zufolge geht die Aggression in der Herde gegen Null, wenn pro Pferd mehr als 331 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Eine gute Untergliederung der Fläche (Stichwort Raumteiler, z.B. mittels Hecken) schafft zusätzliche Wohlfühlatmosphäre.

Was ist bei der Fütterung im Offenstall zu beachten?

Fütterung rund um die Uhr in Häppchen und ganz individuell: Klingt, als wären Automaten für Heu und Hafer die ideale Fütterungsform, oder? Sagen wir: jein.

Ja, was individuelle Fütterung und natürliches Fressbedürfnis angeht. Pferde wollen für mindestens 12 Stunden über den Tag verteilt Nahrung aufnehmen; das geht mit Automaten. Doch tiergerecht ist die Fütterung erst, wenn die Verweildauer im Futterautomat großzügig bemessen ist: "Das Pferd muss mindestens 30 Minuten Zeit für eine Raufuttermahlzeit haben", empfiehlt Dr. Zeitler-Feicht, "und Fresspausen dürfen nicht länger als vier Stunden andauern."

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Pferde futtern gerne synchron, also in Gesellschaft.

Pferde haben zudem einen natürlichen Fress-Rhythmus von etwa zehn längeren Mahlzeiten pro Tag. Das sollten auch Automaten bieten, denn: "Unsere Forschung ergab, dass eine Reduzierung von 20 auf zehn Heu-Mahlzeiten am Tag eindeutig hilft, die Anzahl an Auseinandersetzungen im Wartebereich vor dem Abrufautomaten zu senken", sagt Dr. Zeitler-Feicht.

Die Forscherin weist auf einen Nachteil der Futterautomaten hin: "Frisst ein Pferd einzeln in einem Futterautomaten, ist das eine asynchrone Fütterung, die dem angeborenen Verhalten der Pferde widerspricht. Die Tiere wollen gemeinsam fressen!" Daher sollte Stroh immer zur freien Verfügung stehen. Heu kann aus (zeitgesteuerten) Raufen gefüttert werden, sodass Pferde gemeinsam fressen können.

"Die Tiere können ihre Zutrittszeiten etwa zu Futterbereichen zudem lernen", sagt Carola Brandt von Schauer. Stallbetreiber können das clever nutzen, etwa indem Pferde immer zu bestimmten Zeiten an die Raufe dürfen. Das vermeidet Stress vor der Station.

Wie sollten Schlafstellen beschaffen sein?

Wer gut schläft, ist gesünder, fitter, konzentrierter und zufriedener. Das gilt für Mensch wie Pferd. Deshalb wurden die Schlafmöglichkeiten im Weihenstephaner Bewertungssystem, das Stallbetreibern helfen soll, das Tierwohl in ihrer Haltung zu optimieren, besonders unter die Lupe genommen.

Dr. Margit Zeitler-Feicht, die mit ihrem Team dafür zahlreiche Ställe besucht hat, findet: "Bei Liegebereichen sollte nachgebessert werden." Denn die Bedeutung ist nicht zu unterschätzen.

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Schläfchen in der Sonne: Im Offenstall sollten alle Pferde entspannt ruhen können.

Damit Pferde gut und gerne schlafen, müssen einige Rahmenbedingungen stimmen: "Der Bereich muss eingestreut sein. Auf reinen Liegematten legen sich Pferde nicht oder nur ungern hin. Zugleich muss der Boden griffig sein, damit die Pferde sicher aufstehen können. Schaut der Beton durch, ist es zu glatt", zählt Dr. Margit Zeitler-Feicht auf. Der Liegebereich dürfe auch nicht als Fressplatz oder Durchgang dienen.

Und, ganz wichtig: Der Liegebereich muss groß genug für alle sein – auch wenn sich selten alle Pferde gleichzeitig hinlegen. Die Leitlinien empfehlen pro Tier 3 x Widerristhöhe2, "das ist nach unserer Forschung eindeutig zu wenig. Besser ist Boxengröße", so Dr. Zeitler-Feicht. Die Formel lautet: (2 x Wh)2. Für ein Pferd mit 1,60 Meter Stockmaß macht das über zwei Quadratmeter Unterschied. Idealerweise gibt es mehrere Liegebereiche.

Was heißt "gutes Stallmanagement"?

Ein guter Offenstall lebt auch von der Betriebsleitung. "Denn um eine Gruppenhaltung gut zu führen, braucht es unglaublich viel Sachwissen aufseiten des Stallbetreibers", betont Dr. Margit Zeitler-Feicht. Ein Betriebsleiter müsse etwa beurteilen können: Geht es einem Pferd gut? Oder kommt es in der Herde zu kurz? Und wie steht’s eigentlich um die Gruppe?

"Ein Stallbetreiber muss ein Pferdemensch sein", findet auch Carola Brandt. Nur dann könne er aus Beobachtungen die richtigen Schlüsse ziehen und vor allem Abhilfe schaffen. Konkrete Beispiele: Stress vor Futterautomaten durch eine Strohraufe entzerren, oder Bereiche durch Sichtschutz besser strukturieren, damit rangniedrigere Pferde leichter ausweichen können.

Stallbetreiber sollten zudem wissbegierig und offen für Verbesserungen sein, meint Stall-Beraterin Brandt und berichtet: "Meinen eigenen Stall habe ich in den vergangenen 13 Jahren zweimal umgebaut, weil ich immer wieder neue Erkenntnisse, neue Ideen hatte."

Auch die Futtertechnik biete viele Möglichkeiten, um für mehr Harmonie zu sorgen: Aus dem Futterprotokoll könne man herauslesen, in welchem Rhythmus Pferde gerne zu den Stationen gehen. Darauf können Betreiber eingehen, indem Pferde zu diesen Zeiten "freigeschaltet" werden. "Das entzerrt den Wartebereich."

Welchen Beitrag Pferdebesitzer leisten

Pferdebesitzer können einen wichtigen Beitrag zur Harmonie im Offenstall leisten. Das Stichwort lautet hier: Stress vermeiden. Unwissentlich erzeugen sie ihn teils eher, etwa wenn sie ihre Pferde häufig selbst füttern.

"Füttert ein Besitzer nämlich viel, auch außerhalb des Laufstalls, verteidigt ihn das Pferd innerhalb der Herde automatisch als Ressource", erklärt Verhaltensforscherin und Stallbesitzerin Dr. Vivian Gabor. Wichtig ist es daher, sich als Pferdebesitzer mit dem natürlichen Verhalten der Tiere untereinander auszukennen.

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Wie sich Pferdebesitzer in und außerhalb des Laufstalls verhalten, hat Einfluss auf die Harmonie in der Gruppe.

Und das pferdische Verhalten realistisch einzuschätzen: "Ein fehlendes Haarbüschel ist wie ein kleiner Lackschaden, das kann mal passieren", sagt Vivian Gabor. Das Pferd, das quasi den Lack zerkratzt hat, ist nicht automatisch das böse: "Solche menschlichen Eigenschaften werden Pferden oft unterstellt, dabei treffen diese Attribute gar nicht zu."

Tipp der Forscherin: Wenn Reiter die Offenstall- Gruppe beobachten, entwickeln sie nach und nach ein Gefühl, was normales Verhalten ist und was nicht. Nicht normal ist etwa: wenn ein Pferd immer abseits steht, wenn Pferde ständig zubeißen oder treten, oder wenn ranghöhere Tiere rangniedrige stets vom Futter fern halten.

Bei Letzterem sollten Reiter dann auch nicht vor Konsequenzen zurückscheuen, betont Dietbert Arnold. Heißt konkret: den Stall verlassen, wenn das Pferd nur gestresst ist oder nicht mehr zur Ruhe kommt. "Sonst", findet der Sachverständige ganz klare Worte, "ist das ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz."

Training macht Offenstall-Pferde zufriedener

Ein bisschen Gras zupfen, am Heu mümmeln, mit den Herdenkollegen spielen, dösen: Klingt nach einem traumhaften Pferdeleben. Manchen Tieren reicht das allerdings nicht. Das hat auch Dr. Vivian Gabor in ihrem Stall erlebt: Ein Pferd war zu bestimmten Zeiten immer gefrustet und ließ diesen Frust an seinen Herdenkollegen aus, erzählt sie. Die Folge: Es kam zu Verletzungen innerhalb der Gruppe.

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Ausgelastete Pferde sind zufriedener in der Herde.

"Ich habe das dann genauer beobachtet: Das Problem trat immer auf, wenn das Pferd von seinem Besitzer wieder zur Gruppe gelassen wurde." Was das Tier so gestresst hat? Mangelnde Bewegung und mangelnde Beschäftigung.

"Tüddeln alleine reicht für viele Pferde nicht", betont Vivian Gabor. Die brauchen Beschäftigung, Reit- oder Bodenarbeitstraining, damit sie körperlich und mental im Gleichgewicht sind. Da kann Carola Brandt nur zustimmen: "Pferde, die gut gearbeitet werden, sind auch in der Herde zufriedener. Ein guter Offenstall ersetzt kein Training."

Warum die Beziehung von Einsteller und Stallbesitzer wichtig ist

Was schätzen Sie an Ihrer besten Reiterfreundin? Vielleicht deren Wissen über Pferde oder Training? Ihre scharfe Beobachtungsgabe, was Pferde angeht? Oder ihre große Zuneigung zu den Vierbeinern?

Diese gegenseitige Wertschätzung herrscht im Idealfall auch zwischen Einstellern und Stallbetreibern. Ist man nicht einer Meinung, setzt man sich zusammen, äußert konstruktive Kritik – und im Idealfall verbessert sich so das Leben der Pferde auf dem Hof.

"In der Praxis ist das nicht immer so", erlebt Dietbert Arnold. "Da halten Stallbetreiber ihre Einsteller für ungebildete Helikoptermamas, oder die Einsteller sprechen dem Betreiber seine Kompetenz ab." So eine Gräbenbildung verhindert jedoch, dass notwendige Verbesserungen zum Pferdewohl angestoßen werden.

Ist die Situation verfahren oder sind die Fronten verhärtet, rät Vivian Gabor zu einem unabhängigen Berater, der die Lage hoffentlich entschärfen kann. Was wiederum für Harmonie sorgt.

CAVALLO-Kommentar

Ob es ihn gibt, den perfekten Offenstall? In dem sich Pferde, ihre Besitzer und Stallbetreiber jeden Tag wohlfühlen? Oder gleicht dieser ideale Stall eher einem 10 000-Teile-Puzzle, bei dem immer irgendein Teil fehlt oder an der falschen Stelle liegt?

Vielleicht müssen wir Reiter uns von diesem Streben nach absoluter Perfektion verabschieden. Irgendetwas wird auch im allerbesten Stall nicht hundertprozentig passen, das ist unrealistisch.

Aber wenn die Rahmenbedingungen, unsere sieben Puzzle-Teile, passen, wenn unsere Pferde ausreichend Platz, Futter- und Schlafmöglichkeiten haben und Einsteller wie Stallbetreiber an einem Strang ziehen – dann ist das schon ziemlich perfekt. Barbara Böke, CAVALLO.Redakteurin.

Die Experten

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Nils Arnold
Dietbert Arnold

Dietbert Arnold ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Pferdezucht und -haltung. www.hippologe.de

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Lisa Rädlein
Dr. Vivian Gabor

Dr. Vivian Gabor ist Pferdewissenschaftlerin, Verhaltenstrainerin und Stallbetreiberin. www.ivkmenschundpferd.com

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Ernst Feicht
Dr. Margit Zeitler-Feicht

Dr. Margit Zeitler-Feicht ist Pferdeethologin und Haltungsexpertin. www.oekolandbau.wmz.tum.de

Harmonie im Offenstall
privat
Carola Brandt

Carola Brandt ist Verkaufsleiterin Pferd bei der Firma Schauer und selbst Stallbetreiberin. www.schaueragrotonic.de

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