Kompendium Sommerekzem Lisa Rädlein

Sommerekzem: Diagnose und Behandlung

Was tun bei Juckreiz durch Sommerekzem? Sommerekzem: Diagnose und Behandlung

Der Speichel von Stechmücken löst bei manchen Pferden heftigen Juckreiz aus. Eine spezifische Impfung dagegen wird derzeit erforscht.

Mähnenkamm, Bauchnaht, Schweifrübe: Die 16-jährige Isländerstute kratzte sich teils blutig, so sehr juckte ihre Haut. Sie litt an Sommerekzem, seit sie im Alter von neun Jahren nach Deutschland gekommen war.

Kompletten Artikel kaufen
Kompendium Sommerekzem
Medizin-Kompendium Sommerekzem diagnostizieren und behandeln
Sie erhalten den kompletten Artikel (4 Seiten) als PDF

Was verursacht die Krankheit?

Sommerekzem ist eine allergische Erkrankung, die in Kombination mit genetischen Komponenten und Umwelteinflüssen hervorgerufen wird. Das Pferd reagiert auf Substanzen im Mückenspeichel allergisch, konkret: von Gnitzen (Culicoides), Wadenstecher (Stomoxys), Bremsen (Tabanus), Stechmücken (Culex) oder Kriebelmücken (Simulium). Nur befruchtete weibliche Mücken sind gefährlich. Stechen sie das Pferd, reagiert das Immunsystem von Allergikern auf die Speichelsubstanzen und bildet bestimmte Proteine, die Juckreiz auslösen.

Kompendium Sommerekzem
Lisa Rädlein
Mücken stören jedes Pferd; bei Allergikerpferden können die Bisse jedoch Sommerekzem auslösen.

Je nach Art fliegen die Mücken tagsüber (wie Wadenstecher, Bremsen) oder in der Dämmerung bzw. nachts (Gnitzen, Stech- und Kriebelmücken). Die Belastung ist abhängig von Faktoren wie Koppellage, Witterung und Temperatur. Windige, hochgelegene Koppeln und Inseln bieten Mücken schlechten Lebensraum. In Deutschland sind die Mücken – je nach Witterung und Lage – zu unterschiedlichen Zeiten aktiv. Zur groben Orientierung: ab Februar fliegen Kriebelmücken, ab April folgen Gnitzen, Bremsen und Stechmücken, ab Juni Wadenstecher. Alle Arten fliegen bis in den Spätsommer/Herbst; Stechmücken sind in milden Wintern ganzjährig aktiv.

Wie macht sich die Krankheit bemerkbar?

Der Stich per se juckt. Die überschießende Reaktion des Immunsystems verstärkt den Juckreiz, das Pferd kratzt sich. Im Anfangsstadium ist das Langhaar vorhanden, aber glanzlos und brüchig. Verschlimmert sich das Ekzem, scheuert sich das Pferd kahl; vor allem an Schweif, Mähne, Widerrist, Kruppe, aber auch an Kopf, Hals, Schultern oder Bauch. Mitunter kratzt sich das Tier so sehr, dass es offene und nässende Wunden bekommt. Diese können in Folge mit Bakterien sekundär infiziert sein, sodass sich das Krankheitsbild verschlechtert.

Kompendium Sommerekzem
Lisa Rädlein
Pferde schubbern sich oft die Haare am Schweif ab.

Das ständige Kratzen zerstört die Haut, die gleichzeitig durch die permanente Reizung dicker wird. Der Mähnenkamm ist häufig geschwollen und warm. Unter der Haut bilden sich kleine, stecknadelkopfgroße Knoten (Papeln). Verschwinden im Herbst die Mücken, heilen die Wunden nach vier bis acht Wochen. Über die Jahre legt sich die Haut an Widerrist und Mähnenkamm in wulstige Falten.

Kompendium Sommerekzem
Pferdeklinik / Universitäres Tierspital / Vetsuisse-Fakultät / Universität Zürich
Nach mehreren Jahren Leidenszeit und Kratzen legt sich die Haut in wulstige Falten.

Wie diagnostiziert der Tierarzt die Erkrankung?

"Beim Allergiker werden gegen die auslösenden Allergene Antikörper der Klasse IgE gebildet. Die sind im Blut des Pferds nachweisbar", sagt Dr. Regina Wagner, Fachtierärztin für Dermatologie. In der Saison können diese Antikörper durch einen Blutallergietest (ELISA), den viele Labore anbieten, nachgewiesen werden.

Außerhalb der Saison sind funktionelle Zellstimulationstests sinnvoller. Sie bestimmen über die Menge ausgeschütteter Botenstoffe die Sensibilität von allergievermittelnden Zellen. Einer dieser Tests, der Funktionelle In-Vitro-Test (FIT), misst den allergievermittelnden Botenstoff Histamin. Das Blut muss 24 Stunden nach Entnahme an der TiHo Hannover untersucht werden.

Wie behandeln Tierärzte und Therapeuten?

Zur Behandlung gibt es bisher kein Patentrezept. Was bei einem Pferd anschlägt, kann beim anderen wirkungslos sein. Häufig führt eine Kombination aus mehreren Methoden zum Erfolg

Kompendium Sommerekzem
Lisa Rädlein
Lotionen und Tinkturen helfen, den Juckreiz zu verringern.

Tierärzte versuchen gewöhnlich, die allergische Überreaktion zu unterdrücken, indem sie kortisonhaltige Mittel injizieren oder als Salben oder Tabletten verordnen. Das stillt den Juckreiz und wirkt entzündungshemmend. Experten halten solche Medikamente für sinnvoll, um den Teufelskreis aus Jucken-Scheuern-Jucken zu unterbrechen; als Dauerbehandlung sind sie ungeeignet.

Kompendium Sommerekzem
Lisa Rädlein
Fliegenspray hält die lästigen Plagegeister von Allergikerpferden fern.

Dass die Hautpilz-Impfung Ekzemern hilft, beobachten Tierärzte in der Praxis immer wieder. "Doch die Impfung hilft meist nur kurzfristig-unspezifisch und auch nur am Anfang, nicht langfristig. Es gibt auch Studien mit signifikanten Ergebnissen dazu", sagt Dr. Wagner. In einer Studie von 2016 etwa ergab sich zwar keine statistisch signifikante Symptom-Verbesserung. Die Besitzer der geimpften Studien-Pferde ordneten deren Symptome im Vergleich zum Vorjahr aber als besser ein. Im Gegensatz zur Anwendung bei Hautpilz-Patienten wird das Vakzin Ekzemern dreimal und höher dosiert verabreicht. Je eher die Therapie beginnt, desto besser die Erfolgsaussichten.

Dr. Wagner setzt mehr auf Allergenspezifische Immunotherapie, auch ASIT oder Hyposensibilisierung genannt. Vor allem Pferden, die erst ein bis zwei Jahre unter Sommerekzem leiden, kann die Therapie helfen. Dem Patienten werden die auslösenden Allergene in ansteigender Dosis injiziert, was die Toleranz gegenüber den Allergenen erhöht. Therapiebeginn ist in der insektenfreien Zeit, also ab etwa Oktober. "Die Therapie ist – so wie alle Therapien bei der Allergie – eine lebenslange, da die Allergie ja nicht geheilt, wohl aber mit der ASIT gut kontrolliert werden kann."

In der Erstbehandlung injiziert der Tierarzt zunächst eine verdünntere, danach eine stärker konzentrierte Lösung. Diese wird in steigenden Dosen und Intervallen injiziert – anfangs wöchentlich, später alle zwei oder drei Wochen, im Endeffekt einmal monatlich. Im Durchschnitt bekommt das Tier lebenslang 1 ml Lösung pro Monat injiziert. "Die häufigste Nebenwirkung ist eine Verschlimmerung der Symptome nach der Injektion, was aber nur ein Zeichen ist, dass man den Plan des Injektionsschemas entsprechend adaptieren muss."

Zudem gibt es einige alternative Behandlungsmöglichkeiten. Immuntherapien wie die Eigenblutbehandlung sollen die Allergieanfälligkeit reduzieren. Bei der Gegensensibilisierung wird entnommenes Blut so aufbereitet, dass es den Körper anregt, Antikörper gegen jene Antikörper zu bilden, die auf Allergene überreagieren. Homöopathen setzen u.a. Konstitutionsmittel ein. Akupunktur reduziert den Juckreiz.

In punkto Fütterung gibt es ebenso einige Produkte, die Sommerekzem mildern sollen, Kräuterkuren mit Brennnessel oder Knoblauch etwa oder Zink-Kuren. Andere Spezial-Produkte enthalten Nicotinamid, eine Form von Vitamin B3; das soll Juckreiz verringern und gestresste Haut beruhigen.

Wie kann man vorbeugen?

Kompendium Sommerekzem
Lisa Rädlein
Vorhänge verhindern, dass Insekten in den Stall eindringen können.

Reiter schützen Ekzemer am besten, indem sie Mücken von ihnen fernhalten. Das gelingt nur mit Ekzemerdecke und Kopfschutz. Im Idealfall sollten die Pferde eingedeckt werden, bevor sie sich kratzen. Sie sollten nicht nachts oder in der Dämmerung auf die Weide, wenn die Insekten fliegen. Koppeln in Waldoder Wassernähe sind oft ungünstig.

Kompendium Sommerekzem
Lisa Rädlein
Fehlt noch die Fliegenmaske zur Ekzemerdecke, dann ist das Pferd gut vor Mückenbissen geschützt.

Schweizer Forscher arbeiten seit einiger Zeit an einer Impfung. Die Pferde werden mit Interleukin 5 (IL-5) geimpft, um dagegen Antikörper zu bilden. IL-5 reguliert die Aktivierung von sogenannten Eosinophilen; die gehören zu den weißen Blutkörperchen, kommen bei Sommerekzem in hoher Zahl vor und schädigen Gewebe. In ersten Ergebnissen waren Hautläsionen deutlich reduziert.

Eine zweite Forschergruppe arbeitet an einer vorbeugenden Impfung. Im Winter 2019/2020 wurden 27 Islandpferde mit Allergen-Proteinen geimpft und dann nach Europa exportiert. Nach der Impfung bildeten die Tiere keine IgE-Antikörper, die bei Allergie-Reaktionen entstehen; im ersten Sommer kamen die bei einzelnen Tieren vor. Aktuell wird erforscht, ob Auffrischungen nötig sind und wenn ja, in welchem Abstand. 2023 ist voraussichtlich mit Ergebnissen zu rechnen.

Risikopatienten für Sommerekzeme

Besonders gefährdet sind Isländer – außerhalb ihrer Heimat: Denn auf Island gibt es keine Culicoides-Arten. Bei importierten Tieren ist daher das Risiko besonders groß, am Sommerekzem zu erkranken. Rund 50 Prozent der importierten Isländer sind davon betroffen. Daneben können grundsätzlich aber alle Pferde daran erkranken. Eine genetische Veranlagung spielt nach neuerer Forschung eine Rolle, da eine Allergieneigung vererbt wird. Robust gehaltene Tiere sind gefährdeter als Boxenpferde, weil sie Mücken häufiger ausgesetzt sind.

Die Expertin

Kompendium Sommerekzem
privat
Dr. Regina Wagner ist Fachtierärztin für Dermatologie. Sie ist – ausschließlich in Sachen Hauterkrankungen bei Tieren – konsiliarisch in diversen Praxen und zudem für ein großes renommiertes Labor tätig. www.vetderm.at

Dr. Regina Wagnerist Fachtierärztin für Dermatologie. Sie ist – ausschließlich in Sachen Hauterkrankungen bei Tieren – konsiliarisch in diversen Praxen und zudem für ein großes renommiertes Labor tätig. www.vetderm.at

Medizin-Kompendium Colitis
Gesundheit & Haltung
Kompendium Pankreatitis
Gesundheit & Haltung
Medizin-Kompendium Hufrehe
Gesundheit & Haltung
Zur Startseite
Gesundheit & Haltung Gesundheit & Haltung Mit der EHV-Impfung ins Turnierjahr 2023 Ready. Set. Go?

Auf die Pferde, fertig und los aufs Turnier!? Ab 2023 nur noch mit der...

Mehr zum Thema Gesundheit
Medizin-Kompendium Headshaking
Fütterungsspezial bei Stoffwechselkrankheiten
Wissen
Pferde-Figur
Reiterwelt
Reiterwelt
Mehr anzeigen