Teil des
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Reportage: Eine Nacht in der Pferdeklinik

Über Nacht

Wenn Pferde an einer Kolik leiden, müssen Tierärzte schnell handeln. CAVALLO hat eine Pferdeklinik besucht - eine Nacht der Notfälle.

Nehmen Sie noch einen Moment Platz, wir haben gerade einen Kolik-Notfall bekommen“, sagt die Dame am Empfang in aller Ruhe. Und das, obwohl auf dem Hof und im Untersuchungsraum Hektik herrschen. Der Notfall um 20 Uhr ist nicht der erste – und wird auch nicht der letzte sein: Die Pferdeklinik an der Rennbahn in Iffezheim/Baden-Württemberg ist rund um die Uhr geöffnet und ­gehört mit mehr als 50 Boxen für stationäre Patienten zu den größten Pferdekliniken in Deutschland.

Mit dem Kran in den OP-Saal

Nachtschicht - Bilder aus der Pferdeklinik

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So wie den fünfjährigen Araberhengst, der auf der Fahrt von so starken Schmerzen geplagt wurde, dass er sich festlegte; über den Augen trug er Schrammen davon. Noch im Pferdehänger narkotisiert, wird er über einen speziellen Kran in den Operationssaal gehievt.

Seine Besitzerin läuft derweil nervös im Hof auf und ab. „Möchten Sie vielleicht einen Schnaps?“, fragt Silvana Klay, die am Empfang sitzt. Die Frau nickt.

Im OP laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Obwohl die meisten Tierärzte und Helfer schon Feierabend hätten, packen sie alle mit an. Das OP-Besteck liegt in Reih und Glied. Der Hengst befindet sich bereits im Tiefschlaf, zwei Helferinnen rasieren und desinfizieren seinen Bauch. Monoton pumpt das Beatmungsgerät, begleitet von Radiomusik aus den Lautsprechern. Es riecht nach scharfem Desinfektionsmittel.

Tierärztin Stephanie Roos überprüft ständig Puls, Atmung und Schleimhäute. In einem Protokoll hält sie alle Werte fest. „Beim gesunden Pferd sind die Schleimhäute blassrosa“, erklärt sie. Die Schleimhäute des Hengstes sind rot – ein Zeichen für den kritischen Zustand seines Kreislaufs.

Chirurg Oliver Genot schneidet die Bauchhöhle auf. Er sucht den Darm nach Knicken und Drehungen ab. Manchmal verschwindet sein Arm bis zum E­­­llenbogen im Pferdebauch. Immer wieder spülen die Helfer die Höhle mit Kochsalzlösung. Nach einer halben Stunde sucht Genot immer noch vergeblich. Der Hengst hat keinen Darmverschluss, keinen Knick und keine Drehung. Sein kompletter Dünndarm ist entzündet. „Vermutlich eine Vergiftung“, mutmaßt Stephanie Roos. „Wir können ihn mit Kochsalz spülen, mehr geht nicht. Es liegt keine mechanische Ur­sache für die Kolik vor.“ Roos prüft erneut den Puls des Hengstes.

Oliver Genot näht den Bauch wieder zu, die Studentin Maria Zachmann darf ihm assistieren. Zurück bleibt eine 20 Zentimeter lange Naht.

Dann sind wieder alle Helferhände gefragt. Der junge Hengst wird mit einem Kran in die Aufwachbox verfrachtet. Sein Atem geht sehr schwer. Pferde können nicht lange ­liegen, ihr Körpergewicht ­belastet die Lunge. Zudem verhärten sich die Muskeln, je länger das Tier in dieser ­Position verharrt.

"Pferdekliniken im CAVALLO-Porträt"

Im Intensivstall

Nachtschicht - Bilder aus der Pferdeklinik

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Die meisten sind Koliker – sie haben ­entweder eine OP hinter sich oder hängen an Infusionen. Ein Jährling wurde wegen einer Fraktur im Gesicht ­operiert, ein Pony hat bei einem Unfall ein Auge ver­loren. Auch sie werden ständig betreut.

Nicola Herr misst den Puls der Intensivpatienten und hört Herzgeräusche ab. Ein Vollblüter ist frisch operiert, er wirkt schlapp und liegt in seiner Box. „Komm schon, ­aufsteeeeehn.“ Nicola Herr klopft ihm den Hals, als wolle sie ihn aufwecken. Er zeigt nur dürftige Reaktionen.

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Koliken wie am Fließband

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Für große Trauer bleibt keine Zeit, drei weitere Kolikfälle haben sich angemeldet. Es ist schon nach 23 Uhr, die Pferde kommen von weit her. Bis zu drei Stunden Fahrt ­nehmen ihre Besitzer auf sich, viele kommen von Frankreich über die Grenze.

So auch die Frau, die ihren Muchacho vorbeibringt. Der kleine Criollo-Wallach macht einen wachen Eindruck. Brav lässt sich der 22-jährige ­Pferde-Senior in den Unter­suchungsstand bugsieren. Tierärztin Gesa Eisele tastet durch den After seinen Darm ab. So kann sie erfühlen, ob Gasansammlungen, Drehungen oder Verstopfungen die Übeltäter sind, die so heftige Schmerzen verursachen.

Einer OP stimmt Muchachos Besitzerin nicht zu. „In seinem Alter möchte ich ihm das nicht mehr zumuten“, sagt sie. Der kleine Scheckwallach erhält eine Infusionstherapie. Eine Kochsalzlösung verdünnt das Blut, der Blutdruck soll sich so erhöhen und den Darm wieder stärker durchbluten. „Bis zu 30 Liter Kochsalzlösung werden in das Pferd infundiert“, erklärt Gesa Eisele. Dazu gibt es in jeder Box der Intensivstation einen Flaschenzug, an dem die Lösung aufgehängt wird.

Muchacho trägt es gelassen. „Er ist schon zweimal über den Atlantik gereist, ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe“, erklärt seine Besitzerin.

Weit weniger cool gibt sich der nächste Patient. Es ist weit nach Mitternacht, Rocco, ein großer Warmblüter, wird ausgeladen. Er bläst vor Aufregung die Nüstern und weigert sich, auch nur einen Schritt in den Untersuchungsraum zu setzen. „Lässt er sich brav untersuchen?“, fragt Gesa Eisele. „Dann können wir’s auch im Stall machen.“ Der Stall ist dem Wallach weniger suspekt.

Tierärztin Eisele vermutet, dass sich ein Stück Darm über das Milz-Nierenband gelegt hat. Um zu sehen, ob der Darm­inhalt zurück in den Magen läuft, legt sie eine ­Nasenschlundsonde. Davon ist Rocco nicht begeistert. Er lässt sich den Schlauch nicht einführen. „Wir müssen ihn ­sedieren“, beschließt Eisele. Das wiederum belastet den Kreislauf des Wallachs. Kurz nach der Spritze beruhigt sich Rocco, die Sonde verschwindet in der Nase. Tierärztin Eisele muss den Schlauch mit dem Mund ansaugen. Und verpasst es, früh genug wieder abzusetzen. „Päh“, flucht sie und spuckt die Flüssigkeit aus. Viel ist nicht drin im Magen des Wallachs. Ein gutes Zeichen.

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Telefon um 2 Uhr morgens

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Im Intensivstall läuft die Routinearbeit weiter. Puls kontrollieren, dieses Mal auch Fieber messen. Gesa Eisele geht nach Hause. Die Tierarzthelferinnen Nicola Herr und Melanie Weber halten die Stellung, Tierarzt und Chirurg sind auf Abruf bereit. Die ­beiden Helferinnen kümmern sich jetzt um alles, was tagsüber zu kurz kommt: Desinfektion von OP-Besteck und Auffüllen sämtlicher Regale. Einige der zehn Kolikpatienten bekommen handweise Heu und eine Schippe Mash zu fressen.

Um zwei Uhr klingelt noch einmal das Telefon. „Oh nein, bitte kein Notfall mehr“, seufzt Nicola Herr. Aufatmen. Gesa Eisele hatte nur eine Kleinigkeit vergessen.

Die Tierärzte können durchschlafen, bis ihr nächster Dienst beginnt. Operieren müssen sie in dieser Nacht nicht mehr. Zum Glück hatte Eisele ihre Rohrstiefel angelassen.

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Warum Pferde so oft Koliken haben

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Koliken gehören zu den häufigsten Todesursachen bei Pferden. Evolutionsbedingt sind ihr Magen und ihr Darm darauf ausgelegt, den ganzen Tag über energiearmes und ballaststoffreiches Futter aufzunehmen und zu verwerten, ganz im Gegensatz zu Rindern. Diese können das eiweißreiche Weidegras, das in unseren Breitengraden wächst, gut verwerten. Pferde nicht: Sie kommen ursprünglich aus der Steppe, haben einen kleinen Magen und einen 40 Meter langen, störanfälligen Darm. Gärendes Futter, abrupte Umstellungen und schlechte Futterqualität führen zu Koliken. Dann verweigern Pferde ihr ­Futter, scharren, treten sich mit den Hinterbeinen gegen den Bauch oder wälzen sich vor Schmerzen. Oft sind die Pferde apathisch und schwitzen. Zu den häufigsten Kolik­arten gehören Krampfkolik, Gaskolik, Verstopfungskolik, Darmverlagerungen und Darmdrehungen. Koliker haben schnell Kreislaufprobleme. Jede Kolik ist ein Notfall.

Muss der Koliker operiert werden, entstehen Kosten von mehreren tausend Euro. Je schneller operiert wird, desto höher die Überlebenschancen. Durch die große OP-Naht am Bauch kann es sechs Monate dauern, bis das Pferd wieder voll einsatzfähig ist.

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