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Alternative Beruhigungsmittel

Was aufgeregten Pferden natürlich hilft

Transport, Tierarzt, Temperament: Wenn Pferde in kritischen Situationen hochkochen, ist Ruhe gefragt. Und manchmal auch Mittel zur Beruhigung zum Schnuppern oder Futtern.

Mama duftet nach Geborgenheit. Rund ums Euter der Mutterstute strömen Duftstoffe in die Fohlennüstern, die ein sicheres Gefühl unterm Bauch wecken. Pheromone heißen die winzigen Duftmoleküle, die in der Natur Großes leisten: Sie beeinflussen das Verhalten und den Organismus eines Tiers über den Geruch. Diese Duftstoffe werden im Labor nachgebaut und sollen Pferden helfen, Stress leichter zu verkraften und Ängste abzubauen. Die besänftigenden Düfte beim Pferd nennen sich Equine Appeasing Pheromones (EAP). Wissenschaftler haben positive Effekte bestätigt. So senkten EAP etwa die Herzfrequenz beim Verladen und ließen Pferde leichter durch einen unbekannten, furchteinflößenden Flattervorhang laufen. EAP gibt es als dopingfreie Nüstern-Gels (z.B. Confidence EQ von Ceva Tiergesundheit oder Equanimity Relax von aniProtec; ca. 45 Euro für 10 Beutel).

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Komm mal runter Das bringen alternative Beruhigungsmittel für Pferde
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Lavendel
Erwin Wodicka
Lavendelduft beruhigt Pferde nachweislich.

Entspannung zum Einatmen

Die Gels sind leicht anzuwenden: Beutel aufreißen, Gel auf die Finger und in bzw. unter die Nüstern schmieren – und zwar zirka 30 Minuten vor potenziellem Stress. Lavendel in der Nase, damit fahren Pferde entspannter im Hänger. Wissenschaftler der University of Arizona testeten bei 15 Pferden, wie sich eine Aromatherapie mit ätherischem Lavendelöl auf Herzschlag und Cortisolspiegel im Blut auswirkte. Die Pferde fuhren 15 Minuten einzeln im Anhänger und inhalierten den Duft. Eine Kontrollgruppe atmete Wasserdampf ein. Tatsächlich waren die Tiere mit Lavendel in der Nase relaxter. Auch eine US-Studie von 2013 belegt die Wirkung der lila Pflanze. Sie zeigte: Pferde beruhigen sich nach Schreckmomenten schneller, wenn sie Lavendel einatmen. Dufte Sache! Sie können zum Beispiel ein Tuch mit ein paar Tropfen Lavendelöl im Hänger aufhängen (natürlich außer Reichweite des Pferds).

Bei stressigen Situationen wie Tierarztterminen können Sie auch ein paar Tropfen Lavendelöl auf Ihren Händen verreiben und das Pferd daran schnuppern lassen. Wichtig: Verwenden Sie ätherische Öle bei Hautkontakt nur in verdünnter Form (Verdünnungsempfehlung: in der Regel 1–3 Prozent, etwa mit Sonnenblumenöl). Im Zweifel sollten Sie die Verträglichkeit testen, indem Sie einen Tropfen Öl auf den Unterarm geben und 24 Stunden warten, ob sich allergische Reaktionen zeigen.

Cooler Hanf ohne Rauschzustand

Die Abkürzung CBD für Cannabidiol ist aktuell in aller Munde, inzwischen auch als Öl bei Pferden. CBD kommt bekanntlich als natürlicher Wirkstoff in Hanfpflanzen vor und soll unter anderem bei Stress und Angstzuständen helfen – ohne die berauschende und psychoaktive Wirkung von Tetrahydrocannabiol (THC). Der THC-Gehalt eines CBD-Produkts als Nahrungsergänzung für Tier (und Mensch) darf nicht über 0,2 Prozent liegen. Im Gegensatz zu normalem Hanföl aus gepressten Hanfsamen enthält CBD-Öl wirksame Extrakte aus Blüte und Kraut. Diverse Firmen bieten bereits CBD-Produkte für Tiere im Internet an, wobei die CBD-Gehalte meist zwischen 5 und 15 Prozent liegen.

Neben dem Hinweis auf hochwertige, laborgeprüfte Qualität empfehlen sie zumeist, vor der Anwendung den Tierarzt zu konsultieren. Allerdings gibt es in der Pferdemedizin tatsächlich vor allem Erfahrungsberichte zur Anwendung, die positive Wirkungen durchaus erwarten lassen. Die wissenschaftliche Forschung steckt indes noch in den Kinderschuhen. Auf eher wackeligen Füßen steht die Rechtslage zum Verkauf von CBD-Produkten für Tiere. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hatte sich der „Ständige Ausschuss Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel, Sektion Tierernährung“ der EU-Kommission im September 2017 mit der Einordnung von aus Pflanzen erzeugten Produkten als Futtermittel befasst, u. a. mit Cannabidiol-Ölen. Kommission und Mitgliedstaaten schätzten diese Öle nicht als Einzelfuttermittel ein, sondern gegebenenfalls als Futtermittelzusatzstoffe.

In der Europäischen Union seien diese derzeit nicht zugelassen und daher als solche nicht verkehrsfähig. Aus Sicht des BVL ist für CBD-haltige Erzeugnisse vor dem Inverkehrbringen entweder ein Antrag auf Zulassung eines Arzneimittels oder ein Antrag auf Zulassung eines neuartigen Lebensmittels nötig. Zudem werten manche Staatsanwaltschaften den CBD-Handel als Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Kauf von CBD-Öl kann also derzeit zum Problem für die Reiternerven werden.

Alternativ ausgeglichen

Wildblüten in Weinbrand streicheln das Gemüt. Der englische Arzt Edward Bach entwickelte die Therapie mit speziellen Essenzen. Bach-Blüten wählen Therapeuten nach dem seelischen Zustand des Patienten aus. Die Bachsche Allzweckwaffe bei hohem Stress sind Rescue-Notfalltropfen. Ungeduldigen, gereizten Tieren mit starker innerer Anspannung hilft Impatiens; Cherry Plum setzen Tierheilpraktiker gerne bei hysterischen Patienten ein, die zu unbeherrschten Temperamentsausbrüchen neigen. Rock Rose besänftigt ängstliche Pferde, die innere Furcht aufwühlt.

Die Blütentropfen sollen rasch und zuverlässig wirken. Nach spätestens 24 Stunden rechnen Heilpraktiker mit einer Besserung um etwa 30 Prozent, nach 48 Stunden soll das Pferd 50 bis 60 Prozent ruhiger sein. Bachblüten-Produkte gibt’s als Tropfen, Globuli oder Sticks zum Füttern. Das Nervensalz: Kalium phosphoricum. Das Schüssler-Salz Nr. 5 soll unter anderem Nerven und Psyche helfen, und zwar bei Nervosität, Konzentrationsmangel, Überaktivität, Angst und Reizbarkeit. Der Homöopath Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler veröffentlichte 1874 den ersten Beitrag dazu. Es gibt zwölf sogenannte „Salze des Lebens“. Sie gelten als homöopathische Arzneimittel und sind in der Regel D6 = 1 : 1 000 000 verdünnt.

Schüßler-Salze gibt es als Tabletten, Tropfen und Globuli. Weil Tropfen Alkohol enthalten und Tabletten auf Milchzuckerbasis zwar neutral schmecken, aber zu Verstopfungen oder Durchfall führen können, sind für Pferde die großen Globuli am besten geeignet. Schüßler-Salze sind rezeptfrei, aber nur in der Apotheke (auch im Internet) zu kaufen. Hinweis: Auch frei verkäufliche alternative Heilmittel sollten Sie im Zweifel nur nach Rücksprache mit einem Tierarzt oder Therapeuten verabreichen.

Ruhe auf Rezept vom Tierarzt

Starke Beruhigungsmittel, sogenannte Sedativa, dämpfen die Funktionen des zentralen Nervensystems für gewisse Zeit, etwa bei tierärztlichen Behandlungen. Diese werden in der Regel vom Veterinär intravenös verabreicht. Der Pferdebesitzer kann allerdings im Notfall auch selbst sedieren: Es gibt Pasten, Pulver oder Tabletten zum Eingeben – erhältlich nur auf Rezept vom Tierarzt! Der Wirkstoff ist meist Acepromazin. Die Wirkung beginnt 15 bis 30 Minuten nach der Gabe und dauert sechs bis sieben Stunden. Diese Mittel vertragen sich übrigens auch mit einer intravenösen Sedierung, allerdings muss das der Tierarzt unbedingt wissen.

Baldrian
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Ausgewählt und wohldosiert: Dann können Kräuter-Kuren beruhigen - hier Baldrian.

Cool down aus dem Kräutergarten

In aufregenden Situationen braucht man erstmal einen Baldriantee. Die beruhigende Wirkung von Baldrian, einer der ältesten Heilpflanzen, kannte schon der Arzt Hippokrates im vierten Jahrhundert vor Christus. Die Inhaltsstoffe hemmen Botenstoffe im zentralen Nervensystem und wirken so beruhigend. Vor allem Extrakte aus den Wurzelteilen sind reich daran. Wollen Sie bei Ihrem Pferd zu Baldrian greifen (etwa bei nervösen Magen-Darm-Problemen), sollten Sie das im Voraus tun: Es kann bis zu zwei Wochen dauern, bis man Effekte bemerkt. Zudem steht Baldrian auf der ADMR-Liste für verbotene Substanzen – wollen Sie mit Ihrem Pferd auf einem Turnier starten, müssen Sie Baldrian mindestens 48 Stunden vorher absetzen.

Von der pulverisierten Wurzel können Sie etwa 15 Gramm unters Futter mischen. Tierärztin Dr. Beatrice Dülffer-Schneitzer empfiehlt in ihrem Buch „Pferdegesundheitsbuch. Einzigartige Kombination aus Schulmedizin und alternativen Heilmethoden“ (Warendorf, 2019) einen Tee aus Baldrianwurzel und Melissenblättern, der übers Futter gegeben wird. Denn Melisse wird ebenfalls eine beruhigende Wirkung nachgesagt. Das Kraut kann frisch oder getrocknet gefüttert werden; ein erwachsenes Pferd verträgt 30 bis 50 Gramm. Kombiniert werden kann die Heilpflanze mit Kamille.

Deren Heilwirkung wird ebenfalls seit mehreren Tausend Jahren geschätzt. Sie wirkt nicht nur beruhigend, sondern „eignet sich bestens für alle Magen-Darm-Probleme“, so Dr. Dülffer-Schneitzer. 25 bis 50 Gramm der Blüten können Sie getrocknet übers Futter geben oder einen Tee daraus zubereiten. Ebenfalls beruhigend soll Hopfen wirken. Verantwortlich dafür sollen die Bittersäuren Humulon und Lupulon sein, die in der Pflanze aus der Familie der Hanfgewächse stecken. Gefüttert werden die weiblichen Blütenstände der Pflanze; davon sollen bereits 10 Gramm für ein Großpferd ausreichen.

Nur weil Kräuter „natürlich“ sind, heißt das aber nicht, dass sie harmlos sind: Falsch dosiert oder gemischt, können sie dem Pferd schaden. In Baldrian stecken etwa giftige Pyrrolizidin-Alkaloide, die die Leber schädigen können. Daher sollten Reiter genau auf die Dosierung achten und nicht wahllos Kräuter füttern. Lassen Sie sich am besten von Experten beraten. Und geben Sie Kräuter grundsätzlich nur kurweise, nicht dauerhaft.

Nährstoffe fürs Nervenkostüm

„Das ist halt einfach ein nervöser Typ“ – wie oft haben Reiter das wohl schon von ihren Pferden gesagt? Natürlich gibt es gemütlichere und spritzigere Charaktere. Manchmal ist ein nervöses Pferd aber auch hausgemacht: Wenn es über die Fütterung nicht mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt ist. „Ein Ungleichgewicht in der Nährstoffzufuhr hat immer zur Folge, dass die Darmflora geschädigt wird“, sagt Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand. Die Ernährungswissenschaftlerin, die seit 2010 Nahrungsergänzungsmittel herstellt, ist auf die Ernäh- rungsphysiologie von Mensch und Tier spezialisiert.

Doch wie hängt die Darmflora mit dem Nervenkostüm zusammen? „Nur wenn die Darmflora intakt ist, kann der Pferdekörper ausrei- chend B-Vitamine bilden“, erklärt Dr. Weyrauch-Wiegand. Diese Vitamine hätten wiederum einen großen Einfluss auf die Psyche des Tiers: „Vitamine B1 und B6 stabilisieren die Nerven. B6 hilft zudem dabei, die Aminosäure Tryptophan in Serotonin umzuwandeln, das sogenannte Glückshormon.“ Dieses Hormon wirkt sich wiederum positiv auf die Stimmung auf. Neben den Vitaminen B1 und B6 spielt auch B12 eine Rolle – über zwei Ecken: Denn das Ende jeder Nervenzelle ist von der Schutzschicht Myelin umgeben.

Heu
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Die richtigen Nährstoffe im Futter stärken Darmflora und Nerven.

Die sorgt dafür, dass die elektrischen Signale der Nervenzelle schnell weitergegeben werden können. „Das Vitamin B12 unterstützt die Bildung dieser Schicht und steigert so die Konzentrationsfähigkeit und Nervenstärke“, sagt Dr. Weyrauch-Wiegand. Normalerweise kann ein Pferd mit Hilfe seiner Darmbakterien die wichtigen B-Vitamine selbst bilden. „Schlechtes Grundfutter und künstliche Zusatzstoffe im Futter wie Konservierungsmittel oder Süßstoffe belasten allerdings den Darm.“ Sei das Heu zudem mit Pilzen, Hefen oder Bakterien belastet, könnten giftige Stoffwechselprodukte entstehen, die ebenfalls das Mikrobiom im Darm aus dem Tritt bringen, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin.

Spurenelemente als „Nervenfutter“

Fehlen Spurenelemente wie Mangan oder Kobalt in der Futterration, hat das ebenfalls Auswirkungen: Kobalt braucht der Pferdekörper, um das Vitamin B12 bilden zu können. Und zu wenig Mangan führt dazu, dass der Körper bei der Produktion von Vitamin B1 behindert wird; „das provoziert so sekundär ein nervliches Problem.“ Und wie sieht es mit dem Mengenelement Magnesium aus, das als „Nervenfutter“ bekannt ist? „Magnesium setzt die Erregbarkeit von Muskeln und Nerven herab, das heißt: Muskeln können nur mithilfe von Magnesium erschlaffen“, erklärt 
Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand.

Sei das Pferd verspannt oder schreckhaft, könne also durchaus ein Magnesiummangel dahinterstecken. Dazu kommt: „Sind Pferde großem physischen oder psychischem Stress ausgesetzt wie etwa bei einem Transport, Stallwechsel oder einem Klinikaufenthalt, bauen die Hormone Adrenalin und Noradrenalin Fett ab. Diese sogenannte Lipolyse führt dazu, dass freie Fettsäuren entstehen. Die wiederum sind an Magnesium gebunden, das heißt, dass dem Pferdekörper dann nicht mehr ausreichend davon zur Verfügung steht.“

In Stresssituationen kann es daher durchaus sinnvoll sein, dem Pferd kurzfristig und vorbeugend Magnesium zu füttern. Entsprechende Ergänzungsfuttermittel gibt es zahlreiche. Langfristig muss jedoch die gesamte Nährstoff-Balance stimmen, damit das Nervenkostüm im Gleichgewicht ist.

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