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Was braucht es für die richtige Pferdehaltung?

Der große Stall-Check Was braucht es für die richtige Pferdehaltung?

Wie wohl fühlt sich ein Pferd in seinem Stall? Mehr als acht Jahre beschäftigten sich Forscherinnen mit dieser Frage. Ihr Bewertungssystem BestTUPferd gibt darauf Antworten – und hat das Potenzial, Pferdehaltungen nachhaltig zu verbessern. Wir geben einen ersten Einblick in die Haltungsprüfung.

Das habe ich selten gesehen", sagt Dr. Miriam Baumgartner und korrigiert sich: "Nein, ich glaube, das habe ich noch nie gesehen."

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Ställe bewerten Was brauchen Pferde, um sich im Stall wohlzufühlen?
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Was die Verhaltensforscherin von der Technischen Universität München-Weihenstephan so erstaunt: An einer Seite der Heu-Raufe mit fünf Fressplätzen stehen vier Pferde und futtern. Bauch an Bauch an Bauch an Bauch. Man hört seit zehn Minuten nur leises Malmen. "Dass mehrere Pferde so dicht beieinander und so lange friedlich fressen, kommt sehr selten vor", erklärt Dr. Miriam Baumgartner.

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Was bei Offenstall-Haltung zählt, sahen wir auf dem Kistlerhof.

Sie muss es wissen: Die Forscherin hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Haltungssystemen auseinandergesetzt. Dr. Baumgartner, Verhaltensforscherin Dr. Margit Zeitler-Feicht und Dr. Sandra Kuhnke von der Landwirtschaftskammer NRW haben eine völlig neuartige Bewertung für Pferde-Ställe erschaffen: das Weihenstephaner Bewertungssystem "BestTUPferd".

Hinter der Abkürzung verbirgt sich die "Entwicklung eines BEwertungssySTems zur Beurteilung der Tiergerechtheit und der Umwelteinwirkungen von PFERDehaltungen als EDV-basiertes Beratungsinstrument". Kürzer: eine App, mit deren Hilfe ein Haltungssystem wie Offen- oder Boxenstall neutral bewertet wird, immer mit dem Fokus: Fühlen sich Pferde hier wohl? Die Bewertung wird von geschulten Auditoren vorgenommen, die vor Ort Pferde beobachten, Betreiber befragen und Daten wie Boxengrößen erfassen.

BestTUPferd checkt rund 300 Indikatoren, die sich unter vier Oberbegriffen zusammenfassen lassen:

  1. Verhalten im Kontext von positiven Empfindungen
  2. Guter Gesundheitszustand
  3. Pferdegerechte Haltungsbedingungen
  4. Ökologische nachhaltige Pferdehaltung Jede dieser vier Säulen wird mit je 25 Prozent gewertet.
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Weich eingestreute und ausreichend große Liegeflächen sind essenziell fürs Wohlbefinden. Hier legen sich Pferde dann auch gerne hin.

Das Ziel des Projekts: "Wir wollen den Tierschutz in der Pferdehaltung verbessern", sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Zunächst in Deutschland, dann im deutschsprachigen Raum, hoffentlich – weil sich das System leicht internationalisieren lässt – in weiteren Ländern.

Wir dürfen uns als erste Pferde-Fachzeitschrift ein Bild von diesem Mammutprojekt machen: Wie läuft eine Bewertung ab, worauf kommt es an? Dafür begleiten wir Dr. Miriam Baumgartner und Dr. Margit Zeitler-Feicht in zwei Beispiel-Ställe bei München.

1. Stallbewertung mit der Stall-Check-App

Erste Station ist der Kistlerhof in Kranzberg. Rund 40 Pferde leben hier im weitläufigen Offenstall. Forscherin Miriam Baumgartner erfasst in der App auf ihrem Tablet zunächst Basis-Daten wie Haltungsform und Pferdezahl. Dann starten wir mit den Verhaltensbeobachtungen.

"Dafür wählen wir zwei Zeiträume: einen kurz vor und um die Fütterungszeit herum, wenn der Stress-Pegel meist etwas höher ist, und den zweiten in einer entspannten Situation danach."

Weil sich die zeitgesteuerten Heu-Raufen gleich öffnen, beziehen wir Position in einem abgetrennten Wiesenstück. Sobald es Heu gibt, setzen sich einige Pferde in Bewegung.

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Tägliche, freie Bewegung ist ein Kriterium, das jeder Stall erfüllen muss.

Nicht ohne Reibereien: Ein Fuchs droht zwei anderen Pferden, ein Schimmel beißt einem Dunkelbraunen in den Hintern. "Bei solchen Aktionen zählt jedes vertriebene Pferd", sagt Dr. Baumgartner und vermerkt in der App: zwei Drohgesten, eine weitere mit Verletzungspotenzial.

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Dr. Miriam Baumgartner holt solche Informationen im Gespräch mit der Stallchefin ein.

Insgesamt beobachtet ein Auditor 20 Minuten lang, unterteilt in vier Intervalle. Die App berechnet anhand der Zahl der beobachteten Pferde, wie viele Drohgesten es pro Pferd gab: Ideal ist weniger als einmal pro Pferd und 20 Minuten (bei zehn beobachteten Pferden und fünf Drohgesten ergeben sich also 0,5 Drohgesten pro Pferd).

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Die Daten des Stall-Checks lassen sich einfach in der App erfassen. Die lässt sich auf Tablets installieren.

Treten häufiger Aggressionen auf – wenn in einer Gruppe von sechs Pferden beispielsweise jedes Tier errechnet 1,5-mal droht –, sollte der Stallbetreiber nachbessern, etwa über mehr Fressmöglichkeiten. Und wie sieht es hier aus? "Wir haben 0,4 Drohgesten pro Pferd, alles im Normalbereich", ordnet Miriam Baumgartner das Geschehen ein.

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Beim Audit werden Pferde auf Verletzungen untersucht, die mehr als Daumennagelgroß sind.

Nun begeben wir uns in die Herde. "Für den Gesundheits-Check müssen wir uns die Pferde genau ansehen", erklärt Miriam Baumgartner. Dafür werden alle Verletzungen erhoben, die größer als ein Daumennagel sind, aber auch auffällige Wunden an Fessel- oder Karpalgelenken, die auf Stürze aufgrund von Schlafmangel hindeuten können.

Miriam Baumgartner kontrolliert die Hufe eines Fuchses. "Die sehen ordentlich aus. Könnten Sie bitte vorne links und hinten rechts einmal aufheben?", bittet sie dann Stallchef Ferdinand Kistler. Auch hier ist alles im grünen Bereich, es ist keine Strahlfäule erkennbar.

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In den meisten Fällen reicht aber eine Beobachtung der Tiere aus.

Dieser Indikator sei besonders aussagekräftig, ergänzt Dr. Margit Zeitler-Feicht: "Nicht bei einem einzelnen Pferd, aber wenn Strahlfäule bei der Hälfte der Tiere im Stall nachgewiesen wird, sind die Hygienebedingungen schlichtweg mangelhaft." In einem Stall mit 50 Pferden müssen dafür bei 33 Tieren die Hufe diagonal kontrolliert werden, um das sauber statistisch zu erfassen. Aufgehoben werden die Hufe vom Betreiber oder einer von ihm autorisierten Person.

Neben Strahlfäule gibt es zwei weitere Indikatoren, für die Auditoren näher ans Pferd müssen: Der zweite ist Kotwasser, der dritte Kontrolle auf Über-, Normaloder Untergewicht nach dem Body Condition Score von Kienzle & Schramme.

Miriam Baumgartner prüft dafür etwa das Kammfett: Der Fuchs neben ihr hat gerade den Kopf gesenkt, um an einem Grasbüschel zu knabbern, und die Forscherin hält zur Verdeutlichung in der Mitte des Halses ihre Hand direkt an den Mähnenkamm.

"Bei einem normalgewichtigen Pferd sollte es nicht mehr als eine Handbreit Fett geben, das sind etwa sieben Zentimeter. Hier sind es vier Finger, das ist noch okay." Sie streicht dem Fuchs über die Rippen: "Die sollten leicht fühlbar, aber nicht zwingend sichtbar sein, genauso wie hier."

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Ran ans Pferd: Für die Beurteilung nach Body Condition Score (die Kammfettmessung) müssen die Auditoren Pferde anfassen.

Ein paar Meter entfernt beobachten wir zwei Pferde, die miteinander spielen. Übrigens kein Indikator für Wohlbefinden: Spielen dient erwachsenen Pferden auch zum Stress-Abbau, etwa kurz vor der Fütterung. "Unsere Forschung zeigte, dass in Gruppenhaltungen, in denen viele Stress-Zeichen wie Drohen, Beißen oder Auskeilen zu beobachteten waren, auch die Anzahl an Spiel-Einheiten hoch gewesen ist", so Margit Zeitler-Feicht. Das Spiel flog daher als Indikator raus, ebenso wie die Fellpflege, die ebenfalls Stress abbauen kann.

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Kraul mich: Das kann für Wohlbefinden sprechen, aber auch dem Stress-Abbau dienen.

Doch es wurde ein Ersatz gefunden: Freundschaft. Pferde gelten als Freunde, wenn sie freiwillig mit einem Abstand von weniger als 1,50 Meter mindestens eine Minute lang zusammen sind, etwa beim Grasen oder gemeinsamen Ruhen. "Hat Ihr Pferd einen Freund, geht es ihm gut", betont die Forscherin.

Wir wandern zum nächsten Stallgebäude, das als Liegefläche dient und durch eine Brüstung in zwei Bereiche geteilt ist. Der etwas tiefer liegende Bereich ist mit Stroh eingestreut, der höhere Teil mit einem Mix aus Sand, Hackschnitzeln und Miscanthus (Chinaschilf). Im überdachten, mit Stroh eingestreuten Toilettenbereich davor ruht liegend ein Schimmel.

Liegebereiche in Offenställen waren übrigens der Grund, warum BestTUPferd entstand, erzählt Dr. Margit Zeitler-Feicht: "Ich habe vor etwa zehn, elf Jahren für Forschungsarbeiten Ställe mit Studenten besucht. Obwohl diese Ställe vielfach prämiert waren, war der Liegebereich häufig zu klein. Das war für mich der Anlass, ein neutrales, wissenschaftlich fundiertes Bewertungssystem zu erarbeiten."

Den Schimmel interessiert die Entstehungsgeschichte weniger, er legt sich flach auf die Seite. Doch warum nutzt er nicht die Sand-Liegefläche hinter ihm? "Die ist ihm vielleicht zu hart", vermutet Dr. Baumgartner. Sie geht in die Mitte des Bereichs und lässt sich aus dem Stand heraus auf die Knie fallen. "Tun einem die Knie weh, tut es auch den Pferden weh, wenn sie sich hinlegen. Und dann vermeiden sie das", erklärt die Forscherin, während sie sich die Knie reibt. Für den Stallbetreiber hat sie gleich den Tipp: "Am besten noch mehr einstreuen, dann legen sich die Pferde hier auch gerne hin."

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Tut’s weh? Wenn beim Kniefall auf die Einstreu die Knie schmerzen, geht’s Pferden nicht anders.

In Boxen ist Toilette und Schlafplatz eins. Da kann die Ammoniak-Konzentration zum Problem werden. "Um das zu erfassen, nutzen wir Ammoniak-Teststreifen", erklärt Miriam Baumgartner. Die kann jeder übers Internet kaufen. So einen Teststreifen hält sie etwa 20 bis 30 Zentimeter hoch über die Liegefläche, und wir sehen – nichts. Zumindest keine Verfärbung, heißt: kein Ammoniak.

Bei schlecht gemisteter Einstreu verfärbt sich der Teststreifen, erklärt die Forscherin und legt zur Veranschaulichung den unteren Teil der Einstreu frei: Kaum hält sie den Teststreifen darüber, verfärbt er sich von Gelb zu Blau. "In Einzelhaltung kontrollieren wir das in der Boxenmitte, bei Gruppenhaltungen checken wir mehrere Stellen des Liegebereichs auf Ammoniak."

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Mit Hilfe von Ammoniak-Teststreifen lässt sich die Konzentration knapp über der Liegefläche feststellen.

Miriam Baumgartner hat mittlerweile zahlreiche Indikatoren vermerkt. Fehlen noch einige Punkte zur ökologischen Nachhaltigkeit. Hierfür braucht die Forscherin Input vom Stallbetreiber: Wird die Weide gedüngt? Werden Heu oder Getreide angebaut? Bietet der Stall dank Insektenhotels oder Nistkästen noch anderen Tierarten Heimat? Und wie wird entwurmt? Moment, was hat Entwurmung mit Nachhaltigkeit zu tun?

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Die Qualität des Futters wird beim Stall-Check ebenfalls unter die Lupe genommen: Staubt das Heu, riecht es aromatisch?

Einiges, erklärt Miriam Baumgartner: Wird die Weide nach der Entwurmung zu früh geöffnet, gelangen Inhaltsstoffe der Wurmkuren in den Boden – und töten dort Mikroorganismen. Auch Mistkäfer können sich nicht mehr fortpflanzen, wenn sie sich von Pferdehaufen auf der Weide ernähren. Deshalb sollte die Weide im Idealfall acht Tage zu bleiben.

"Das wusste ich noch gar nicht", sagt Stallchefin Ingrid Kistler – ein kleiner Verbesserungspunkt für ihren Stall, der sonst ziemlich perfekt ist, wie Miriam Baumgartner findet: "Die Pferde haben keine Verletzungen, sind normalgewichtig, es gibt genug Platz, Fress- und Ruhemöglichkeiten – so sollte ein Offenlaufstall sein."

2. Stallbewertung mit der Stall-Check-App: Creek Ranch, Markt Indersdorf

Wir wechseln nun den Stall: Unser zweites Ziel ist die Street Creek Ranch in Markt Indersdorf. In dem großen Boxenstall mit mehreren Einzelgebäuden leben 90 Tiere. Als wir ankommen, steht ein Teil der Pferde auf einem weitflächigen Auslauf.

Dass Pferde sich täglich frei bewegen können, sei immer noch nicht in jedem Boxenstall selbstverständlich, erzählt Dr. Margit Zeitler-Feicht. "Für unser Projekt waren wir in mehreren Ställen zu Gast. In über 40 Prozent der Betriebe mit Einzelhaltung kamen nicht alle Tiere täglich raus." Das liege nicht immer am Stallbetreiber, sondern teils auch an den Pferdebesitzern.

Vom Auslauf kommen die Pferde nun nacheinander in ihre Boxen. "In der Einzelhaltung erfassen wir für jedes Haltungssystem zehn zufällig ausgewählte Boxen", erklärt Dr. Miriam Baumgartner.

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Ein Laser-Messgerät erfasst bei unserem Besuch schnell und eindeutig Abmessungen, wie hier zwischen zwei Gitterstäben.

Sie zückt ihr Laser-Messgerät und zeigt an einer Beispielbox, worauf es ankommt: lichte Höhe der Box, Breite, Länge, die Höhe von Trog und Tränke… das alles wird in Relation zur Widerristhöhe des Pferdes gesetzt, das in der Box lebt. Diese Zollstock-Indikatoren werden in der App mit weiteren Daten zu Verhalten und Gesundheit des Pferds gekoppelt und sind so aussagekräftiger fürs Pferdewohl als reine Abmessungen.

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Ist ein Salzleckstein vorhanden, wie hoch ist der Trog

Die Forscherin wirft einen Blick auf die Tränke. "Im Idealfall sollten mindestens acht Liter Wasser pro Minute fließen", das sei aber in den wenigsten Ställen so, mit der Begründung: Die Pferde setzen die Box unter Wasser. Miriam Baumgartner füllt das Tränkebecken bis zum Rand, hält den Eimer darunter und lässt Wasser wie Stoppuhr laufen.

"Für unser Projekt waren wir in einem Stall, wo eine Stute im Sommer immer gekolikt hat. Da lag die Durchflussgeschwindigkeit bei nur zwei Litern pro Minute. Das Pferd bekam einfach zu wenig zu trinken." Der Timer piept, die Minute ist um; sechs Liter flossen währenddessen in den Eimer. "Das ist zwar nicht im Zielbereich, unterschreitet aber keine Mindestanforderung."

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– und wie viel Wasser fließt überhaupt durch die Leitung? Diesen Fragen gehen Miriam Baumgartner und Margit Zeitler-Feicht nach.

Als wir weitergehen, kommen wir an der Box einer Stute vorbei. Die beißt mit flach angelegten Ohren und gebleckten Zähnen in die Gitterstäbe. "Das hat sie schon im vorherigen Stall gemacht", erzählt Stallchefin Melanie Petz. Wie bewerten denn Auditoren generell so ein Verhalten von Pferden?

"So ein Verhalten gegenüber dem Menschen als auch Verhaltensstörungen wie Weben oder Koppen fließen gar nicht mit ein", erklärt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Die Ursache dafür können frühere Haltungsbedingungen sein, daher seien Verhaltensstörungen nicht aussagekräftig.

Anders sieht es hingegen mit häufigem Gähnen, Leerkauen oder Lecken aus, also Verhaltensauffälligkeiten: "Das sind Übersprungshandlungen, die Pferde häufig bei Frust zeigen", erklärt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Treten solche Auffälligkeiten gehäuft und bei mehreren Pferden in einem Stall auf, sei das ein Alarmsignal.

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Wie weit sind die Litzen des Weidezauns voneinander entfernt? Dr. Miriam Baumgartner misst nach.

Wir machen noch einen Abstecher auf die Weiden. "Hier checken wir unter anderem die Zaunhöhe, ob die Litzen breit und sichtbar genug fürs Pferd sowie gespannt sind, und ob der Zaun stabil ist", sagt Miriam Baumgartner. Sieht auf den ersten Blick alles ordentlich aus, auf den zweiten Blick entdeckt die Forscherin eine freiliegende Spannfeder an einem Torgriff. "Die geben mit der Zeit nach, aber das sollte ausgebessert werden. In freiliegenden Spiralen können Pferde mit dem Schweif beim Schweifschlagen hängen bleiben und einen Stromschlag bekommen."

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Schweiffänger: eine freiliegende Spannfeder. Die sollte ersetzt werden.

Am Weidetor entdeckt sie einen Halbkreis, der auf der obersten Querstange aufgesetzt ist (siehe Foto). "Solche lichten Weiten sind gefährlich, weil die Pferde hier hängenbleiben können, ebenso wie in Futterluken oder nach oben offenen Spalten zwischen Tor und Pfosten." Solche Stellen sollten entweder kleiner als fünf oder größer als 30 Zentimeter sein, um die Verletzungsgefahr zu minimieren.

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Abmessungen zwischen 5 und 30 Zentimetern sind gefährlich: Hier können Pferde hängenbleiben und sich verletzen.

Für die Weiden im Speziellen und die Street Creek Ranch im Allgemeinen hat Dr. Miriam Baumgartner wenig Verbesserungsbedarf. "Irgendetwas findet man immer, in jedem Stall", sagt die Forscherin. Je weniger, umso besser – und umso tiergerechter. Da fressen Pferde dann auch gerne Bauch an Bauch an Bauch.

So wurde die App entwickelt

Im ersten Entwicklungsschritt von BestTUPferd entwickelten und überprüften die Forscher tier- und ressourcenbezogene Indikatoren. Rund 300 Indikatoren wurden auf Validität, Reliabilität und Praktikabilität gecheckt: Valide ist ein Indikator, wenn er misst, was er messen soll.

Das zu überprüfen, war bei Verhaltensweisen nicht ganz so einfach, weil das Verhalten eindeutig sein muss: Fellpflege ist nicht unbedingt ein Indikator für Wohlbefinden. Angelegte Ohren sind hingegen immer eine Drohgeste. Reliabel ist ein Indikator, wenn mehrere Beobachter zum gleichen Ergebnis kommen oder derselbe Beobachter bei Mehrfacherhebungen zum gleichen Ergebnis kommt. Praktikabel ist ein Indikator, der sich leicht erheben lässt.

Die Forschung wurde von Anfang an durch einen mehrköpfigen Expertenbeirat unterstützt. Dazu zählen Vertreter aus Forschung, Medizin und Tierschutz, von Verbänden und Versicherungen sowie Stallbauer. Zweimal jährlich trafen sich Forscher und Beirat, sprachen über den aktuellen Stand und diskutierten offene Fragen.

Im zweiten Entwicklungsschritt wurden die Daten digitalisiert. "Wir mussten anfangs aufwändig die Daten von Checklisten übertragen", erinnert sich Dr. Margit Zeitler-Feicht. Relativ schnell war deshalb klar: Die Erfassung der Daten und deren Einordnung muss digital ablaufen.

Haltungsfaktoren zu erfassen und einzuordnen, war nicht so einfach umzusetzen, wie Dr. Sandra Kuhnke von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen sagt. Sie ist maßgeblich an der seit 2019 dauernden Entwicklung der App beteiligt. Knifflig: "Für einige Punkte sind mehrere Indikatoren zu erheben." Beispiel Fresspausen: Dafür muss der Auditor erheben, wie viele Heu-Mahlzeiten ein Pferd täglich bekommt, ob es Stroh zu knabbern hat oder ob es momentan ganztags auf der Weide ist. "Damit das nachher in der Auswertung korrekt wiedergegeben wird, mussten wir die Abhängigkeit der Indikatoren untereinander beachten."

Weitere Knackpunkte: Die App muss Zwischenberechnungen erstellen und dem Auditor Arbeitsaufwand sparen. Konkretes Beispiel: Boxen in alten Stallgebäuden sind in punkto Maße oft unterschiedlich. "Wir haben das so gelöst: Identische Werte innerhalb einer Stichprobe werden automatisch übertragen. Sind vier Boxen gleich lang und hoch, aber unterschiedlich breit, muss der Auditor nur die Breite ändern, nicht alle Werte neu erfassen", erklärt Dr. Sandra Kuhnke. Knifflig war zudem, die Ergebnisse in die webbasierte Auswertung zu übertragen und hier die Abhängigkeiten einiger Indikatoren untereinander zu berücksichtigen.

Momentan sind die Forscher in den letzten Zügen, was die digitale Auswertung betrifft. Noch in diesem Jahr soll BestTUPferd verfügbar sein. Dann werden Auditoren im Hinblick auf das System, aber auch Verhaltensweisen oder körperlichen Auffälligkeiten von Pferden geschult. Zielgruppe sind Versicherungen, Stallbauer und Privatberater. Für Lizenz und Schulung fallen einmalige Kosten von rund 3000 Euro an, plus eine monatliche Gebühr für Daten-Hosting und Updates.

BestTUPferd ist auch für Stallbesitzer interessant, die ihre Haltung neutral bewerten lassen wollen. Die Stallbetreiber erhalten direkt nach dem rund sechsstündigen Check Handlungsempfehlungen: mit K.O.-Kriterien, die sofort geändert werden müssen (etwa genug Trinkmöglichkeiten); mit Punkten, die man zeitnah ändern sollte (etwa eine zusätzliche Raufutter-Raufe im Offenstall); und Tipps, wo sich der Stall hin entwickeln könnte, um sich zu verbessern (wie besseres Gesundheitsmanagement durch Impfungen).

Neben der Voll- ist eine Light-Version geplant: Damit können Stall-Betreiber (oder auch interessierte Reiter) ihren Betrieb per Eigenkontrolle checken. Ziel der Forscherinnen ist es, eine Zertifizierung nach BestTUPferd zu etablieren, quasi eine Art Qualitätsmerkmal für Ställe. So könnten Reiter auf einen Blick erkennen, wie pferdegerecht der Stall ist.

Das Bewertungssystem fokussiert sich auf die Sport- und Freizeithaltung. Außen vor sind momentan noch Ställe für Zuchtpferde, Aufzuchtpferde und alte Pferde, weil diese teilweise andere Anforderungen haben. Seniorpferde bräuchten beispielsweise besonders griffige und weich eingestreute Liegeflächen. Doch Erweiterungen sind geplant.

Kommentar

BestTUPferd hat das Zeug dazu, die Haltung im Sinne der Pferde zu revolutionieren. K.O.-Kriterien wie "kein täglicher Auslauf", "nicht genügend Wasser", "zu kleine Liegeflächen" dürfen in keinem Stall vorkommen. Daher sollte es eigentlich Pflicht für jeden Stallbetreiber sein, die eigene Haltungsform mit BestTUPferd zu überprüfen.

Schon klar, so eine Pflicht ist illusorisch. Kein Stallbetreiber muss seinen Stall checken oder Schwachstellen beheben. Es sei denn, wir Reiter zwingen ihn dazu: Indem wir Ställen, die Pferde nicht artgerecht halten, den Rücken kehren und uns nach einem neuen, besseren Zuhause für unsere Vierbeiner umsehen.

Das umzusetzen, wäre für uns Reiter deutlich einfacher, wenn wir uns auf eine BestTUPferd-Checkliste stützen können, die diese K.O.-Kriterien klar auflistet. Noch gibt es diese nicht. Aber das könnte die wahre Revolutionsmacht des Bewertungssystems sein.

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Barbara Böke, CAVALLO-Redakteurin.

"Brücke für die Pferde"

Zu der Expertenrunde, die die Forscherinnen aus Weihenstephan unterstützte, zählte auch Thorsten Hinrichs von der Firma HIT-Aktivstall. Wir sprachen mit ihm darüber, welche Erkenntnisse er für seine Stallkonzepte gewonnen hat.

CAVALLO: Mit BestTUPferd werden Haltungsbedingungen neutral bewertet. Was hat Sie bewogen, sich im Expertenrat zu engagieren?

Thorsten Hinrichs: Vielen Bewertungskonzepten fehlt zum Teil die wissenschaftliche Expertise. Daher hat mich die Idee, ein faktenbasiertes Bewertungssystem für Pferdehaltungen zu entwickeln, sehr angesprochen. Wir haben bei HIT-Aktivstall seit 20 Jahren täglich mit Gruppenhaltungen aller Art zu tun, daher war ich mir sicher, einen wertvollen Input aus der Praxis beitragen zu können.

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Arturo Rivas
Thorsten Hinrichs von der Firma HIT-Aktivstall.

Was versprechen Sie sich von dem System?

Eine Brücke zwischen dem aktuellen Stand der Wissenschaft einerseits und praktischen Haltungsbedingungen andererseits. Das Bewertungssystem sensibilisiert für notwendige Optimierungen. Für Neuplanungen bietet es einen wichtigen Kriterienkatalog im Hinblick auf ein pferdegerechtes Konzept. Ich gehe davon aus, dass BestTUPferd entscheidend dazu beitragen kann, die pferdegerechte Haltung und Expertise aller Beteiligten zu fördern.

Welche Erkenntnisse haben Sie beeindruckt?

Und haben Sie die schon für Stallplanungen berücksichtigt? Erstens: Genau hinschauen, in Einzel- als auch in Gruppenhaltung. Obwohl wir uns jeden Tag in der Praxis bewegen, war ich erstaunt, welche speziellen Ausdrucksformen des Pferdeverhaltens zur Beurteilung herangezogen werden können. Zweitens setzen wir uns noch mehr dafür ein, dass Pferden ausreichend Ressourcen (wie Größe von Auslauf und Liegefläche, Anzahl der Futterplätze etc.) zur Verfügung gestellt werden. Wir weisen unsere Kunden gezielter hin, auf welche Kriterien es bei Planung und Umsetzung einer sehr guten Gruppenhaltung ankommt. Drittens ist mir noch klarer geworden: Jede Box weniger ist ein glückliches Pferd mehr!

Die Expertinnen

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Dr. Miriam Baumgartner. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität München-Weihenstephan leitet das Verbundprojekt BestTUPferd. www.besttupferd.de
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Dr. Margit Zeitler-Feicht. Die langjährige Verhaltensforscherin an der Technischen Universität München-Weihenstephan leitete die Indikatorenentwicklung im Vorläuferprojekt und initiierte BestTUPferd.

Anmelden zum Stall-Check

Wollen Sie Ihren Stall von den BestTUPferd-Auditoren checken lassen? Dann können Sie sich per E-Mail bei Dr. Miriam Baumgartner melden: m.baumgartner@tum.de Auch die Anmeldung zum Newsletter läuft über sie.

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