Rundställe Lisa Rädlein
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Runde statt eckige Paddockboxen

Was bringen runde Pferdeställe?

Bianca und Bruno Barth bauten Paddockboxen wie einen Kranz ums Roundpen. Runde statt eckige Pferdeställe, warum?

Leo steht wie ein Burgherr an der Brüstung und blickt ins Tal. Nur ist die Brüstung ein Paddockzaun und seine Burg ein Rundstall, auf der Anhöhe des Hofwaldes gebaut. Im Tal liegt der badische Ort Spechbach, zwei Kirchtürme spitzen hervor, sogar die Autos auf der Straße erkennt man von hier oben. "Die Pferde beobachten gerne, was sich im Tal tut und sehen fern", sagt Bianca Barth, 54.

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Runde Sache Welche Vorteile runde Pferdeställe bieten
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Vor neun Jahren kauften Bianca und Bruno Barth die Reitanlage und bauten die Stallgebäude sukzessive um oder neu.

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Bianca und Bruno Barth führen den Stall.

Heute leben 50 Pferde in Boxen, Paddockboxen, Laufställen – und im Rundstall. In Bianca Barths Kopf spukte diese Idee seit etwa zwölf Jahren: "Ich war auf der Suche nach einer Ideallösung für einen Stall." Ihre Fixpunkte: Sozialkontakt, Frischluft, Bewegung und ein geschützter Unterstand. Außerdem die Möglichkeit, dass Pferde in Gesellschaft fressen, wie es in der Natur ist. "Pferde sind Fluchttiere, in einem üblichen langgezogenen Paddockstall stehen alle in einer Reihe. Erschrickt einer, zieht sich das wie ein Dominoeffekt bis in die letzte Box."

Die Kreisform beweist nicht nur rechnerisch Größe

Also wäre ein kleiner Stall besser? Aber: Viele kleine Stalleinheiten benötigen insgesamt mehr Platz und sind für den Betriebsablauf viel aufwändiger. Also lieber rund: mit direktem Blick für die Pferde und kurzen Wegen für die Menschen. Nach außen wird der Platz für Paddocks und dazugehörige Weiden wie bei einem Tortenstück immer breiter. Rein mathematisch ist ein Kreis die geometrische Form, die bei gleichem Umfang die größte Fläche einschließt. Sprich: In einem runden Pferdestall ist viel Raum für großzügige Boxen und Stallinfrastruktur.

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Rund und luftig: An der Außenseite des Rundstalls in Spechbach gibt es keine Wände, nur Windschutznetze.

Runde Pferdeställe sind keine neue Idee

Schon vor rund 120 Jahren gab es einen, der in Sachen Pferdehaltung gerne über den Horizont hinaus dachte: Burchard von Oettingen, geboren 1850, königlich preußischer Oberlandstallmeister. Runde Sommerpavillons mit Wiesenpaddocks sicherten freie Bewegung für die Trakehner Hauptbeschäler.

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Die Hälfte der Rundstall-Boxen hat direkten Weideanschluss.

Ähnlich sind die Weidepaddocks der Barths. Die Hälfte der 17-Quadratmeter-Rundstallboxen hat direkten Koppelanschluss. Schmale Einzelweiden breiten sich bergab aus. Wenn es mit den Nachbarn gut klappt, öffnen die Pferdebesitzer Verbindungstore – und aus den Einzelbewohnern wird eine Wohngemeinschaft für Stunden. Zusätzlich geht es zu viert oder sechst täglich je nach Jahreszeit bis zu zwölf Stunden auf "richtige" Koppeln. An Fläche mangelt es nicht, 35 Hektar – und 500 Obstbäume – gehören zum Hof.

Der runde Stall ist multifunktional

Im Inneren der Rundstallanlage befindet sich ein Roundpen unter freiem Himmel, mit 15 Meter Durchmesser. Umgeben von einem Führweg. Dann folgt die gepflasterte Stallgasse wie ein Ring, zur Hälfte überdacht.

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Im Inneren des Rundstalls in Spechbach haben die Stallbesitzer ein Roundpen angelegt.

Vor jeder Boxentür stehen zwei Sattelschränke, am Ständerwerk gibt es je Box zwei Anbindehaken zum Putzen oder für den Schmied- oder Tierarztbesuch.

Morgens und abends ist Zeit fürs Kraftfutter. Das steht ebenfalls vor den Boxen, in Futtertonnen – die sind einheitlich und mit Deckel geschützt. Jeder Pferdebesitzer befüllt sie individuell. Bianca Barth oder ihr Mann übernehmen das Servieren: Praktische Holzklappen sind von der Stallgasse aus zu öffnen. Futterneid unter Nachbarn ist kein Thema, weil die Holzboxenwände im vorderen Bereich bis kurz unters Dach gezogen sind.

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Vor den Boxen ist Platz für Sattelschränke und Futtertonnen.

Raufutter können die Pferde in Gesellschaft knabbern. Zwischen zwei Boxen steht jeweils eine eckige Heukiste aus Holz, selbst angefertigt von Bruno Barth. Genau so groß, dass mehrere Scheiben von Quaderballen hineinpassen. Auf dem Heu liegt ein Metallgitter, eine Kunststofflochplatte oder ein Netz, damit die Pferde langsamer fressen und das Heu nicht in den Boxen verteilen.

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Zwischen zwei Paddockboxen steht jeweils eine Heukiste fürs Futtern in Gesellschaft.

Die Quaderballen produziert Bruno Barth mit einer speziellen Presse, die sie in fünf Portionen unterteilt und extra umwickelt. In der Scheune öffnet Bruno Barth den Ballen und kann die vorportionierten Scheiben auf einem Sackkarren in den Rundstall rollen. So muss er nur etwa alle drei Tage füttern – und die Pferde haben jeden Tag 24 Stunden lang Raufutter.

Bianca Barth hat den Rundstall selbst geplant

In Spechbach ist der Rundstall nur im Boxen- und Stallgassenbereich überdacht. Die Holzrahmenkonstruktion ist aus Fichte und Douglasie, aufgestellt von einem Zimmereiunternehmen aus Bammental, ganz in der Nähe. Den Stall geplant hat Bianca Barth persönlich. Sie ist gelernte Maschinenkonstrukteurin und konnte so den Bauplan in 3D entwerfen.

Die Außenwand zwischen Paddock und Box ist aus Windschutznetzen gespannt. Die Boxenöffnung zum Paddock hat keine Tür. Der Rundstall ist dadurch sehr luftig, es gibt einen permanenten Luftaustausch. "Das irritiert manche Pferdebesitzer", wissen Barths. Aber der Wind bricht sich an den Netzen, an Ecken und Wänden. Also nur gesunde Frischluft ohne Zug.

Ein neues Zukunftsprojekt haben die Stallbesitzer schon im Kopf: die Begrünung des Dachs, zugunsten des Kleinklimas, der Ökologie und der Stabilität.

Im Rundstall hält Leo den Burgfrieden ein

Eine Form, Raum für viele Ideen: Einen Stall auf einer Kreislinie zu bauen, ist auf jeden Fall etwas für Leute, die über den Tellerrand schauen und über neue Möglichkeiten in der Pferdehaltung nachdenken. Pferde sind Individuen, Pferdebesitzer sowieso. Es gibt nicht die perfekte Lösung, die für alle passt.

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Zwischen Stallgasse und Roundpen gibt es einen praktischen Führweg.

Leo, der Burgherr, sollte ursprünglich in den Laufstall in die zwölfköpfige Herde. Dort führte er sich aber wie ein Alleinherrscher auf, eroberte sich zwei Stuten und war allen anderen Pferden gegenüber aggressiv. Keine gute Voraussetzung für eine harmonische Gruppenhaltung. Also zog Leo vor sechs Jahren in den Rundstall. Dort bietet ihm die Paddockbox immer noch viel Freiraum, er bildet mit Nachbar-Wallach Helsing eine Teilzeit-Wohngemeinschaft und mit vier anderen Wallachen eine Kopppelgruppe. Seitdem hält Leo den Burgfrieden ein.

Rundstall für Trakehner-Hengste

Die Pavillons entstanden im Zuge der Umgestaltung des Hauptgestüts Trakehnen in den Jahren 1895 bis 1911 unter Landstallmeister Burchard von Oettingen. Je Pavillon lebten im Sommer drei bis vier Hengste in Boxen, die tagsüber freien Zugang zu Weidepaddocks hatten.

In Hessen steht noch heute beim Hauptgestüt Altefeld, das ebenfalls Burchard von Oettingen im Jahr 1913 nach dem Vorbild Trakehnens errichten ließ, ein solcher Sommerpavillon. Allerdings renoviert und umgebaut zur katholischen Kirche von Altefeld. www.gestuet-altefeld.de

Von Bullenmast zur Pferdehaltung

Luftaustausch und ständige Frischluft überzeugten den Niederländer Marco Noordman vom Stallbauunternehmen ID Agro von Rundställen. Im Bereich der Bullenmast sicherte sich die Firma 2007 das britische Prinzip des Roundhouse: Das Dach ist über eine Metallrahmenkonstruktion gespannt, in der Mitte eine Lüftungshaube, die Seiten sind offen.

Das Prinzip sollte für die Pferdehaltung umgesetzt werden. Dazu schrieb Johannes Bacza, heute Fachberater für Pferdeställe, seine Masterarbeit am Lehrstuhl für Agrarsystemtechnik in Weihenstephan. Bacza übersetzte das Rinder-Modell unter anderem für Stutenmilchproduktion, Jungpferdeaufzucht oder Gruppenhaltung von Pensionspferden. Das Konzept punktete auch bei der Wirtschaftlichkeit, da viele doppelte Wege im Kreis entfallen. Das Stallmodell für Pferde wurde bisher noch nicht realisiert. www.idagro.de

Neues Wohnen: Was bringen runde Pferdeställe?

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Funktions-Mix und entspannte Pferde

Die runde Form macht einen Funktionsmix möglich, betont Frank Kraft. Er lebt seit 2007 bei Lexington im US-Staat Kentucky und leitet die amerikanische Dependance des schwäbischen Familienunternehmens Kraft Führanlagen. Zu den Kunden gehören bedeutende Vollblutgestüte wie die Winstar Farm in Versailles/Kentucky mit ovalem Trainingsstalltrakt.

Die Boxen bilden die Außenreihe, statt Stallgasse gibt’s innen einen Rundkurs (Sandspur) zum Warmreiten, bevor es auf die Rennbahn geht. Momentan baut Frank Kraft in Texas auf einer Dressursportanlage einen Rundstall mit 13 Boxen, in der Mitte sind in T-Form Putzplätze geplant. Der Rundstall hat eine Dachkuppel, die geöffnet werden kann.

Frank Kraft erzählt von Erfahrungen mit Rundställen: "Die verrücktesten Pferde werden cool, weil sie sich im Blick haben und gelassen das Geschehen in der Stallmitte beobachten können." www.kraft-fuehranlagen.de

Beispielrechnung Rundstall, 20 Meter, 11 Boxen:

KRAFT Rundhalle mit Sandwichdach, umlaufende Dachrinne mit vier Abgängen: ca. 58.000 €; Boxenzubehör (hochwertige Ausstattung inkl. Außentüren für Paddock): ca. 54.000 €; Vorbau: ca. 5.800 €; Paddockeinzäunung: ca. 10.000 €; Montage: ca. 15.000 €. Nicht inbegriffen: Fracht- und Fundamentarbeiten, Bauvoranfrage/Genehmigungen (überall unterschiedlich).

Kommentar

Der Spechbacher Rundstall vereint zwei im Grunde gegensätzliche Eigenschaften: Auf der Außenseite gibt es Freiheit fürs Pferd. Wind und Weite spüren, mit freier Entscheidung für draußen oder drinnen, mit Pferdefreund hautnah oder über den Zaun. Und gleichzeitig findet man als Reiter im Inneren des Stalls die Geborgenheit und Gemütlichkeit, die der Rundbau wie ein Schneckenhaus ohne Dach mit sich bringt. Ganz klar: Jeder Reiter hat andere Vorstellungen, jedes Pferd individuelle Bedürfnisse. Aber diese Art von Rundstall und so ideenreiche Stallbesitzer dürfen gern Schule machen.

Cornelia Höchstetter, CAVALLO-Autorin.

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