Medizin-Kompendium Griffelbeinbruch Lisa Rädlein

Was tun bei einem Griffelbeinbruch?

Medizin-Kompendium Was tun bei einem Griffelbeinbruch?

Griffelbeinbruch: Die schmalen Knochen sind Evolutions-Reste und machen sich oft erst dann bemerkbar, wenn sie brechen. Ist immer eine Operation nötig?

Wenige Stunden zuvor war alles in Ordnung. Doch als die Besitzerin ihren 15-jährigen Araber Nibras von der Koppel holt, lahmt der Wallach. Das rechte Vorderbein ist dick.

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Medizin-Kompendium Was tun bei einem Bruch des Griffelbeins?
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Auf den ersten Blick sieht das für die Besitzerin aus wie Nibras’ Sehnenverletzung ein Jahr zuvor. Sie ruft den Tierarzt. Dieser hat wegen der Schwellung und des Druckschmerzes einen anderen Verdacht, der sich durch die Röntgenbilder bestätigt: Nibras hat sich das innere Griffelbein vorne rechts gebrochen.

Wissenswertes zur Anatomie

Griffelbeine sind Überbleibsel der Pferde-Entwicklung: Die schmalen, länglichen Knochen sind verkümmerte Mittelfußknochen des ehemaligen Zeige- und Ringfingers. Sie haben sich zurückgebildet, als sich das Pferd vom Mehr- zum Einzeher entwickelte.

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Illustration: Gerhards / CAVALLO
Das Griffelbein (grün, A) verknöchert im Alter von zwei Jahren mit dem Hauptmittelfußknochen (B). Bei einem Bruch kann die Bruchstelle am Fesselträger (C) reiben. Die mögliche Folge: eine chronische Fesselträgerentzündung.

Die Knochen schmiegen sich paarweise an Innen- und Außenseite des Röhrbeins unter dem Vorderfußwurzel- und dem Sprunggelenk. Sie verknöchern mit dem Hauptmittelfußknochen. Das stabilisiert zwar das untere Ende des Griffelbeins, macht es aber unelastisch: Streckt oder beugt sich der Fesselträger, können sich die Griffelbeine nur maximal fünf Millimeter biegen.

Was verursacht einen Griffelbeinbruch?

Ermüdung ist die häufigste Ursache. Tritt das Pferd etwa auf der Koppel oder beim Laufenlassen in ein Loch, können Sehnen und Bänder das Körpergewicht nicht ausreichend abfedern. Das Griffelbein gerät unter starken Zug und kann brechen. "Bei diesen Ermüdungsfrakturen reißen Griffel- und Röhrbein auseinander", erklärt Pferdefachtierärztin Marlis Gronenberg von der Pferdeklinik Seeburg in Brandenburg.

Auch wenn das Pferd stürzt, hängenbleibt, sich tritt oder die Innenseite der Beine streift, kann ein Griffelbein brechen. Griffelbeinbrüche an den Innenflächen werden durch engstehende Fesseln oder Karpalgelenke begünstigt, weil das Pferd mit dem Huf eher die Innenseite des gegenüberliegenden Beins streift. Entmineralisierte Knochen brechen zudem leichter. Auch Umbauten am Knochen begünstigen Griffelbeinbrüche: Dazu gehören Knochenentzündung (Ostitis), Knochenhautentzündung (Periostitis) oder Knochentumore.

Von den acht Griffelbeinen brechen die schmalen Knochen an den Vorderbeinen des Pferds am häufigsten. Und in den meisten Fällen sind die beiden Griffelbeine an den Innenseiten der Vorderbeine betroffen. Häufig bricht das Griffelbein am dünnen Übergang zum Griffelbeinknopf.

Zwischen den Bruchenden klafft dann ein Spalt. Er wird zunächst breiter, weil der Körper das angrenzende, beschädigte Knochengewebe abbaut. Danach bildet der Körper neues Knochengewebe (Kallus), das die Knochenenden wieder miteinander verbindet und den Bruchspalt schließt. Das neue Gewebe ist in den ersten beiden Wochen weich und verknöchert allmählich.

Wie macht sich ein Griffelbeinbruch bemerkbar?

So eine schnelle Diagnose wie bei Araber Nibras ist selten, denn die Symptome sind nicht ganz eindeutig. Das betroffene Bein kann zwischen Beugesehnen und Röhrbein anschwellen, das Bein kann zudem druckempfindlich sein. Lahm ist das Pferd meist nur, wenn sich die Knochenenden durch die Haut bohren.

Auch ein taktunreiner Gang ist möglich, aber nicht zwingend. Die Taktunreinheit kann nach einer Pause verschwinden, aber nach Belastung wieder auftreten. Manchmal kann man das untere Ende des abgebrochenen Griffelbeins unter der Haut verschieben.

Wie diagnostiziert der Tierarzt einen Griffelbeinbruch?

Der Tierarzt lässt das Pferd zunächst vortraben und tastet die Beine ab. Vorsicht: Sind die Griffelbeine von Natur aus ungleich lang, was hin und wieder vorkommt, kann sich das wie ein Bruch anfühlen und so zu einer Fehldiagnose führen. Sicher erkennen lässt sich der Griffelbeinbruch nur auf dem Röntgenbild.

"Dort ist die Fraktur leicht zu sehen. Schwierig ist nur, bei den wenigen Anhaltspunkten überhaupt auf die Idee zu kommen, die Griffelbeine zu röntgen", sagt Tierärztin Marlis Gronenberg.

So behandeln Tierärzte und Therapeuten einen Griffelbeinbruch

Ob Frakturen am Griffelbein behandelt werden müssen, ist strittig. Manche Tierärzte operieren nicht, wenn sich die Bruchenden nicht verschoben haben. Sie verordnen stattdessen drei bis vier Monate Ruhe und geben durchblutungsfördernde Medikamente, damit der Knochen wieder zusammenwächst. Einreibungen mit Kortikosteroiden sollen verhindern, dass das neue Knochengewebe wuchert und Überbeine entstehen.

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Gerhards
Nach einem Bruch bilden sich oft Überbeine.

"Diese Pferde bekommen früher oder später Probleme, weil sich in der Regel immer überschießender Kallus bildet, der auf umliegende Strukturen drückt", sagt Marlis Gronenberg. Je später der Chirurg operiert, umso fester verwächst das neue Knochengewebe mit dem Röhrbein.

"Dann müssen wir den Kallus mit Hammer und Meißel vom Röhrbein abklopfen. Das kann den Knochen so traumatisieren, dass sich die Knochenhaut des Röhrbeins entzündet und sich nach der Operation gleich wieder ein neues Überbein bildet." Für die Expertin gibt es deshalb nur eine Option: "Jeder Griffelbeinbruch muss operiert werden. Je eher, desto besser fürs Pferd."

In der einstündigen Operation sägt der Chirurg den Knochen oberhalb des Bruchs mit einer Drahtsäge ab. Müssen mehr als zwei Drittel des Griffelbeins entfernt werden, kann er das verbleibende Stück mit einer Schraube stabilisieren. Danach verschließt er die Wunde und legt einen Verband an. Um einer Infektion vorzubeugen, gibt’s nach der OP fünf Tage Antibiotika.

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Gerhards
Das Röntgenbild zeigt die überschießende Reaktion des Knochengewebes (Kallusbildung) auf den Bruch.

Nach einer Operation bleibt das Pferd für fünf Tage in der Seeburger Klinik, zu Hause braucht es noch vier Wochen Boxenruhe. 14 Tage nach der OP sollte der Tierarzt den Griffelbeinstumpf durch Röntgen kontrollieren, um eine Knochenhautentzündung rechtzeitig zu erkennen.

Nach der Boxenruhe wird das Pferd drei Wochen täglich im Schritt 20 bis 30 Minuten geführt. Anschließend kann es im Schritt geritten werden. Auf die Koppel darf das Pferd während der Steh- und Schrittphase nicht. "Normalerweise müssen Sie mit einer Reitpause von mindestens zwei Monaten rechnen. Danach ist das Pferd meist wieder so belastbar wie vorher", sagt Gronenberg.

Homöopathen geben Arnika und Ruta im Wechsel zur zusätzlichen Unterstützung. "Symphytum beruhigt zudem die Knochenhaut", sagt Tierheilpraktikerin Julia Melanie Hahlweg aus Ditzingen. Heilt der Bruch nicht, gibt sie Calcium carbonicum, Calcium fluoratum, Silicea; bei überschießender Kallusbildung im Wechsel Calcium jodatum und Hekla lava. Phytotherapeutisch sollen Echinacea und Taiga die Fremdkörperreaktionen nach einer OP verhindern.

Bruchfolgen

Bei einem offenen Bruch können Bakterien eindringen und schlimmstenfalls das Knochenmark infizieren; der Knochen kann dann stellenweise absterben. Komplikationen drohen auch, wenn ein gedeckter Bruch falsch versorgt wird: Bricht das Griffelbein im unteren Drittel, bewegt sich das Bruchende – und reibt im ungünstigsten Fall am Fesselträger, der sich chronisch entzünden kann.

Bildet sich bei der Heilung zu viel Knochengewebe, entstehen Überbeine. Die können auf Fesselträger oder das Unterstützungsband der tiefen Beugesehne drücken. Folge: chronische Lahmheit.

Die Expertin

Marlis Gronenberg arbeitete als Assistentin an der Pferdeklinik Telgte und war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pferdeklinik der FU Berlin. Seit 1995 ist sie Mitarbeiterin und Inhaberin der Pferdeklinik Seeburg in Dallgow-Döberitz, westlich von Berlin. Zu ihren Spezialgebieten zählen Chirurgie, Internistik und Osteosynthese. www.pferdeklinik-seeburg.de

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