Medizin-Kompendium Spat Lisa Rädlein

Medizin-Kompendium

Was tun bei Spat?

Spat: Lahmheiten und verkürzte Schritte sind typisch für Sprunggelenksentzündungen, die immer mehr junge Tiere betreffen. Wie bewegt sich das Pferd wieder schmerzfrei?

Billy tat sich schwer: Der 18-jährige Württemberger-Wallach fand nur langsam in die Bewegung. Er schlurfte mit den Zehen der Hinterbeine über den Hallensand, ging klamm und mit kurzen Schritten. Nach einer längeren Schritt-Phase besserte sich das Bewegungsbild. Beim Hufschmied hatte Billy Mühe, die Hinterbeine lange anzuwinkeln. Die Diagnose des Tierarztes war klar: Spat.

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CAVALLO Medizinkompendium Lahmgelegt: Das müssen Sie über die Krankheit Spat wissen
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Wissenswertes zur Anatomie: Beim Spat entzünden sich Gelenk (Osteoarthritis), Knochen (Periostitis) und eventuell Knochenhaut. Die Entzündung kann auf Weichteile wie Spatsehne oder Schleimbeutel übergreifen. Meist entzünden sich die kleineren, unbeweglichen Gelenksabteilungen (siehe Grafik).

Medizin-Kompendium Spat
Rädlein/Schuschkleb
Das Sprunggelenk besteht aus verschiedenen Gelenken: Das Unterschenkelbein (A) ist über ein großes, bewegliches Gelenk mit dem unteren Abschnitt des Sprunggelenks verbunden. Zwischen Fersenbein (B) und Röhrbein (C) sitzen kleine Gelenkknochen mit unbeweglichen, straffen Gelenken.

Chronische Entzündungen zerstören die Gelenkoberflächen (Arthrose). Der Körper versucht dies auszugleichen, indem er neue Knochensubstanz bildet. Dadurch verengen sich die Gelenkspalten. Sind sie geschlossen, ist das Gelenk versteift und das Pferd bestenfalls wieder lahmfrei. Beim osteolytischen Spat entkalken die Knochen allmählich.

Was verursacht die Krankheit? Meist führen Traumata oder Überbelastungen (wiederholte Verdrehungen, Stauchungen, Quetschungen, Zerrungen) der stärker belasteten Innenseite des Sprunggelenks zu Spat. Generell können das alle häufigen Dreh-, Reiß- und Zugkräfte, die der Hinterhand abverlangt werden, auslösen. Schuld können auch Verletzungen oder Knochenzysten sein.

Werden Pferde in den ersten beiden Lebensjahren nicht ausreichend mit Mineralstoffen versorgt, ist oft der Kalzium-Stoffwechsel gestört. Die Knochen werden in diesem Fall nicht mit genügend Substanz gefüllt, es entsteht osteolytischer Spat. Ein Zuviel an Kalzium kann aber ebenfalls fatale Folgen haben: Der Organismus versucht, den erhöhten Pegel zu reduzieren, und baut den Stoff nicht nur im Blut, sondern auch in den Knochen ab. So werden diese entkalkt. Manchmal ist eine schlechte Knochenqualität auch genetisch bedingt.

Entzündungen können dazu führen, dass die Knochen im Sprunggelenk nicht optimal durchblutet sind. Dadurch werden sie nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt und somit instabil.

Wie macht sich die Krankheit bemerkbar? Spat-Pferde lahmen oft im Übergang von Ruhe zu Bewegung. Im Anfangsstadium verschwindet die Lahmheit oft, wenn sich das Tier eingelaufen hat. Im fortgeschrittenen Stadium bleibt die Lahmheit bestehen. „Nehmen Sie chronische Schmerzen ernst und reiten Sie nicht einfach darüber hinweg“, warnt Pferdefachtierarzt Dr. Rüdiger Brems, Leiter der Pferdeklinik Wolfesing.

Weitere typische Spat-Symptome sind verkürzte Schritte oder schleifende Zehen der Hinterhufe. Die Hinterbeine können nach außen schlingern. Oft sind die Eisen vorn abgenutzt, da das Pferd die Sprunggelenke nicht beugen will. Das macht sich auch beim Hufe geben bemerkbar, besonders bei langem Aufhalten während der Hufbearbeitung.

Dazu kommen Verdickungen (Knochenzubildungen/Exostosen) am Gelenk, meist auf der Innenseite. Es kann zudem zu (einseitigem) Verlust der Hinterhand- und Rückenmuskulatur kommen.

Ob ein Pferd an Spat erkrankt, hängt von Nutzung und genetischer Vorbelastung ab: Dressurpferde, die schon in jungen Jahren stark versammelt werden, Traber, Spring- und Kutschpferde sind besonders anfällig. Westernpferde sind bei häufigen Sliding Stops, Spins oder anderen Drehungen gefährdet. Auch Pferde mit Stellungsfehlern (kuhhessig, säbelbeinig) gehören zu den Risikopatienten. Zudem sind immer mehr Jungpferde betroffen. Der so genannte Jugendspat führt zu einer vollkommenen Verknöcherung des Sprunggelenks, was in vielen Fällen eine langfristige Symptomfreiheit ermöglicht.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose? Bei der Beugeprobe winkelt der Tierarzt das Hinterbein eine Minute lang an, anschließend muss das Pferd lostraben. Lahmt es bei den ersten Tritten stärker als sonst, gilt dies als Hinweis auf Spat. Diagnostiziert wird Spat auch über eine Röntgenuntersuchung (in besonderen Fällen eine szintigrafische Untersuchung) sowie eine Gelenkanästhesie: Der Tierarzt spritzt das Anästhetikum ins Gelenk. Verschwindet die Lahmheit, liegt hier die Ursache dafür.

So behandeln Tierärzte und Therapeuten: Man kann die Spat-Entwicklungen nicht rückgängig machen, aber versuchen, das weitere Fortschreiten zu stoppen. „Alle Therapien zielen darauf ab, dem Pferd die Schmerzen zu nehmen, die Lahmheit zu beseitigen sowie die zerstörerischen Prozesse in Knochen und Gelenken zu stoppen“, sagt Dr. Rüdiger Brems. Meist ist die Kombi verschiedener Methoden erfolgreich.

Anfangs werden meist entzündungshemmende und schmerzlindernde Präparate gespritzt. Einreibungen mit durchblutungsfördernden Mitteln beschleunigen den Stoffwechsel und so die Versteifung des Gelenks. Auch möglich ist eine Behandlung mit körpereigenen Stoffen wie PRP (Platelet Rich Plasma). „Dazu wird den Tieren Blut entnommen, aus dem so genannte Wachstumsfaktoren gewonnen werden“, erklärt Brems. Diese Stoffe werden konzentriert an betroffene Stellen gespritzt und unterstützen die Regeneration des Knochengewebes. Manche Veterinäre setzen auf die IRAP-Behandlung, bei der entzündungshemmende Stoffe aus Eigenblut isoliert, angezüchtet und injiziert werden.

Fachtierarzt Brems erzielt mit Stoßwellentherapie oft gute Erfolge: „Drei bis vier Sitzungen mit einwöchigem Abstand sorgen dafür, dass die Sprunggelenksknochen deutlich besser durchblutet werden und sich die Gelenksabteilungen durchbauen.“ Stoßwellen können auch bei Tieren mit osteolytischem Spat helfen, die Knochen zu stabilisieren. Manchmal muss hier das Durchblutungsproblem der Knochen chirurgisch gelöst werden: „Der Tierarzt bohrt kleine Kanäle in die Knochen, in die später Gefäße einwachsen können.“

Bei der Wamberg-Operation trennt der Tierarzt unter Vollnarkose die Spatsehne vom Knochen ab. Dadurch wird die Nervenversorgung in dem Bereich „abgebrochen“, das Pferd ist schmerzfrei. OP-Patienten müssen im Anschluss drei bis vier Wochen in die Box; danach sollten sie täglich zweimal etwa fünf Minuten im Schritt geführt werden (Steigerung nach Absprache mit dem Tierarzt auf 30 Minuten). „Nach dieser OP sind viele Pferde schon nach zwei bis drei Monaten so fit, dass sie im Schritt geritten werden können“, sagt Dr. Brems.

Weil Bewegung die Durchblutung des Gelenks fördert, sollten sich Spatpatienten ruhig und regelmäßig bewegen können, etwa im Offenstall. Pferde, die mit durchblutungsfördernden Medikamenten, Stoßwellentherapie oder PRP behandelt werden, sollten zusätzlich viel im Schritt bewegt werden. Manche Pferde lahmen dennoch dauerhaft.

Tierheilpraktikerin Julia Melanie Hahlweg aus Ditzingen/Baden-Württemberg empfiehlt eine Phytotherapie aus Ginkgo, Steinklee, Weide, Teufelskralle und Khella (vom Experten dosiert). Dazu behandelt sie zwei- bis dreimal am Sprunggelenk mit bis zu 20 Blutegeln.

Wie lässt sich vorbeugen? Sind junge Tiere während der Aufzucht mit Mineralstoffen weder unter- noch überversorgt, können sich Knochen und Gelenke gesund entwickeln. Auch eine korrekte Hufbearbeitung trägt ab dem Fohlenalter dazu bei, Stellungsfehler abzuwenden, die Spat auslösen können. Und zuletzt: Eine gut trainierte Hinterhand entlastet die Sprunggelenke.

Der Hufbeschlag

Mit angepasster Hufbearbeitung wird versucht, die übermäßig beanspruchte Fläche des Sprunggelenks (meist innen) zu entlasten. In der Regel bekommt der Patient einen Spatbeschlag, der sich individuell am Pferd und der Stellung seiner Hinterbeine orientieren muss. Hufschmied Marcel Jurth aus Steinen-Höllstein/Baden-Württemberg verwendet häufig Breitschenkeleisen, bei denen der verbreiterte Schenkel an der Außenseite des Hufs sitzt. „Auf weichem Boden sinkt dann die innere Hufseite mehr ein, die äußere bleibt stabil. Das entlastet die innere Gelenkspalte“, erklärt Jurth. Zusätzlich biegt er die Eisen an der Zehe hoch. So kann das Pferd den Huf leichter abrollen. Zwischen Eisen und Huf legt Jurth PM Hufplatten. Die flachen oder (in schweren Fällen) keilförmigen Einlagen dämpfen den Aufprall des Hufs und bieten so Unterstützung.

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