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Wie behandelt man Gallensteine bei Pferden?

Wie behandelt man Gallensteine bei Pferden? Stau in der Leber

Gallensteine: Die kleinen Kristalle können schwere Bauchschmerzen auslösen. Manche Pferde zeigen erst Symptome, wenn es zu spät ist. Worauf sollten Reiter achten?

Die 10-jährige Warmblutstute hatte Fieber und war apathisch. Ihr Herzschlag war erhöht; die Tierärzte der Klinik für Pferde an der LMU München stellten eine Gelbsucht fest. Eine blutchemische Untersuchung ergab, dass die Werte von leberspezifischen Enzymen massiv erhöht waren. Das Leben der Stute war nicht mehr zu retten. Die Ärzte obduzierten das Tier und fanden einen fünf Zentimeter großen Gallenstein im Hauptgallengang.

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Medizin-Kompendium Was tun, wenn das Pferd Gallensteine hat?
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Wissenswertes zur Anatomie

Im Gegensatz zum Menschen und anderen Tieren besitzt das Pferd keine Gallenblase, in der Gallenflüssigkeit gespeichert wird. Gebildet wird die Galle von Leberzellen. Sie fließt aus den Gallenkapillaren in die kleinen Gallengänge der Leber. Diese schließen sich zusammen zum Hauptgallengang (Ductus choledochus), der in den Zwölffingerdarm, einen Teil des Dünndarms, mündet. "Die Leber selbst ist ein sehr wichtiges Organ. Sie bewältigt den Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel", sagt Dr. Robert Schmitz, Fachtierarzt für Pferde und Spezialist für Innere Medizin. "Dazu kommen andere lebensnotwendige Aufgaben wie die Entgiftung und Ausscheidung von Stoffen."

Die grünliche Flüssigkeit besteht aus Wasser, Gallensäuren, Gallenfarbstoffen, Cholesterin, Stoffwechselabbauprodukten, Salzen und Schleim. Verdaut das Pferd Fettiges, wird sie in den Darm abgegeben. Auch die in der Galle enthaltenen Abfallprodukte gelangen so in den Darm und verlassen mit dem Kot den Körper.

Was verursacht Gallensteine bei Pferden?

Wenn die Bestandteile der Galle ins Ungleichgewicht geraten, können sich Gallensteine (Cholelithen) bilden. Das sind feste, kristallisierte Produkte der Gallenflüssigkeit. Sie können als Hepatolithen in den Gallengängen der Leber vorkommen. Befinden sie sich im Hauptgallengang, heißen sie Choledocholithen. Tierärzte sprechen von einer Cholelithiasis, wenn ein Gallenstein vorhanden ist. "Beim Pferd passiert das selten", sagt Dr. Schmitz. In der Uniklinik Berlin hatte der Tierarzt alle paar Jahre mal einen Gallensteinpatienten.

Warum Cholelithen entstehen, ist nicht geklärt. Tierärzte gehen davon aus, dass eine bakterielle Entzündung des Dünndarms meist die Ursache ist. Im Lebergewebe von Gallensteinpatienten werden oft Darmbakterien gefunden. Über den Zwölffingerdarm gelangen die Erreger vermutlich in den Hauptgallengang und von dort in die Gallengänge.

Enzyme, die von Zellen der Gallengänge, Leberzellen und einigen Bakterienarten gebildet werden, wandeln dann den löslichen Gallenfarbstoff Bilirubin in eine unlösliche Form um. Bilirubin ist ein gelbes Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, das normalerweise über die Galle ausgeschieden wird. In unlöslicher Form verbindet es sich mit Kalzium und wird zu festem Kalzium-Bilirubinat, dem Hauptbestandteil von Gallensteinen beim Pferd.

Parasiten könnten ebenfalls schuld sein, wenn Cholelithen entstehen. Wandern Wurmlarven durch die Leber, lösen sie Entzündungen aus, die zur Bildung von Gallensteinen führen können. Dringen Fremdkörper ins Gallengangsystem ein, kann das zu Gallenkonkrementen führen. Tiermediziner fanden schon Holzstückchen oder Kotbestandteile in Gallensteinen.

Wie machen sich Gallensteine beim Pferd bemerkbar?

Kleinere oder vereinzelt vorkommende Gallensteine verursachen manchmal gar keine Beschwerden. Sind größere Cholelithen entstanden, entzünden sich in vielen Fällen die Gallengänge und das umliegende Lebergewebe. "Das Pferd bekommt Fieber, hat keinen Appetit. Meistens färben sich die Schleimhäute gelb, und der Tierarzt findet stark erhöhte Leberwerte", sagt Dr. Schmitz.

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Eine Blutuntersuchung gibt Aufschluss darüber, ob leberspezifische Enzyme sowie die Werte von Bilirubin und Ammoniak erhöht sind.

Leberprobleme können eine Folge von unerkannten Gallensteinen sein. Von den entzündeten Gallengängen können Erreger auf Leberzellen übergreifen. Oft kommt es dann zur Gelbsucht (Ikterus). Sie wird durch Bilirubin verursacht, das von der Leber ins Blut gelangt. Da der Bilirubinstoffwechsel teilweise in der Leber abläuft, tritt der gelbe Farbstoff ins Blut, wenn Leberzellen zerstört werden.

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Zum Ikterus kommt es auch, wenn größere Cholelithen die Gallengänge verstopfen. Die Galle staut sich dann in der Leber, bis die Zellverbindungen zwischen den Leberzellen reißen (Stauungsikterus). In seltenen Fällen können Leberzellen absterben. Auch eine Fibrosierung der Leber (Zirrhose) ist möglich: Dabei werden die durch Stauungsdruck oder Entzündung zerstörten Leberzellen durch Bindegewebe ersetzt. Die Leber verliert nach und nach ihre Funktion, bis sie schließlich versagt.

Leberschäden können schnell lebensgefährlich werden, weil dabei giftiges Ammoniak ins Blut gelangt. Schlimmstenfalls fällt ein unbehandeltes Pferd irgendwann ins Koma und stirbt.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Der Tierarzt misst die Herz- und Atemfrequenz sowie die Körpertemperatur. Er untersucht die Schleimhäute auf Gelbfärbung, tastet den Bauch des Pferds ab und beurteilt die Darmbewegungen.

Eine Ultraschall-Aufnahme ist nicht immer aussagekräfitg. Der Arzt kann nur einen kleinen Bereich schallen, um festzustellen, ob die Gallengänge geweitet sind oder die Leber Veränderungen aufweist. Besser ist die Untersuchung einer Harn- und Blutprobe: Ist der Urin dunkel gefärbt, kann das auf Leberprobleme hinweisen. Auch die Ausscheidung von Bilirubin wird gemessen. Ist der Stoff im Urin, deutet das auf eine Zerstörung roter Blutkörperchen oder einen Gallenstau hin. Erhöhte Werte der Enzyme Gamma-Glutamyltransferase und alkalischen Phosphatase sowie von Bilirubin und Ammoniak im Blut sind Hinweise auf Leberschäden.

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Nicht immer sind Gallensteine per Ultraschall so gut zu erkennen wie hier.

So behandeln Tierärzte: Die Therapie richtet sich nach den klinischen Symptomen und der Schwere der Erkrankung. Da Gallensteinleiden selten sind, gibt es keine allgemeingültige Behandlungsempfehlung. "Der Tierarzt muss im Einzelfall entscheiden, welche Therapie er wählt." Bei den meisten Lebererkrankungen sollten Pferdebesitzer das Kraftfutter absetzen. Das kann die Leber entlasten. "Bei Gallensteinen, die nur vereinzelt im Ultraschall zu finden sind, ohne dass die Leberwerte des Pferds auffällig sind, ist nicht unbedingt eine Behandlung erforderlich."

Wird eine Cholelithiasis früh entdeckt, können die Steine medikamentös behandelt werden. Leberschäden verursachen aber meist erst Beschwerden, wenn 80 Prozent des Organs zerstört sind; daher bleiben Gallensteine lange unerkannt. Je mehr Leberzellen zerstört sind, umso schlechter die Heilungschancen.

Hat das Pferd eine starke Gallengangsentzündung mit Cholelithiasis, gibt der Arzt Antibiotika und entzündungshemmende Medikamente. Dadurch verschwinden möglicherweise die Symptome, nicht aber die Gallensteine selbst. "Cholelithen aufzulösen, ist äußerst schwierig", sagt Dr. Robert Schmitz. "Durch die Behandlung der Entzündung kann immerhin der Prozess der Gallensteinbildung gestoppt werden. Es kommen also nicht so schnell neue Cholelithen dazu."

Medikamente, die die Auflösung von Gallensteinen bewirken, gibt es kaum. "Für Pferde zugelassen ist keines davon." Manche Tierärzte verabreichen sie trotzdem. Dr. Schmitz sieht das kritisch: "Die Mittel sind wissenschaftlich nicht geprüft, können starke Nebenwirkungen haben und dürften auf keinen Fall bei Schlachtpferden angewendet werden." Manche Steine lassen sich chirurgisch entfernen. Eine solche Operation ist kompliziert und wird nur sehr selten durchgeführt, etwa wenn die Steine groß sind und am Rand der Leber sitzen.

Wie lässt sich Gallensteinen beim Pferd vorbeugen?

Da die Ursache für Gallensteine ungeklärt ist, ist gezieltes Vorbeugen nicht möglich. Achten Sie aber in jedem Fall auf fachgerechtes Entwurmen.

Alternative Methoden

Sind die Leberwerte nur leicht erhöht und zeigt das Pferd keine deutlichen klinischen Symptome, können Pferdebesitzer Artischocken- oder Mariendistelextrakte geben. Diese pflanzlichen Mittel können den Gallenfluss anregen. Möglicherweise kann das kleinere Cholelithen lösen. Tierheilpraktikerin Julia Melanie Hahlweg verabreicht Gallensteinpatienten zur Unterstützung verschiedene Homöopathika: "Die führenden Mittel bei Cholelithiasis sind Berberis, Calcium carbonicum, Carduus marianus, Chionanthus virginica, China, Dioscorea villosa, Hydrastis und Nux vomica."

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Gallensteinpatienten sollten auf Kraftfutter verzichten; das entlastet die Leber.

Der Experte

Dr. Robert Schmitz hat eine Fahrpraxis in Großbeeren (südlich von Berlin). Der Fachtierarzt für Pferde (mit Teilgebietsbezeichnung Innere Medizin beim Pferd) promovierte an der LMU München, ehe er jahrelang wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pferdeklinik der FU Berlin war. Dort war er von 2009 bis 2014 Oberarzt in leitender Funktion. www.pferdetierarzt-schmitz.de

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