Mit einem langen Zischen entweicht der weiße Nebel aus der Düse und breitet sich in wenigen Sekunden in der Luft aus. Kurz fühlen wir uns jung, so wie damals, in den Discos und Clubs, wenn die Tanzfläche eingenebelt wurde. Nur dass wir hier und heute nicht abtanzen, sondern in einem Stall im Stuttgarter Umland stehen. Die Pferde beäugen die zischende Nebelmaschine skeptisch. Dabei müssen sie gar nicht tanzen. Wir wollen nur wissen: Herrscht in ihrem Stall dicke Luft?
Klingt zunächst widersprüchlich: die Luft zu vernebeln, um damit die Luftqualität bestimmen zu können. Aber wir haben schließlich keinen DJ an der Nebelmaschine, sondern Henning Pieper vom Stallklimadienst des Regierungspräsidiums Stuttgart. Er wird von Tierärztin Dr. Susanne Müller vom Pferdegesundheitsdienst Baden-Württemberg begleitet.
Die Nebelmaschine zeigt, ob sich die Luft bewegt – oder nicht
Ein hartnäckiger Husten führte sie zusammen. "Bei mir hatte sich vor ein paar Jahren ein Stallbetreiber gemeldet, in dessen Stall etliche Pferde husteten und der das nicht in den Griff bekam”, erzählt die Tierärztin. Sie tippte beim Vor-Ort-Besuch darauf, dass sich die Luft in den Stallgebäuden zu wenig bewegt: Schadgase und Staub kommen nicht raus, Frischluft nicht ausreichend rein. "Denn wie viel oder wie wenig sich die Luft bewegt, kann man manchmal nur schwer abschätzen, auch in vermeintlich identischen Gebäudetrakten.” Und: Dass schlechte Luftzu- und -abfuhr der Grund sein könnten, wenn etliche Tiere im Stall husten, sei Stallbesitzern und Reitern oft nicht bewusst.

Henning Pieper ist Agraringenieur und am Regierungspräsidium Stuttgart im Bereich Emissions- und Stallklimadienst tätig. Wie sehr die Luft sich bewegt, zeigt ein Anemometer. www.landwirtschaft-bw.de
In Baden-Württemberg können Gesundheitsdienste und Vet-Ämter bei solchen Problemen den Stallklimadienst hinzuziehen. Also fragte Dr. Müller bei Henning Pieper an, ob er ihre Vermutung bestätigen könnte. Konnte er: Als er den Stall vernebelte, lichtete sich der Nebel nicht. Der Betreiber optimierte das Belüftungskonzept, die Pferde hörten wenig später auf zu husten.
Für uns demonstrieren Dr. Susanne Müller und Henning Pieper in einem Stall, wie so eine Verneblungsaktion in der Praxis aussieht. Als wir das erste Stallgebäude betreten, ist unser Eindruck: Die Luft ist rein. Der Stall ist rund 13 Meter breit und 35 Meter lang. Links und rechts sind zwei Boxenreihen, eine davon mit Türen auf Paddocks, die andere mit Fenstern. An den kurzen Gebäudeseiten sind zwei große, doppelflügelige Tore.

Auf Knopfdruck weißer Nebel: Verzieht der sich schnell, spricht das für guten Luftaustausch . Solche Messungen gibt es über Tiergesundheitsdienste (BaWü)und in Niedersachsen über die Landwirtschaftskammer.
Pieper wirft einen Blick auf Fenster und Türen: "Dadurch haben wir eine Querlüftung. Das reicht bei 13 Meter Breite, bei über 15 Metern wird das schwierig. Da spricht man dann von einer Tunnellüftung, aber dafür braucht man eine gewisse Windgeschwindigkeit.” Bei der Schwerkraftlüftung gibt es eine senkrechte Luftbewegung; durch Unterschiede bei Temperatur und Dichte in der Luft wird die verbrauchte Luft durch den Dachfirst abtransportiert. Das ist in diesem Stall ebenfalls gegeben.
Der Agraringenieur zückt ein Anemometer, ein Gerät, das die Luftbewegung anzeigt (siehe Kasten rechts). In Pferdehaltungen sollte sich die Luft mit mindestens 0,2 Metern pro Sekunde bewegen; der Wert wird in dem Stall locker eingehalten. Nun wirft der Agraringenieur die Nebelmaschine an: Der weiße Dampf verteilt sich auf der Stallgasse und ist nur wenige Minuten später durch Fenster und First abgezogen. "Sehr gute Werte”, zeigt sich Henning Pieper zufrieden: "Das komplette Luftvolumen in einem Stall muss mindestens viermal in der Stunde komplett umgewälzt, also ausgetauscht werden. Der Nebel sollte sich also spätestens in 15 Minuten verziehen; optimalerweise innerhalb von acht Minuten.” Für die Luftqualität ist nicht nur entscheidend, dass das Luftvolumen ständig auswechselt, sondern dass auch pro Pferd genügend vorhanden ist: nämlich rund 30 bis 40 Kubikmeter pro Vierbeiner. In niedrigen Stallgebäuden wird das oft nur schwer erreicht; diese Menge erreicht man nur, wenn im Stall Luft nach oben ist (Empfehlung der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz: mehr als 1,8 x Widerristhöhe, mindestens 2m).

Fenster als Garant für Frischluft? Nicht immer: Liegt das Fenster auf der windabgewandten Seite, kommt hier nur wenig Luft an.
Auch als wir die großen Tore schließen, lichtet sich der Nebel schnell. Gute Luft hier! Ob das im zweiten Stallgebäude auch der Fall ist?
Als die Stalltür geschlossen ist, stockt die Luftzufuhr sofort
Das ist wesentlich kleiner: Rund 10 Boxen teils mit Fenstern, teils mit Paddocks liegen an einer langen Stallgasse; auf deren anderen Seite grenzt diese direkt ans Nachbargebäude, das aufgrund der Hanglage etwas höher liegt. Eine Firstlüftung gibt es in diesem Anbau daher nicht; durch die Eingangstür, Fenster und Paddocktüren kann Luft ein- und ausströmen. Denken wir zumindest. Denn als wir die Tür schließen, zeigt das Anemometer kaum noch Bewegung an. Die Luft kommt also vorwiegend durch die Außentür ins Stallinnere.
Die Nebelmaschine zeigt das eindrücklich: Bei geschlossener Tür braucht die weiße Luft deutlich länger, um sich aufzulösen. Zwar bleibt sie unter der 15-Minuten-Grenze, aber im Gegensatz zum ersten Stalltrakt steht sie sehr lange. Noch deutlicher wird das, als Pieper die Nebelmaschine von außen an einem der offenen Fenster ansetzt: Der Nebel strömt – bei geöffneter Stalltür – in die Box und gleich wieder heraus. Als wir die Stalltür schließen, kann der Nebel zwar reinströmen, bleibt aber in Fensternähe stehen, bevor er von dort wieder nach draußen abzieht. "Durch die Tür kommt die größte Menge an frischer Luft. Sie sollte daher offen stehen, die Fenster alleine reichen nicht”, erklärt Henning Pieper.
Dabei ist eine gute Zu- und Abluft in vielen Fällen kein Hexenwerk, so Pieper: "Man hat schon viel gewonnen mit einer ordentlichen Trauf-First-Lüftung und einem Stallgebäude, das in der richtigen Luftachse steht. Heißt: Der Wind transportiert von alleine frische Luft ins Gebäude.” Oft gibt es einfache Optimierungen: Pieper erzählt von einer Liegehalle in einem Offenstall, die er ausgenebelt hat. Der Nebel stieg unters Dach – und stand dort. "Wir haben dann überstehende Bretter an First und Trauf abgesägt, und die Luft konnte abziehen.” Seither nutzen auch die Pferde ihre Liegehalle häufiger.
Manchmal sind die Lösungen noch einfacher: Indem wir unser Wärmebedürfnis nicht auf unsere Pferde übertragen. Dr. Susanne Müller erinnert sich an einen Stall, in dem eine Reiterin im Winter Fenster und Türen verrammelte und Ritzen an den Fenstern mit Handtüchern abdichtete. "Ich habe dann über Nacht mehrere Luftkeimplatten, also Petrischalen stehen lassen, anschließend beprobt und ihr gezeigt, wie immens viele Bakterien und Pilze in der Luft waren. Seither lüftet sie.”
Ganz schön luftig
Messgeräte: Mit einem Anemometer (ab. ca. 15 Euro) könnt ihr die Luftbewegung im Stall messen; idealerweise an mehreren Punkten und auch direkt über der Liegefläche. Mindestluftgeschwindigkeit: 0,2 m/s, im Sommer 0,6 m/s. Mit einem Hygrometer (ab ca. 30 Euro) könnt ihr die Luftfeuchtigkeit messen; die sollte zwischen 60 bis 80% liegen.
Anzeichen: Nicht nur unsere Nase verrät uns beim Betreten eines Stalls, ob da was in der Luft liegt (Staub, Bakterien, Pilze, ab- gestandene Luft). Manchmal spricht der Stall auch selber: Kondenswasser beispielsweise ist ein Anzeichen für schlechtere Luftqualität; denn dann kann die Feuchtigkeit nicht abziehen. (Jedes Pferd atmet in einer Stunde übrigens rund 300 Milliliter Flüssigkeit aus.) Spinnweben im Stall oder in der Box können auf Bereiche im Pferdestall hindeuten, die nicht ausreichend belüftet werden, sagt Henning Pieper.





