Beweidungsprojekte mit Pferden: Gut oder schlecht?

Beweidungsprojekte mit Pferden
Zwischen Natur und Tierschutz

ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.05.2026
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Koniks sind beliebt als Landschaftspfleger
Foto: imageBROKER/ C.Kosanetzky/ gettyimages

Ein Anblick, bei dem Pferdemenschen das Herz aufgeht: Ponys durchstreifen scheinbar frei eine offene Landschaft. Die Vierbeiner verbringen das Jahr im Freien und können tun, wonach ihnen ist. Gemeinsam zur Wasserstelle ziehen, Nase an Nase grasen, spielen, dösen, sich wälzen. Wild lebende Herden gibt es in Deutschland längst nicht mehr, halbwilde schon – und zwar in Beweidungsprojekten.

Die sind zahlreich: Auf der Birk in Schleswig-Holstein weiden Koniks an der Seite von Highland-Rindern, im niedersächsischen Naturpark Solling-Vogler Exmoorponys mit Heckrindern, in der Döberitzer Heide bei Berlin Sorraia-Pferde, im hessischen Hanau Przewalskis und im bayerischen Naturschutzgebiet Mohrhof Camarguepferde. Mehr als hundert solcher Weidelandschaften gibt es zwischen Nordseeküste und Alpenrand.

Gute Gedanken hinter Beweidungsprojekten

Die Grundidee ist gut: Weidetiere tragen zum Naturschutz bei und fördern die Artenvielfalt. Sie verhindern, dass Flächen verbuschen, was Wiesen, Heide- und Auengebiete erhält. Weil Pferde nicht alles fressen, bleiben einige höher gewachsene Grasinseln stehen, die anderen Tieren ein Zuhause bieten. Pferdeäpfel dienen Käfern als Brutstätte. Trinken Ponys aus Tümpeln, bleiben die länger bestehen, weil die Vegetation am Ufer kurz bleibt. Das sichert Amphibien den Lebensraum. Beweidung ist nachhaltiger als eine maschinelle Mahd: energiearm, leise, bodenschonend. Auch für die Pferde könnte so ein Projekt Vorteile haben. Hat es nur nicht immer.

Hunderte Pferde verhungerten

Im niederländischen Naturpark "Oostvaardersplassen", wo rund 1 000 Koniks lebten, verhungerten nach dem verregneten Winter Anfang 2018 Hunderte. Das gleiche Schicksal erlitten 2020 sieben Koniks im Meldorfer Speicherkoog, einem Projekt des Naturschutzbunds (NABU).

Auch das Beweidungsprojekt der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz e.V. (GNOR) in Oberdiebach geriet in die Schlagzeilen. Jahrelang hatten Tierschützerinnen, die Pferdeschutzvereine Pro Equis und Equiwent auf Missstände bei den Exmoor-Ponys dort hingewiesen. Die Herde weidete seit 2010 mit Burenziegen auf einer 30 Hektar großen Fläche. "Abgemagert, von Schädlingen befallen", titelte im Mai 2025 die regionale "Allgemeine Zeitung”. Dazu das Foto eines ausgezehrten Ponys mit kahlen Stellen im dunkelbraunen Fell. Die Vorwürfe: "Keine artgerechte Haltung, fehlende Kenntnisse, niemand, der sich ausreichend kümmert, zu wenig Futter."

Exmoor-Ponys in ihrer Heimat.
antonyspencer/ gettyimages

Im Oktober 2025 schrieb die "Allgemeine Zeitung" erneut: "Ponys stark verwahrlost." Ein Experte bestätigte: "Es war kein einziges Grasbüschel zu finden und erhebliche Flächen waren von giftigen Pflanzen bewachsen, die zum Teil von den Ponys aufgenommen wurden." Vor Hunger sollen die Tiere Mirabellen, Pflaumen und Eicheln gefressen haben. Ein 15-jähriger Wallach musste wegen einer Kolik eingeschläfert werden; er hatte Schotter zu sich genommen. Das Veterinäramt Mainz-Bingen und GNOR bestätigten seinen Tod. Später wurde bekannt: 2011 starb eine siebenjährige Stute aus demselben Grund.

Die Projekte verlangen mehr als nur etwas Gras

Ein Beweidungsprojekt sei ein komplexes System, sagt Dr. Michel Delling, Biologe und Zuchtbetreuer der Deutschen Exmoor-Pony-Gesellschaft e.V. (DEPG): "Landschaftsschutz, Artenvielfalt und Pferdewohl sind untrennbar miteinander verbunden." Es sei etwa wichtig, nicht nur Pferde weiden zu lassen: "Die Landschaft im früheren Mitteleuropa, der man mit solchen Projekten nahekommen will, war geprägt vom Zusammenspiel verschiedener großer Pflanzenfresser mit unterschiedlicher Ernährungsökologie.” Bestenfalls beheimaten Beweidungsprojekte daher Tiere mit unterschiedlichen Fressgewohnheiten; Wisente und Rothirsche etwa fressen, was Exmoor-Ponys stehenlassen.

"Es kursieren zahlreiche falsche Vorstellungen, weshalb viele Projekte früher oder später scheitern", sagt Delling, der als Zoologe in Dänemark ein großes Beweidungsprojekt wissenschaftlich begleitet hat. Entscheidend sei, die Idee vorab zu durchdenken: Ist das Areal zur Beweidung geeignet? Wie soll sich die Fläche entwickeln, wie ist die Futterverfügbarkeit? Sollen Besucher Zutritt haben? Welche Tiere passen im Areal am besten zueinander und wie viele sinnvoll? "Sobald die Pferde im Naturschutzgebiet stehen, sind die Betreiber für sie verantwortlich und müssen laut Tierschutzgesetz, aber natürlich auch allein aus ethischer Verantwortung dafür sorgen, dass es ihnen gut geht." Häufig komme es zu Inzuchtproblemen, zu vielen Nachkommen, oder es vererben sich Krankheiten.

Dies rechtzeitig zu erkennen und ungeeignete Tiere aus der Herde zu nehmen, sei ebenso Aufgabe des Managements wie bei Bedarf zuzufüttern. Mit Verstand: "Stehen Wisente mit auf der Fläche, werden die Ponys an nur einer einzelnen Futterstelle das Nachsehen haben", so Delling. Und bei nur einer Futterstelle nutzen die Tiere entlegenere Bereiche des Geländes automatisch weniger. Das alles müsse durchdacht werden, bevor auch nur ein Pferd angeschafft werde. "Leider machen das die Wenigsten, und das geht dann zulasten des Tierwohls."

Sinnvoll sei, so der Zoologe, mit weniger Tieren anzufangen. "Pferde dazu zu stellen, ist einfacher, als später welche rauszunehmen. Viele Projekte wollen Fohlen, stellen einen Hengst dazu und haben irgendwann acht pubertierende Junghengste auf der Fläche, die noch nie einen Menschen von Nahem gesehen haben und Ärger machen." Es komme oft vor, dass verzweifelte Projektleiter bei der DEPG um Hilfe bitten. "Wir beraten und vermitteln auch manchmal Tiere, wenn uns das möglich ist, aber die Entscheidungen müssen die Verantwortlichen treffen."

Leitlinie definiert die Haltungsbedingungen

Gelingen Beweidungsprojekte, hätten Pferde hier "das beste Leben, das sie haben können". Aber Delling sagt auch: "Das Leben ist kein rosa Wolkenschloss; viele haben zu romantische Vorstellungen. Es gehört dazu, dass die Tiere im Winter mal ein paar Kilo weniger wiegen und man die Rippen sieht."

Um das Tierwohl in Beweidungsprojekten zu verbessern, haben die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) und die Naturstiftung David die "Leitlinien für die tiergerechte ganzjährige Weidehaltung von Rindern und Pferden auf Naturschutzflächen" überarbeitet. Das Dokument legt dar, wie Tiere in Beweidungsprojekten betreut werden sollten, was Gefahrenquellen sind, wie Einzäunung sowie Wasser-, Futter- und Mineralstoffversorgung aussehen sollten.

"Für Ganzjahresweiden sind nur robuste, genügsame und leichtgebärende Rassen geeignet, deren Nahrungsansprüche, Verhalten und bevorzugte Lebensräume der jeweiligen Fläche angepasst sind", heißt es etwa. "Besonders geeignet sind (…) alle Ponyrassen des nordischen Typs (z. B. Koniks, Exmoors und Dartmoors). Zu beachten ist, dass leichtfuttrige Pferderassen auf nährstoffreichen Standorten schnell verfetten und ernsthafte gesundheitliche Probleme bekommen können."

Ohne gutes Management gelingt kein Projekt

Prof. Dr. Thomas Blaha, Tierarzt, TVT-Vorstandsmitglied und Mitautor der Leitlinie, befürwortet solche Projekte: "Werden sie gut gemanagt, können die geeigneten Tiere ihr artspezifisches Verhaltensrepertoire dort uneingeschränkt mental, sozial und physisch ausleben." Bei Projekten, die schiefgehen, seien die Betreiber "häufig Leute mit großem Herzen und unzureichendem Wissen über die Tiere". Das ginge oft bei der Pferde-Wahl los: "Warmblüter eignen sich nicht und Przewalskis auch nicht, weil Letztere nicht domestiziert und kaum händelbar sind."

Und auch der Tierarzt sagt: Ohne Herdenmanagement geht’s nicht. Dazu zählen nicht nur Areal- und Tierkontrolle: Die Betreiber müssen die Tiere nach Bedarf füttern, impfen, entwurmen, bei Krankheit tierärztlich behandeln und deren Hufe pflegen. "Auch in Beweidungsprojekten kann man Pferde nicht sich selbst überlassen. Denn anders, als viele Naturschützer meinen, sind sie eben keine Wildtiere."

Es müsse beispielsweise möglich sein, sie mithilfe von Fangeinrichtungen stressfrei einzufangen. Der Tierarzt rät, dauerhaft einen Corral aufzustellen, in dem die Tiere Minerallecksteine und regelmäßig etwas Futter finden. "Dann verbinden sie den Corral mit etwas Positivem und können dort bei Bedarf fixiert, kontrolliert oder behandelt werden." Als Beispiel für ein gutes Management nennt Blaha das NABU-Projekt Schmidtenhöhe bei Koblenz, wo Koniks weiden.

Spielerische Kämpfe unter Konik-Hengsten
Tas3/ gettyimages

Was manchmal auch Probleme bereitet: falsch verstandene Tierliebe Außenstehender. Natürlich ist es richtig, auf Missstände aufmerksam zu machen. Aber nicht immer ist bei den Handlungen Pferdesachverstand dabei: Im Landschaftspark Nohra im Weimarer Land warf etwa jemand eine Torte über den Zaun, um die Tiere zu füttern. Die Biologische Station Kreis Paderborn, wo Senner Pferde grasen, versucht deshalb, Fehleinschätzungen mit einem FAQ auf der Website vorzubeugen: "Warum haben die Pferde keinen Stall?", wird da erklärt. Oder: "Warum tragen die Tiere keine Hufeisen?"

Die Bevölkerung nicht über das Projekt aufzuklären, sei ein Management-Fehler, sagt Dr. Delling: "Es gibt Leute, die finden ein Pferd zu dünn und werfen einen Sack Brötchen über den Zaun. So etwas darf nicht passieren, deshalb braucht es von Anfang an gute Öffentlichkeitsarbeit und einen Plan, wie mit solchen potenziellen Problemen umgegangen wird."

Ein Beweidungsprojekt langfristig gelingen zu lassen, ist also komplexer als es scheint. Doch es gibt sie, die Flächen, auf denen es offenbar glückt. Die Habichtsweiden im Saarland etwa sind vom Verein "Weideland e. V." als "Weidelandschaft des Jahres" 2025 ausgezeichnet worden. In der "Saarengeti" grasen Exmoor-Ponys mit Taurusrindern und Karpartenbüffeln. Auch die Exmoor-Ponys aus dem GNOR-Projekt haben ein besseres Zuhause gefunden: Im Februar hat der Vogelschutzverein die verbleibenden acht Tiere nach Brandenburg abgegeben, in das Projekt "Döberitzer Heide". Es soll ihnen dort gut gehen.

Was tun bei Missständen?

So reagiert ihr richtig, wenn ihr Missstände vermutet:

  • Genau beobachten: Urteile nicht vorschnell. Wirkt nur ein Pferd dünn? Vielleicht ist es älter. Sind hingegen alle Tiere zu dünn oder mehrere verletzt, ist das ein Alarmzeichen.
  • Dokumentieren: Notiere, was dir wann aufgefallen ist; mache ggf. Fotos oder Videos. Das kann später noch hilfreich sein.
  • Verantwortliche kontaktieren: Meist findet sich am Zaun ein Schild mit Infos zum Projekt und zu den Verantwortlichen. Sprich sie auf Missstände an, telefonisch oder per E-Mail.
  • Behörden einschalten: Hilft der vorherige Schritt nicht, kannst du das zuständige Veterinäramt informieren.

Kommentar

Gut gemachte Beweidungsprojekte sind ein Gewinn für alle: Sie schützen die Natur, erhalten die Landschaft, sichern das Über- leben nützlicher Insekten- und Vogelarten, dienen Menschen zur Erholung und können Pferden, die zu den Robustrassen zählen, das perfekte Zuhause bieten. Wo sonst leben sie heute noch so artgerecht? Aber damit die Projekte nachhaltig funktionieren und für alle vierbeinigen Bewohner gut ausgehen, müssen deren Bedürfnisse erfüllt sein – und das erfordert das behutsame Eingreifen durch Menschen mit Sachverstand. Unter diesen Voraussetzungen bin ich als Biologin von Beweidungsprojekten ziemlich begeistert.

Sina Horsthemke, CAVALLO-Autorin