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„Mein Pferd hat Panik vorm Alleinsein“

Wallach Loriot dreht durch, wenn sein Boxen- oder Weidepartner ihn verlässt. Vor lauter Angst, alleine zu bleiben, kommt er kaum zur Ruhe. Kann Tierverhaltenstherapeutin Ann-Kathrin Maraun dem Pferd helfen?

Vielleicht liegen die Wurzeln von Loriots Ängsten schon über 20 Jahre zurück. „Seine Mutter soll früh gestorben und er als Flaschenkind aufgewachsen sein“, hat Simone Schneider über ihren 25-jährigen Fuchs-Wallach erfahren.

„Seitdem erträgt er es nicht, verlassen zu werden.“ Schon wenn Loriot merkt, dass seine Offenstall- Partnerin, eine alte Haflingerstute, aufgehalftert wird, steigt die Panik in ihm auf. Wird sie weggeführt, „macht er alles und jeden platt“, beklagt Schneider – selbst durch Stromzäune geht er dann.

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Müde statt entspannt

Wahnsinniger Stress für den Wallach und seine Besitzerin, die immer dafür sorgen muss, dass ihr Pferd nicht alleine ist. Dazu kommt ein weiteres Problem: Der Wallach findet kaum Ruhe. Weil er es nicht wagt, sich hinzulegen, fehlen ihm wichtige REM-Schlafphasen. Simone Schneiders größter Wunsch: „Ich wäre unglaublich erleichtert, wenn er sich einfach mal hinlegen würde, anstatt immer in Alarmbereitschaft zu sein, damit er nicht verpasst, dass ein anderes Pferd ihn verlässt.“

Gemeinsam mit der Tierverhaltenstherapeutin Ann-Kathrin Maraun, die ein Seminarzentrum für Reiter und Pferde in Frankfurt am Main leitet, besuchen wir Loriot in einem kleinen Privatstall süd- lich von Koblenz in Rheinland-Pfalz. Der Fuchs lebt dort gemeinsam mit der Haflinger-Oma in einem kleinen Offenstall.

Die Senioren-WG funktioniert gut. Will der Besitzer der Stute mit seinem Pferd spazierengehen, nimmt er den Wallach einfach mit. „Die aktuelle Lösung ist ein Glücksgriff“, findet Loriots Besitzerin.

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Das ist dann doch zu viel: Am Weidetor passt Loriot auf, dass ihm die Stute nicht entwischt.

Vorbereitung aufs Alleinsein

Doch was, wenn die sehr betagte Stute eines Tages nicht mehr da ist? „Es gibt leider keinen anderen Stall in meiner Nähe, der von den Haltungsbedingungen her akzeptabel ist“, bedauert Simone Schneider. Auf die Schnelle eine neue 24-Stunden-Betreuung für den alten Wallach zu organiseren, wäre extrem schwierig.

„Loriot sollte deshalb unbedingt lernen, dass er auch mal alleine bleiben und zur Entspannung finden kann“, meint Therapeutin Maraun. Das wichtigste Trainingsziel für Loriot: Raus aus dem Dauerstress

Die Pferdetrainerin hat einen Plan: Zunächst möchte sie herausfinden, ab welchem Moment Loriot unruhig wird. Fürs Training gehen wir mit ihm und seiner Hafi-Freundin auf die Koppel. Dort sind alle Beteiligten sicher, weil mehr Platz zur Verfügung steht als in dem kleinen Offenstall.

Kontrolle statt Angst

Beide Pferde beginnen zu grasen, zunächst Kopf an Kopf. Loriot hält sich in der Nähe der Hafllingerdame. Die Trainerin bittet Simone Schneider, der Stute ein Halfter an- zuziehen. Sofort hebt der Wallach den Kopf.

Als Schneider die Stute ein paar Schritte führt, klebt Loriot an ihrer Seite. Ann-Kathrin Maraun erklärt, was sie beobachtet: „Loriot will die Situation kontrollieren. Er schneidet seiner Besitzrrin und der Stute den Weg zum Tor ab.“

Wegschicken statt Trösten

Angst ist hier also noch gar nicht im Spiel. „Das ist gerade eher ein Respektsthema“, meint Maraun. Deshalb soll Schneider ihren Wallach aus dem Weg schicken. Sie schiebt ihn mit ihrem Arm zur Seite. Loriot wendet sich ab und beginnt zu grasen.

Die Trainerin lächelt. „Schau, er hat's schon verstanden.“ Während für den Fuchs alles klar zu sein scheint, ist seine Besitzerin baff. „Nie wäre ich darauf gekommen, dass ich mit dieser kleinen Geste so viel erreichen kann“, gibt sie zu.

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Simone Schneider soll ihren Raum verteidigen. Sie räumt Loriot resolut aus dem Weg.

Training mit Bewegung

Nun soll Simone Schneider sich mit der Stute auf der Koppel bewegen. „Und zwar so lange, bis Loriot euch nicht mehr folgt und zu grasen beginnt“, erklärt Maraun. Das Ziel: Der Wallach soll lernen, sich abzuwenden und zu entspannen. Als er stehenbleibt und die Nase ins Gras steckt, bittet die Trainerin deshalb Simone Schneider, eben- falls anzuhalten. Ist Loriot ihr beim Laufen im Weg, soll sie ihn wieder wegschicken.

„Pass auf, dass er dabei nicht den Kopf hochreißt und dabei wieder zurück in eure Richtung drängt. Er soll dir zur Seite hin Platz machen“, rät sie Schneider, als sie beobachtet, wie Loriot genau das macht. Loriots Besitzerin nimmt ihren Arm deshalb beim Abweisen einfach ein ganzes Stück höher, sodass der Wallach keine Chance hat, sich ihr und der Stute in den Weg zu stellen.

Nach ein paar Runden Richtung Weidetor und wieder zurück hat Loriot kein Interesse an den beiden und beginnt zu fressen. Auch Simone Schneider stoppt. Als sie wieder losgeht, bleibt er stehen. „Das ist gut, Pause machen!“, ruft die Trainerin.

Entspannung durch Nicht-Kontrolle

„Das Wegschicken war hier tatsächlich der Schlüssel zur Lösung“, meint Ann-Kathrin Maraun. Loriot hat in einer knappen halben Stunde schon zwei Dinge gelernt: Erstens, dass er aus dem Weg gehen soll und nicht kontrollieren darf. Zweitens, dass er durch passives Verhalten zurück zur Entspannung findet. Und das alles ohne Stress.

„Wir hätten natürlich auch gleich mit der Stute schnurstracks Richtung Koppeltor laufen können, um zu sehen, was passiert“, erklärt Maraun. „Aber was hätte das gebracht? Wird im Training der Punkt verpasst, ab dem beim Pferd der Stress zu groß wird, ist das Tier gar nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu lernen.“

Zweiter Schritt mit Futter

Für den nächsten, schwierigeren Schritt kommt Futter ins Spiel – das erleichtert Loriot das Lernen. Während er aus einer Schüssel mit Hafer futtert, läuft seine Besitzerin mit der Stute zum Weidetor. Er schaut beiden kurz nach, frisst dann aber wieder. In diesem Moment soll auch Simone Schneider innehalten.

Nach ein paar Sekunden geht sie weiter zum Tor. Erneut blickt Loriot kurz auf. Nun bittet die Trainerin Schneider, das Tor zu öffnen und mit der Stute hinauszugehen. Direkt hinter dem Tor soll sie stehenbleiben.

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Ablenkungsmanöver: Ist der Hafer in der Schüssel wichtiger als die Weidepartnerin auf dem Weg zum Koppeltor?

Loriot hat das natürlich registriert. Er wandert gemütlich zum Tor. Loriots Besitzerin glaubt zu träumen: „Ich lebe noch! Normalerweise hätte mich mein Pferd jetzt in heller Panik umgerannt oder den Zaun platt gemacht!“ Der Wallach denkt nicht dran – aber in seinem Kopf scheint es zu arbeiten. „Er ist hin- und hergerissen zwischen seinem alten Verhalten und der Ruhe, die er nun gelernt hat“, erklärt Maraun. Nun gilt es abzuwarten, bis Loriot sich abwendet. Als er einen Moment zur Seite schaut, soll Schneider mit der Stute wieder auf die Koppel kommen.

Entfernung in kleinen Schritten steigern

„Noch schafft er es nicht, sich ein paar Schritte vom Tor wegzubewegen“, so die Trainerin. Darauf käme es auch jetzt noch nicht an, betont sie. Simone Schneider soll immer wie- der mit Loriots Pferdefreundin durchs Tor gehen und dahinter warten, bis der Wallach sich abwendet. Später kann sie beginnen, hinter dem Zaun auf und ab zu laufen. Simone Schneider soll sich Zeit nehmen, den Trennungsmoment am Koppeltor Schritt für Schritt auszudehnen und die Situtation dann auch an anderen Orten üben. Je besser das klappt, desto mehr wird Loriot auch im Offenstall zur Ruhe kommen, meint die Trainerin.

Loriot scheint jedenfalls auf gutem Weg: Als Simone Schneider noch einmal mit der Stute die Koppel verlässt, beginnt er schon nach kurzer Zeit zu grasen.

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