Titel Thema Unwiderstehlich - Anziehende Übungen Lisa Rädlein

Beziehungsorientiertes Horsemanship

So werden aus Reitpferden Partner

Neue Beobachtungen aus Pferdeherden zeigen, warum Beziehungen so wichtig sind. Davon können Pferdebesitzer enorm profitieren.

Das Pferd kam zum Kurs auf dem belgischen Gut Charolie in eine fremde Halle. Gebucht war eine Einzelstunde beim neuseeländischen Trainer. Es fing so an, wie man sich das nicht wünscht: Die Stute war aufgeregt. Sie wieherte und wollte am liebsten lostraben. Es interessierte sie nicht, dass ihre Besitzerin neben ihr stand.

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Die Aufmerksamkeit de Pferdes bekommen

„Was könntest du tun, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen?“, fragte Ian Benson. „Zeig’ mal.“ Die Besitzerin nahm das Seilkürzer und ließ die Stute in Seitengängen weichen. Hielt sie an, richtete sie rückwärts. Nach einer Weile fragte Benson: „Möchte die Stute jetzt lieber bei dir bleiben?“

Die Antwort: Nein. Das Pferd hatte die Übungen abgespult, aber seine Aufmerksamkeit war nicht beim Menschen. „Du hast die Kontrolle verstärkt“, erklärt Benson. „Lass’ sie ihre Idee stattdessen ausprobieren, aber setze Grenzen, wo sie das tun darf.“ Die Stute wollte sich bewegen – also durfte sie das innerhalb eines Rahmens. Die Besitzerin sollte sich an die Bande stellen, so dass die Stute in einem Halbkreis am langen Seil um sie herum laufen konnte.

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Lisa Rädlein
Stute O’Netma entzieht sich anfangs der Mitarbeit. Doch Ian Bensons Ruhe und Klarheit sind anziehend: Sie schließt sich ihm an.

Ideen gemeinsam ausleben

Nächste Aufgabe: Ihrer Idee nachgeben, die Halle zu erkunden – aber gemeinsam! Dazu soll die Besitzerin das Verhalten des Pferdes spiegeln. Und siehe da: Die Stute wurde ansprechbarer, sie wirkte nicht mehr so angespannt und nicht mehr so abgelenkt. Sie hörte ihrer Besitzerin viel besser zu.

Das Beispiel zeigt, dass dominantes Verhalten wie Rückwärtsschicken vielleicht zu Gehorsam führt, aber noch lange keine Partnerschaft begründet. Gemeinsames Erleben innerhalb von Grenzen gibt hingegen Sicherheit und schafft Vertrauen.

Rollenverhalten statt Hierarchie

Diese Beobachtung passt zu dem, was Experten in Herden beobachten: Es gibt keine direkte Hierarchie. Die Pferde erfüllen verschiedene, gleichwertige Rollen. Bei Ian und Anke Benson im Norden Neuseelands lebt eine gewachsene Herde, aus der kein Pferd herausgenommen wird. Sie bleiben, bis sie sterben.

So können die beiden Trainer gut beobachten, welche Strukturen eine intakte Herde aufweist. Es gibt zum Beispiel die Rolle der Stute, die neue Pferde integriert, sie durch die Herde lotst und Kontakte zulässt oder nicht. So kommt es nicht zu Verletzungen. Oder die Rolle derjenigen, die Mutter und Fohlen von der Gruppe abschirmt und ihnen Ruhezonen schafft.

Humanship: Mensch plant, Pferd bewegt

Diesen Erkenntnissen folgend nutzen die Bensons eine spezielle Methode, Humanship genannt. Das Prinzip: Der Mensch kann durch seine Eigenschaft, vorausschauend zu denken, die Rolle des Planers übernehmen. Das Pferd kann durch seine Eigenschaften die Rolle des Bewegenden übernehmen.

Damit die beiden gut zusammenarbeiten, sind die Übungen so angelegt, dass der Mensch sich seinen dem Raubtier ähnlichen Eigenschaften zusehends entledigt und das Fluchttier Pferd Konzepte entwickeln kann, die über das Fliehen hinausreichen. Konkret: Weniger zufassen, Hände nutzen und kontrollieren (für den Menschen). Mehr hinschauen und nachdenken (für das Pferd).

Dominanz in Gruppen ist hausgemacht. Aggressives, dominantes Verhalten in Gruppen ist vor allem in Herden zu beobachten, die zu wenig Platz haben oder um Ressourcen wie Nahrung konkurrieren müssen, erklären Anke und Ian Benson.

Konsequenz in jeder Situation ist nicht der natürliche Weg

Tierfilmer Marc Lubetzki beobachtet in Herden mehr Toleranz als bisher angenommen: „Hengste bestehen nicht in jeder Situation darauf, dass ihre Ansage ausgeführt wird“, erzählt er. „Wenn sie brummeln, damit die Gruppe weiterzieht, kann es einmal sein, dass sie darauf bestehen, dass dies ausgeführt wird, und ein anderes Mal nicht. Dann brummelt der Hengst einfach eine halbe Stunde später nochmal.“

Das liege nicht daran, dass einige Hengste strenger seien und andere lockerer. Je nach Situation entscheide der Hengst, ob seine Aufforderung unbedingt befolgt werden muss. Lubetzkis Schluss: „Ich sollte im Umgang auch auf die Wünsche des Pferds eingehen. Es darf etwa seine Ruhepause beenden, bevor wir einen Ausritt in der Gruppe machen.“

Männerfreundschaften unter Leithengsten

Überraschend im Herdenleben ist laut Marc Lubetzki, dass Hengste unterschiedlicher Herden miteinander freundschaftlichen Kontakt pflegen. „Die Althengste kennen sich oft aus Junggesellengruppen und bleiben teilweise lebenslang befreundet.“

Bei ihren regelmäßigen Treffen bestätigen sie die klar definierte Rangordnung zwischen den Herden. Diese ist zum Beispiel für eine organisierte Flucht bei einem Raubtierangriff überlebenswichtig. Dabei sichern die Hengste der ranghöchsten Gruppe den Herdenverband nach hinten ab.

Die Struktur innerhalb einer Herde ist dagegen nicht linear, sondern ändert sich je nach Situation. Die Stuten richten ihre Aufmerksamkeit verstärkt in die eigene Gruppe, während die Hengste auch nach außen aktiv sind.

Pferde wollen von Natur aus mitmachen

Dieses Verhalten sagt viel über das Pferd und seine innere Struktur an sich aus. Es geht darum, ein harmonisches und vor allem sicheres Leben zu führen. Das sieht Horsemanship-Trainierin Sarah Brummer ähnlich: „Das Pferd an sich ist gewillt, alles zu verstehen um es herum, da das in der Natur sein Überleben sichert. Wenn Pferde verstehen, was wir fragen, werden sie versuchen uns zu antworten.“

Um jemand zu werden, dessen Nähe Pferde gern suchen, ist die Grundeinstellung für Sarah Brummer essentiell: „Pferde fühlen sich von Klarheit angezogen. Wer klar und in sich gefestigt ist, strahlt Sicherheit und Souveränität aus. Zudem ist die Momenthaftigkeit, in der die Pferde leben, wichtig: “Pferde sind im Hier und Jetzt. Es ist eine wichtige Qualität für einen Pferdemenschen, das Pferd in jeder Sekunde neu zu betrachten. Pferde spüren diese Herangehensweise. Innere Ruhe und Wertfreiheit wirken wie ein Magnet auf sie. Werden dann noch kleinste Schritte in die richtige Richtung bestärkt, beginnt sich das Pferd wohlzufühlen und will verstehen lernen„.

Unsere Präsenz ist nie wirkungslos: “Sobald wir eine Herde betreten, verändern wir etwas an der Situation und ein gegenseitiger Lernprozess beginnt„, erklärt Horsemanship-Trainerin Sarah Brummer.

Kommt man durch diese innere Haltung noch zum Reiten?

Ihre Pferde suchen den Kontakt und freuen sich wie es scheint auf die gemeinsame Zeit, erzählt Sarah Brummer. Durch die Konzentration auf den Ist-Zustand wird ihr Interesse am Menschen gestärkt. Gar nicht so leicht – aber Ihr Pferd wird auf diese Weise wirklich Zeit mit Ihnen verbringen wollen.

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Das Ergebnis von Ian und Anke Bensons innovativem Humanship-Programm:...

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