Du reitest Schritt. Eigentlich ist alles in Ordnung. Aber du ertappst dich dabei, wie du die Ohren deines Pferdes im Fokus hast, um mitzubekommen, wann sie vielleicht zucken. Um vorbereitet zu sein für den Moment, wenn "es" passiert. Was "es" ist, weißt du vielleicht gar nicht so genau.
Vielleicht hast du auch bereits 100 Horrorszenarien im Kopf. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, versuchst du dir zu sagen. Aber du glaubst dir selbst nicht und dein Körper erst recht nicht. Dein Herz schlägt schneller, du hältst unbewusst die Luft an und bist angespannt. Du willst dich konzentrieren, willst "einfach reiten", aber irgendwas in dir scheint in Alarmbereitschaft zu sein.
Angst im Sattel hat nicht immer mit schlimmen Erlebnissen zu tun
Viele Reiter kennen solche Momente. Manchmal tauchen sie nach einem Sturz auf, manchmal ohne konkreten Auslöser. Was oft folgt, sind Zweifel: Werde ich meinem Pferd eigentlich noch gerecht? Stimmt mit mir etwas nicht? Werde ich je wieder unbeschwert reiten können? Angst beruht nicht immer auf schlimmen Erlebnissen. Auch manche Erkrankungen können Ängste verstärken oder verursachen. Und manchmal ist die Angst ein Hinweis darauf, dass der Rahmen, in dem wir uns bewegen, nicht gut zu unserem Nervensystem passt.

Du möchtest entspannt ausreiten? Vertraue auf deine Stärken.
Angst fühlt sich im Sattel oft wie persönliches Versagen an. Als seist du nicht belastbar oder gut genug. Doch biologisch betrachtet ist Angst eine Schutzreaktion des Nervensystems. Sie entsteht, wenn der Körper eine Situation als potenziell unsicher einstuft – unabhängig davon, ob objektiv tatsächlich Gefahr besteht, und unabhängig davon, wie gut du reitest.
Das Nervensystem entscheidet in Sekundenbruchteilen, ob es entspannt bleiben kann oder in Alarm geht. Dabei spielen auch frühere Erfahrungen, Stress im Alltag, Müdigkeit oder emotionale Belastung eine Rolle. Wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, kann schon eine eigentlich vertraute Situation ausreichen, um innere Anspannung auszulösen. Für Reiter ist das besonders relevant, weil Pferde äußerst sensibel auf das reagieren, was in uns passiert. Sie nehmen kleinste Veränderungen in Muskelspannung, Atmung und Herzschlag wahr. Wenn wir innerlich versuchen, ruhig zu wirken, während unser Nervensystem längst auf "Achtung" geschaltet hat, entsteht eine innere Unstimmigkeit, die sich unmittelbar auf das Pferd überträgt. Manche Pferde werden dann unruhiger oder aufmerksamer – was die Anspannung auf beiden Seiten weiter verstärken kann. Vielleicht möchtest du dann das Reiten irgendwie "hinter dich bringen" und bist vor allem erleichtert, wenn du wieder absteigen kannst und nichts passiert ist.

Nicole Weber ist die Entwicklerin von Equihypnose®. Seit vielen Jahren hilft sie Freizeit- und BerufsreiterInnen, Ängste zu überwinden, besser zu reiten und in Harmonie mit dem Pferd zu sein. Sie bietet Einzelcoachings und Seminare an and bildet auch ReitlehrerInnen in ihrer Methode aus. www.equihypnose.com
Angst kann also auch entstehen, wenn wir innerlich über unsere Grenzen gehen, wenn wir versuchen, durchzuhalten, obwohl unser System eigentlich nach mehr Sicherheit, mehr Struktur oder weniger Reizen verlangt. In diesem Sinn ist Angst ein Signal, das darauf hinweist, dass etwas im Moment zu viel ist. Nicht jedes Gehirn verarbeitet Reize, Druck und Erwartungen gleich. Manche Menschen "sehen mehr", "hören mehr", "spüren mehr". Für sie wird der Kopf im Sattel schneller "zu laut". Selbst dann, wenn eigentlich alles okay ist. Gleichzeitig arbeitet ihr Gehirn teilweise extrem schnell.
Neurodivergenz beschreibt angeborene neurologische Unterschiede
Neurodivergenz erklärt diese Andersartigkeit. Sie ist keine Krankheit, sondern beschreibt angeborene neurologische Unterschiede in der Funktionsweise des Gehirns. Zu den neurodivergenten Profilen zählen unter anderem Menschen mit ADHS, Autismus oder auch hochbegabte Menschen. Gemeinsam ist ihnen häufig eine erhöhte Reizoffenheit und ein Nervensystem, das schneller auf Überforderung reagiert. Geräusche, Gerüche, Bewegungen, soziale Spannungen oder innere Gedanken können intensiver wahrgenommen werden und sich schneller "aufschaukeln". Man geht davon aus, dass ca. 15 bis 20 Prozent der Menschen im weiteren Sinne neurodivergent sind.
Viele Reiter, die sich selbst als sehr sensibel oder verkopft beschreiben, sind somit wahrscheinlich auch neurodivergent. Neurodivergenz bewegt sich auf einem breiten Spektrum, und neurodivergente Muster werden bei Mädchen und Frauen lange Zeit häufig übersehen, was dazu führt, dass es immer noch selten diagnostiziert wird. Viele lernen früh, sich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen und eigene Überforderung nicht zu zeigen. Diese Anpassungsleistung funktioniert oft über Jahre hinweg, kostet aber viel Energie. Dann können Unsicherheit und Angst stärker in den Vordergrund treten, ohne dass auf den ersten Blick klar ist, warum.

Viele Reiter halten beim Anblick so eines Ungetüms schon die Luft an. Das überträgt sich aufs Pferd.
Heißt das, du bist neurodivergent, nur weil du Angst hast? Nein. Angst ist eine normale Schutzreaktion des Nervensystems und kann vielfältige Ursachen und Einflussfaktoren haben. Die hier beschriebenen Strategien zur Beruhigung und Stabilisierung sind deshalb für alle Reiter hilfreich – ganz unabhängig von Diagnosen und Etiketten. Dennoch ist das Thema Neurodivergenz wichtig und häufig ein unsichtbares Puzzlestück bei dem großen und komplexen Thema Angst.
Neurodivergenz bedeutet nicht, dass jemand "nicht belastbar" ist oder weniger kann. Im Gegenteil – viele dieser Menschen verfügen über eine sehr feine Wahrnehmung, große Lernfähigkeit und Kreativität, hohe Empathie und ein starkes Bedürfnis nach Stimmigkeit. Unter passenden Bedingungen sind sie hochkonzentriert, schnell und speichern wahnsinnig viel Wissen ab. Unter zu viel Druck jedoch schaltet das Nervensystem schneller in den Schutzmodus.
Noch mehr Tipps zum Mental-Training und typische Stress-Fallen im Stall findest du im kompletten Artikel:





