Trauer-Hilfe für Pferde
Elefanten streichen mit dem Rüssel über den Körper toter Herdenmitglieder. Schimpansen verstummen. Wal- und Delfinmütter tragen ihre toten Kälber tagelang durchs Meer: Der Tod verändert das Verhalten sozial lebender Tiere. Sie suchen die Nähe ihrer Toten, verweilen bei ihnen, rufen oder kehren immer wieder an den Ort des Geschehens zurück. Lange galten solche Beobachtungen als rührende Einzelfälle. Heute weiß die Forschung: Säugetiere erleben Emotionen – und verarbeiten diese in ähnlichen Gehirnbereichen wie wir Menschen.
Auch Pferde bleiben vom Tod nicht unberührt: Sie erleben Stress und Trennungsschmerz. Aber wie genau wirkt sich das auf ihr Verhalten aus? Und was hilft ihnen, wenn ein Freund stirbt? Tatsächlich liefert ganz aktuell eine Pilotstudie der englischen Uni Lincoln Antworten. Dabei bleibt das Forschungs-Team nicht bei der Theorie: Es liefert auch praktische Tipps, was Pferden bei Verlusten hilft. Verhaltensforscherin Claire Ricci-Bonot befragte mit ihrem Team 325 Pferdehalter zum Verhalten ihres Tieres nach dem Tod eines Herdenmitglieds.
Die Rolle der Freundschaft bei Verlust
"Wie intensiv Pferde auf den Tod eines Artgenossen reagieren, hängt von der Art und Stärke der Beziehung ab", erklärt Dr. Claire Ricci-Bonot. "Pferde entwickeln bevorzugte soziale Bindungen zu bestimmten Individuen."
Manche Tiere grasen fast ausschließlich nebeneinander und ruhen Seite an Seite – sichtbare Zeichen von Freundschaft und Verbundenheit. "Stirbt so ein enger Sozialpartner, macht sich das oft deutlich bemerkbar", sagt die Forscherin.
Wie Pferde auf den Tod reagieren
"Innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Tod eines vertrauten Herdenmitglieds reagieren die Pferde besonders stark – das offenbart der Fragebogen der Forscher. Ein Großteil der Pferde frisst weniger. Insgesamt wirken die zurückgebliebenen Pferde wachsamer und verkürzen ihre Ruhe- und Schlafphasen. Viele reagieren schreckhafter auf Umweltreize. Außerdem äußern sie häufiger Laute wie Wiehern, Seufzen und Stöhnen.

Pferde trauern über den Verlust von Artgenossen. Bei manchen Tieren können sogar Kolik-Symptome auftreten.
Werden die Pferde auch anhänglicher? "Einige suchen mehr Kontakt zu Artgenossen und auch zum Menschen", berichtet die Forscherin. Nach einem Verlust richten Pferde ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf ihr soziales Umfeld – offenbar um Sicherheit und Orientierung zu finden. Wie ausgeprägt dieses Verhalten ist, variiere allerdings von Pferd zu Pferd. Mögliche Einschränkung: "Es kann natürlich auch sein, dass manche Pferdehalter menschliche Gefühle auf ihr Tier übertragen", stellt Claire Ricci-Bonot klar. Zugleich sei aber aus der Forschung bekannt, dass die soziale Unterstützung bei sozialen Tierarten eine wichtige Rolle bei der Stressbewältigung spielt. Wie sich ein Todesfall kurz- und langfristig auf einzelne Pferde und die gesamte Herde auswirkt, müsse jedoch weiter erforscht werden. Fest steht: Der Verlust eines vertrauten Gefährten bringt die soziale Orientierung sowie das gesamte Alltagsverhalten eines Pferds spürbar durcheinander. Ein Muster, das sich auch bei anderen sozial lebenden Arten finde, inklusive uns Menschen.

Fehlt plötzlich ein enger Gefährte, zeigen Pferde häufiger Unruhe und suchen das Herdenmitglied.
Stuten stupsen ihre toten Fohlen an
Verstehen Pferde den Tod so wie wir Menschen? Das ist in der Forschung weiterhin umstritten. Mehrere Fallberichte legen jedoch nahe, dass Pferde offenbar Zeit brauchen, um den Tod zu begreifen. Der Verlust eines Freundes stellt für sie eine Herausforderung dar. Bereits 1871 beschrieb eine Studie, wie vier Pferde nach dem Tod einer alten Stute dicht bei deren Körper standen und den Leichnam aufmerksam betrachteten.
Auch andere Beobachtungen sind bemerkenswert: Teils umringen Pferde die Grabstätte eines verstorbenen Gefährten. Eine junge Stute wurde beobachtet, wie sie auf dem Grab stand und mit den Vorderhufen auf den Boden stampfte. Ähnliche Verhaltensweisen sind auch von Eseln bekannt. Besonders eindrücklich sind Beobachtungen von Mutterstuten: Sie bleiben oft lange bei ihren toten Fohlen, stupsen sie mit der Nase an und scharren mit den Hufen – als wollten sie den Nachwuchs zum Aufstehen bewegen. Erst allmählich verlieren sie das Interesse, grasen in der Nähe und entfernen sich.
Die Herde wartet
Ein Abschied braucht Zeit. Das unterstreicht auch Pferdefotograf und Wildpferdeexperte Marc Lubetzki. Er beobachtet unter den harten Bedingungen freilebender Herden oft, wie die Tiere mit Trauer und Verlust umgehen. Verlieren Mutterstuten ein Fohlen, dauere die intensive Trauerphase oft eine Woche. Die Stuten fräßen wenig, wirkten häufig apathisch und hielten sich lange am Ort des Geschehens auf. "Oft möchte die Stute noch einen Tag an dem Ort bleiben, an dem das Fohlen gestorben ist", berichtet der Fotograf. Bemerkenswert: "Der Rest der Gruppe richtet sich nach der Mutterstute und wartet."

Wir sind uns nah! Wie intensiv Pferde um einen verstorbenen Gefährten trauern, hängt von der Stärke der sozialen Bindung ab.
Hilft Abschiednehmen?
Eine der schwierigsten Fragen für Pferdehalter lautet: Soll ein Pferd die Möglichkeit bekommen, sich von einem verstorbenen Gefährten zu verabschieden? "Unsere Befragungsergebnisse legen nahe, dass es Pferden helfen kann, einige Zeit mit dem Körper eines verstorbenen Gefährten zu verbringen", sagt Claire Ricci-Bonot. Das könne ihnen helfen, die Situation zu verarbeiten und einen Teil des damit verbundenen Stresses abzufedern. Verschwindet ein enger Sozialpartner plötzlich, kann das hingegen erhebliche Unsicherheit auslösen.
In der Praxis reagieren Pferde sehr unterschiedlich. Manche beschnuppern den Körper nur kurz und wenden sich wieder dem Grasen zu. Andere bleiben längere Zeit in der Nähe oder zeigen auffälliges Suchverhalten.
Braucht das Pferd einen neuen Freund?
Muss ein Pferd sofort einen neuen Gefährten bekommen, wenn ein enger Sozialpartner verstorben ist? "Wichtig ist vor allem, soziale Isolation zu vermeiden", betont Claire Ricci-Bonot. Pferde sind auf Kontakt zu Artgenossen angewiesen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie unmittelbar nach einem Verlust eine neue enge Freundschaft schließen müssen. Viel wichtiger ist zunächst, dass trauernde Pferde Zugang zu ihren vertrauten Herdenmitgliedern behalten. Verlässliche Sozialkontakte und gleichbleibende Abläufe im Alltag geben ihnen Sicherheit und sie können sich leichter an die veränderte Situation anpassen.
Anders sieht es aus, wenn zwei Pferde ausschließlich miteinander gehalten wurden. Stirbt eines von ihnen, sollte das zurückbleibende Pferd möglichst bald wieder dauerhaften Kontakt zu einem Artgenossen haben. Auch dann rät die Forscherin jedoch zu einem behutsamen Vorgehen: "Ein neuer Gefährte sollte sorgfältig ausgewählt und schrittweise integriert werden. Zusätzliche einschneidende Veränderungen unmittelbar nach dem Verlust könnten ein trauerndes Pferd unnötig belasten."
Die Dauer der Trauer
Wie lange Pferde verändertes Verhalten nach einem Verlust zeigen, das variiert. "Bei manchen Pferden dauern die Verhaltensänderungen ein paar Tage an, bei manchen mehrere Wochen oder länger”, weiß Dr. Claire Ricci-Bonot. Wie heftig und wie lange Pferde reagieren, das beeinflussen laut Forschung gleich mehrere Faktoren: Wie eng die Freundschaft war, welche Vorerfahrungen ein Tier gemacht hat, wie sein Temperament ausgeprägt ist, wie die soziale Unterstützung durch andere Pferde aussieht und in welcher Haltung es lebt.
Was Besitzer für ihre Pferde in der Zeit der Verlustbewältigung tun können, ist erstaunlich unspektakulär: vertraute Abläufe, vertraute Pferde und möglichst viel Normalität. Das ist die beste Form der Trauerhilfe.





