Dehnungshaltung Lisa Rädlein

Dehnungshaltung im Trainng: Sinnvoll oder nicht?

Dehnungshaltung im Pferdetrainng Diskussion ums Vorwärts-abwärts

Wie sieht ein korrektes Vorwärts-abwärts aus? Und braucht das Reitpferd es überhaupt? Die Dressurausbilder Knut Krüger und Claudia Butry diskutieren

Kaum etwas wird unter Reitern heißer diskutiert als das Vorwärts-abwärts. Die Gegner argumentieren damit, dass die in tiefer Kopf-Hals-Haltung gerittenen Pferde auf die Vorhand fallen. Die Befürworter halten das Reiten in die Tiefe für unverzichtbar, um das Pferd körperlich und mental zu entspannen.

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Debatte um Dehnungshaltung Eintauchen in die Tiefe
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Auf welcher Seite stehen die Dressurausbilder Claudia Butry und Knut Krüger? Sie steht als Schülerin von Anja Beran der klassischen Reitkunst nahe. Er lehrt auf Grundlage der deutschen Kavallerieschule.

Dehnungshaltung, Vorwärts-abwärts oder Zügel aus der Hand kauen lassen. Worin liegt der Unterschied und was ist richtig?

Claudia Butry: Ich finde den Begriff Vorwärts-abwärts schwierig, weil er in den alten Reitlehren nicht vorkommt. Für mich beschreibt es das Zügel aus der Hand kauen lassen. Es ist ein Muss in jeder Trainingseinheit, um die Anlehnung zu überprüfen und zu verbessern. Aus dieser veränderten Position heraus kann das Pferd danach wieder eine bessere Haltung einnehmen. Zügel aus der Hand kauen lassen ist vielleicht der Prozess und das Ergebnis die Dehnungshaltung. Aus der muss ich immer wieder in die Arbeitshaltung zurückkehren.

Knut Krüger: Vorwärts-abwärts ist für mich alles, was tiefer als die Arbeitshaltung ist. Alles darüber sind Zwischenschritte zum Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle. Das ist die tiefste Einstellung. Aus dieser muss das Pferd schnell in die Arbeitshaltung wechseln können – und umgekehrt.

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Oder sollten Reiter vermeiden, dass das Pferd mit seiner Nase in die Tiefe abtaucht?

Es geht also nicht darum, Runde um Runde mit tiefem Hals zu reiten?

Knut Krüger: Ja und nein. Bei korrekt ausgebildeten Pferden dient es zur Überprüfung der Losgelassenheit oder zur Entspannung nach einer Arbeitsphase. Korrekturpferde aber müssen erst mal an den Punkt kommen, dass sie in dieser Haltung bleiben können, wenn sie vom Reiter dazu aufgefordert werden. Pferde, die gewohnt sind, sich oben hinzustellen, nehmen den Hals kurz tiefer und kommen sofort wieder hoch. Erst wenn ich als Reiter anfange zu überlegen, wie ich den Kopf wieder hochbekomme, ist das Zügel aus der Hand kauen lassen beim Pferd etabliert. Und ab dann kann ich das Zügel aus der Hand kauen lassen nutzen.

Dehnungshaltung mit Spannungsbogen oder fallengelassener Hals aus dem Widerrist: Wie unterscheidet sich das?

Knut Krüger: Reiter, die mit Spannungsbogen durch Zügelverbindung reiten, können ihr Pferd nicht in Selbsthaltung zeigen. Denn in dem Moment, in dem sie überstreichen, ändert das Pferd deutlich die Haltung. Zum Zügel aus der Hand kauen lassen gehört, die Zügelverbindung komplett aufzugeben und darauf zu achten, dass das Pferd mit den Hinterbeinen kräftig abfußt.

Claudia Butry: Für mich kommt es unabhängig von der Zügelverbindung darauf an, dass die Pferde nicht mit dem Brustkorb zwischen den Schultern durchsacken. Dann laufen sie auf der Vorhand. Und das ist aus meiner Sicht nicht gesund. Aber wenn das Pferd den Rücken aufmacht, den Reiter sitzen lässt und der Reiter die Position des Pferdehalses alleine mit seiner Körperspannung verändern kann, finde ich das prima.

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Für Claudia Butry gehören Seitengänge zur Grundausbildung des Reitpferds.

Also kann ein Pferd auch mit tiefem Hals gehen, ohne auf die Vorhand zu kommen?

Claudia Butry: Solange das Pferd diese Position halten kann. Kann es sich selbst nicht mehr tragen, muss ich in die Arbeitshaltung zurückkehren.

Knut Krüger: Beim Zügel aus der Hand kauen lassen kommt bei fast jedem Pferd der Punkt, an dem der Reiter sagt, jetzt spüre ich mehr Bewegung im Rücken. In dem Moment läuft das Pferd nicht mehr auf der Vorhand.

Claudia Butry: Es gibt aber Pferde, bei denen dieser Weg nicht funktioniert. Ich habe eine Berittstute, die von Natur aus auf der Vorhand hängt. Sie ist ein modernes Sportpferd, sehr beweglich. Am Anfang habe ich versucht, sie in die Tiefe zu reiten, aber dafür hatte sie nicht genug Kraft und Koordination. Deshalb bin ich nicht den Weg, den Sie beschreiben, gegangen, sondern habe es andersherum versucht. Dabei hat mir die klassische Reitkunst sehr geholfen. Ich habe die Stute durch Übergänge und Seitengänge stabilisiert, bis sie so kräftig war, dass ich sie wieder in die Tiefe lassen konnte.

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Erst einmal den Weg in die Tiefe finden lassen: Das ist der Weg von Knut Krüger.

Ist also der klassische Weg mit vorbereitender Handarbeit für manche Pferde der bessere Einstieg in die Ausbildung?

Knut Krüger: In manchen klassischen Schulen werden Pferde ein oder zwei Jahre mit Handarbeit vorbereitet, bis sie die Kraft haben, den Reiter in Arbeitshaltung oder Versammlung zu tragen. Das klappt aber nur, wenn es korrekt gemacht wird.

Claudia Butry: Ich sehe das auch kritisch. Ich kenne einige Pferdeosteopathen, die mir sagen, viele von diesen Pferden sind trageerschöpft und nicht vorbereitet für die Arbeit unter dem Sattel. Wenn ich ein Pferd als Reitpferd fit machen will, muss ich es eben auch unter dem Sattel arbeiten. Klar muss ich schauen, dass schon ein bisschen Grundmuskulatur da ist, aber den Reiter tragen lernen geht am Ende nur mit Reiter. Bei Anja Beran unterscheidet sich die Remontenarbeit nicht sehr von der klassischen deutschen Reitlehre. Doch es wird viel früher als in der Ausbildungsskala die Schiefe des Pferds in Angriff genommen. Deshalb werden schon früh Seitengänge dazugenommen. Denn wenn ein Pferd sehr schief ist, fehlt der gleichmäßige Impuls aus den Hinterbeinen für ein gutes und gesundes Vorwärts. Wenn klassische Reitkunst gut gemacht ist, gibt es viele Gemeinsamkeiten mit der deutschen Reitlehre. Und dann werden Pferde sowohl in der Verstärkung als auch in der Versammlung geritten.

Knut Krüger: Aber wer kein Gefühl dafür hat, ob das Pferd bei den Seitengängen locker ist, kann oft was verschlimmern. Deswegen sollte man einen Weg finden, der für das Pferd ungefährlich ist. Und das ist das Vorwärts-abwärts. Gerade die modernen Pferde, sie sehr leicht im Genick sind, müssen lernen, wieder ans Gebiss heranzutreten und dass sie keine Angst vor dem Zügel zu haben brauchen. Bei diesen Pferden muss man viel mehr über den Sitz reiten.

Claudia Butry: Wenn ich unterrichte, versuche ich meinen Reitschülern ein gutes Gefühl fürs Pferd zu vermitteln. Das ist ein langer Prozess. Aber ja, das Dehnen in der Arbeit ist in den klassischen Reitweisen oft ein Punkt, der mir fehlt. Ich finde, dass es dazugehört, nicht nur im Halten, sondern auch in der Bewegung. Wie oft und für wie lange ich das Dehnen abfrage, hängt dann, wie ich finde, vom jeweiligen Pferd ab. Es heißt immer, alle Pferde funktionieren nach dem gleichen Muster und man kann sie alle gleich arbeiten. Das glaube ich nicht. Iberischen Pferden zum Beispiel fällt es schwer, den Hals lang zu machen und taktmäßig über den Rücken zu gehen. Für diese Pferde ergibt es Sinn, sie im ruhigen Trab zu reiten, um sie zum Loslassen zu bringen. Die modernen Warmblüter sind ja mehr auf Schubkraft als auf Tragkraft gezüchtet. Der Körper dieser Pferde braucht auch mal das freie Vorwärts.

Knut Krüger: Ich bin einmal einen PRE-Hengst geritten, der nach klassischer Reitkunst ausgebildet war. Er kannte Zügel aus der Hand kauen lassen gar nicht. Wir haben ein paar Tritte in dieser tiefen Halshaltung hinbekommen und er hat sich dabei phantastisch angefühlt. Wenn die Besitzerin das einmal selbst gespürt hätte, würde sie das sicher auch in ihre Arbeit einbauen. Denn Zügel aus der Hand kauen lassen ist dazu da, die Bewegungsqualität, die das Pferd in der Tiefe erreicht, mit in die Arbeitshaltung nehmen zu können.

Wie kann ein Reiter die Kopf-Hals-Haltung seines Pferds verändern, ohne mit der Hand einzuwirken?

Knut Krüger: Beim passiven Sitz federe ich immer dann mit meinem Gesäß in den Sattel ein, wenn der Pferderücken beginnt hochzukommen. Wenn ich das Einfedern minimal später beginne, gebe ich eine Gewichtshilfe. Einmal länger sitzen bedeutet mehr Lastaufnahme, zweimal länger sitzen durchparieren. Länger sitzen heißt, langsamer werden. Ein losgelassenes Pferd kann dies spüren. Ich kann recht schnell etablieren, dass sich das Pferd auf eine erste Gewichtshilfe schließt und hinten mehr Last aufnimmt, auf die zweite durchpariert. Je öfter ich solche Übergänge reite, desto mehr kommt das Pferd in eine bessere Selbsthaltung und trägt seinen Hals höher, weil es mehr Last mit der Hinterhand aufnimmt. Und dann läuft es auch nicht mehr auf der Vorhand.

Claudia Butry: Ich lehre Tempiwechsel ohne Hand im Trab so, dass meine Schüler sich vorstellen sollen, sie machen sich selbst langsamer oder schneller. Fürs Verlangsamen sollen sie den Bauchnabel ein bisschen einziehen, damit sie automatisch die Rumpfmuskulatur anspannen, aber das Becken locker bleibt. Im Wechsel zwischen Zulegen und Abfangen in einer Gangart heben sich die Pferde irgendwann von alleine. Und erst dann darf der Reiter wieder anfangen, die Zügel vorsichtig anzufassen.

Fazit

In vielen Punkten sind Claudia Butry und Knut Krüger sich einig: Das Vorwärts-abwärts ist ein Muss im Training. Es dient dazu, die Anlehnung zu überprüfen und zu verbessern. Das Pferd dauerhaft in tiefer Kopf-Hals-Haltung zu reiten, ist dabei nicht das Ziel.

Für Knut Krüger ist der tiefe, lange Hals die Voraussetzung dafür, dass Pferde unter dem Sattel eine gesunde Arbeitshaltung einnehmen, der Reiterhand vertrauen und Anlehnung suchen können. Claudia Butry setzt in der Grundausbildung auch auf Seitengänge, um schon früh die Schiefe zu korrigieren – je nach Pferdetyp. Die feine Reiterhand ist der Schlüssel zur korrekten (Selbst-) Haltung des Pferds – ob mit tiefer oder höher getragener Nase.

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Nadine Szymanski, CAVALLO-Redakteurin

Nadine Szymanski,CAVALLO-Redakteurin

Die Ausbilder

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Claudia Butry ist FN-Trainerin A, Eckart-Meyners-Bewegungstrainerin und Schülerin von Anja Beran. Sie verbindet die klassische Reitkunst mit der deutschen Reitlehre. www.neuesreiten.de

Claudia Butry ist FN-Trainerin A, Eckart-Meyners-Bewegungstrainerin und Schülerin von Anja Beran. Sie verbindet die klassische Reitkunst mit der deutschen Reitlehre. www.neuesreiten.de

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Klaus Krüger hat bei Paul Stecken und Waldemar Reß gelernt. Er bildet Reiter und Pferde auf der Grundlage der Heeresdienstvorschrift H.Dv.12 aus. www.knut-krueger.de

Knut Krüger hat bei Paul Stecken und Waldemar Reß gelernt. Er bildet Reiter und Pferde auf der Grundlage der Heeresdienstvorschrift H.Dv.12 aus. www.knut-krueger.de

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