Die Skala der Ausbildung Lisa Rädlein

Ausbildungsskala: So lässt Ihr Pferd los

Ausbildungsskala Teil 2 - Losgelassenheit So lässt Ihr Pferd los

Der zweite Punkt der Skala ist zentral für den Pferdekörper und die Psyche. Mit diesen Experten-Tipps lösen Sie Ihr Pferd. Und auch sich selbst.

Losgelassenheit ist nicht alles, aber ohne Losgelassenheit ist alles nichts. Der zweite Punkt auf der Skala der Ausbildung ist nicht nur gemeinsam mit dem Takt Basis für die Entwicklung vom jungen Pferd zum Reitpferd, sondern muss auch in höchsten Lektionen erhaltenbleiben.

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Ausbildungsskala Takt
Ausbildungsskala Teil 2 So lässt Ihr Pferd leichter los
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Die Skala der Ausbildung
Levente Janos
Als Pyramide ist die Skala der Ausbildung in den Richtlinien für Reiten und Fahren der FN dargestellt.

Doch woran lässt sich, abgesehen von einem sicheren Takt, spüren und erkennen, dass das Pferd losgelassen geht? Ausbilder Michael Putz hat die wichtigsten Punkte in seinem Buch "Richtig Reiten – eine Herausforderung" zusammengefasst:

  • ein zufriedener Gesichtsausdruck (Achten Sie auf Auge, Ohrenspiel, Ober- und Unterlippe)
  • eine gute Maultätigkeit (geschlossenes Maul ohne zugeknallten Nasenriemen; ruhiges Kauen und leichte Schaumbildung)
  • zufriedenes Abschnauben, nicht aufgeregtes Prusten
  • schwingender Rücken, die Bewegung geht durch den ganzen Körper, sodass der Reiter besser mitgenommen wird und zum Sitzen kommt; getragener, pendelnder Schweif
  • das Pferd wird in Übergängen immer durchlässiger, ohne Schwebetritte bei der Rückführung aus Trabverstärkungen
  • das Pferd ist jederzeit bereit, seine Oberlinie zu öffnen
  • das Pferd kann jederzeit Arbeitstempo zeigen, sich also in seinem natürlichen Tempo und Takt bei leichter Anlehnung in Trab und Galopp bewegen
  • der Schritt ist besonders aussagekräftig: ein losgelassenes Pferd ist dabei bereit, sich zu dehnen, zeigt eine losgelassene, vorwärts-abwärts-gerichtete Nickbewegung (Ausnahme versammelter Schritt) und der ganze Körper einschließlich des Rückens ist am Bewegungsablauf beteiligt.
  • Das Pferd lässt durch seine gesamte Körpersprache erkennen, dass es ihm "Spaß macht", sich mit und unter dem Reiter zu bewegen.

Wie Sie diese Punkte erreichen? Die folgenden Tipps unserer Experten helfen, leichter loszulassen.

"Klar definierte gebogene und gerade Linien lösen das Pferd"

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Lisa Rädlein
Svenja Braun ist Pferdewirtin und Trainerin für Islandpferde im badenwürttembergischen Wört.

Svenja Braun ist Pferdewirtin und Trainerin für Islandpferde im badenwürttembergischen Wört.

Wer in einem Isländer-Stall über die Hallenbande schaut, sieht oftmals ein etwas wuseliges Bild, gibt Svenja Braun zu – oft falle es Gangpferden schwer, wirklich gelassen einen Fuß nach dem anderen zu setzen und in ein gleichmäßiges, lockeres Schwingen zu kommen.

Damit diese Pferde besser loslassen können, rät Svenja Braun zu Aufgaben, bei denen der Weg klar definiert ist und die sich gut wiederholen lassen. So wissen Reiter und Pferd, was auf sie zukommt und können zu Ruhe, Gleichmaß und Entspannung finden.

"Reiten Sie etwa Schlangenlinien durch die Bahn mit drei Bogen oder jeweils einen halben Zirkel bei C und A und wechseln dazwischen durch die Diagonale".

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CAVALLO
„Klar definierte gebogene und gerade Linien lösen das Pferd“.

Beide Übungen vereinen gerade und gebogene Linien. Svenja Brauns Erfahrung: Pferde, die auf der Geraden hektisch werden und zum Davonlaufen oder Festmachen neigen, lassen sich auf den gebogenen Linien gut wieder einfangen und bleiben mit der Zeit immer gelassener.

Wenn die Bodenverhältnisse es zulassen, lässt Braun ihre Schüler auch gerne in der Mitte der Ovalbahn gebogene Linien und häufige Handwechsel reiten. "Wir beginnen im Schritt. Stimmt dabei der Takt nicht, kann das Pferd nicht genug loslassen. Die Reiter lernen zu spüren, wie groß oder klein die Wendungen sein dürfen. Ist der Bogen zu eng fürs Pferd, macht es sich fest und verliert den Takt."

Welche Gangart als nächstes drankommt, entscheidet das Pferd: "Fällt ihm Trab leichter, arbeiten wir zunächst im Zweitakt. Töltet es lieber, wählen wir den Viertakt."

"Die Pferde sind froh, wenn der Reiter abspannt"

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Michael Putz ist Ausbilder und Träger des Goldenen Reitabzeichens. Er ist Mitautor der Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1 und 2.

Michael Putz ist Ausbilder und Träger des Goldenen Reitabzeichens. Er ist Mitautor der Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1 und 2.

Für Dressurausbilder Michael Putz ist es geradezu frappierend, wie schnell Pferde positiv reagieren und sich loslassen, wenn Reiter sich auf dem Pferd bewusst ein wenig bewegen – also etwas "herumturnen" und wieder tief ein- und ausatmen.

"Oft kann man nach wenigen Augenblicken ein geradezu erlöstes Abschnauben vernehmen", berichtet der Ausbilder. "Die Pferde signalisieren so, wie froh sie sind, dass der Reiter abspannt und Lebenszeichen von sich gibt."

Gerade in den Schultern, Ober- und Unterarmen verkrampfen viele Reiter nach Putz’ Erfahrung. Sein Rat, um diesen Bereich zu lockern und die Hände unabhängiger tragen zu können: Zwischendurch die Schultern kreisen lassen, die ganzen Arme bewegen – und dabei versuchen, möglichst wenig dieser Bewegungen ans Maul weiterzugeben. "Im weiteren Verlauf reicht es dann, wiederholt ganz leicht die Unterarme um ihre eigene Achse, also mit der Elle um die Speiche zu drehen, um nicht erneut zu verkrampfen", erklärt Putz.

Für die lösende Arbeit mit dem Pferd hat Putz ebenfalls Tipps parat: Um besonders auch der mentalen Seite der Losgelassenheit gerecht zu werden, empfiehlt er, möglichst viel im Freien zu arbeiten und beispielsweise einen Teil der lösenden Arbeit ins Gelände zu verlegen.

Ebenfalls besonders wertvoll fürs Lösen: im leichten Sitz reiten. "Gerade besonders sensible Pferde mit feinem Rücken lassen leichter los, wenn der Reiter nicht nur länger leichttrabt, sondern auch die Galopparbeit im leichten Sitz beginnt", weiß Putz. Dabei sitzt der Reiter aus der Hüfte etwas vornüber und bleibt mit seinem Gesäß dicht am Pferd.

"Begleiten Sie das Zügel aus der Hand kauen mit Ihrem Sitz"

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Claudia Butry ist Trainerin A mit Schwerpunkt Dressur und Bewegungstrainerin nach Eckart Meyners. Sie lebt bei Kempten im Allgäu.

Claudia Butry ist Trainerin A mit Schwerpunkt Dressur und Bewegungstrainerin nach Eckart Meyners. Sie lebt bei Kempten im Allgäu.

Die Dressurausbilderin setzt für die Losgelassenheit auf den Klassiker: Zügel aus der Hand kauen lassen, und das immer wieder.

"Nicht über lange Strecken, sondern immer wieder den Rahmen verändern, mal eine Zirkelrunde in Arbeitshaltung reiten, dann wieder die Zügel rauskauen lassen und in der nächsten Runde wieder aufnehmen", rät sie.

Dabei kommt es entscheidend auf das ,Wie’ an: Statt einfach den Zügel wieder nachzugreifen, begleitet Butry jede Veränderung des Rahmens mit minimalen Veränderungen im Sitz. "Bevor man den Zügel wieder aufnimmt, kann man sich selbst mehr aufrichten, das Kreuz anspannen und beim Leichttraben auch etwas langsamer im Rhythmus werden – die meisten Pferde heben sich dann von selbst etwas an, so dass man dann das Zügelmaß sanft wieder anpassen kann."

Umgekehrt funktioniert das genauso: Soll das Pferd die Zügel aus der Hand kauen, rät Claudia Butry, auch selbst etwas Spannung loszulassen. "Denken Sie ein bisschen ans Ausatmen." Das Pferd soll dann langsam dem nachgebenden Zügel in die Tiefe folgen.

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Beim Zügel aus der Hand kauen soll der Kontakt zum Maul bestehen bleiben.

"Schmeißen Sie nicht einfach die Zügel auf den Hals, sondern halten eine konstante Verbindung, während das Pferd die Zügel aus der Hand kaut", rät die Ausbilderin.

"Wenn das Pferd im Unterkiefer nachgibt, löst es seine Spannung"

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Gunnar Wiedner ist Reitlehrer der Ecole de Légèreté und bildet sich regelmäßig bei Philippe Karl weiter. Er findet: Jeder Reiter kann von den Ideen der Légèreté profitieren.

Gunnar Wiedner ist Reitlehrer der Ecole de Légèreté und bildet sich regelmäßig bei Philippe Karl weiter. Er findet: Jeder Reiter kann von den Ideen der Légèreté profitieren.

In der Légèreté spricht man von Entspannung statt von Losgelassenheit, erklärt Gunnar Wiedner. "Das Pferd muss bei jeder Übung physisch und psychisch entspannt bleiben, ansonsten muss ich abbrechen und es wieder entspannen." Basisübung dafür: das Senken des Halses. "Ich übe das zunächst am Boden mit Knotenhalfter und lege eine Hand auf das Genick des Pferds. Auf sanften Druck soll es den Kopf senken und entspannen." Das geht auch im Sattel, wenn der Reiter nach vorne greift.

Eine weitere Möglichkeit ist das Abkauen. Dazu hebt der Ausbilder zunächst vom Boden aus das Gebiss mit den Fingern am Trensenring an, so dass es auf die Maulwinkel einwirkt, ohne die Zunge zu quetschen. "Gibt das Pferd im Unterkiefer nach, indem es ihn öffnet, löst es seine Anspannung. Sobald es das tut, gebe ich nach." Während das Pferd kaut, gilt es, weichen Kontakt zum Maul zu halten. Hört es auf, wirkt der Ausbilder erneut sanft auf die Maulwinkel ein. "Diese Übung können Sie ein paarmal wiederholen und das Pferd zwischendurch ein paar Schritte führen", rät Gunnar Wiedner.

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Beim Abkauen vom Sattel hebt Wiedner die Hände in Richtung der Pferdeohren an.

Beim Reiten hält Wiedner das Pferd zum Abkauen an und hebt seine Hände in Richtung der Pferdeohren an. Dabei auf keinen Fall rückwärts einwirken. "Mein Tipp: Nehmen Sie die Zügel so auf, dass diese jeweils zwischen Daumen und gekrümmtem Zeigefinger langlaufen. Die übrigen Finger leicht offenlassen. Nun die Hände langsam schließen und so herumdrehen, dass die Nägel der anderen Finger nach oben zeigen. Auf diese Weise landen die Ellenbogen korrekt am Oberkörper und man kommt nicht so leicht ins Ziehen", verrät Wiedner.

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Für das Abkauen vom Boden greift er links und rechts nah am oder in den Trensenring und wirkt auf die Maulwinkel.

Sobald das Pferd sein Maul öffnet, die Finger öffnen und beide Hände senken. "Halten Sie solange minimalen Kontakt zum Maul, wie das Pferd am Gebiss spielt. Wiederholen Sie den Vorgang, wenn es aufhört. Diesen Dialog am Zügel können Sie auch während des Schrittreitens führen", so Wiedner.

"Trab-Galopp-Übergänge lockern Rücken und Psyche"

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Richard Hinrichs lehrt klassische Reitkunst und leitet das Institut für klassische Reiterei Hannover.

Richard Hinrichs lehrt klassische Reitkunst und leitet das Institut für klassische Reiterei Hannover.

Losgelassenheit bedeutet für Barockausbilder Richard Hinrichs vor allem ein angemessenes An- und Abspannen der Muskulatur des Pferds. "Das geht nur, wenn sich das Pferd wohlfühlt", ist er überzeugt.

Die Herausforderung für uns Pferdemenschen: Herausfinden, welche Arbeit dem Pferd guttut und es auf unsere Seite bekommen, so dass es gerne mit uns arbeitet. "Die Kunst ist das Weglassen der reiterlichen Fehler", meint Hinrichs nicht ohne ein Schmunzeln. Wenn es denn so einfach wäre! Sein Tipp: Überlegen Sie, was Ihnen selbst liegt und wie Sie Ihr Pferd möglichst wenig stören und es so am besten lösen können. "Wenn der Reiter gut longiert, kann das eine geeignete Möglichkeit sein – wenn nicht, löst man das Pferd besser vom Sattel aus."

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Trab-Galopp-Übergänge an der Longe lockern das Pferd effektiv.

Hinrichs beobachtet dabei seine Pferde genau und schaut ihnen schon beim Führen ins Gesicht: Ist das Pferd entspannt? Meidet es den Kontakt? Wird es vielleicht distanzlos? "Ein junger Lusitano, mit dem ich im Moment arbeite, beäugt mich zum Beispiel immer kritisch", berichtet der Ausbilder. "Wenn sich seine Gesichtszüge entspannen, ist das ein Zeichen, dass er im ganzen Körper und mental loslassen kann." Oft funktioniert das gut über Trab-Galopp-Trab-Übergänge. Sie lockern nach Hinrichs Erfahrung nicht nur den Rücken, sondern auch psychisch. Auch Übergänge zwischen Trab und Schritt helfen weiter – "wichtig ist, das Pferd dabei weder zu über- noch zu unterfordern."

"Sie können auch am langen Zügel überstreichen"

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Bianca Rieskamp ist Pferdewirtin und Reitpädagogin. Sie unterrichtet klassische Reitlehre und Freiheitsdressur.

Bianca Rieskamp ist Pferdewirtin und Reitpädagogin. Sie unterrichtet klassische Reitlehre und Freiheitsdressur.

Losgelassenheit beziehen wir oft nur auf das Pferd. Für Ausbilderin Bianca Rieskamp ein Fehler: "Der losgelassene Reitersitz ist genauso wichtig." Ihr Tipp: Sich nach dem Aufsteigen bewusst Zeit nehmen, um sich aufrecht, aber entspannt hinzusetzen. "Die Schrittphase zum Aufwärmen kann man gut nutzen, um die Füße aus den Steigbügeln zu nehmen und das Bein lang pendeln zu lassen. Danach mit tiefem Knie und nach unten federndem Absatz die Bügel wieder aufnehmen."

Im Idealfall sollte Sie nach dem Reiten eine aufrechte Körperhaltung bei entspanntem, wohligen Körpergefühl wahrnehmen. "Ist das öfter nicht der Fall, helfen Sitzschulungen."

Der beste Prüfstein für die Losgelassenheit ist nach Rieskamps Ansicht das Reiten mit hingegebenem Zügel. "Müssen Sie dabei doch in die Zügel greifen, um das Pferd zurückzuhalten, steckt es voller Spannung und ist nicht losgelassen. Das Pferd soll am losen Zügel gleichmässig weitergehen."

Hier sieht Rieskamp eine Parallele zum Reiter: Benötigt er (noch) eine Stütze beim Sitzen, klammert mit den Knien oder Beinen oder hält sich am Zügel fest, sitzt er nicht losgelassen.

Bianca Rieskamps "Geheimtipp": Überstreichen am langen Zügel. Bekannt ist das Überstreichen eher zum Überprüfen der Selbsthaltung in Arbeitshaltung oder Versammlung. "Viele Reiter wissen nicht, dass sie auch mit dem langen Zügel überstreichen können, um die Losgelassenheit zu überprüfen. Dehnt sich das Pferd mit langem Hals in die Tiefe, kann und sollte der Reiter ruhig auch dabei einmal überstreichen. Bleibt das Pferd ohne wegzueilen im Tempo und in Balance, ist es losgelassen."

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