Grenzen setzen Lisa Rädlein

Serie Grenzen setzen (Teil 3)

Wie Krisen Mensch-Pferd-Teams weiterbringen

Eine harmonische Beziehung zwischen Pferd und Mensch entsteht nicht ohne Konflikte. Wie nutzt man Krisen, um ein richtig gutes Team zu werden?

Nur Friede, Freude, Eierkuchen gibt es nicht. "Die Harmonie zwischen Pferd und Mensch ist kein statischer Zustand. Auseinandersetzungen bleiben nicht aus, wenn man ein Team werden will", sagt Pferdetrainerin Yvonne Gutsche, die für faire, aber klare Grenzen plädiert (siehe Teil 1 und Teil 2). In Teil 3 der Serie berichtet die 39-Jährige nun, wie sie Konflikte löst und welche Grenzüberschreitungen sie sogar bewusst provoziert, um die Beziehung zum Pferd zu verbessern.

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Serie „Grenzen setzen“ So bringen Krisen Pferd und Reiter weiter
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Auf dem Hof der Trainerin kriselt es fast täglich. Yvonne Gutsche ist spezialisiert auf das Anreiten von Jungpferden und trainiert oft Pferde, die mit irgendetwas Mühe haben oder traumatisiert sind. Dabei sind Konflikte programmiert. "Da ist zum Beispiel das pubertierende Jungpferd, das seine Grenzen austestet, oder das Berittpferd, das seinen Reiter runterbuckelt", berichtet die Expertin. Yvonne Gutsche frustriert das nicht. Im Gegenteil: "Für mich gehören solche Situationen zum Training wie das tägliche Heu in die Raufe", sagt sie. "Es ist völlig normal, dass Pferde Grenzen überschreiten, um auszuprobieren, was sie dürfen und was nicht. Deswegen sehe ich Konflikte als Chancen, durch die man die Möglichkeit hat, sein Gegenüber besser kennenzulernen, einzuschätzen und sich aneinander heranzutasten."

Vom Problempferd zum bekannten Show-Star

Vor einer großen Herausforderung stand Yvonne Gutsche vor einigen Jahren mit ihrem eigenen Pferd. "Die Geschichte meiner Stute Bailey ist ein gutes Beispiel dafür, was aus einer Krise werden kann, wenn man sie als Herausforderung begreift und sich eine individuelle Lösung überlegt", sagt die Trainerin. "Bailey kam zu mir, als sie sechs Jahre alt war und galt als ein gefährliches und unreitbares Pferd. Sie hatte bereits mehrere Reiter abgeworfen, die danach ins Krankenhaus mussten", berichtet Gutsche.

"Um diese heftige Grenzüberschreitung in den Griff zu bekommen, wollte ich mich nicht einfach draufsetzen und mein Glück versuchen", sagt Yvonne Gutsche. "Zum einen wäre mir das zu gefährlich gewesen und zum anderen wollte ich erstmal herausfinden, was überhaupt los ist."

Grenzen setzen
Lisa Rädlein
Beim Gelassenheitstraining gehen Pferd und Mensch durch bewusst hervorgerufene Krisen.

Weil beim Gesundheitscheck nichts herauskam, gab Yvonne Gutsche der Stute zunächst eine Auszeit auf der Weide. Täglich besuchte sie Bailey auf der Koppel. "Ich wollte Bailey kennenlernen, aber sie zeigte überhaupt kein Interesse an mir", sagt die Expertin. Dieses Verhalten änderte sich erst nach mehreren Wochen. "Bailey kam plötzlich zu mir und schnupperte an meinen Händen. Das erste zarte Vertrauensband war geknüpft", erinnert sich Gutsche.

Bodenarbeit als Beziehungsarbeit

Mit Bodenarbeit baute die Trainerin dann die Beziehung weiter auf. Doch damit war die Krise noch nicht überstanden. Das Reit-Problem hing noch wie ein Damoklesschwert über den beiden. "Um Bailey nicht zu stark zu reizen, ging ich bei den ersten Reit-Versuchen sehr behutsam vor", sagt Yvonne Gutsche. Vorsichtig tastete sie sich Schritt für Schritt voran – Bailey warf sie kein einziges Mal ab.

Die Geschichte zeigt, dass es manchmal sinnvoller sein kann, nicht die Konfrontation zu wählen, sondern in Krisen mit einem indirekten Nein zu arbeiten und einen kleinen Umweg zu nehmen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. "Die Beziehung zwischen Bailey und mir geht mittlerweile sogar so weit, dass wir bei Stunt-Shows, in denen ich Bailey einsetze, ein Wechselspiel der Kompetenzen haben. Das bedeutet: Ich gebe den Weg durch den Parcours vor, verlasse mich aber bei den Stunts fast komplett auf Bailey. Sie darf entscheiden, wie schnell sie beispielsweise auf die Wippe geht."

Geduld und Fingerspitzengefühl sind dementsprechend wichtige Erfolgsfaktoren in Krisenzeiten. Und noch etwas ist sehr wichtig: Contenance (franz. für Mäßigung). "Ich kann einen Konflikt nur erfolgreich durchstehen, wenn ich auch in schwierigen Situationen die Fassung behalte", erklärt Yvonne Gutsche.

Wer wütend ist, wird vom Pferd nicht akzeptiert

Selbst bei der heftigsten Grenzüberschreitung des Pferds sollte der Reiter Emotionen wie Wut, Zorn oder Enttäuschung nicht am Pferd auslassen. "Zum einen handeln wir dann unfair gegenüber dem Pferd, zum anderen versteht das Tier unser Verhalten nicht", sagt die Expertin. "Fürs Pferd sind wir dann nicht mehr authentisch. Wenn wir in unseren Emotionen stecken, verlieren wir im Zweifel unser Gesicht als souveräner Chef. Der schreit nämlich nicht oder wird grob, wenn Probleme auftauchen, sondern sucht ruhig nach Lösungen."

Merkt der Reiter, dass er wütend oder enttäuscht ist, rät Yvonne Gutsche, eine Pause einzulegen oder das Training sogar ganz abzubrechen. "Man redet mit dem Pferd am besten erst weiter, wenn sich die Emotionen gelegt haben."

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Lisa Rädlein
Aus der Krise kann ein erfahrener Trainer helfen.

Eine Pause gibt Zeit, sich innerlich zu sammeln

So eine Situation hatte Yvonne Gutsche zuletzt bei ihrem Filmprojekt DIE DREI mit Mustangstute Princess by Choice. Sie wuchs in freier Wildbahn in den USA auf und war ein Eventpferd vom Mustang Makeover 2018, bei dem Yvonne Gutsche mitgemacht hatte. Die Stute kam etwa achtjährig zum Anreiten zur Trainerin.

Während der rund drei Monate merkte Yvonne Gutsche die ganze Zeit, dass etwas im Pferd brodelt: "Nur wann sie explodiert, wusste ich nicht." Kurz vor Ende der gemeinsamen Zeit war es dann soweit: Princess ging beim Ausreiten durch. "Sie ignorierte komplett meine Hilfen und ging gegen den Zügel", berichtet Yvonne Gutsche. Irgendwann schaffte es die Trainerin, die Stute in einem Acker anzuhalten.

Nachdem Princess auch danach weiter gegen die Hilfen ging, stieg Yvonne Gutsche schließlich ab und führte Princess zurück zum Stall. "So eine gefährliche Situation hatte ich schon lange nicht mehr erlebt", sagt sie. "Auf dem Weg zurück konnte ich mich sammeln und überlegen, wie ich die Nachgiebigkeit verbessern kann."

Beim Mustang musste die Trainerin beharrlich sein

Zurück auf dem Hof stellte Yvonne Gutsche der Stute die Aufgabe, an der Doppellonge auf einen Zügelimpuls hin einen Schritt rückwärts zu gehen. Das Ziel: Princess sollte lernen, dass es nichts bringt, gegen das Gebiss zu gehen. Die Stute stieg jedoch und schlug mit dem Kopf. "Davon durfte ich mich nicht beeindrucken lassen. Ich bin ruhig und beharrlich drangeblieben. Hätte ich nachgegeben während sie gegenzieht, hätte Princess genau das Gegenteil des Gewünschten gelernt", so die Trainerin. "Als sie dann schließlich nachgab, habe ich sie gelobt und das Training beendet."

Bis zu diesem Punkt dauerte es über eine Stunde. "Es tat mir leid, dass ich so lange dranbleiben musste. Das war auch für mich nicht einfach, aber mir war klar, dass diese Lektion ganz entscheidend dafür ist, dass es nie wieder zu so einer gefährlichen Situation kommt – und damit auch für Princess' Zukunft", ergänzt Yvonne Gutsche. Dass die Korrektur nachhaltig war, zeigen der Trainerin die vergangenen zwei Jahre: Princess ist nicht mehr durchgegangen, auch nicht bei ihren neuen Besitzern. Vielmehr reagiert die Stute so fein auf die Hilfen, dass sich Yvonne Gutsche für ein Fotoshooting sogar nur mit Halsring ins Gelände traute.

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Nora Smith
Mehr Harmonie nach einem Streit: Princess by Choice und Yvonne Gutsche.

Nützliche Krisen kann der Reiter selbst verursachen

Nicht immer sind es jedoch die Pferde, die Krisen anzetteln: Mit Gelassenheitstraining sucht Gutsche bewusst kleine Krisen. "Dabei bewege ich mich auf dünnem Eis. Einerseits möchte ich es mit den Übungen mutiger machen, andererseits darf der Reiz nicht zu stark sein, so dass ich das Vertrauen des Pferds verliere", erklärt die Trainerin. "Schritt für Schritt schweißt ein gutes Gelassenheitstraining eng zusammen."

Auch der Reiter lernt dabei etwas sehr Wichtiges, nämlich "Krisen mit dem Pferd nicht als ein Scheitern anzusehen, sondern schlicht als das, was sie sind: eine Herausforderung, die es gemeinsam zu lösen gilt".

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