In welchem Stall fühlt sich mein Pferd wohl?

So sieht der Pferdestall der Zukunft aus

Foto: Lisa Rädlein

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Ein-Zimmer-Apartments ohne Terrassentür sind out. Der Trend geht zur WG mit Gleichgesinnten – natürlich großzügig geschnitten.
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Genug Bewegung

Aus der Wissenschaft: „Was sind schon 15 Meter für ein Pferd?“, fragt Dr. Miriam Baumgartner. „Das reicht für höchstens vier Galoppsprünge.“ Die Tierärztin forscht an der Technischen Universität München, wie wohl sich Pferde in ihrem Zuhause fühlen. Unter der Leitung von Dr. Margit Zeitler-Feicht entwickelte sie das „Weihenstephaner Bewertungssystem“ für Pferdehaltungen, das 2021 als digitales Beratungsinstrument auf den Markt kommen wird. Es war bislang schwierig zu beurteilen, wie gut Pferde es in einem Stall haben. „Jeder sieht das anders“, erklärt sie. „Aber an den Mindestmaßen gibt es nichts zu rütteln. Und die gehören in einigen Punkten überarbeitet: Pferde brauchen Platz.“

Die Vorgaben in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen“ des Landwirtschaftsministeriums dürfen gerne überschritten werden, betont auch Dr. Angela Schwarzer vom Lehrstuhl für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung an der Uni München. Zum freien Auslauf fehlen genaue Angaben. Wie viele Stunden am Tag ein Pferd sich ohne Reiter vergnügen darf, legen in fraglichen Fällen aktuell Gerichtsurteile fest. „Die Leitlinien müssen hier überarbeitet werden“, sagt Schwarzer. „Mehrere Stunden Auslauf am Tag sind ein Muss. Wenn Pferde nur herumstehen, ist das kein Argument dagegen. Dann fehlen Bewegungsanreize.“

Aus der Praxis: Pferde in modernen Haltungskonzepten sind keine gelangweilten Dauer-Chiller. Aktivställe, wie sie die Firmen HIT und SCHAUER bauen, halten die Tiere mit Laufwegen zwischen den Futterstellen und Tränken auf Trab.

„In unserem neuen Two-Way-Trail laufen die Pferde den gleichen Weg hin und zurück, um sich Futterportionen abzuholen oder zu trinken“, erklärt HITGeschäftsführer Thorsten Hinrichs. Auf Gut Heinrichshof bei Dresden dürfen die Pferde sogar die Galopprennbahn nutzen, um zu den Weiden zu gelangen. „Sie laufen dann bis zu 20 Kilometer am Tag“, sagt Betriebsleiter Stefan Seyfarth. Was oft nicht berücksichtigt wird: Ältere Pferde schaffen keine weiten Strecken mehr. „Deshalb stellen wir Gruppen passend zusammen. Jungspunde und aktive Pferde haben bei uns längere Laufwege als die älteren, die nicht mehr so gut mitkommen“, erklärt Seyfarth.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Stallwechsel - Das Zuhause der Zukunft

Gesellig sein

Aus der Wissenschaft: „Pferde, die einzeln in Boxen oder auf Paddocks stehen, sehen meistens gut und gesund aus“, beobachtet Dr. Miriam Baumgartner. Doch zum Glücklichsein gehört mehr. „Sicht-, Hör- und Geruchskontakt zu anderen Pferden ist das absolute Minimum. Deshalb ist Gruppenhaltung das Beste“, findet Dr. Angela Schwarzer – wenn sie gut gemanagt ist. Die Tiere passend zusammenzustellen, ist eine Herausforderung, der sich Stallbetreiber künftig stellen müssen. „Eine Pferdegruppe harmoniert, wenn sich die Tiere vertraut sind und ihre Bedürfnisse zueinander passen“, erklärt Schwarzer. Es dauert bis zu sechs Monate, bis ein neues Pferd seinen Platz in der Rangfolge gefunden hat, erklärt sie. „Wenn ständig Wechsel in der Gruppe sind, gibt’s Stress.“

Aus der Praxis: Dass nicht jedes Pferd in jede Gruppe passt, stellt Stallbetreiber Stefan Seyfarth fest. „Ich muss die Pferde beobachten, um herauszufinden, ob die Herde harmoniert. Aber jedes Tier findet sein Plätzchen, wenn es passt.“ Der Vorteil von Kleingruppen mit bis zu 15 Pferden: „Die Herden bleiben stabiler, weil Pferde seltener wechseln. Das bringt Ruhe rein.“

Auch Stallbau-Spezialisten suchen nach Lösungen gegen Gruppenstress. Ein Beispiel: Die Firma SCHAUER bietet nun eine „Chill-out-Box“ an. Pferde können sich dorthin zurückziehen, wenn sie ihre Ruhe haben wollen. „Die Box ist vor allem für ältere und rangniedrige Tiere gedacht“, erklärt SCHAUER-Fachberaterin Carola Brandt.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Stallwechsel - Das Zuhause der Zukunft

Genug Futter

Aus der Wissenschaft: Sozialkontakt ist wichtig, Sozialdistanz aber auch. Beim Fressen wollen Pferde nicht mit jedem ihrer Kameraden Fell an Fell stehen. „Bei einer Heuraufe wird häufig jeder Durchlass als Fressplatz gewertet. Das ist aber dann sehr eng“, bemerkt Dr. Miriam Baumgartner. „Wir haben festgestellt: Wenn Pferde an der Heuraufe nicht genügend Platz zum Nachbarn einhalten können, herrscht ständige Unruhe. Aggressive Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert.“ Dr. Angela Schwarzer hält daher in Offenställen die klassischen Futterständer für eine gute Lösung: „Die Pferde können synchron fressen und sind durch Trennwände voreinander geschützt.“

Auch moderne Futterautomaten können Stress auslösen. Wird programmiert, dass die Pferde stündlich Kraftfutter bekommen, gibt es an den Stationen Rangeleien. „Besser sind zehn bis zwölf Rationen pro Tag“, rät Schwarzer.

Aus der Praxis: In vielen Aktivställen füttern keine Menschen, sondern Automaten. An den Systemen wird ständig getüftelt. Bei HIT gibt es Kombi-Stationen, zwischen denen die Pferde hin und her laufen müssen. Die Firma SCHAUER hat ihren „HeuTimer“ optimiert, damit die Pferde gemeinsam und in gesunder Haltung fressen können.

Heu rund um die Uhr vermeidet zwar zu lange Fresspausen, ist aber in vielen Fällen schlecht für die Figur. Stallbetreiber setzen bei der Fütterung immer mehr auf Individualität: „Die Diät-Gruppe kommt zum Beispiel nur stundenweise auf die Weide, die Schwerfuttrigen dürfen länger“, erzählt Stefan Seyfarth vom Gut Heinrichshof.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Stallwechsel - Das Zuhause der Zukunft

Guter Schlaf

Aus der Wissenschaft: „Pferde möchten nicht nur gemeinsam fressen. Sie möchten auch gemeinsam schlafen“, sagt Dr. Miriam Baumgartner. Oft wird behauptet, dass Pferde abwechselnd liegen würden. „Das haben wir nicht beobachtet“, berichtet die Wissenschaftlerin. „Pferde synchronisieren ihr Verhalten wie alle sozialen Lebewesen. Zwischen 0 und 6 Uhr ist die Hauptruhezeit, in der alle Pferde in mehreren Phasen liegen möchten.“ Die Liegefläche pro Pferd muss also mindestens den Leitlinien entsprechen (2 x Widerristhöhe)²/Pferd), damit die Herde zusammen ruhen kann.

Aus der Praxis: „Zehn Quadratmeter pro Pferd sollten es bei der Liegefläche schon sein, damit sich jedes Pferd ablegen kann“, findet Stallbetreiber Stefan Seyfarth. Für HIT-Geschäftsführer Thorsten Hinrichs kann es ebenfalls nicht genug Platz geben – in jeder Hinsicht. „Je mehr Platz Pferde haben, desto wohler fühlen sie sich. Doch oft scheitern Pläne, Flächen zu erweitern, an Umweltschutzauflagen.“

Das Weihenstephaner Bewertungssystem könnte ein Lichtblick werden. Es wird die erste wissenschaftlich fundierte Checkliste, die zeigt, wie pferdegerecht ein Stall ist. „Wir möchten damit Behörden, die Pferdehaltungen genehmigen, ihre Arbeit erleichtern. Auch Verbände könnten ihre Mitgliedsbetriebe künftig besser beraten, um Schwachstellen zu erkennen und zu lösen“, erklärt Baumgartner.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Stallwechsel - Das Zuhause der Zukunft

Spannende Links

Sie sind neugierig auf mehr Informationen? Wir haben für Sie zusammengefasst:
• die Leitlinien des Landwirtschaftsministeriums zur Beurteilung von Pferdehaltungen,
• Infos zum Weihenstephaner Bewertungssystem,
• Studien zu verschiedenen Haltungsformen, Liegeverhalten und Schlafstörungen.

www.cavallo.de/stallcheck

14.05.2019
Autor: Nadine Szymanski
© CAVALLO
Ausgabe 4/2019