Wie naturnahes Aufwachsen Pferde gesund, leistungsfähig und nervenstark macht.

Erfolgsfaktor Fohlen- und Jungpferdeaufzucht
Naturnahe Aufzucht für gesündere Pferde

ArtikeldatumVeröffentlicht am 18.09.2026
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Patrick Thomallas Stute mit Fohlen auf der Weide.
Foto: Rädlein

Auf der Weide galoppieren zwei Fohlen über den Hang, bremsen abrupt, drehen auf der Hinterhand ab und jagen im nächsten Moment wieder los. Wenig später stehen sie dicht an ihren Müttern, dösen im Schatten oder knabbern an Gräsern und Kräutern. Was aussieht wie unbeschwerte Kindheit, ist gleichzeitig harte Arbeit – zumindest für den Körper. Mit jedem Sprint, jeder engen Wendung und jedem Schritt über unterschiedliche Böden trainieren die jungen Pferde Knochen, Sehnen, Muskeln und Gelenke. Gleichzeitig lernen sie, die Körpersprache ihrer Artgenossen zu lesen, Konflikte zu lösen und ihren Platz in der Herde zu finden. Kurz gesagt: Sie lernen, Pferd zu sein.

Ein Rappe und ein Schimmel grasen zusammen auf der Wiese.
Rädlein

Doch genau für diese Entwicklung bleibt in der modernen Pferdezucht immer weniger Zeit. Fohlen sollen möglichst früh im Jahr geboren werden, um auf Schauen oder Auktionen einen Altersvorteil zu haben. Nach dem Absetzen geht es häufig darum, die Aufzucht wirtschaftlich zu gestalten. Große Flächen, abwechslungsreiche Ausläufe und eine individuelle Betreuung und Fütterung verursachen Kosten. Wer hier spart, spart dort, wo das Fundament für ein gesundes Pferdeleben gelegt wird. Der Preis zeigt sich oft erst Jahre später: wenn junge Pferde körperlich nicht belastbar sind, im Training Schwierigkeiten entwickeln oder immer wieder tierärztlich behandelt werden müssen. Naturnahe Aufzucht ist deshalb mehr als Romantik. Sie ist eine Investition in Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Charakter – und kann langfristig sogar Geld sparen.

Aufzucht als erster Teil der Ausbildung

"Wir verstehen Aufzucht nicht als die Zeit bis zum Anreiten. Für uns ist sie der erste und vielleicht wichtigste Teil der Ausbildung", sagt Tanja Bayha vom Hofgut Kaltenherberge im südbadischen Kandern, wo jährlich drei bis sechs Warmblutfohlen alter Linien zur Welt kommen.

Dieser Blick rückt die Entwicklung jedes einzelnen Fohlens in den Mittelpunkt. Denn kein Jungpferd wächst gleich schnell heran: Manche entwickeln sich körperlich früher, andere brauchen länger. Einige erkunden ihre Umwelt mutig, andere beobachten zunächst aus sicherer Entfernung. Gute Aufzucht bedeutet für Tanja Bayha deshalb vor allem, genau hinzusehen und kein Pferd in ein starres Schema zu pressen. "Wir erleben jeden Tag, dass junge Pferde selbst zeigen, was sie brauchen – wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzusehen. Genau diese Zeit möchten wir ihnen geben." Diese Haltung wünscht sie sich ebenso bei Käufern: Nicht nur Abstammung, Röntgenbilder und Ausbildungsstand zählen, sondern auch, wie ein Pferd seine ersten Lebensjahre verbracht hat.

Süßes Fuchs-Fohlen mit schmaler Blesse im Porträt.
Rädlein

Reizvolle Böden für künftige Reitpferde

Bewegung ist entscheidend, aber ebenso das "Wie". Naturnah aufwachsende Fohlen legen täglich viele Kilometer zurück: bergauf und bergab, über weichen Boden, festen Untergrund, Steine, Sand oder Wiesen. Beim Spiel beschleunigen sie, stoppen abrupt und wechseln ständig die Richtung. Das fordert den Körper immer wieder neu heraus. "Viel Platz und unterschiedliche Böden ermöglichen es Knochen, Sehnen und Gelenken, sich optimal zu entwickeln", sagt Leonie Bühlmann, die auf dem Gestüt La Perla nahe Madrid Lusitanos züchtet – mit 15 bis 20 Fohlen im Jahr. Gleichzeitig verbessern die jungen Pferde Koordination und Trittsicherheit; Fähigkeiten, die später unterm Reiter helfen.

"Use it or lose it." Dieser Satz des Osteopathen Stefan Stammer begleitet Tanja Bayha: Jeder Untergrund stelle andere Anforderungen an den Bewegungsapparat. Nur wenn junge Pferde viele Bewegungsreize kennenlernen, könne der Körper lernen, sich anzupassen und langfristig Stabilität entwickeln. Fohlen organisieren dieses Training selbst: Sie rennen aus Lebensfreude, balancieren über unebene Flächen, liefern sich Wettrennen – kein menschliches Programm kann das ersetzen. Von naturnaher Aufzucht profitiert auch das Immunsystem. Wind, Regen, Sonne und Temperaturschwankungen gehören draußen zum Alltag. Zusammen mit dem Kontakt zu vielen Pferden trainieren diese Reize die Abwehr. Leonie Bühlmann beobachtet, dass solche Pferde oft widerstandsfähigere Atemwege entwickeln und sich insgesamt besser an wechselnde Bedingungen anpassen können. Naturnah heißt natürlich nicht schutzlos: Unterstände und Rückzugsmöglichkeiten gehören dazu. Entscheidend ist die Balance zwischen Schutz und natürlichen Reizen.

Die Jährlinge galoppieren auf der Wiese.
Rädlein

Aufwachsen im Sozialverband macht später vieles leichter

Mindestens ebenso wichtig ist das soziale Lernen. Kein Mensch kann einem Fohlen vermitteln, was andere Pferde ihm täglich beibringen. In einer funktionierenden Herde lernen junge Pferde feine Signale der Körpersprache, Regeln, Grenzen und Konfliktlösung. Rangordnung entsteht durch viele kleine Interaktionen. Gerade ältere Pferde geben Orientierung, vermitteln Sicherheit und setzen klare Grenzen. Für Tanja Bayha ist die Herde deshalb "der wichtigste Lehrmeister eines jungen Pferdes". Auch Leonie Bühlmann erlebt, wie sehr Pferde voneinander profitieren: Fohlen entwickeln in der Herde sicheres Sozialverhalten und verstehen die Regeln des Zusammenlebens. Später lassen sie sich oft leichter in neue Gruppen integrieren, kommunizieren klarer und geraten seltener in ernsthafte Auseinandersetzungen. Diese Erfahrungen wirken über das Herdenleben hinaus: Hat ein Jungpferd gelernt, mit Artgenossen umzugehen, ist es häufig auch im Kontakt mit Menschen gelassener.

So wächst stabiles Urvertrauen heran

Die frühen Erfahrungen prägen generell den Umgang mit Neuem. Fohlen, die ihre Umwelt erkunden dürfen, sich frei bewegen und in einer stabilen Herde aufwachsen, entwickeln oft mehr Selbstvertrauen. Leonie Bühlmann beobachtet bei naturnah aufgewachsenen Pferden häufig mehr Mut und Neugier.

Vor allem aber entstehe durch die lange Zeit bei Mutter und Herde ein stabiles Urvertrauen: "Naturnah aufgewachsene Pferde haben oft eine höhere Resilienz”, meint Leonie Bühlmann. Das zeige sich später beim Verladen, beim Anreiten oder auf Turnieren. Beim Thema "Absetzen” ist für Tanja Bayha weniger das Alter entscheidend als die Gestaltung des Übergangs. Auf dem Hofgut Kaltenherberge werden die Fohlen meist zwischen dem sechsten und achten Monat abgesetzt – vorbereitet durch kleine Phasen der Selbstständigkeit. Wenn die Stute etwa für den Hufschmied kurz verschwindet, erlebt das Fohlen: Die Mutter kommt zurück. "Diese kleinen, vertrauten Trennungen erleichtern den späteren Übergang deutlich", sagt Bayha. Ebenso wichtig: Nach der Trennung bleibt möglichst viel Vertrautes erhalten. Die Fohlen bleiben zunächst in ihrer Umgebung und bei bekannten Artgenossen – das senkt Stress. Ein besonderer Moment ist für sie, wenn Stuten später wieder gemeinsam mit ihren inzwischen erwachsenen Nachkommen auf der Weide stehen. "Als Mutter fällt mir das Absetzen nie ganz leicht", sagt sie. "Umso beruhigender ist, dass Stuten und Fohlen sich nicht von heute auf morgen vollständig verlieren.

Eine Pflegerin führt Stute mit Fohlen über den Hof.
Rädlein

Fohlen-Fütterung: Slow-Food statt schnelles Wachstum

"Auch die Fütterung verdient Aufmerksamkeit. In der Aufzucht wird Wachstum leicht mit "schnell" verwechselt – davor warnen viele Züchter. Auf dem Hofgut Kaltenherberge gibt es daher keinen Standardplan. Basis ist hochwertiges Grundfutter, das Heu wird regelmäßig analysiert. Ergänzt wird individuell nach Alter, Entwicklung und Ernährungszustand. Mineralstoffe und hochwertiges Eiweiß spielen eine Rolle, ebenso artenreiche Weiden. "Wir möchten junge Pferde nicht schneller wachsen lassen, als die Natur es vorsieht", betont Bayha. Aufgabe des Menschen sei nicht, Entwicklung zu beschleunigen, sondern sie bestmöglich zu begleiten. Geduld ist damit kein Rückschritt, sondern eine Investition.

Gute Aufzucht ist kein Luxus

Ob eine Aufzucht gelungen ist, zeigt sich oft erst Jahre später, wenn aus dem Fohlen ein Reitpferd geworden ist. Lusitano-Züchterin Leonie Bühlmann erlebt, dass natürlich aufgewachsene Pferde oft konzentrierter arbeiten, klarer auf den Menschen reagieren, weniger Frustverhalten zeigen und deutlicher kommunizieren. Verhaltensauffälligkeiten treten ihrer Erfahrung nach seltener auf. Eine gute Aufzucht ersetzt keine faire Ausbildung – sie schafft jedoch die Voraussetzungen. Defizite im Bewegungsapparat oder Sozialverhalten lassen sich später oft nur schwer oder mit großem Aufwand korrigieren.

Jährlinge auf einer Wiese beim Spielen.
Rädlein

Für Leonie Bühlmann endet Verantwortung nicht mit dem Verkauf: Sie bietet Käufern an, dass die Pferde im Alter zurückkommen dürfen, damit sie auf La Perla ihre Rente verbringen können. Ein Schritt, der zeigt, wie ernst sie Verantwortung für ihre Pferde nimmt. Viele Entscheidungen in der Zucht sind wirtschaftlich geprägt. Haltung, gutes Futter und intensive Betreuung kosten Geld. Wer in den ersten Lebensjahren spart, zahlt später drauf: für Korrekturberitt, Therapeuten oder Tierarzt. Gute Aufzucht ist kein Luxus, sondern das Fundament für das, was im Sattel möglich wird. Sie entscheidet darüber, ob aus einem Fohlen ein gesunder, belastbarer und mental ausgeglichener Partner wird – für viele gemeinsame Jahre. Es lohnt sich daher, beim Pferdekauf zusätzliche Fragen zu stellen: nicht nur nach Abstammung, Röntgenbildern oder Erfolgen, sondern danach, wie das Pferd seine Kindheit verbringen durfte.

Nährstoff-Bedarf für YoungsterFohlen ab Beginn 3. Lebensmonat: Hoher Nährstoffbedarf vor allem an dünndarmverdaulichem Rohprotein (3g/kg Körpermasse) und Aminosäuren (decken auch Heu und Weide nicht). Gerade Lysin (Bedarf: 30 bis 45g/Tag) ist wichtig (bei Defiziten können die übrigen Aminosäuren nicht verwertet werden). Auch Mineralstoffe wie Calcium und Phosphor (wichtig fürs Längenwachstum der Knochen) oder Spurenelemente wie Kupfer (Mangel kann zu Knorpelschäden führen) und Zink (wichtig fürs Immunsystem) müssen ausreichend vorhanden sein. Am einfachsten liefern sog. Fohlenstarter-Futter die nötigen Nährstoffe.

Absetzer bis Jährling: Hochwertiges Heu zur freien Verfügung. Verdauliches Rohprotein pro Tag: 360 bis 400g (kann etwa über spezielle Proteinergänzungsfuttermittel oder Hafer, Lein- und Ölsaaten gedeckt werden). Der tägliche Energiebedarf liegt mit sechs Monaten bei rund 40 MJ ME (bei 500-kg-Endgewicht); bis zum ersten Geburtstag steigt er auf bis zu 47 MJ ME/Tag. Für ein stabiles Skelett braucht der Körper z.B. Calcium (rund 34g/Tag), Phosphor (rund 22g) und Kupfer (ca. 55 mg). Auch der Protein-Bedarf bleibt hoch (rd. 355 g). Um eine Unter- und Überversorgung (die etwa zu orthopädischen Problemen führen kann) zu vermeiden, ist eine Heuanalyse plus Rationsberechnung sinnvoll.

Jährling & Jungpferd: Die Hauptwachstumsphase ist nach dem ersten Lebensjahr geschafft. Jetzt treten Reife- und Verdichtungsprozesse in den Vordergrund. Damit sich Knochen, Sehnen, Bänder und Muskulatur optimal entwickeln, braucht der Jungpferdekörper einerseits genügend Energie (Jährlinge mit 500-kg-Endgewicht rund 47 MJ ME; bis zum dritten Geburtstag steigt das auf rund 57 MJ ME). Weitere wichtige Nährstoffe: Protein(ca. 355 g), Calcium (17 g) und Phosphor (12 g); plus ausreichend Vitamine und Spurenelemente wie Kupfer (105 mg), Zink (425 mg) und Selen (1,05 mg).