Interview Tierarztkosten Lisa Rädlein

„Kosten dürfen keine Rolle spielen“

Tierärzte müssen Pferde bei guter Prognose behandeln „Kosten dürfen keine Rolle spielen“

Ist die Prognose gut, muss der Tierarzt ein Nicht-Schlacht-Pferd behandeln – ob der Besitzer will oder nicht. Und unabhängig vom Wert des Tiers. Doch auf den berufen sich bisher Versicherungen, kritisiert Anwältin Iris Müller-Klein.

CAVALLO: Frau Müller-Klein, wieviel Tierschutz ist sinnvoll?

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Interview mit Rechtsanwältin Iris Müller-Klein „Kosten dürfen keine Rolle spielen“
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Iris Müller-Klein: Das lässt sich nur schwer beantworten. Das Problem ist: Ein Wirbeltier darf man nicht quälen, das regelt auch dasTierschutzgesetz. Das gilt in dem Moment, in dem ich ein Nicht-Schlachttier habe. Eine angeratene ärztliche Behandlung, die Aussicht auf Erfolg hat, muss ich durchführen lassen – sonst quäle ich das Tier. Das bedeutet dann auch: Ich darf ein Pferd nicht einfach einschläfern, nur weil ich zum Beispiel eine Kolik-Operation nicht bezahlen will oder kann.

Aber wenn ich doch kein Geld habe?

Pech gehabt! Da muss der Tierarzt – wenn er sich korrekt verhält – das Veterinäramt einschalten, immerhin hat der ja auch einen hippokratischen Eid geleistet. Das Pferd würde dann umgehend beschlagnahmt, der Tierarzt muss die Heilbehandlung vornehmen und das Veterinäramt schickt mir dann einen Bescheid über die Kosten. So soll gesichert werden, dass das Tier versorgt wird und nicht unnötig Schmerzen erleidet.

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Ist die Prognose gut, muss das Pferd behandelt werden; auch wenn es teuer wird.

Dann hätte ich mit meiner Weigerung ja nichts gewonnen – zahlen muss ich am Ende doch.

So ist das. Aber viele sagen dann: "Ich mach es einfach nicht!" Und manche Tierärzte werden wohl auch den Aufwand scheuen und wollen nicht ihrem Geld hinterherrennen. Aber streng genommen müssen sie es so machen. Und ich glaube, dass die Veterinäre, mehr als früher noch, nicht mehr bereit sind, sich darauf einzulassen, nur weil jemand seinen Geldbeutel schonen will. Diese Tendenz ist deutlich erkennbar. Meines Erachtens liegt es einfach daran, dass der Stellenwert des Tieres an sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter gestiegen ist. Nicht umsonst haben sich viele Menschen in der Corona-Krise ein Haustier oder ein Pferd angeschafft – und nicht das Wohnzimmer renoviert. Etwas anderes ist es natürlich, wenn das Pferd als Schlachttier eingetragen ist.

Hat es in den letzten Jahren da einen Gesinnungswandel unter den Tierärzten gegeben?

Die Situation hat sich völlig geändert. In zwischen entscheiden sich, so hat es mir zumindest ein Tierarzt erzählt, mehr Tierhalter gegen eine Kolik-OP als dafür. Davor haben sich von zehn Tierhaltern sieben für eine Behandlung ausgesprochen. Mittlerweile ist es umgekehrt. Das hat eventuell auch damit zu tun, dass die Preise für die Operationen so stark angestiegen sind – vor ein paar Jahren kostete eine Kolikoperation höchstens 5.000 Euro, mittlerweile werden bis zu 12.000 Euro verlangt.

Ich kenne viele, die aufgrund der gestiegenen Tierarztkosten generell mit ihren Pferden zur Behandlung nach Holland oder Belgien fahren, weil sie die Rechnungen hier einfach nicht mehr bezahlen können.

Grundsätzlich betrifft es ja alle Haustiere, nicht nur Pferde. Haben Sie zum Beispiel einen alten Hund, der vom Auto angefahren wird und sich die Pfote bricht – dann entstehen Kosten. Und der Tierarzt sagt: Das kriegen wir gut hin. Dann haben Sie womöglich ein Problem, wenn Sie das Geld nicht mehr investieren wollen oder können. Denn die Versicherung des Unfallverursachers wird nach dem aktuellen Wert des Tieres gehen. Überschreiten die Kosten der Behandlung in x-facher Höhe den realen Wert des Tieres, bekommen Sie nur diesen Teil erstattet und müssen den Rest selbst zahlen.

Wie kann man diesem Dilemma vorbeugen?

Gar nicht. Ich kann nur versuchen, mein Tier rechtzeitig los zu werden. Es sei denn, Sie haben eine Tierkrankenversicherung. Aber ältere Pferde etwa werden ja gar nicht mehr versichert. Mir hat meine Versicherung zum Beispiel sämtliche OP-Versicherungen für meine Pferde, die ich seit über zehn Jahren hatte, gekündigt. Begründung: Das würde sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen. Ich hätte sie natürlich neu abschließen können, aber zu völlig neuen, sprich viel teureren Konditionen.

Wo müsste man ansetzen, um diesen Missstand zu beheben?

Es fängt damit an, dass wir keine einheitliche Rechtsprechung dazu haben. Es wird immer noch nicht berücksichtigt, dass sich die Bedeutung des Tieres für den Menschen in den letzten 20, 30 Jahren doch stark gewandelt hat. Nehmen Sie die Corona-Pandemie: Egal, ob ich mich mehr dem Reitsport gewidmet oder mir einen Hund oder eine Katze gekauft habe – viele Menschen haben sich aufgrund eingeschränkter Sozialkontakte vermehrt den Tieren zugewandt.

Wir haben also im Grunde zwei Probleme: Einerseits wird das Pferd von Versicherungen als Sache eingestuft, heißt: Ältere Pferden sind grundsätzlich weniger wert...

weil Versicherungen den Wert des Pferds ins Verhältnis zu den Tierarztkosten setzen. Und häufig entwickeln sich die Kosten ja in Folge einer Erkrankung oder Verletzung. Da gibt es viele Unwägbarkeiten, wir wissen nicht, ob sich da zum Beispiel noch ein Keim einschleicht. Und manche Sachen sieht man ja auch erst, wenn man operiert und reinschaut. Für ein Pferd, das einen Unfall hatte und das behandelt werden muss, sollte eigentlich die Versicherung des Unfallverursachers aufkommen. Die geht aber vom Wert des Pferds aus.

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Hat ein älteres Pferd einen Unfall, zahlen Versicherungen oft nur einen Bruchteil der Kosten.

Sie betreuen gerade so einen konkreten Versicherungsfall ...

In dem Fall, den ich gerade betreue, geht es um ein 26-jähriges Pferd, für das es von der Versicherung nur noch 6 000 Euro gibt. Die Behandlungskosten haben sich inzwischen aber auf über 16.000 Euro summiert.

Das Pferd hatte im Grunde nur oberflächliche Wunden. Einschläfern wäre nicht vertretbar gewesen. Denn es hatte eine sehr gute Prognose. Der Halter hing auch sehr an dem Pferd, er hatte es als ungeborenes Fohlen im Mutterleib erworben und mit ihm das Reiten angefangen, was erstaunlich gut klappte. Daher stand es für ihn außer Frage, das Leben seines lieb gewonnenen Rentners zu beenden. Er hätte es auch gar nicht gedurft, da der Tierarzt eben eine sehr gute Prognose gegeben hatte. Weder in der Klinik hätte man das Pferd euthanasiert noch hätte dies der erstbehandelnde Tierarzt getan. Mein Mandant hatte daher – unabhängig von der emotionalen Seite – gar keine andere Wahl, als die Behandlung in der Klinik zu beauftragen.

Neigen Tierärzte dazu, aus Vorsicht eher eine gute Prognose zu stellen?

Ganz ehrlich? In den Fällen, die ich bearbeitet habe, war das immer so, dass das eins zu eins gepasst hat. Pferde, die erkrankt waren, sind wieder genesen, so wie der zuständige Tierarzt das gesagt hat. Aber es sind zum Teil eben auch Komplikationen dazugekommen, die so nicht vorhersehbar waren. Dadurch sind die Kosten dann erheblich gestiegen. Mitten in der Behandlung hört man auch nicht auf – selbst wenn man könnte. Hat man aber schon 5 000 Euro investiert und es sah alles gut aus – dann macht man auch weiter. Ganz unabhängig davon, dass man das Pferd im Falle einer guten Prognose eben gar nicht euthanasieren darf.

Inwieweit muss ein Tierarzt denn die finanziellen Aspekte des Besitzers möglicherweise berücksichtigen, selbst bei einer guten Prognose des Tiers?

Er darf dem Pferd keinen Wert geben und unter Kostenaspekten beurteilen, ob sich ein Eingriff lohnt. Es geht hier immer nur um ein Lebewesen, das Schmerzen hat und behandelt werden muss! Der Tierarzt entscheidet in der Sekunde, in der das Tier vor ihm steht. Und Komplikationen kann er nicht vorhersehen. Anders natürlich, wenn eine schlechte Prognose gegeben wird. Hier spielen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, denn eine schlechte Prognose rechtfertigt eine Euthanasie. Hier muss der Tierarzt den Halter gut aufklären, damit dieser für sich entscheiden kann, ob er die Kosten trotz der schlechten Prognose noch auf sich nehmen möchte oder nicht.

Muss ich einem alten Pferd denn unbedingt noch Behandlungen wie eine Kolik-Operation zumuten?

Auch wenn ein Tierarzt sieht, dass Sie aus finanziellen Gründen das nicht wollen und vielleicht auch, weil Sie das Tierwohl falsch einschätzen, muss er die OP durchführen – vorausgesetzt, die Prognose ist sehr gut. Kurz: Dann muss er also gegen Ihren Wunsch handeln.

Sind die Versicherungen gehalten, anders zu entscheiden oder ist es eher ein Rechtsproblem?

Wir brauchen unbedingt ein aktuelles Urteil des Bundesgerichtshofes. Denn der gibt auch für andere Gerichte vor, wo es langzugehen hat. Und wenn die Versicherungen das einmal Schwarz auf Weiß haben, werden sie auch danach handeln. Denn eine Versicherung lässt sich nicht verklagen, wenn der Ausgang des Verfahrens absehbar ist. Es ist so wichtig, dass hier eine Grundsatzentscheidung erfolgt, weil es viele Tiere in Deutschland betrifft – und nicht nur Pferde, sondern jede Katze, jeden Hund...Betroffen ist jedes Tier, das einen geringen wirtschaftlichen Wert hat.

Wie groß ist die Gefahr für einen Tierarzt, erwischt zu werden, wenn er ein Pferd trotz guter Prognose einschläfert?

Der Straftatbestand ist erfüllt, wenn er weiß: Das Tier hat eine gute Prognose, aber ich lasse mich nicht vom Tierwohl leiten, sondern davon, dass ich mein Geld nicht bekomme, weil der Pferdebesitzer kein Geld hat. Das nennt man den subjektiven Tatbestand. Nicht strafbar ist es, wenn er behandlungsfehlerhaft eine schlechte Prognose gibt, obgleich die Aussichten eigentlich sehr gut waren. Das ist dem Tierarzt natürlich sehr schwer zu beweisen, außer er kommuniziert es mit dem Tierhalter.

Wenn ein Tierarzt, vielleicht aus Bequemlichkeit, eine schlechte Prognose einträgt – wer will ihm das hinterher beweisen? Aber es gibt eben auch viele Tierärzte, die den Tierhalter hier nicht mehr unterstützen, sondern das Tierwohl im Vordergrund sehen. Ich kenne etliche Fälle, wo sie das Pferd auf eigene Kosten behandeln und dann hinterher verkaufen. Die lösen das dann halt so. Mit so einer Lösung ist in meinen Augen allen gedient.

Die leichteste Lösung wäre ja, die Tiere nur noch als Schlachtpferde einzutragen. So ist es. Dabei muss man aber auch berücksichtigen, dass ich als Halter höhere Kosten habe. Denn viele Tierärzte lassen sich völlig zu Recht den erhöhten Verwaltungsaufwand bezahlen. Ist ein Pferd als Schlachtpferd eingetragen, muss streng dokumentiert werden, welche Medikamente es erhalten hat, damit diese nicht in den Lebensmittelkreislauf gelangen, wenn die Wartzezeiten für den menschlichen Verzehr noch nicht abgelaufen sind. Auch dürfen bestimmte Medikamente gar nicht erst verabreicht werden, was wiederum bei der Behandlung ernster Erkrankungen sehr unschön werden kann. Daher ist es in meinen Augen an der Zeit, dass die Rechtsprechung ein neues Grundsatzurteil spricht. Das erst instanzliche Gericht hat dies gesehen und den Schaden zu 100 Prozent meinem Mandanten zugesprochen. Der Richter hat die Verhandlung beendet mit den Worten, "Jetzt schreiben wir Rechtsgeschichte…also wenn ich an meine Katze denke..".Leider sieht das Oberlandesgericht die Notwendigkeit bisher nicht. Ich hoffe sehr, dass die Revision zugelassen wird, dann muss der Bundesgerichtshof über diese Problematik nämlich entscheiden.

Die Expertin

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Iris Müller-Klein ist Fachanwältin für Medizinrecht, mit Schwerpunkt auf Tiermedizinrecht.

Iris Müller-Klein ist Fachanwältin für Medizinrecht, mit Schwerpunkt auf Tiermedizinrecht. Daneben berät sie ihre Klienten auch in Fragen zum Pferdekauf, zu Reit- oder Weideunfällen sowie zur Tierhalterhaftung. Ihre Kanzlei liegt in der Nähe von Bremen. www.kanzleimueller-klein.de

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