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Maligne Equine Hyperthermie: Diagnose & Behandlung

Bei der seltenen Erkrankung kann eine Narkose lebensgefährlich für Pferde werden. Zu welchen Mitteln Tierärzte in diesem Notfall greifen.

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Foto: Lisa Rädlein
In diesem Artikel:
  • Was verursacht Hyperthermie beim Pferd?
  • Welche Symptome hat Equine Hyperthermie?
  • Welche Pferde können erkranken?
  • Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?
  • So behandeln Tierärzte auf maligne equine Hyperthermie
  • Wie lässt sich vorbeugen?
  • Möglicher Zusammenhang mit PSSM
  • Humanmedizin
  • Die Expertin

Die Equine Maligne Hyperthermie (EMH) ist eine Störung des Muskelstoffwechsels, die unter Narkose auftreten kann. Diese Entgleisung des Stoffwechsels hat lebensbedrohliche Folgen für die Tiere, wenn die behandelnden Tierärzte nicht umgehend gegensteuern.

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Was tun bei Equiner Maligner Hyperthermie?
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Was verursacht Hyperthermie beim Pferd?

Die Ursache für Equine Maligne Hyperthermie liegt in den Genen. Genauer: in einer Mutation des Ryanodin-Rezeptor-Gens (RYR1) der Skelettmuskulatur. Diese Mutation wird autosomal-dominant vererbt (siehe Absatz "Autosomal-dominanter Erbgang"). Das heißt: Bereits ein mutiertes Gen von Mutterstute oder vom Vater reicht aus, dass das Pferd erkranken kann. Es ist in diesem Fall ein heterozygoter (mischerbiger) Träger des Defekts. Erhält es von beiden Elternteilen das defekte Gen, spricht man von einem homozygoten (gleicherbigen) Träger.

Dieser Gen-Defekt allein hat für die betroffenen Pferde im Alltag noch keinerlei klinische Auswirkungen; man merkt ihnen den Defekt nicht an. Das sieht jedoch anders aus, wenn die Tiere bei einer Inhalationsnarkose sog. Dampfnarkotika (volatile Anästhetika) erhalten; auch die Injektion depolarisierender Muskelrelaxantien kann für betroffene Pferde lebensgefährlich sein. Diese Medikamente können in Verbindung mit der Gen-Mutation dazu führen, dass unkontrolliert Kalzium in der Muskelzelle freigesetzt wird.

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Die Erkrankung kann auftreten, wenn Pferde bestimmte Narkosegase erhalten.

In der Literatur heißt es teilweise auch, dass starke Aufregung oder Stress bei Genträgern die Erkrankung auslösen könne. "Solche Fälle sind mir allerdings nicht bekannt", sagt Prof. Dr. Regula Bettschart-Wolfensberger, die am Tierspital der Universität Zürich die Abteilung Anästhesiologie leitet.

Welche Symptome hat Equine Hyperthermie?

Die Freisetzung von Kalzium stört den Stoffwechsel des quergestreiften Muskelgewebes. Das Pferd bekommt einen erhöhten Herzschlag bis hin zu Herzrasen (Tachykardie). Es schwitzt, seine Körpertemperatur steigt deutlich an – teilweise auf über 41,5 °C (Hyperthermie). Auch die Atmung geht rascher (Tachypnoe), der Blutdruck steigt.

Der Gehalt an Kohlenstoffdioxid im Blut wächst. Die Muskeln des Pferds können sich versteifen oder zittern. Es kommt zu einer metabolischen Azidose (Übersäuerung). Im Blut steigen die Werte von Phosphor, Kalium und Laktat an. Überlebt das Pferd eine Operation, bei der Maligne Hyperthermie auftrat, können Myopathien und Organschäden die Folge sein.

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Ein typisches Anzeichen ist Fieber (Hyperthermie), verbunden mit starkem Schwitzen.

Welche Pferde können erkranken?

Die Equine Maligne Hyperthermie kommt grundsätzlich nur sehr selten vor. Nachgewiesen wurde sie bislang bei wenigen Quarter Horses; bekannt ist sie bei Pferden seit den frühen 1980er-Jahren. Ein höheres Risiko, daran zu erkranken, scheinen stark bemuskelte Rassen wie Quarter Horses und Paint Horses zu haben. Aber auch Appaloosas, Araber, Quarabs, Ponys und Englische Vollblüter können betroffen sein. Labore bieten Gentests grundsätzlich für alle Pferderassen an.

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Stark bemuskelte Rassen wie Quarter Horses haben ein höheres Risiko, an Maligner Hyperthermie zu erkranken.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Dass ein Pferd eine maligne Hyperthermie entwickelt, sei für den Anästhesisten recht schnell auffällig, erklärt Prof. Regula Bettschart-Wolfensberger: "Schon kurz nach Beginn der Anästhesie steigen der CO2-Gehalt im Blut wie auch die Körpertemperatur extrem an." Spezielle Diagnoseverfahren seien in solchen Fällen nicht nötig, der Tierarzt könne anhand der Symptome entsprechende Rückschlüsse auf die Krankheit schließen.

Sie selbst sei seit dreißig Jahren als Anästhesistin tätig, sagt Prof. Regula Bettschart-Wolfensberger – "aber ich habe noch keinen einzigen Fall an Equiner Maligner Hyperthermie selbst erlebt."

So behandeln Tierärzte auf maligne equine Hyperthermie

Tritt EMH während einer Operation auf, unterbricht der Tierarzt als erstes die Zufuhr von Narkosegas. Das Pferd erhält stattdessen reinen Sauerstoff. Das diene dazu, erklärt Prof. Regula Bettschart-Wolfensberger, "die Trigger für die Krankheit wegzunehmen" – also von Inhalationsanästhesie auf Injektionsanästhesie umzustellen.

Ein weiterer Handlungsschritt: "Kühlen, kühlen, kühlen", sagt die Anästhesistin – der Körper des Pferds muss schnell gekühlt werden, etwa durch Auflegen von Cool Packs oder nassen Tüchern. Auch kalte Infusionen sind möglich. "Das wird so intensiv und so lange wie möglich angewendet, bis sich die Körpertemperatur normalisiert", erklärt die Tierärztin.

Das Pferd wird zudem künstlich beatmet, um den CO₂-Gehalt im Blut zu senken. "Diesen Wert zu normalisieren, ist sehr schwierig, weil durch die Hyperthermie sehr viel CO₂ freigesetzt wird. Es ist aber wichtig, um einer Azidose und Elektrolyt-Imbalancen entgegenzuwirken."

Im Humanbereich greifen Mediziner im Fall einer malignen Hyperthermie zum Mittel Dantrolene (siehe Absatz "Humanmedizin"). Das blockiert die unkontrollierte Ausschüttung von Kalzium. In der Veterinärmedizin wird dies allerdings nicht angewandt: "Ich kenne niemanden, der das auf Vorrat hat, weil das Mittel extrem teuer ist", sagt. Prof. Regula Bettschart-Wolfensberger. "Und wenn man es nicht hat, ist das Tier tot, bis man es dann hat."

Ohnehin, sagt die Expertin für Anästhesie, wüsste sie selbst von keinem Fall bei Pferden, der gut ausgegangen wäre – in den ihr bekannten Fällen seien die Tiere an den Folgen der Equinen Malignen Hyperthermie gestorben. Die Gründe: "Durch Myoglobin, das Abbauprodukt von Muskelzellen, kann es zu einem Versagen der Niere kommen", erklärt Prof. Regula Bettschart-Wolfensberger. "Wenn die inneren Organe zudem zu stark überhitzt haben, können sie anschließend aufgrund der Hyperthermie aussteigen und ihren Dienst versagen."

Sollte das Pferd die Hyperthermie aber überleben, würde es im Anschluss etwa 30 bis 60 Minuten dauern, bis es aus der Narkose erwacht – je nachdem, wie lange die Anästhesie zuvor gedauert hat. In der Folge müsste es intensivmedizinisch überwacht und behandelt werden, etwa mit Infusionen und einer entsprechenden Schmerztherapie. Hat das Pferd die Erkrankung überlebt, stünden die Chancen gut, dass es sich davon vollständig erholen könne, sagt Prof. Bettschart-Wolfensberger.

Wie lässt sich vorbeugen?

Ob das Pferd unter Narkose eine Maligne Hyperthermie erleiden könnte, lässt sich über einen Gen-Test herausfinden. Früher war hier eine Muskelbiopsie nötig; der entnommene Teil wurde dann Halothan und Koffein ausgesetzt, um herauszufinden, wie das Muskelgewebe auf diese Reize reagiert.

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Dieses Risiko kann mithilfe eines Gentests festgestellt werden; dafür genügt eine Blutprobe.

Heute ist eine Untersuchung deutlich weniger aufwändig. Es reichen bereits eine Blutprobe oder einige Haarwurzeln des Pferds aus. In nur wenigen Tagen steht dann das Ergebnis fest. Die Kosten sind überschaubar: Beim Labor Laboklin kostet der Test beispielsweise 62 Euro.

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Tierärzte behandeln die Hyperthermie symptomatisch etwa mit kalten Infusionen.

Equine Maligne Hyperthermie ist daneben auch Bestandteil einiger "Genetikpakete", wie sie einige Labore anbieten und in denen die gängigsten Gen-Krankheiten wie beispielsweise PSSM (Polysaccharid-Speicher-Myopathie) oder HYPP (Hyperkaliämische Periodische Paralyse) gebündelt werden.

Und wenn das Pferd ein Träger des Gen-Defekts ist, der zu EMH führen kann? "Dann verzichten wir ganz auf Inhalationsanästhesie", so die Expertin. Das Narkose-Medikament Halothan, das EMH auslösen kann, werde in modernen Kliniken ohnehin nicht mehr eingesetzt; die Anästhesisten am Tierspital in Zürich greifen zu den Mitteln Isofluran und Svofluran. "Theoretisch könnten diese beiden Medikamente auch EMH auslösen – aber das habe ich in meiner Berufstätigkeit noch nicht erlebt", so Prof. Bettschart-Wolfensberger.

Möglicher Zusammenhang mit PSSM

Bei Pferden, die den Gen-Defekt für EMH besitzen, könnte dieser dazu führen, dass auch die Symptome der Stoffwechselkrankheit PSSM verstärkt werden könnten. Auf diesen Zusammenhang verweisen Forschende um Molly McCue vom Department of Veterinary Population Medicine der University of Minnesota (USA). Sie fanden in einer Studie heraus, dass einige Quarter Horses schwererwiegendere PSSM-Symptome zeigten als andere. Der Grund, so die Mutmaßung der Forscher, könne das gleichzeitige Auftreten der RYR- und GYS1-Genmutation

– welche für PSSM verantwortlich ist – sein. Bei Pferden mit genetischer Doppelbelastung war die Aktivität der Creatin-Kinase höher, was zu schwereren Muskelerkrankungen führt.

Humanmedizin

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CAVALLO
Das mutierte Gen, das zu EMH führen kann, wird autosomal-dominant vererbt. Heißt: Erhält ein Pferd bereits eine Kopie von Vater oder Mutter (heterozygot), kann es erkranken. In der Grafik wären dies die Pferde links und rechts außen.

Maligne Hyperthermie ist auch bei Menschen eine lebensbedrohliche Narkosekomplikation. Entdeckt wurde die Erkrankung 1960 von australischen Ärzten. Auch hier lässt die Kombi aus genetischer Veranlagung und Narkosemedikament den Muskel-Stoffwechsel entgleisen. Folgen: Sauerstoffmangel und Organversagen. "Man kann mit der Gabe von Dantrolene rechtzeitig gegensteuern", sagt Anästhesie-Facharzt Benjamin Föll aus Glatt/Schwarzwald. In der Praxis trete Hyperthermie nur sehr selten auf.

Die Expertin

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privat
Prof. Dr. Regula Bettschart-Wolfensberger leitet die Abteilung Anästhesiologie des Tierspitals der Universität Zürich. Sie studierte und dissertierte an der Universität Zürich, absolvierte ein PhD am Royal College of Veterinary Medicine in London und habilitierte in Zürich. Seit 1997 ist sie Diplomate of the European College of Veterinary Anaesthesia and Analgesia (ECVAA), seit 2015 außerordentliche Professorin in Zürich. www.tierspital.uzh.ch
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2 / 2023

Erscheinungsdatum 18.01.2023

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