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Verhaltensforschung: Was tun bei rossigen Stuten?

Rossige Stuten - Richtiger Umgang

In der Rosse fahren die Hormone Karussell – aus Stuten werden Zicken. Wieviel Theater ist normal, und welche Rolle spielen Glasmurmeln? Die besten Experten-Tipps gibt's hier.

Wenn Ihre Stute beim Putzen kitzlig wird und unterm Sattel klemmt, ist es oft wieder soweit: Sie ist rossig. Doch längst nicht alle Stuten mutieren monatlich zur Zicke. Einige Damen werden auch anhänglicher und sind rittiger als sonst. Manche Pferdebesitzer merken nicht einmal, wenn ihre Stute rosst. Was passiert eigentlich während der Rosse, und wieviel Verhaltenstheater ist normal? Die Rosse ist der Zeitraum im Sexualzyklus, in dem die Stute paarungs- und empfängnisbereit ist. Geschlechtsreif werden Stuten etwa anderthalbjährig. Sie kennen keine Wechseljahre und werden bis zum Lebensende rossig. Der Sexualzyklus hat zwei Abschnitte: die Rosse (Östrus) und die Zwischenrosse (Diöstrus). Die Zykluslänge liegt bei 21 bis 22 Tagen. Die Dauer der Rosse kann sehr unterschiedlich sein und zwischen zwei und zwölf Tagen schwanken. Die Hauptrossezeit liegt zwischen April und Juni, zwischen November und Februar haben viele Stuten keinen Eisprung, zeigen aber trotzdem Rosseverhalten. Insbesondere im Frühjahr und Herbst – also zwischen der Hauptrossezeit und der Winterpause des Zyklus – dauert das Rosseverhalten besonders lange und kann sehr heftig sein. Perioden, in denen Stuten garantiert nicht rossen, gibt es nicht.

Wie erkennt man, ob die Stute rosst?

Sie blitzt mit den Schamlippen, stellt sich breitbeinig hin und setzt dabei eine Mischung aus Harn und Schleim ab. Die Schamlippen schwellen an, die Stute ändert ihr Verhalten. Denn während der Rosse fahren die Hormone Karussell: Das sogenannte GnRH (Gonadotropin Releasing Hormon), das im Hypothalamus des Zwischenhirns gebildet wird, bewirkt in der Hirnanhangdrüse die Ausschüttung des Follikel stimulierenden Hormons (FSH). Dieses gelangt übers Blut zu den Eierstöcken und lässt dort einen Follikel (Eibläschen mit Eizelle) reifen. In diesem Follikel wird in der Rosse Östrogen gebildet, das die Gebärmutterschleimhaut auf die Einnistung des Eis vorbereitet. Der Eisprung selbst findet gegen Ende der Rosse statt und wird durch ein anderes Hormon ausgelöst: das luteinisierende Hormon (LH), das ebenfalls in der Hirnanhangdrüse gebildet wird.

Damit sich das Hormon-Karussell im Körper richtig dreht, schiebt es ein Außenreiz an: Tageslicht. Wenn die Tage zum Frühjahr hin wieder länger werden, ist die Rosse oft noch unregelmäßig und muss sich erst einpendeln. In der Hauptrossezeit zwischen April und Juni sind die Rossen regelmäßig, ab August lassen sie wieder nach. Die Rossepause im Herbst und Winter ist von der Natur eingerichtet, damit Fohlen nach elf Monaten Trächtigkeit zur Weidesaison auf die Welt kommen. Bei Ponys ist die Pause noch mehr ausgeprägt als bei den Hauspferderassen. Wie lange die Rossepause dauert, ist von Stute zu Stute sehr unterschiedlich. Weil Licht den Zyklus entscheidend beeinflusst, stimuliert künstliche Beleuchtung die Aktivität der Eierstöcke. Lässt man das Licht 16 Stunden am Tag brennen, beginnt die Rosse im Frühjahr früher. Stress bringt manche Stuten ebenfalls aus dem Lot. Bei stark trainierten Tieren macht sich die Rosse häufig kaum bemerkbar: Der Körper rückt die Fortpflanzung in den Hintergrund, weil Energie anderweitig gebraucht wird.

Der Tierarzt kann den Eisprung auslösen

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Wenn eine Stute rossig ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie beim Decken auch trächtig wird. Dazu muss der Hengst zum richtigen Zeitpunkt decken, etwa ein bis zwei Tage vor dem Eisprung. Der Zeitpunkt des Eisprungs im Zyklus ist nicht bei allen Stuten gleich. Er variiert zwischen zwei Tage vor bis zwei Tage nach Ende der Rosse. Wie weit das Ei herangereift ist, erkennt der Tierarzt auf dem Ultraschall. Er kann mit dem Hormon Choriogonadotropin den Eisprung auslösen.

Der Follikel reift schneller, zwei Tage später springt das Ei. Während die einen Stuten kaum Rosseverhalten zeigen, leiden andere unter Dauerrosse und sind dabei kaum zu ertragen. Sie biedern sich anderen Stuten und Wallachen an, sind kitzelig, quietschen und bedrängen andere Pferde. Das dauernde Theater ist nicht immer normal. Häug sind Eierstocktumore schuld, wenn Stuten ständig rossen. Sie wirbeln den Hormonhaushalt komplett durcheinander, weil die Tumore selbst Hormone produzieren. Es sind männliche Geschlechtshormone, weswegen sich diese Stuten manchmal wie ein Hengst oder aufällig aggressiv benehmen.

Normalerweise ist das männliche Testosteron nur ein Zwischenprodukt, das sofort in Östrogen umgewandelt wird. Gibt es zu viel Östrogen, rosst die Stute ständig. Tumore können den Eierstock bis zur Größe eines Fußballs vergrößern. Folge solcher Tumore können Koliken sein. Die meisten Eierstocktumore sind gutartig. Sehr selten streuen sie Krebszellen in den Körper, die andere Organe befallen. Medikamente helfen bei Eierstocktumoren nicht, die Stute muss unters Messer.

Kleinere Tumore entfernt der Tierarzt endoskopisch, größere müssen unter Vollnarkose mit einem Schnitt an der Flanke oder an der Nabel-Euter-Linie herausoperiert werden. Stuten mit Eierstocktumoren sind oft unfruchtbar, weil Tumore Hormone absondern, die verhindern, dass die Hirnanhangdrüse richtig funktioniert.

Schluss mit rossig dank Murmeln und Hormonen

Einige Stuten haben einen völlig normalen Zyklus und sind trotzdem extrem zickig. Mittlerweile vermuten Wissenscha ler, dass diese Verhaltensänderungen nicht mit den Eierstöcken zusammenhängen. Sofern keine Krankheiten hinter der Dauerrosse stecken, kann der Stute eine Hormontherapie helfen, die die Rosse unterdrückt.

Das gängigste Präparat heißt Regumate und hat den Wirkstoff Altrenogest. In entsprechender Dosierung verhindert es die Rosse. Achtung: Regumate ist auf FN-Turnieren nicht zugelassen. Auf FEI-Ebene kann man die Behandlung deklarieren und darf starten. Dass die FN jetzt einen Rossehemmer mit dem Wirkstoff Chlormadinonacetat zulässt, ist keine Hilfe. „Der wirkt bei Hunden oder Rindern, nicht aber bei Pferden“, sagt Zuchtexpertin Professor Christine Aurich von der Veterinärmedizinischen Universität in Wien.

Die Rosse lässt sich auch ohne Medikamente unterdrücken. Glas- oder Teflonmurmeln, die der Tierarzt in die Gebärmutter einsetzt, sollen eine Trächtigkeit simulieren. Sie bleiben so lange im Pferd, wie die Rosse unerwünscht ist. Bei einer Studie mit zwölf Stuten in den USA klappte das bei fünf von zwölf Tieren. Vorteil der Methode: Sie ist kostengünstig und bei Turnieren zugelassen. Allerdings gibt es in Deutschland noch wenige Tierärzte, die damit Erfahrung haben.

Info: Blubberstuten

Bei sogenannten Blubberstuten schließt die Scham nur schlecht. Sie ziehen Luft in die Scheide, was im Galopp zu blubbernden Geräuschen führt. Für die Stute ist das unangenehm, führt zu Rittigkeitsproblemen und provoziert durch den mechanischen Reiz Scheiden- und Gebärmutterentzündungen. Mit einem chirurgischen Eingriff kann man Blubberstuten helfen. Dazu wird der obere Teil der Schamspalte zugenäht (Caslick-OP).

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