
Dr. Hannah Junge ist Oberärztin an der Klinik für Pferdemedizin am Universitären Tierspital der Universität Zürich. Sie studierte Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin und schloss daran ihre Doktorarbeit an, u.a. an der Musculoskeletal Research Unit der Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich. 2011 bis 2017 war sie Assistenzärztin an der Klinik für Pferdemedizin und wechselte von 2018 bis 2020 an die Unviersitätsklinik für Pferde der Veterinärmedizinischen Universität Wien. 2020 kehrte sie an die Klinik für Pferdemedizin in Zürich zurück. Die Schwerpunkte der Diplomate des European College of Equine Internal Medicine (ECEIM) liegen auf Kardiologie, Neonatologie und Intensivmedizin.
Es begann ganz plötzlich. Ab Mitte Juli wurden uns viele Pferde mit neurologischen Symptomen vorgestellt. Das war nicht nur bei uns am Universitären Tierspital in Zürich so, sondern auch am Institut suisse de médicine équine (ISME) in Bern. Beide Einrichtungen sind Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät. In Zürich waren es 13 Pferde, in Bern 12. Diese Pferde wurden zunächst auf typische Erreger getestet, also das West-Nil-Virus, Frühsommer-Meningoenzephalitis-Viren (FSME) und Equine Herpesviren oder auch Borna-Virus, Anaplasmen oder Borrelien. Alle Ergebnisse waren allerdings negativ.
Ja, deshalb haben wir Tierärzte uns enger mit Kollegen aus anderen Instituten abgestimmt, darunter auch die Abteilung Neurologische Wissenschaften der Vetsuisse-Fakultät Bern und das Institut für Virologie und Immunologie (IVI). Wir wollten wissen, ob ein neuartiges Virus hinter den Erkrankungen steckt. Zwei Pferde zeigten so starke Symptome, dass wir sie euthanasieren mussten. Bei ihnen wurden im Gehirn histologische Veränderungen festgestellt, also Anzeichen auf Entzündung im Gewebe. Deshalb untersuchten die Kollegen in Bern Hirnmaterial mithilfe der "next generation sequencing"-Methode. Das ist eine sehr teure, aufwändige, aber auch sehr sensible Untersuchung, mit der sich feststellen lässt, ob in einer Probe Material von Bakterien oder Viren vorhanden ist. Ist das Ergebnis positiv, kann dies anschließend detaillierter aufgeschlüsselt werden. Bei den beiden euthanasierten Pferden konnte auf diese Weise das Shamonda-Virus nachgewiesen werden.
Alle aktuellen Informationen zu den bestätigten Fällen in Deutschland und zur Ausbreitung des Shamonda-Virus kannst du hier lesen:
Ja, die gab es. Wir haben zudem auch Rückmeldungen von anderen Tierärzten aus der Schweiz, aber auch aus Schweizer Grenznähe in Süddeutschland und Österreich erhalten. Diese Kollegen haben ebenfalls Pferde behandelt, die sich vermutlich mit dem Shamonda-Virus infizierten und Symptome entwickelten.
Nein, leider nicht. Die Diagnose ist bei einem lebenden Pferd derzeit noch nicht sicher möglich. Den ersten beiden Pferden, die wir wegen der Viruserkrankung euthanasieren mussten, haben wir Blutproben und Rückenmarksflüssigkeit entnommen. Beide waren negativ auf das Shamonda-Virus. Das war auch bei weiteren Pferden der Fall. Offenbar ist die Virämie sehr kurz. Das heißt, das Virus zirkuliert vermutlich nur für ein sehr kurzes Zeitfenster im Blut und wandert dann ins Gewebe ab, so dass Untersuchungen per PCR (polymerase chain reaction), bei denen nach Erbgut des Virus gesucht wird, negativ bleiben. Nur über die Gehirnprobe der verstorbenen Tiere konnten wir schließlich das Shamonda-Virus mittels PCR nachweisen. Alleinige PCR-Untersuchungen von Blut und Hirn-/ Rückenmarksflüssigkeit am lebenden Tier halten wir daher diagnostisch nicht für sinnvoll. Ein negatives PCR-Ergebnis bedeutet nicht, dass das Pferd tatsächlich nicht infiziert war.
Diagnostischer Ansatz
Derzeit laufen Forschungen, ob sich die Infektion mit dem Virus über einen Antikörpernachweis beweisen lässt. Eine Kombination aus Antikörpernachweis und PCR-Untersuchung, beides in Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit, gilt derzeit als vielversprechendster diagnostischer Ansatz. Mehr Infos unter
Shamonda-like Virus beim Pferd Universitäres Tierspital Zürich
Es gibt unterschiedliche Antikörper. IgM-Antikörper sprechen für eine akute Infektion, wenn sie in hoher Konzentration vorhanden sind. IgG-Antikörper treten erst später auf. Oft weisen diese in der Tat lediglich darauf hin, dass es einen Kontakt gab – aber nicht, wann dieser stattgefunden hat. Für das Shamonda-Virus können aktuell nur IgG-Antikörper nachgewiesen werden, wobei der verwendete Test aber nicht spezifisch für Shamonda-Virus ist. Shamonda-Viren gehören nämlich zur Gruppe der Orthobunya-Viren, die ein breites Spektrum umfassen. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise auch das Schmallenberg-Virus. Bei einem Antikörpertest kann es zu Kreuzreaktionen kommen, das heißt, dass verschiedene verwandte Viren zu einem positiven Test führen können. Diese Tatsache können wir uns im vorliegenden Fall aber zunutze machen, bis ein spezifischer Antikörpertest für das Shamonda-Virus entwickelt worden ist. Ein positiver Test weist derzeit nur auf eine Exposition mit dem Virus hin und ist nicht beweisend für den Virus als Ursache der Erkrankung.
Das waren Warmblüter, Freiberger und Western- sowie Ponyrassen. Vorwiegend waren Warmblüter im Alter zwischen 12 und 20 Jahren darunter, die wir in die Klinik bekamen, ohne besondere Vorerkrankungen. Aber: Wir wissen nicht, welche Pferde außerhalb der Klinik erkrankten – oder vielleicht nur eine subklinische Infektion durchmachten, also gar keine Symptome zeigten. Für eine abschließende Einschätzung ist die derzeitige Datenlage noch zu gering.
Ja, definitiv, die Symptome waren sehr unterschiedlich ausgeprägt. Am auffälligsten war bei vielen Pferden eine starke Müdigkeit. Sie waren apathisch, nahmen kaum an ihrer Umwelt teil. Manche waren somnolent, mussten also teilweise deutlich stimuliert werden, damit sie wieder aufwachten. Manche waren fast gar nicht weckbar. Und einige Pferde knickten mit den Vorderbeinen ein, ähnlich wie bei einer REM-Schlafstörung – nur mit dem Unterschied, dass die Pferde sich oft nicht mehr auffangen konnten und stürzten. Die Bandbreite an neurologischen Symptomen reicht von sehr leichtgradigen, ataktischen Fällen bis hin zu Pferden, die so schwere Koordinationsstörungen hatten, dass wir Tierbergungsnetze verwenden mussten. Einige Pferde hatten Fieber, andere nicht. Bei vielen Pferden fiel uns ein Muskelzittern auf: vor allem rund ums Maul, teilweise im Bereich des Halses, des Rumpfs oder der Oberarmmuskulatur. Das erinnerte anfangs an Erkrankungen, wie sie auch durchs West-Nil-Virus oder FSME-Viren hervorgerufen werden. Je nachdem, wie stark und welche Gehirnareale betroffen waren, traten auch Kopfnervenausfälle auf. Die konnten auch sehr subtil sein und sich etwa nur in Form einer verminderten Pupillenreaktion zeigen. Andere hielten den Kopf schief oder bewegten unwillkürlich die Augen. Teilweise zeigten die Pferde auch eine Überempfindlichkeit gegenüber Berührungen oder Geräuschen.
Bei Viruserkrankungen kann man nur rein symptomatisch vorgehen. Alle Pferde erhielten Entzündungshemmer und Vitaminpräparate. Denn insbesondere Vitamin E wird eine neuroprotektive Wirkung zugeschrieben. Nachdem wir wussten, dass die Infektion eine entzündliche Komponente im Gehirn und im Bereich der Hirngefäße mit sich bringt und möglicherweise zu Gefäßverschlüssen führt, setzten wir zusätzlich niedermolekulares Heparin ein. Das ist ein gerinnungshemmender Wirkstoff, der zur Vorbeugung von Blutgerinnseln eingesetzt wird; aber auch experimentell bzw. unterstützend bei der neurologischen Verlaufsform von Equinen Herpesviren. Pferde, die kollabierten oder stark ataktisch waren, unterstützten wir mit Tierbergungsnetzen, damit sie nicht stürzten. Bei starken neurologischen Symptomen oder Krampfanfällen setzten wir krampflösende Medikamente ein. Manche Pferde pressten den Kopf an die Wand oder liefen im Kreis; in solchen Fällen setzten wir einen Kopfschutz ein.
Ja. Der größte Teil der Pferde hat sich aber erholt. In Zürich mussten wir insgesamt vier Pferde einschläfern, in Bern waren es ebenfalls vier Tiere. Aber wir haben mehr Pferde in der Rekonvaleszenz als solche, die wir erlösen mussten. Und man muss berücksichtigen: Es gab im Umfeld weitere Fälle, deren Verlauf so mild war, dass sie gar nicht in die Klinik eingeliefert werden mussten. Ein milder bis mittelgradiger Verlauf konnte behandelt werden; solche Tiere erholten sich wieder. Nach allem, was wir bislang wissen, ist die Sterblichkeitsrate nicht exorbitant hoch. Und wir wissen nicht, wie viele Pferde es gab, die eine Infektion ohne erkennbare Symptome durchgemacht haben. Dazu laufen derzeit noch Untersuchungen. Wer beispielsweise ein Pferd hat, das ähnliche Symptome hatte wie eben beschrieben, der kann vom Tierarzt Serumproben nehmen und diese aufbewahren lassen. Zwei bis drei Wochen nach Auftreten der Symptome sollten weitere Proben genommen werden. Die Untersuchungen werden zeigen, ob man die Infektion damit möglicherweise im Nachhinein belegen könnte.
Das ist richtig. Es gibt etliche Meldungen zu neurologischen Fällen, aber eine tatsächliche Bestätigung für das Shamonda-Virus haben wir nur für einen sehr kleinen Prozentsatz. Die Fälle, die bei Equinella (www.equinella.ch) gemeldet werden, sind zunächst Verdachtsfälle. Bei neurologischen Fällen können auch das West-Nil-Virus, FSME- oder Equine Herpes-Viren oder das Borna-Virus dahinterstecken. In sehr seltenen Fällen könnte es auch eine Neuroborreliose sein, die aber sehr schwierig nachzuweisen ist. Auch Anaplasmose kann in sehr seltenen Fällen zu einer Ataxie führen; aber in der Regel treten hier etwas andere Symptome auf. Das heißt: Die anderen, bekannten Erreger gibt es weiterhin, und auch sie können weiterhin zu Erkrankungen führen. Nicht jeder Fall mit neurologischen Symptomen ist auf das Shamonda-Virus zurückzuführen.
Das halte ich für gut möglich. Flugzeuge bringen Erreger oder Insekten in andere Regionen, Tiere werden rund um den Erdball transportiert. Gleichzeitig verändern sich die klimatischen Bedingungen. Dadurch können sich manche Insekten in Gebieten ausbreiten, in denen sie bislang nicht vorkommen - und Viren mitbringen. Was jetzt in Afrika bereits etabliert ist, könnte sich mit der Klimaerwärmung weiter nach Europa ausbreiten. Was das Shamonda-Virus betrifft, haben wir hier eine vollständig naive Pferdepopulation - das heißt, die Tiere sind bislang nicht mit diesem Virus in Kontakt gekommen. In Afrika, wo das Virus ja erstmalig auftrat, könnten dagegen viele Pferde Antikörper dagegen haben, ohne Symptome zu zeigen - weil sie mit dem Virus schon zu tun hatten. Es ist also auch möglich, dass die Fallzahlen hier wieder zurückgehen, wenn die Pferde auf Populationsebene zunehmend mit dem Virus in Kontakt kommen und so Antikörper dagegen entwickeln.





