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CAV Pferdetod Slawik

Wenn Pferde sterben: Erlösen, einschläfern, Abdecker - Hilfe für Reiter

Tabuthema Pferdetod

Erlösen, einschläfern, Abdecker: Stirbt das Pferd, leidet der Mensch. Sogar routinierten Profis geht das an die Nieren. Wie man mit der Trauer um? CAVALLO hat Reiter und Pferdebesitzer nach ihren Erfahrungen befragt.

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Eines Tages kam Ganimedes nicht mehr auf die Beine. Auch nicht zum Fressen. „Ich verstand, dass die Zeit des Abschieds gekommen war. Die Pferde zeigen uns, wenn sie soweit sind“, sagt Dressurreiterin Monica Theodorescu, die ihr Olympiapferd im Alter von 28 Jahren einschläfern ließ. „Ich musste kein schlechtes Gewissen haben. Ganimedes hatte ein langes und gesundes Leben.“

Britta Rasche, die ihre Pferde klassisch und iberisch ausbildet, sagt es so: „Wenn sich ein altes Pferd kaum mehr bewegen kann, sollte man es erlösen. Vor dieser letzten Verantwortung darf sich der Mensch nicht drücken.“ Klare Worte für das, was für viele Reiter und Pferdehalter immer noch ein Tabu ist: Sterben und Tod des Pferds. Viele akzeptieren zwar, dass sie als Besitzer für die Lebensqualität ihres Tiers verantwortlich sind. Verdrängt wird gern, dass dies lebenslang gilt – und den Tod einschließt. Dabei sollte sich jeder Pferdebesitzer frühzeitig damit befassen, dass irgendwann der Abschied kommt.

Pferdebesitzer müssen Verantwortung tragen

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Slawik
Das Pferd begleiten: Für die Trauerarbeit ist das Abschiednehmen elementar.

Vielen Reitern das Angst. Sogar so sehr, dass sie den Tag X zu Lasten des Pferds hinauszögern. „Pferde, die im Alter einfach abgestellt werden und verwahrlosen, finde ich schlimm“, sagt Britta Rasche. Genau das aber beobachten Stallbetreiber immer wieder. „Wir hatten eine Einstellerin, die ihr altes Pferd nur selten und am Ende gar nicht mehr besuchte. Sie verdrängte komplett, dass sie eine Entscheidung treffen musste, dabei bekam ihr Pferd täglich Schmerzmittel. Erst als wir mit ihr sprachen, wurde das Pferd erlöst“, erzählt Sabine Ellinger, die mit ihrem Mann Erich einen Pensionsstall im schwäbischen Murrhardt führt.

Die Frage, ob und vor allem wann ein Pferd getötet werden muss, ist schwer zu beantworten. Erste Warnsignale bei älteren Pferden können Appetitlosigkeit und mangelnde Bewegungsfreude sein. Manche zeigen auch sehr deutlich, dass es ihnen schlecht geht. „Es gibt Pferde, die wollen sterben“, sagt Michael Geitner, Trainer aus Bayern, der seit Jahrzehnten mit Pferden arbeitet. „Wir haben uns in dieser Frage immer auf die Augen unserer Pferde verlassen.“

Karin Müller, Autorin des Ratgebers „Wenn Pferde von uns gehen“, glaubt an diese Methode. Sie empfiehlt: „Fühlen sie sich in ihr Tier hinein und schauen sie ihm in die Augen. Hier allein finden Sie die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt.“

Pferd erlösen: Tierarzt oder Schlachter?

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Manche Reiter kaufen sich sofort ein neues Pferd, andere betreten nie wieder einen Stall

Hat sich der Besitzer durchgerungen, geht es ins Detail: Soll das Pferd eingeschläfert werden oder zum Schlachter? Die Antwort hängt davon ab, womit der Pferdebesitzer besser leben kann. „Ich kenne kaum Leute, die ihr Pferd zum Metzger bringen“, sagt Karin Horn-Heyde. Die meisten Reiter scheuen sich, das Wort Bolzenschussgerät auszusprechen, geschweige denn, über das Prozedere an sich nachzudenken. „Wenn der Schuss fällt, ist das Pferd schon tot“, beruhigt Heidemarie Beerwart. Sie führt bei Stuttgart eine Pferdemetzgerei.

Es geht also schnell. Macht es das für die Pferdehalter leichter? „Oft gibt es bittere Tränen. Dann muss ich schon mal Trost spenden“, sagt Beerwart.

Lehnen Pferdebesitzer den Gang zum Schlachter ab, können sie mit dem Tierarzt einen Termin vereinbaren. Er schläfert das Pferd ein. Kosten: rund 300 Euro. „Vor dem eigentlichen Einschläfern legen wir das Pferd in Vollnarkose. Anschließend spritzt man ein hoch dosiertes Betäubungsmittel“, sagt Dr. Manuela Franz von der Tierklinik Kirchheim. „Wenn das Tier tot ist, wird es von der Tierkörperbeseitigungsanstalt abgeholt.“

Um den Verlust zu verarbeiten, sollten Besitzer bewusst Abschied nehmen und sich an die Trauerarbeit machen. „Sterbe-begleitung und Abschiednehmen sollten ein Ritual werden“, rät Sportpsychologin Horn-Heyde. Sie musste eines ihrer Pferde wegen Krebs einschläfern lassen.

„Ich habe das Pferd begleitet, bis es eingeschlafen ist. Das war gut so. Aber der Abtransport des leblosen Körpers war grauenhaft. Da sollte man nicht dabei sein und sich besser abwenden“, so die Psychologin aus Spreewaldheide.

Echte Alternativen zur Abholung durch die städtische Tierkörperbeseitigung gibt es kaum. Beerdigen darf man Pferde in Deutschland nicht. Auch nicht auf dem eigenen Grundstück.

Eine teure Variante ist die Abgabe des toten Pferds bei einem Tier-Krematorium, wie es sie etwa in Belgien oder auch in der Schweiz gibt. „Zu uns darf man auch Pferde bringen. Das hat aber den Nachteil, dass man zum Schluss den Metzger braucht“, erläutert Peter Imgrüt, der das Schweizer Tier-Krematorium Kirchberg leitet. „Denn am Stück dürfen wir Pferde nicht einäschern.“

Pro Jahr werden zwei bis drei Pferde zu Peter Imgrüt in die Schweiz gebracht. Das Verbrennen eines Tiers kann bis zu 3000 Euro kosten. „Ich glaube, die Besitzer investieren diesen Betrag, weil sie nicht möchten, dass ihr Pferd in der Kadaversammelstelle landet“, sagt Imgrüt. Seine eigenen Pferde würde er, sollte es nötig sein, zum Schlachter bringen: „Ich finde, der Schuss ist eine humane Sache“, erklärt der 62Jährige.

Berufsreiter müssen öffentlich trauern

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Stiftung für das Pferd
Wenn ein Pferd auf der Koppel stirbt, verabschieden sich die Kameraden von ihm.

Ob Sport- oder Freizeitpferd, Profi oder Amateur: Wenn ein Pferd stirbt, sind immer Gefühle im Spiel. „Gott sei Dank musste ich mich bisher von keinem meiner Sportpferde trennen“, sagt die Vielseitigkeitsreiterin und Olympiagoldgewinnerin Ingrid Klimke aus Münster. Ihr erstes Pony und das erste eigene Reitpferd hat sie in den Tod begleitet. „Da war ich bei beiden dabei. Und es tat gut, sie in diesem Moment nicht allein zu lassen“, erinnert sie sich.

Bei Berufsreitern nimmt auch die Öffentlichkeit Anteil am Verlust. „Als mein Lusitano-Schimmel mit 13 starb, war das schlimm. Ich hatte ihn als Dreijährigen bekommen und war mit ihm groß geworden. Er hat meine Karriere geprägt“, erinnert sich Ausbilderin Britta Rasche.

Ein traumatisches Erlebnis hatte Viererzugfahrer Christoph Sandmann Anfang im Januar beim internationalen Turnier in Leipzig. Grade verließ er mit seinem Gespann den Parcours, da zuckte plötzlich sein Pferd Rambo vor Schmerz und brach zusammen. „Der Tierarzt wollte Rambo ins Leben zurückholen, aber ich konnte sehen, dass das nichts wird“, sagt Sandmann. Der 15jährige Rambo starb nur wenige Minuten später an Herzversagen.

Christoph Sandmann vermisst sein Pferd: „Rambo war ein Kämpfer, der alles aus sich rausholte und nie verletzt war.“

Auch Ranchreiter und Ausbilder Peter Pfister verlor seinen Scheckwallach Fritz unverhofft. Das Erfolgspferd starb an einer Kolik, als Pfister auf Lehrgang war. Er konnte sich nicht einmal von ihm verabschieden. „Das tat weh. Er war das Pferd, das mich bekannt gemacht hat“, sagt Peter Pfister im Rückblick.

Um den Verlust eines Pferds zu verarbeiten, raten Experten den Betroffenen, in die Offensive zu gehen. „Auf keinen Fall sollte man sich zurückziehen und vor den Schmerzen verstecken“, sagt Sportpsychologin Karin Horn-Heyde. Aktive Trauerarbeit ist dagegen gefragt: Das Schwelgen in schönen Erinnerungen oder das Aufschreiben der eigenen Gefühle während des Trauerns.

Auch Gespräche mit einfühlsamen Zuhörern helfen. „Aber man muss die richtigen Leute ansprechen“, weiß Mentaltrainerin Antje Heimsoeth. „Suchen sie sich einen Menschen für dieses Thema aus, der sie versteht. Und: Der Trost muss nicht vom Partner kommen.“ Besonders für Männer ist der Tod eines Pferds meist ein kompliziertes Thema.

Grundsätzlich ermutigt Antje Heimsoeth Menschen, die den Tod ihres Tiers verkraften müssen, sich Hilfe bei einem Therapeuten zu suchen. Warum jedoch der Schritt, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, vielfach immer noch ein Tabu ist, versteht sie nicht: „In jeder Krise steckt auch eine Chance. Ich verstehe professionelles Coaching als Weg zu mehr Lebensqualität. Menschen brauchen zum Lösen innerer Blockaden einen Begleiter“, sagt die Mentaltrainerin. „Wenn das Sprechen über Konflikte oder Ängste ausbleibt, sind Schmerzen programmiert.“

Wie lange sollten Reiter trauern?

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Die schwerste aller Fragen: Wann ist es Zeit, Pferde gehen zu lassen?

Warum sitzt der Schmerz beim Verlust eines Pferds so tief? Grund dafür ist die besonders intensive und enge Bindung zwischen Mensch und Tier. „Die meisten Menschen sind über Jahre täglich mit ihrem Pferd zusammen. Um mit dem Tier zu arbeiten, muss der Reiter versuchen, das Wesen des Pferds zu erfassen. Das Leben mit dem Pferd ist daher ein ständiges Geben und Nehmen“, beschreibt es Karin Horn-Heyde. Deshalb reagieren viele Menschen auf den Tod ihres Pferds hilflos und überfordert. „Oft sind Pferde für ihre Besitzer nahezu heilig“, weiß Diplompsychologin und Gesprächstherapeutin Isabel Küting, selbst Reiterin. Ausbilder Peter Pfister hat dafür eine Erklärung: „Die Pferde spiegeln fundamentale Bedürfnisse des Menschen. Abenteuerlust, Stärke, Schönheit – wir wollen mit dem eleganten Geschöpf Pferd für immer eins sein.“

Dass dem Menschen der endgültige Abschied von seinem Tier schwer fällt, ist unbestritten. Doch reagieren auch die Pferde selbst darauf, dass einer ihrer Artgenossen sie verlässt? „Wenn ein Pferd stirbt, ist Ruhe im Stall. Da nehmen auch die Pferde Abschied“, sagt Elke Potucek, Klassisch-Reiterin aus Pfinztal-Berghausen in Baden-Württemberg, die ihre Pferde bis zur Hohen Schule ausbildet.

Von derartigen Situationen kann auch Stefan Hofer, Pferdepfleger am Schweizer Gnadenhof Stiftung für das Pferd, erzählen: „Wir haben hier 50 Pferde auf der Koppel. Die sind untereinander befreundet. Wenn da eines der Tiere fehlt, läuft der Kumpel unruhig am Zaun auf und ab. Aber bald sagt den Tieren der Instinkt, dass es weitergehen muss. Ein Pferd sucht sich schnell einen neuen Freund.“

Wenn Pferde sterben - Das raten Experten

Das Pferd loslassen:
Manche Reiter kaufen sich sofort ein neues Pferd, andere betreten nie wieder einen Stall. Der Mensch ist verantwortlich für die Lebensqualität seines Pferds. Wenn diese nicht mehr gegeben ist, muss der Besitzer handeln.

Der richtige Zeitpunkt:
Ziehen Sie einen Tierarzt zu Rate und sprechen Sie mit Menschen, die ihr Pferd kennen. Holen Sie auf jeden Fall eine zweite Meinung ein. Sie müssen diese Entscheidung nicht alleine treffen.

CAV Pferdetod
Slawik
Bis zum Ende da sein.

Die Sterbebegleitung:
Trauen Sie sich zu, Ihr Pferd in den letzten Stunden zu begleiten. Nur so können Sie wirklich Abschied nehmen.

Den Verlust verarbeiten:
Stehen Sie zu Ihren Gefühlen und nutzen Sie die Zeit der Trauer. Suchen Sie Menschen, mit denen Sie offen über den Verlust ihres Pferds reden können.

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