Herausforderungen bei der Gewichtszunahme
Die einen nehmen zu, wenn sie Heuhalme nur anschauen – und die anderen futtern, bis ihnen das Heu aus den Ohren rauskommt, und bleiben trotzdem spargelig. Solche Pferde machen ihren Besitzern das Leben ganz schön schwer: Weil sie kaum zunehmen oder um jedes Pfund gekämpft wird, damit es bleibt.
Wie kriegen wir auf solche vierbeinigen Spargeltarzane dauerhaft mehr Gewicht? Einerseits, indem wir die Ursachen fürs Untergewicht abstellen – und die Ration mit Futtermitteln ergänzen, die viel (leicht verdauliche) Energie liefern. Was empfehlenswert ist und in welcher Menge, verraten euch unsere Futterexperten.
Dünne Pferde: Ursachen für Untergewicht
• Kranke Zähne, Parasiten-Befall, Magengeschwüre, Stoffwechselprobleme, Schmerzen unterschiedlichster Ursache – viele medizinische Faktoren können zu Untergewicht führen. Der Tierarzt-Check ist daher unverzichtbar.
• Stress: Hier lohnt sich ein genauer Blick – auch auf individuelle Aspekte, was dem jeweiligen Pferd zusetzen könnte: Über- oder Unterforderung im Training, Haltungs-Stress (in Box oder Offenstall) usw.
• Raufutter mit hygienischen Mängeln wird oft in geringerer Menge gefressen; überständiges Heu hat weniger Energie; und bei bedampftem Heu sinkt die Protein-Verfügbarkeit. Diese Punkte können zu Gewichts- und Muskelverlust beim Pferd führen.
• In Gruppen-Haltungen lässt sich die Raufutteraufnahme oft nur schlecht quantifizieren. Hier kann es ratsam sein, das Pferd für ca. 24 Stunden separat fressen zu lassen.
Figur und Haltung
Die Pferdefigur beurteilen wir am treffendsten mit dem Body Condition Score (BCS, nach Schramme und Kienzle). Er reicht von 1 (abgemagert) bis 9 (verfettet). Ein BCS von 5 gilt als normalgewichtig; kommt euer Pferd nur auf einen BCS von 4 oder gar 3, braucht es mehr auf den Rippen. Sind die Rippen ebenso wie die Wirbel zu sehen (fühlen ist völlig okay!) und stehen die Hüfthöcker deutlich hervor, ist das Pferd untergewichtig. Die Beurteilung von zu dünnen Pferden fällt den meisten leichter, als Übergewicht zu erkennen. Mehr zum BCS kannst du hier nachlesen: cavallo.de/bcs
Nach diesem ersten Step – den Ernährungszustand einschätzen – kommt der zweite: Nimm das Haltungs- und Fütterungsmanagement unter die Lupe. Kommt das Pferd zum Fressen? Wird es im Offenstall nicht von den Raufen verdrängt? Fühlt es sich in seinem Stall wohl? Gibt es Zahnprobleme, die das Pferd am Fressen hindern? Wenn hier alles passt, folgt Step 3: die Energieaufnahme – also Menge und Energiedichte der Futtermittel – optimieren. Das Fiese: Dünne Pferde haben wenig Unterhautfettgewebe und dadurch einen höheren Wärmeverlust, brauchen also mehr als den Normalbedarf. Das gilt auch bei blutgeprägten, älteren oder großrahmigen Pferden, die trotz bedarfsgerechter Fütterung mager bleiben. Bei solchen Kandidaten kann man Energie draufschlagen: "Ein um zehn, 20 oder sogar 25 Prozent höherer Energiebedarf, je nach Pferd, sind nicht ungewöhnlich”, sagt Dr. Anne Mößeler, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik. Am einfachsten gelingt das mit energiereichen Futtermitteln.

Dr. Anne Mösseler ist Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik sowie European Veterinary Specialist in Comparative Nutrition (ECVN). Sie berät Pferdebesitzer bundesweit in Fütterungsfragen. Mehr Infos unter praxis-moesseler.de
Raufutter als Basis
Gutes Heu ist die Basis jeder Ration, und für untergewichtige Pferde erst recht. Sie brauchen qualitativ hochwertiges und energiereiches Raufutter als Rohfaserlieferant."Rohfaser wird im Dickdarm des Pferds in kurzkettige Fettsäuren aufgespalten, die dann als direkte Energielieferanten dienen”, erklärt Ernährungswissenschaftlerin Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand.

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand ist Ernährungswissenschaftlerin, die Nahrungsergänzungsmittel für Mensch, Hund und Pferd entwickelt. Seit 15 Jahren zeigt die Expertin auf, welche überragende Bedeutung eine bedarfsgerechte Mineralisierung hat. Mehr Infos unter www.dr-susanne-weyrauch.de
Als Faustformel bei normalgewichtigen Pferden gilt: 1,5 Kilo Raufutter pro 100 Kilo Lebendmasse. Zu dünne Pferde sollten Heu zur freien Verfügung bekommen. Das hilft erstens in punkto Energiezufuhr – und zweitens "scheint Kauen zu beruhigen. Davon profitieren vor allem nervöse Typen, die oft zu dünn sind”, erklärt Dr. Mößeler. Wie viel Energie und Proteine im Heu stecken, verrät eine Heuanalyse. Das lohnt sich: "Haben dünne Pferde nicht nur Gewicht verloren, sondern auch Muskeln, brauchen sie ausreichend Protein, um wieder aufzumuskeln”, sagt Dr. Mößeler. Eiweißlieferanten sind etwa Soja- und Leinextraktionsschrot sowie Erbsenflocken. Auch eine Raufutter-Ergänzung mit rohfaser- und proteinreichen Cobs kann hilfreich sein. Neu sind z.B. Cobs aus Teffgras von Agrobs.
Öle als Energielieferant
Die höchste Energiedichte hat Fett: 300 Milliliter Pflanzenöl liefern soviel Energie wie ein Kilo Hafer. Nur: Pferde haben keine Gallenblase für die Fett-Verdauung; das wird im Dünndarm von Gallensäuren aufgeschlossen. Heißt: Die Menge an Fett, die Pferde auf einmal verdauen können, ist begrenzt. Empfehlenswert sind 0,5 bis 1 ml Fett pro Kilo Lebendmasse; macht bei einem 600-Kilo-Pferd also 300 bis 600 ml. Idealerweise verteilt auf mehrere Portionen: "Mehr als 150 ml pro Futterration sollten nicht zugefüttert werden, da möglicherweise ein negativer Effekt auf die Lebensfähigkeit der Dickdarmbakterien zu erwarten ist”, so Dr. Weyrauch-Wiegand.
Tipp: Am besten mit kleinen Mengen von 10 ml starten und die Tag für Tag um 5 bis 10 ml steigern, rät Tierärztin Dr. Anne Mößeler. Das dauere zwar etwas, aber sei bei chronisch unterernährten Pferden der beste Weg. Und welches Öl ist empfehlenswert? Lein- und insbesondere Algen- und Lachsöl haben hohe Gehalte an entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren. "Aber in punkto Energiegehalt, um den es ja bei dünnen Pferden geht, sind alle ungefähr gleich”, so Dr. Mößeler.
Bierhefe und Biertreber
Bei schlechten Futterverwertern könnte die Dickdarmflora nicht ganz fit sein; dann wird das Futter nicht gut verdaut. Bierhefe und Biertreber können helfen: Ihre Zellwandkohlenhydrate werden von der Mikroflora im Darm als "Nährsubstrat” genutzt, erklärt Prof. Ingrid Vervuert, Fachtierärztin für Tierernährung an der Universität Leipzig. Bierhefe ist zudem reich an B-Vitaminen; ist die Mikroflora im Darm eingeschränkt, werden diese nicht ausreichend vom Pferd synthetisiert. Weiterer Pluspunkt: "Bierhefe ist eiweißreich mit rund 40 bis 70 Prozent Rohprotein und hat eine gute Aminosäurenzusammensetzung mit relativ hohen Gehalten an Lysin”, so Prof. Vervuert – ein wichtiger Aspekt bei mageren Pferden, die auch Muskeln aufbauen sollen. Prof. Vervuert empfiehlt, 20 g pro 100 Kilo Körpermasse zu füttern.
Rübenschnitzel als Energiequelle
Rübenschnitzel lohnen sich gleich doppelt: "Sie haben auf die Trockenmasse gesehen etwa den gleichen Energiegehalt wie Hafer, werden aber vergleichbar wie Heu zu flüchtigen Fettsäuren verstoffwechselt und führen zu keinem starken Anstieg des Blutzuckerspiegels”, erklärt Dr. Mößeler.
Gleichzeitig sind Rübenschnitzel reich an Pektinen (25%); dieser Zellwandbestandteil wirkt präbiotisch, schützt die Schleimhäute im Magen-Darm-Trakt und liefert Energie. "Vor allem für hektische Fresser oder solche mit Magenproblemen eignen sich die Schnitzel, weil sie erstens länger beschäftigt sind und zweitens die Speichelbildung angeregt wird, was sich wiederum positiv auf den Magen auswirkt”, sagt Dr. Anne Mößeler. Die Fachtierärztin empfiehlt Mengen von ein bis zwei Kilo täglich für ein Großpferd. "Bei wärmeren Temperaturen darauf achten, dass keine Reste im Trog gären”, so die Tierärztin.
Energie für den Trog
Hochenergetische Futtermittel für den Trog bieten sich ebenfalls an, um fehlende Pfunde auf die Rippen zu bringen. "Zu dünne Pferde haben mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Insulinresistenz; das heißt, man kann hier auch mit getreidebasiertem Kraftfutter arbeiten”, sagt Dr. Anne Mößeler.
Ein nicht immer so gutes Image hat Reformhafer, findet die Fachtierärztin – "aber der Mix aus Hafer und Melasse liefert sehr viel Energie. Für Pferde mit Stoffwechselstörungen oder Insulin- Dysresgulation ist dieses Futter natürlich tabu.” Auch energiereiche, leichtverdauliche Sport- oder Seniorenmüslis können eine gute Wahl für untergewichtige Pferde sein. "Etliche faser- und fettbasierte Müslis, die etwa auf Rübenschnitzel, Luzerne oder Heucobs setzen, sind ebenfalls hochenergetisch, ebenso wie Maiscobs”, sagt Dr. Mößeler. Und wann merkt man die ersten Erfolge? Bei den meisten Pferden sollte nach rund vier bis sechs Wochen eine Gewichtszunahme zu sehen sein. Dann mal los!





